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Bozen

Grieser Hilferuf

“Wir ersticken im Verkehr!” Dutzende Stadtviertelbewohner sind im Morgengrauen auf die Straße gegangen, um gegen die steigende Verkehrsbelastung in Gries zu protestieren.
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Mit Atemschutzmasken, Warnwesten, selbst gebastelten Schildern, Trillerpfeifen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad haben sich am Donnerstag Morgen rund hundert Menschen am Grieser Platz in Bozen eingefunden. Es ist kurz vor halb 8, es dämmert, bald beginnt die Schule – und am Grieser Platz rollt bereits der Verkehr. So wie jeden Tag – und es werden immer mehr Fahrzeuge, die sich den Weg über die Vittorio-Veneto-Straße und die Fagenstraße ihren Weg in die Stadt bahnen. “Non ne possiamo più!”, ruft eine Frau, die ihr Kind an der Hand über die Straße führt.

Für eine knappe Stunde gehört der Grieser Platz den protestierenden Stadtviertelbewohnern, die Donnerstag Früh gegen den stetig steigenden Verkehr und dessen Folgen auf den Straßen ihre Kreise ziehen. Jahr für Jahr nimmt der Durchzugsverkehr zu. Waren es 2013 noch 13.000 Fahrzeuge, die am Grieser Platz täglich gezählt wurden, sind es inzwischen 15.000. Zur Belastung der Luft und durch Lärm kommen die Gefahren für die Sicherheit von Kindern, Fußgängern und Radfahrern. “Über tausend Kinder und Jugendliche über 14 Jahre bewegen sich tagtäglich in den umliegenden Straßen”, heißt es von der Initiativgruppe Gries, in der sich langjährig engagierte Anwohner, besorgte Eltern und Rentner zusammengeschlossen und zum Protest im Morgengrauen aufgerufen haben. Eine der Veteraninen ist Melitta Pitschl. “Seit 1998 setze ich mich für mehr Sicherheit und weniger Verkehr im Viertel ein, Verbesserungen hat es seitdem aber keine gegeben”, sagt sie. Im Gegenteil: “La situazione è sempre più problematica, ormai è invivibile”, pflichtet Pitschl eine Frau in der Nähe bei.

Melitta Pitschl

“Das müssten wir jede Woche machen, zu unterschiedlichen Uhrzeiten, denn die Situation ist morgens wie abends dieselbe”: Melitta Pitschl (links) nach dem Protestaktion, mit der sie “sehr zufrieden” ist

Bereits im Juni sind die Grieser auf die Straße gegangen. “Seither hat sich nichts getan”, sagt Marco Gandini, der ebenfalls in der Initiativgruppe aktiv ist. Lösungen hätten sie einige am Tisch (s. Infokasten), “aber es gibt zu viele Partikularinteressen und keine konstruktive Zusammenarbeit zwischen der Provinz Bozen und der Stadt”, seufzt Melitta Pitschl. Inzwischen ist auch die Bozner Stadträtin für Verkehr und Umwelt, Marialaura Lorenzini am Grieser Platz eingetroffen. Nach Vorschlägen für eine Entlastung des Stadtviertels gefragt, berichtet sie den Bürgern von dem Arbeitstisch, den die Stadt Bozen mit dem Land und den angrenzenden Gemeinden eingesetzt hat, um gemeinsame Lösungen für die Verkehrssituation in ganz Bozen zu finden. Zunächst soll genau erhoben werden, wie sich der Verkehr auf dem Stadtgebiet – täglich 90.000 Fahrzeuge – zusammensetzt: Woher die Fahrzeuge bzw. die Fahrer kommen und aus welchem Grund sie auf den Straßen unterwegs sind – Pendler, Lieferanten, Touristen, Gemeindeansässige. Doch bis tatsächlich Maßnahmen ergriffen werden – im Raum stehen etwa alternierende Fahrverbote und Parkplätze für Pendler am Stadtrand –, wird noch einige Zeit vergehen. “Was aber sofort getan werden kann, ist, das Auto stehen zu lassen, zu Fuß zu gehen oder das Rad oder die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen”, appelliert Stadträtin Lorenzini vor allem an die Bozner Bevölkerung. Und in Gries? Dort soll nun erst einmal ein Fahrradweg entlang der Fagenstraße entstehen, um den Schülern mehr Sicherheit zu gewährleisten. Fast täglich passierten dort Unfälle, in die Kinder verwickelt seien, berichtet eine Mutter, die in der Fagenstraße wohnt.

Protest am Grieser Platz

Vor der Schule auf die Straße: Eltern, Kinder, Rentner, Anwohner, Politiker standen am Donnerstag früh am Grieser Platz

Doch ein Radweg allein wird die Grieser kaum davon abhalten, erneut auf die Straße zu gehen. Am Donnerstag Morgen mit dabei ist auch Rudi Benedikter. Der Stadtviertelrat von Gries-Quirein wohnt selbst in der Fagenstraße und sieht vor allem die Stadt Bozen in der Pflicht: “Die Stadt soll ihren eigenen Verkehrsplan umsetzen und die Vittorio-Veneto-Straße als Anliegerstraße, als die sie klassifiziert ist, behandeln.” Etwa indem sie die Westeinfahrt für nicht in Bozen Ansässige komplett sperre.

Marialaura Lorenzini

“Non ce l'abbiamo con lei, ma vogliamo soluzioni”: Marialaura Lorenzini wird von Bürgern bedrängt, die Antworten wollen

Straßen einfach sperren ist für Marialaura Lorenzini zu einfach: “Wir wollen den Verkehr und die Probleme, die er mit sich bringt, nicht in andere Gebiete oder Straßen verlagern, sondern die Verkehrssituation für die ganze Stadt lösen. Ich habe keinen Zauberstab und für Probleme, die über Jahre beiseite geschoben wurden, gibt es keine Lösung von heute auf morgen.” Zustimmendes Nicken rund um die Stadträtin, die auch als der Protest bereits vorbei ist, noch am Grieser Platz steht und mit den Bürgern zu diskutieren. “Wir wissen, dass Frau Lorenzini unsere Meinung teilt und wir sind auch nicht auf sie sauer”, betont Melitta Pfitschl. Das einzige, das sie und die Bewohner des Viertels wollen, ist, ernst genommen zu werden: “Wir wurden stets entweder vertröstet oder ignoriert. Dabei befinden wir uns mittlerweile in einer paradoxen Situation: Eltern und Kinder weichen mit ihren Fahrrädern auf die Schmiedgasse aus, um dem Verkehr auf der Vittorio-Veneto-Straße zu entkommen. Dort müssen sie ihr Rad aber schieben und werden bestraft falls sie sich nicht daran halten. Jene, die keine Belastung darstellen, weder Abgase noch Lärm produzieren, werden bestraft, während die Luft immer schlechter und die Situation auf der Straße immer gefährlicher wird.”

Die von der Initiativgruppe Gries vorgeschlagenen Verkehrslösungen:

  • Der Durchzugsverkehr von und nach Bozen über diese Straßen und den Grieser-Platz muss gestoppt und aus diesen intensiv bewohnten und begangenen Wohngebieten verbannt werden.

  • Dazu müssen PendlerInnen-Parkplätze z.B. am Krankenhaus und an den Bahn- und Bushaltestellen entlang der Zufahrtsstraßen nach Bozen bereitgestellt werden.

  • Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen ausgebaut und deren Frequenzen erhöht werden.

  • Die Geschwindigkeit in diesen Wohnbereichen und anliegenden Wohnstraßen muss effizient kontrolliert und Überschreitungen ebenso effizient geahndet werden, ebenso das Missachten der Schülerlotsen oder der roten Ampeln.

  • Bei den an der Kreuzung Vittorio-Veneto-Straße, Mühlbachpromenade, Glaningerweg und Schmiedgasse angebrachten Ampeln müssen die Fußgängerbereiche weitaus besser gesichert und sichtbarer gestaltet werden. Außerdem müssen die Ampelphasen FußgängerInnen-freundlicher geschaltet werden.

  • Um den innerstädtischen Berufsverkehr in andere Bahnen zu lenken, müssen zusätzliche Radwege, z.B. entlang der Fagenstraße eingerichtet werden. Auch sollten die Einbahnregelungen in schmalen Wohnstraßen wie z.B. in der Schmiedgasse, Dreiheiligengasse u. a. m. für RadfahrerInnen in beide Richtungen freigegeben werden, und der Autoverkehr nur für AnrainerInnen genehmigt sein.

  • Die Gehsteige müssen vermehrt mit Abgrenzungen versehen und die FußgängerInnen- und RadfahrerInnen-Bereiche von parkenden Autos nachhaltig freigehalten werden.

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Kommentare

Bild des Benutzers pri prugger

Es wäre ja relativ einfach: wie löst man das Pendlerproblem in andren Städten: bessere Öffis und Gratisparkplätze am Stadtrand, wenn man schon im Aiuto! anreisen muss. Davon diskutiert man seit mind. 40 Jahren. 2.: Gries ist mein Arbeitsweg seit mehr als 15 Jahren. In den letzten 5 Jahren hat sich der Autoverkehr am Werktagmorgen massiv auf der Fagen- und Vitt.-Venetostraße vervielfacht. Aber auffallend: keine Schule, kaum Stau! Das Parken auf Gehsteigen, dem Straßenrand etc. der Eltern ist dabei auch eine eigenartig geduldete Sitte der BZner, und eine ziemliche Gefahr für Radfahrer und Fußgänger, abgesehen davon, dass sich so die Busse noch mehr verspäten, Aber die stehen ganz cool neben dem Bullen (Marcelline, Rosminischule in der Fagenstraße). Genauso gefährlich ist der neu! geregelte Verkehr vor dem Ex-Grieserhof.
Von der hohen Fagenstraße zum Krankenhaus fährt man heutzutage gegen 8 Uhr bei Regen und Kälte trotzdem am schnellsten und günstigsten mit dem Auto: Praxiserfahrung! Öffis haben sich zwar in letzter Zeit aus der Steinzeit ein bisschen rausentwickelt, sind aber offensichtlich für (zu) viele inner- wie außerstädtische Pendler immer noch unattraktiv. Und die nötige Nordumfahrung, um ohne Talferbrücke/City nach Norden zu kommen? Auch darüber wird seit Jahrzehnten gequasselt. Während sie in Meran bald steht. In BZ staut fast alles. Auch relativ einfach zu lösende, technische Probleme ...

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