Society | Jugendgericht

"Mama und Papa, bringt mich wieder nach Hause"

„Mama und Papa. Bringt mich wieder nach Hause“: Wie eine Bozner Familie die Entscheidungsgewalt über ihren 13-jährigen Sohn verlor und nun dafür kämpft, ihn von einem Therapiezentrum in Forlí wieder nach Bozen zurück zu holen.

Ihr Sohn lebt seit vergangenem April in einem Therapiezentrum in Forlì, fast 400 Kilometer von Bozen entfernt. Was heißt das für Sie als Familie? 
Für meinen Mann, meine Tochter und mich heißt das, dass wir physisch wie physisch total fertig sind, nicht mehr ordentlich essen und schlafen können. Vor allem aber bedeutet das, dass wir unseren mittlerweile 13-jährigen Sohn sieben Monate lang gerade drei Mal gesehen haben. Und zwar für jeweils eineinhalb Stunden, in einem etwa zehn Quadratmeter großen Raum mit Kameras und Mikrofon, in Begleitung seines Betreuers. Seit November wurde die Besuchsfrequenz auf einmal im Moment erhöht, aber die Umstände sind dieselben. Es wird so getan, als wären wir Schwerverbrecher, die man nicht mit dem eigenen Kind allein und unbeobachtet lassen kann.

Und wie kam es zu einer solch drastischen Maßnahme?
Das haben die Sozialassistentin und die zuständige Psychiaterin von der Neuropsychiatrie für Kinder und Jugendliche in Bozen beschlossen. Uns wurde im vergangenen Februar mitgeteilt, dass es das Beste für ihn sei, erst einmal zwei Jahre in dieser sozial-therapeutischen Wohngemeinschaft zu verbringen, da er Probleme in der Schule und im Sozialen hatte. Wie haben sofort Rekurs eingelegt damals, doch das hat nichts bewirkt. Es hieß, dieses Kind muss erzogen werden, um vorzubeugen, dass er wirklich schlimme Sachen anstellt.

Und was hatte er bis dahin angestellt?
Unser Sohn hatte bereits seit der Volksschule Probleme in der Schule. Er ist eigentlich ein intelligentes Kind, aber beim Lernen und selbstständigen Arbeiten schaffte er es nicht, mit den anderen Kindern Schritt zu halten. Er wurde dann in Tests als hyperaktiv eingestuft, und ab der dritten Klasse immer außerhalb der Klasse von einer Integrationslehrerin unterrichtet. Das hat ihn natürlich auch frustriert, ständig zu hören und zu fühlen: Du bist nicht wie die anderen. Und ich denke auch deshalb hat er dann auch immer wieder etwas angestellt.

Was konkret?
Eigentlich nichts wirklich Schwerwiegendes. Prinzipiell kamen die Lehrerinnen einfach nicht mit ihm zurecht. Es hieß immer, er kann nicht still sitzen, er steht mitten in der Stunde auf und geht herum, ist rebellisch. Dann gab es einzelne Episoden, einmal wollte aus der Schule wegrennen, einmal hat er ein Schulbuch aus dem Fenster geworfen. Das einzig wirklich Schwerwiegende war, dass er ein Mädchen angeblich mit einem Messer bedroht hat. Allerdings war dies so ein kleines Taschenmesser an einem Schlüsselanhänger. Wir haben die Klinge einmal abgemessen, sie war so lang wie zwei Preiselbeeren. Unser Sohn sagte, er hat das Messer dem Mädchen nur gezeigt. Doch sie hat sich bedroht gefühlt, und die Direktorin der Schule hat die Rettung gerufen, obwohl nichts passiert ist. Ich habe damals in jedem Fall auch ein komplett terrorisiertes Kind aus der Schule abgeholt.

Uns ist durchaus bewusst, dass unser Sohn eine gewisse Unterstützung braucht und wir haben sie von Beginn an selbst gesucht. Aber wir wollten sicher nicht, dass man ein zwölfjähriges Kind, das bis zur Nacht vor seiner Abreise nur einschlafen konnte, wenn mein Mann oder ich ihm am Abend den Rücken streichelten, aus seiner Familie reißt und fast 400 Kilometer weit weg schickt.

War das der Anlass, ihn nach Forlí zu schicken?
Nein, das ist noch in der Volksschule passiert. Doch in Folge wurde er immer mehr zum Sündenbock, egal was in der Schule passierte, es war immer unser Sohn, dem die Schuld gegeben wurde. Im vergangenen Schuljahr, als er dann in die Mittelschule wechselte, haben sich die Schulprobleme verschlimmert. Er war es  gewohnt, alleine außerhalb der Klasse betreut zu werden. Und viel war in der Volksschule nie von ihm verlangt worden, die waren froh, wenn er halbwegs ruhig war. Doch in der Mittelschule hatte er plötzlich zehn Lehrer und sollte überall Aufgaben bringen und das hat ihn total überfordert. Gleichzeitig hatte er auf Anraten der Sozialassistentin begonnen, eine Nachmittagsbetreuung zu besuchen, wo er mit älteren problematischen Kindern in Kontakt kam.

Und dann begannen die wirklichen Probleme?

Nun, er begann Dinge zu tun, für die er zu jung war, zum Beispiel hat er mit denen geraucht. Uns hat diese Nachmittagsbetreuung von Beginn an nicht gefallen, dort kommen Kinder mit Schwierigkeiten im Alter zwischen fünf und 18 Jahren zusammen. Doch die Sozialassistentin fand, dass das wichtig für ihn sei.

Letztendlich hat auch der „schlechte Umgang“, der sich dort ergab, dazu geführt, dass er nach Forlì musste?
Genau. Neben den Schulproblemen wurde dies als Grund angeführt. Wissen Sie, wir waren wirklich immer total kooperativ. Ich bin eine Vollzeit-Mutter, die immer für ihre Kinder da war, sei es für unsere inzwischen fast 19-jährige Tochter, die nie irgendein Problem machte, und erst recht für unseren Sohn. Ich bin immer in die Schule gegangen, um mit den Lehrerinnen zu reden, und auch als dann später der Sozialdienst hinzugezogen wurde, war ich immer zur Zusammenarbeit bereit. Uns ist durchaus bewusst, dass unser Sohn eine gewisse Unterstützung braucht und wir haben sie von Beginn an selbst gesucht. Aber wir wollten sicher nicht, dass man ein zwölfjähriges Kind, das bis zur Nacht vor seiner Abreise nur einschlafen konnte, wenn mein Mann oder ich ihm am Abend den Rücken streichelten, aus seiner Familie reißt und fast 400 Kilometer weit weg schickt.

Wurde Ihnen als Eltern etwas zur Last gelegt?
Offenbar, dass wir nicht in der Lage sind, ein Kind ordentlich zu erziehen. Auch wenn wir das bereits mit unserer Tochter bewiesen hätten. Aber wir haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen, wir schlagen unsere Kinder nicht, führen eine glückliche und stabile Ehe. Doch vor Gericht wurde dann auch vorgebracht, dass wir zu wenig mitarbeiten.

Inwiefern?
Da ging es zum Beispiel um die Verabreichung von Schlafmitteln. Unser Sohn kann sehr schwer einschlafen, oft dauerte es bis 23 Uhr oder Mitternacht und deshalb sollten wir ihm laut der Psychiaterin auf der Neuropsychiatrie in Bozen Schlafmittel geben. Wir haben es sogar ein paar Mal versucht, aber mir kam das total verkehrt vor. Ich will mein Kind nicht in dem Alter schon mit Medikamenten vollstopfen, die mehr Schaden anrichten als Gutes tun. Deshalb habe ich dann eine homöopathische Alternative gefunden. Doch das wurde dann vor Gericht zu unseren Lasten vorgebracht.

Obwohl wir uns total darum bemüht haben, durfte unser Sohn nicht einmal zu Weihnachten nach Hause kommen. Statt dessen wurde uns ausnahmesweise erlaubt, am 21. Dezember mit ihm in einem Restaurant in Forlí Mittagessen zu essen, natürlich auch unter Aufsicht. Während des Essens hat er mich dann gefragt, ob ich ihn auf die Toilette begleiten kann, um endlich einmal kurz unter vier Augen sprechen zu können. 

Ihr Sohn war 12 Jahre alt, als er nach Forlí kam, nun ist er 13. Wie geht es ihm jetzt?  
In der Schule geht es ihm besser, wobei sich hier für mich die Frage stellt, ob dies vielleicht auch an der Schule liegt. Viele LehrerInnen erwarten einfach, dass alle Kinder gleich funktionieren und keine Probleme machen. Die wollen kleine Soldaten, und wer Probleme macht, für den heißt es basta e finita.

Und wie kommt er mit der Situation insgesamt zurecht?
Er ist prinzipiell sehr einsichtig, sagt: Ich verstehe, dass ich Fehler gemacht habe. Er hat uns auch beruhigt, dass sie ihn nicht schlecht behandeln in der Gemeinschaft.  Doch jedes Mal, wenn wir uns sehen oder hören, sagt er: Mama und Papa, bringt mich wieder nach Hause. Er macht uns Zeichnungen, auf denen wir alle zusammen sind und bemüht sich extra brav zu sein, damit dies bald wieder möglich ist. Doch das wurde ihm zumindest vorerst nicht einmal zu Weihnachten erlaubt. Obwohl wir uns total darum bemüht haben, durfte er nicht nach Hause kommen. Statt dessen wurde uns ausnahmesweise erlaubt, am 21. Dezember mit ihm in einem Restaurant in Forlí Mittagessen zu essen, natürlich auch unter Aufsicht. Während des Essens hat er mich dann gefragt, ob ich ihn auf die Toilette begleiten kann, um endlich einmal kurz unter vier Augen sprechen zu können. Wie gesagt, er ist ein intelligentes Kind.

Warum musste es eigentlich ausgerechnet Forlí sein, gibt es in Südtirol keine vergleichbaren Strukturen?
Es gibt genügend Strukturen in Südtirol, aber sie sagen, keine ist geeignet für unseren Sohn. Das kommt mir schon sehr fraglich vor. Sonst sind wir immer die reichste und beste Provinz Italiens, und dann soll es hier keine einzige Struktur geben, die unserem Sohn helfen kann, der wirklich nicht so ein schwerer Fall ist. Sie müssen wissen, das Land zahlt allein für seinen Aufenthalt dort pro Monat 4700 Euro – und es gibt viele Kinder, die in die Emilia Romagna geschickt werden. Wenn wir dieses Geld hier zur Verfügung gestellt bekommen würden, könnten wir einiges an Unterstützung organisieren, ohne dass er außerhalb seiner Familien leben muss.

Doch Sie geben nicht auf?
Nein, am 31. Jänner haben wir wieder einen Termin beim Jugendgericht, wir reichen noch einmal Rekurs ein. Nun haben wir einen neuen Anwalt, der auf solche Fällte spezialisiert ist und hoffen fest, dass wir diesmal mehr Erfolg haben. Auch weil wir mittlerweile eine Menge gezahlt haben, allein für die Anwaltsspesen. Doch für meinen Sohn spare ich mir auch das Brot vom Mund ab, damit wir ihn nur wieder bei uns zu Hause haben.