Arte | Brustwarzen

Das Runde muss ins Eckige

Es geht um Nippel, nicht um Fußball. Ein spannendes Bachelorprojekt, das Brustwarzen zum Schmucksujet macht, wurde zum Tag der Frau im Brixner Krankenhaus präsentiert.
A Matter of Nipples, Vivian Manzard, KH Brixen
Foto: SALTO
  • „A Matter of Nipples“ heißt das Bachelor-Projekt der Design Studentin Vivian Manzardo, das unter anderem bereits auf der Designwoche in Eindhoven zu sehen war. In Keramik gearbeitete Abgüsse mit 50 Vorlagen von 25 Personen unterschiedlichen Geschlechts hat Manzardo zu einer Schmuck-Kollektion aus Broschen gearbeitet, welche die Formenvielfalt des Nippels feiert. Für zwei Wochen zu sehen im ersten Untergeschoss des Hauptgebäudes des Brixner Krankenhauses.

    Es geht jedoch nicht nur um eine positive Einstellung zum eigenen Körper, sondern auch darum, eine kulturell verankerte Ungleichbehandlung, der wir uns zu selten bewusst werden, anzusprechen. Warum müssen Frauen ihre Brustwarzen ab einem gewissen Alter abdecken, während es bei Männern okay ist, wenn sie am Strand in der Badehose unterwegs sind? Um diese Frage auf die Spitze zu treiben, wird durch die Vereinheitlichung des Materials und das Weglassen eines männlichen oder weiblichen Körpers, die einzelne Brustwarze ihrem Kontext enthoben. Das Runde muss ins Eckige: Manzardo setzt die Abgüsse ins Quadrat und lässt die Broschen von weiblichen und männlichen Models präsentieren. Dabei überzeugt auch die Liebe zum Detail: Auf den mehrheitlich matt abgedruckten „Hochglanzbildern“ sind die Broschen mit einer Schicht Spott-Lack überzogen, sodass sie sich auch vom flachen Bild abheben, in gewisser Weise abstehen.

  • A Matter of Nipples: Als Modeschmuckstück sind Vivian Manzardos Werke mit Sicherheit ein Gesprächsstarter. Foto: SALTO

    Neben den Bildern und Broschen aus einer oder mehreren Brustwarzen, hat Vivian Manzardo auch eine Kachel entworfen, die an die Wand und nicht an die Brust gehört. Fein säuberlich aneinander gereiht erinnert sie an eine wissenschaftliche Tafel oder Typisierung, an ein Periodensystem der Nippel. Neben diesem steht eine Waschschüssel mit veganer Seife bereit, deren Form der Fantasie des Lesers überlassen sei. Anfassen ist erlaubt, schmutzig soll sich dabei niemand fühlen, es geht schließlich darum, Kontaktängste zu nehmen und ein Tabu zu brechen. Die Schmuckdesignerin zitiert Henry Miller: „Whenever a taboo is broken, something good happens, something vitalising.“ Die Ausstellung soll für ein zweites, ebenfalls wichtiges Tabu herhalten. 

    Mamazone – Donne e ricerca contro il tumore al seno, deren Einladung die Studentin aus Bozen nach Brixen gefolgt war, will mit der Ausstellung auch an die Brustkrebs-Vorsorge erinnern, was mit dem Projekt weniger zu tun hat. Dass auf Vorsorge nicht zu vergessen ist (bei Frauen und bei Männern), hilft uns bei der Neudeutung des Nippels nicht weiter und einfache Antworten gibt es in der Ausstellung keine.  

    Eine gute Frage beim Verlassen einer Ausstellung im Kopf zu haben, dürfte aber ohnehin zehn einfache Antworten wert sein. Bevor wir den Brustwarzen den Rücken gekehrt haben, haben wir mit Manzardo über ihre Broschen gesprochen.

     

    Frau Manzardo, wie kann es dazu kommen, wenn Brustwarzen bei Mann und Frau den gleichen Ursprung haben, die Entwicklung des Kindes im Mutterleib, dass man eine Art verstecken muss und die andere nicht? 

     

    Vivian Manzardo: Ich glaube, das ist auf jeden Fall gesellschaftlich. Es gibt einige Gesellschaften, die dieses Tabu nicht haben, bei denen die weiblichen Brustwarzen auch offen gezeigt werden können. Das heißt also, es kommt mit der Erziehung. Sobald die Kinder in ein gewisses Alter kommen, heißt es dann: Das musst du zudecken. Wenn die Mädels das erste Mal ein Bikini-Oberteil tragen müssen, dann wird man als Frau einfach so erzogen und muss das verstecken. Da, glaube ich, entsteht dann dieser Unterschied, dass es bei Jungs und bei Männern sozial akzeptiert wird und bei Frauen durch die Sexualisierung, die von unserer patriarchalen Gesellschaft her kommt, diese „Obszönität“ der Brustwarze zugeordnet wird. 

     

    Also wird ein Problem der Männer zum Problem der Frauen gemacht?

     

    Genau.

  • A Matter of Nipples: Wenn es um den Körper der Frau geht, so ist in der Gesellschaft derzeit noch mehrheitlich der Blick von Männern jene Perspektive, die häufiger in der Kunst und in den Medien Wiedergabe findet. Manzardo bietet eine alternative Perspektive an. Foto: SALTO

    Warum haben Sie auf männliche und weibliche Models gesetzt, um die Broschen zu präsentieren?

     

    Weil ich zeigen wollte, dass es grundsätzlich keinen Unterschied gibt. Man hört oft - ich habe das oft in meiner Recherche gehört - „Ja, aber die weiblichen Brustwarzen, die sehen ja komplett anders aus, das ist ja komplett was anderes.“ Und das stimmt halt nicht. Weil man sehr oft gar nicht unterscheiden kann, ob das jetzt eine weibliche Brustwarze ist oder eine männliche. Das, was den Unterschied macht, ist die Brust. Aber man kann als Frau die Brust komplett zeigen, Hauptsache der Nippel ist zugedeckt. Auch in den sozialen Medien, kann man ein Foto mit nacktem Oberkörper posten, solange man den Nippel zuklebt, ist das kein Problem. Und das macht für mich überhaupt keinen Sinn. Ich finde das sehr widersprüchlich. 

     

    Und was glauben Sie kann aus dem Bruch eines solchen Tabus hervorgehen, wenn wir, Frauen und Männer, offener mit dem Thema umgehen? 

     

    Also ich glaube, es kann auf jeden Fall den Weg bahnen zu einer echten, nicht Gleichheit, Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Ich finde es sehr wichtig, dass weibliche Körper nicht mehr so sexualisiert werden sollen in unserer Gesellschaft. Solange man als Frau aufwächst bekommt man eingetrichtert, dass man immer perfekt aussehen muss, dass man dies und das und jenes nicht zeigen kann, weil das schlimm sei. Da hat man zu seinem eigenen Körper auch ein ganz anderes Verhältnis, wenn man lernt, das ist ein Teil von meinem Körper, das kann schön sein und es ist meins. Es ist einzigartig und es ist nicht etwas, wofür ich mich schämen muss.

  • A Matter of Nipples: Von Mamma nach der „schönsten“ Brustwarze gefragt, greift der jüngste Besucher der Ausstellung instinktiv nach der größten. Ob Schönheit hier im Auge des Betrachters lag oder nach praktischen Kriterien entschieden wurde, bleibt offen. Foto: SALTO

    Stichwort Schönheit. Was hat  in Ihrer Erfahrung eine schöne Brustwarze ausgemacht? Ist das Selbstverständnis oder gibt es Kriterien, was als schön empfunden wird? 

     

    Ich habe nicht eine Brustwarze schöner als die andere gefunden. Ich habe mich jedes Mal wahnsinnig gefreut, wenn ich gesehen habe, wie unterschiedlich sie waren. Ich habe jetzt 25 Personen, die sich freiwillig gemeldet haben, genommen und die Diversität, die dabei entstanden ist, ist enorm. Es ist fast, als hätte ich mir diese 25 Personen eigens ausgesucht, aber das habe ich natürlich nicht. Deswegen habe ich mich dann immer total gefreut zu sehen, dass sie eben so unterschiedlich sind. Ich hatte es mir gedacht, am Anfang, und das hat mich dann jedes Mal in meiner Idee bestätigt. Das ist deutlich.

     

    Wenn wir zum Tabubruch zurückkommen, im Statement zur Ausstellung heißt es, Sie hätten als eines von vielen Tabus am weiblichen Körper die Brustwarze ausgewählt. Ist der weibliche Körper für Sie ein Forschungsfeld, das auch in Zukunft spannend bleibt?

     

    Das ist auf jeden Fall ein Thema, das mich sehr gefasst hat. Es ist so richtig zu meinem Herzblut geworden, dieses Projekt. Ich habe mich jetzt auch für den Master beworben, wo ich auch schon eine Projektidee quasi mit der Bewerbung einreichen musste. Da habe ich auch gesagt, dass ich zu dieser Sexualisierung des weiblichen Körpers gerne weiter forschen würde, weil ich das ein total interessantes Thema finde und finde auch, das ist ein wahnsinnig aktuelles Thema. Ich finde Schmuck ein sehr starkes Medium, um diese Dinge zu adressieren, um solche Themen aufzugreifen, weil man die Leute damit überraschen kann. Die Leute erwarten sich nicht von Schmuck, dass er politisch ist, oder dass er so krasse Themen anspricht. Man kann eine Gruppe an Leuten damit adressieren, die sich mit anderen Dingen nicht so schnell einbinden lassen.