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Auf der Suche nach dem Originalklang

Heute wurden die Konzerte der Mahler Academy Orchestra vorgestellt. Auch die spezielle Interpretation von Mahlers 9. Symphonie. Ein Gespräch mit Philipp von Steinaecker.
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Foto: Ulrike Uhremann

Die Gustav-Mahler-Akademie entspringt einer Idee von Claudio Abbado. Sie erwuchs aus seinem Wunsch, junge, begabte Musiker mit Dozenten von internationalem Ruf außerhalb des akademischen Rahmens der Hochschulen zusammenzubringen.  In diesem Geiste arbeiten die ausgewählten junge Musiker drei Wochen lang intensiv mit international renommierten Musikern, sowie mit dem Mahler Chamber Orchestra und einem seiner weltberühmten Dirigenten zusammen. Ihr heutiger Dirigent ist Philipp von Steinaecker.
 
salto.bz: Welche Quellen, Schriften und Aufnahmen haben Sie bei Ihrer persönlichen Suche nach dem ursprünglichen Klang des Mahler'schen Orchesters inspiriert?
 
Philipp von Steinaecker:  Das setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Zuerst ging es darum, zu verstehen, welche Instrumente wir suchen müssen. Da ist es so, dass die Wiener Hofoper unter Mahler das gesamt Holz- und Blechblasinstrumentarium des Orchesters neu kaufen lies und dass der diesbezügliche Schriftverkehr komplett erhalten ist. Das war die erste Quelle mit deren Hilfe wir diese Instrumente suchen konnten. Die Stiftung Kulturzentrum Grandhotel hat sie mit in einer unglaublich visionären Entscheidung gekauft und restaurieren lassen und so ist diese wunderbare Sammlung entstanden.


Dann ging es darum herauszufinden, wie die Musiker damals spielten. Dafür war vor allem die bereits bestehende Forschung von Prof. Clive Brown, der der führende Kopf zum Thema Aufführungspraxis in Wien und Deutschland im 19.Jahrhundert ist wichtig. Sein Buch 18th and 19h Century Performance Practice ist schon lange eine meiner meist-studierten Quellen. Aber auch seine Forschung zur Aufführungspraxis bei Brahms war von großer Bedeutung. Man muss bedenken, dass Mahler zwar eine für damals sehr neue Musik schreibt, die Musiker aber alles, was ihnen vorgelegt wurde mit den gleichen Spielkonventionen spielten - Brahms wie Mahler wie Schönberg. Das war damals alles neu und existierte in faszinierender Weise nebeneinander. Mahlers Spielanweisungen sind eben für diese damaligen Musiker gedacht und gemeinsam mit Clive haben wir dann, von seiner Brahms-Forschung ausgehend, überlegt, wie ein historisches Mahler-Spiel gewesen sein könnte. Hinzu kommen natürlich noch viele alte Aufnahmen, die zwar nicht genau dem entsprechen, wie es war, denn die meisten wurden erst in den 1920er oder 1930er Jahren gemacht, dennoch kann man auch von Ihnen sehr viel lernen.


Für das “Originalklang-Projekt” stehen den Musikern des Mahler Academy Orchestra die Instrumente der Sammlung des Kulturzentrums Euregio zur Verfügung, die Instrumente die Gustav Mahler während seiner Zeit als Dirigent der Wiener Hofoper erworben hatte. Was sind die besonderen Eigenschaften, Stärken und Schwächen dieser Instrumente?

Diese Instrumente sind unseren heutigen äußerlich oft gar nicht unähnlich. Aber sie unterscheiden sich dann doch grundlegend, denn sie alle sind mit anderen Mensuren und aus anderen Materialien gemacht, als unsere heutigen. Das heißt, die Bohrung des Tubus ist meist enger und die Wände sind dünner. Die Holzblasinstrumente haben meist auch weniger Klappen und befinden sich also evolutionär zwei bis drei Stufen vor de modernen Instrumenten. Beim Blech kommt noch hinzu, dass sie aus anderen Metalllegierungen gemacht wurden und das kann man heute nicht nachbauen, weil man erstmal eine Tonne dieses Materials bestellen müsste.
Diese Instrumente sind technisch weniger perfekt, als die heutigen, das heißt, es ist schwieriger, auf ihnen sauber zu spielen. Ein klarer Nachteil. Dafür haben sie aber viel mehr Charakter und, weil sie gleichzeitig weniger laut sind, eigenen sie sich besser für einen Mischklang. Also: die Soli klingen interessanter, bzw. die Unterschiede zwischen Oboe und Klarinette oder Trompete und Horn etc. sind viel stärker wahrnehmbar, gleichzeitig verschmelzen diese Instrumente aber perfekter miteinander, wenn sie gleichzeitig spielen.

Man hört also bekannte Musik mit etwas anderem Klang?
 
Mahler war ja auch ein genialer Orchestrator. Um sein diesbezügliches Genie aber ganz fassen zu können, muss man diese Stücke mit den Instrumenten hören, für die er sie geschrieben hat. Denn obwohl sie natürlich auch mit modernen Instrumenten toll funktionieren, ist es einfach nochmal ein Unterschied, genau die Klänge, Klangkombinationen und Balancen zwischen den Instrumenten zu haben, mit denen Mahler gerechnet hat. Denn eins ist sicher: Wenn Mahler unsere modernen Instrumente gekannt hätte, hätte er anders für sie komponiert.

Er hat ja immer die ganz großen Fragen in seinen Stücke behandelt, aber hier tut er es persönlicher und gleichsam mit einem durch die eigene Biographie geschärftem Blick.
(Philipp von Steinaecker)

Schließlich gibt es hier noch einen Aspekt, der eher psychologisch ist. Wenn sich 100 zum Teil professionelle Musiker auf eine Bühne setzen und eines der schwersten Stücke des Repertoires auf Darmsaiten und Blasinstrumenten spielen, die weniger perfekt funktionieren, als ihre modernen Instrumente, dann sagt das viel über diese Musiker aus. Es sind Musiker, die den musikalischen Ausdruck über ihre persönliche Sicherheit stellen, die alles wagen! Mit solchen Musikern und Musikerinnen sind natürlich unglaubliche Konzerterlebnisse möglich. Harnoncourt schrieb einmal, dass die Schönheit am Rande des Abgrunds liegt. Wo das genau ist weiß nur, wer mal hinabgestürzt ist.


Für Herbert von Karajan war die 9. Sinfonie  "eine Musik aus einer anderen Welt... sie kommt aus der Ewigkeit". Was fasziniert Sie an dieser Musik?

Wissen Sie, die Neunte wurde 1912 uraufgeführt, ein Jahr nachdem Mahler viel zu früh verstorben war. Durch ihren langsamen und fragilen Schluss schien es sein seinen Zeitgenossen bei der Uraufführung klar, dass das Stück eine Art Requiem für Mahler selbst gewesen sei und quasi sein Abschied von der Welt. Dieses Verständnis hat sich über die Jahrzehnte erhalten und es spricht auch aus dem Anspruch von Karajan. In Wirklichkeit war Mahler aber 1909, als er die Symphonie schrieb, gesund mit Ende Vierzig war sein Tod zwei Jahre später in keinster Weise vorhersehbar. Er befand sich sicherlich in einer Lebenskrise und hatte die Jahr davor Schlimmes durchgemacht, aber dachte nicht daran zu sterben. Im Gegenteil sprechen sein Briefe aus diese Zeit von einem Neuanfang, einem neu gefundenen Weg und einer unglaublichen Leichtigkeit. Ich glaube eher, das Mahler eben diese Lebens- und Glaubenskrise und seinen ganz persönlichen Weg aus ihr heraus in der Symphonie beschreibt. Er hat ja immer die ganz großen Fragen in seinen Stücke behandelt, aber hier tut er es persönlicher und gleichsam mit einem durch die eigene Biographie geschärftem Blick. Wie er dann eine Welt erstehen lässt, diese infrage stellt, wie er uns mit kleinen Zitaten und geheimen Botschaften erklärt, worum es ihm hier geht, wie persönlich und emotional er dann zu einer unglaublich fragilen Lösung kommt, wie er uns quasi an die Hand nimmt und zeigt: schau, so kann es gehen, so geht es für mich. Das finde ich unglaublich großzügig und humanistisch. Dass er hier gleichzeitig auch unglaublich virtuosen Kontrapunkt schreibt, die Form der Symphonie ganz neu interpretiert und mit neuer Bedeutung füllt, wie das alles zusammenpasst und am Ende ein Werk dabei herauskommt, dass Musiker und Publikum jedes Mal wieder in seinen Bann schlägt. Das ist schon einzigartig! Dass es darüber hinaus vielleicht die schönsten Musiken sind, die es gibt, brauche ich ja nicht zu sagen…


Stimmen Sie mit Dostojewski überein, dass "die Schönheit die Welt retten wird”?

Die Griechen gingen davon aus, dass man in der Komödie über sich selber lacht und in der Tragödie Mitleid mit anderen hat. Ich denke, das ist das Wichtigste, was Kunst leisten kann, weil wir dadurch zu besseren Bürgern werden, uns selbst nicht zu ernst nehmen und uns in andere hineinfühlen können. Schönheit per se ist eher gefährlich, weil sie eben auch ganz leicht manipulativ sein kann, es kommt darauf an, was dahinter steht. Denken sie an die Meisterwerke, die von korrupten Fürsten, Päpsten und Diktatoren ein Auftrag gegen wurden. Da hat Schönheit nicht viel ausgerichtet. Aber vielleicht muss die Welt ja auch gar nicht gerettet werden, sondern nur von jeder Generation aufs neue verstanden, bewältigt und menschlich gemacht werden. Da kann Kunst helfen! 
 
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