Economy | Photovoltaik

Liebe Maria

Der Bauernbund und die Landesregierung liegen sich in den Haaren. SBB-Direktor Rinner fordert beim Thema Agri-Photovoltaik mehr Mut, das Land fürchtet Spekulationen.
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Foto: Salto.bz
Bei der Bauernbundversammlung in Wiesen informierte Verbands-Direktor Siegfried Rinner die Anwesenden darüber, dass es im Bereich Agri-Photovoltaik auf staatlicher Ebene eine Ausschreibung geben werde – und stellte der ebenfalls anwesenden Landesrätin für Raum und Landschaft, Maria Hochgruber Kuenzer, auch gleich die Rute ins Fenster: „Da werden wir aber nicht teilnehmen können, weil wir nicht dürfen, Maria!“
 
 
Da werden wir aber nicht teilnehmen können, weil wir nicht dürfen, Maria!
 
 
Südtirol sollte sich moderner und aufgeschlossener bei diesem Thema zeigen, forderte der Bauernbund-Direktor, denn derzeit sei man noch Lichtjahre von den europäischen Klimazielen entfernt, wonach bis zum Jahr 2040 65 Prozent der Energie aus erneuerbaren Ressourcen bestritten werden müssten. Auch Südtirol müsse seinen Beitrag dazu leisten, betonte Rinner, und riet der Landesregierung zu einem „piccolo ripensamento“ bzw. zu überlegen, ob man nicht in bestimmten Zonen und Bereichen Agri-Photovoltaik zulassen könnte.
 
 
 
 
In ihrer Rede erteilte Landesrätin Hochgruber Kuenzer dieser Forderung jedoch eine Absage. Man habe den ersten bedeutenden Schritt bereits getan und die Anbringung von Solaranlagen überall dort ermöglicht, wo bereits eine versiegelte Fläche vorhanden ist. Auf Holzhütten wie auch auf Garagen und sogar Denkmal geschützten Gebäuden, wenn nicht am Gebäude selbst, dann auf der anliegenden Fläche, ist die Installation von Photovoltaik-Anlagen erlaubt, so Hochgruber Kuenzer, die erklärte, dass laut einer Erhebung 560 Hektar Fläche in Südtirol versiegelt sind – die Dächer der Privatwohnungen nicht mitgezählt. 152 Hektar allein an Parkplätzen könnten überdacht und mit Solaranlagen ausgestattet werden. „Wir haben viele versiegelten Flächen, die wir für die Gewinnung von Solar-Energie nutzen können“, so die Landesrätin, die zu bedenken gab, dass bei der Verwendung von Grund und Boden für Photovoltaik-Anlagen anstatt für die landwirtschaftliche Produktion vieles berücksichtigt werden müsse.
 
 
 
 
 
„Je nachdem, ob und inwieweit sich Solar-Energie als lukrativ erweist, wird sich auch der Wert von Grund und Boden ändern“, so die Landesrätin, die betonte: „Bevor wir hinaus in die Landschaft gehen, sollten wir zuerst die versiegelte Fläche nutzen.“ Mit der Antwort nicht zufrieden gab sich der Bauernbund-Direktor, der gegen die Ausführungen der Landesrätin Widerspruch einlegen „musste“. „Alles gut und recht“, meinte Rinner, „Agri-Photovoltaik bedeutet allerdings nicht, dass landwirtschaftliche Flächen mit Solarplatten zupflastert werden, sondern dass die landwirtschaftliche Produktion voll aufrecht erhalten bleibt.“ Über den bearbeiteten Flächen werden schlicht und ergreifend Solar-Panele errichtet, wodurch die Sonnenenergie in zweifacher Art und Weise genutzt werden könne, einmal für Photovoltaik und einmal für Photosynthese. Als Beispiel nannte Rinner Flächen in der Umgebung von Obstgenossenschaften und Autobahnausfahrten. „Es wird niemandem etwas genommen – auch nicht der Landwirtschaft – und es besteht auch keine Gefahr, dass hier irgendwelche Spekulationen getrieben werden“, so Rinner, denn Solaranlagen würden sich nur bei einem bestimmten Preis rechnen. „Ein bisschen mehr Mut“, forderte der Bauernbund-Direktor daher und betonte, dass man mit der derzeitigen Regelung die Klimaziele hundertprozentig nicht erreichen würde.
 
 

 

Beim Bauernbund-Direktor nachgefragt, verweist dieser auf ein innovatives EU-Projekt, welches Mitte Januar gestartet ist. In den kommenden vier Jahren wird auf zwei Pilotanlagen des Versuchszentrums Laimburg Obstanbau und Energie-Erzeugung mit Photovoltaik getestet. Das Projekt, dass sinnigerweise unter der Bezeichnung „Symbiosyst“ läuft und von der Eurac Research koordiniert wird, verfolgt das Ziel, ein System zu entwickeln, dass Vorteile sowohl für die landwirtschaftliche Produktion als auch für eine nachhaltige Energiegewinnung schafft. Ein innovatives Projekt, wie Rinner erklärt, das für Südtirol wegweisend sein könnte und schlussendlich wohl auch unumgänglich, wenn Südtirol die Klimaziele erreichen will. Die Befürchtungen seitens der Landesregierung, dass damit Spekulationen Tür und Tor geöffnet wird, kann Rinner nicht nachvollziehen. Während im restlichen Italien Projekte wie „Symbiosyst“ gefördert und Investitionen getätigt werden, stelle sich Südtirol im Vergleich dazu uninteressant dar.
 

 

Die Angst vor einer zweiten Gewächshaus-Geschichte

 
Der technischen Entwicklung will sich Landesrätin Hochgruber Kuenzer nicht verschließen, allerdings seien die derzeitigen Lösungen ihrer Meinung nach noch nicht ausgereift genug. Zudem gebe es eine Vielzahl kleinerer Obstanbauflächen, die verpachtet und von anderen Bauern bewirtschaftet werden. Es bestehe die Befürchtung, dass die Verpachtung dieser kleinen Flächen zum Zweck der Energiegewinnung interessanter sein könnte als die landwirtschaftliche Tätigkeit selbst und die Apfelbäume sozusagen nur mehr pro forma unter den Solaranlagen stehen bleiben. Das zögerliche Verhalten der Landesregierung scheint vor allem in der Furcht begründet zu sein, dass es zu einer zweiten „Pfitscher Gewächshaus-Geschichte“ kommen könnte. Im Jahr 2010 erteilte die Gemeinde Pfitsch die Konzession zur Errichtung eines Gewächshauses, das für den Anbau von Himbeeren gedacht waren. Ein Bauer hatte ein entsprechendes Gesuch eingereicht, die Verwaltung hielt es wohl für ein innovatives Projekt, Baukommission und Landschaftsschutz erteilten ihre Zustimmung. Erst nachdem weitere Ansuchen gestellt und Konzessionen für die Anbringung von Photovoltaik-Anlagen eingebracht wurden, wurde Verdacht geschöpft, dass die Gewächshäuser vor allem der Stromgewinnung dienen könnten und erst in weiterer Folge dem Beerenanbau. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings zu spät und wie der damalige Bürgermeister der Gemeinde Pfitsch, Johann Frei, erklärte, sei man mit der Situation einfach überfordert gewesen. Darauf angesprochen erklärt Bauernbund-Direktor Rinner, dass die Landesregierung die gesetzlichen Möglichkeiten habe, Projekte, die primär der Energiegewinnung dienen und nicht der landwirtschaftlichen Tätigkeit, zu verhindern. Man dürfe sich deswegen die Chancen, die das Zusammenspiel von Energieproduktion und Landwirtschaft haben könnten, nicht verbauen.

 

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Josef Fulterer Thu, 02/02/2023 - 08:56

In reply to by Manfred Gasser

"Subvenierte" Photovoltaikanlagen???
Soll das schon wieder unter der Masche laufen: "Keine Beiträge im Obst- und Weinbau," wo dann doch allerlei Steuergeld für Konsortialwege, Absatzförderung, Bautätigkeit, Beiträge für die VOG + den Beratungsring, Laimburg-Unterstützungs-Tätigkeiten usw., "recht leise" den Weg in die O + W Geldtaschen findet.

Thu, 02/02/2023 - 08:56 Permalink
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Manfred Gasser Thu, 02/02/2023 - 09:26

In reply to by Josef Fulterer

Ich zitiere Herrn Rinner:
"....verweist dieser auf ein innovatives EU-Projekt,... "
"Auch Südtirol müsse seinen Beitrag dazu leisten....."
"Während im restlichen Italien Projekte wie „Symbiosyst“ gefördert und Investitionen getätigt werden,...."

Klingt schon irgendwie danach, oder?

Thu, 02/02/2023 - 09:26 Permalink