Culture | Reportage

Weißes Gold

Warum der 1. Mai in der Marmorstadt Carrara eine besondere Tradition hat. Eine Spurensuche auf weißem Pflasterstein, mit weißem Speck zwischen den Zähnen.
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Foto: Salto.bz

Steiniger Weg

„Du kommst einige Jahre zu spät, lieber Freund!“ entgegnet mir höflich der Verkäufer eines Souvenirladens, der sich auf der engen Straße zwischen der toskanischen Kleinstadt Carrara und dem Bergdorf Colonnata befindet. Ich hatte den Mann hinter dem Verkaufstresen gefragt, ob er in seinem Laden vielleicht Sachliteratur zur Geschichte der anarchistischen Marmorarbeiter in Carrara vorrätig habe. „Es waren früher einmal viele alle Anarchisten hier“, bestätigt er mir stolz, „Literatur dazu findet sich – wenn du Glück hast – in einem der Buchläden im Zentrum Carraras oder im Circolo Culturale Anarchico“.

Ich fahre zunächst weiter, nach Colonnata, parke meinen Wagen am Dorfplatz und entdecke geradewegs eine Steintafel, die von den Dorfbewohnern in Erinnerung an die umgekommenen Anarchisten in dieser Gegend angebracht wurde. In Colonnata sind Anarchisten mittlerweile rare Ware. Das kleine Marmoreldorado, in welchem Anarchismus und Antifaschismus lange zum Alltag gehörten, ist heute vor allem wegen der Spezialität Lardo bekannt, dem weißen würzigen „Speck der Anarchisten“, der in Marmorwannen gelegt über mehrere Monate heranreift und in Colonnata an jeder dritten Haustüre angeboten wird. Er galt früher wegen seines hohen Nährwerts als armer Begleiter für Steinbrucharbeiter, mittlerweile genießen ihn auch Touristen, Marmorliebhaber und Anarchismusnostalgiker.

 

 

Weswegen die Leute in dieser Gegend mit bescheidenem Stolz auf ihre beindruckende sozialrevolutionäre Geschichte blicken, ist mit zwei Begebenheiten erklärt, die sich Ende des 19. Jahrhunderts zugetragen haben.
Zum einen kam es 1886, während des sogenannten Moving Day am Haymarket in Chicago zu Ausschreitungen und Verurteilungen gegen Anarchisten, sowie zum Ursprung des heutigen Kampftages der Arbeiter, zum anderen führte im Jahr 1894 ein turbulenter Zusammenstoß von Militär und Arbeitern in Carrara und Umgebung, die anarchistische Idee in Italien zum Blühen:
„Es kam zum regelrechten Kampfe; die Aufständischen wurden mit einem Verluste von 50 Toten und 130 Verwundeten zurückgeschlagen und mussten sich in die Bergwälder flüchten. Die Truppen verfolgten sie aber, so dass noch 200 verhaftet werden konnten – angeblich; den Berichten ist nicht ganz zu trauen“ berichtete sogar ein Tiroler Blatt über diesen von Anarchisten angezettelten Aufstand. Zudem wussten die Journalisten von damals, dass „in  Massa-Carrara und Umgegend seinerzeit von dem Russen Bakunin nihilistische Clubs gegründet wurden, die, noch bis heutigen Tages bestehend, die ganze Bevölkerung angeblich terrorisierten.“

Waren es um 1870 präzise Uhrmacher im Schweizer Jura gewesen, die als erste Handwerker überhaupt eine anarchistische Föderation ins Leben gerufen hatten, sorgten in Carrara selbstverwaltende Steinbrucharbeiter für Freiheit und soziale Gerechtigkeit im Alltag. Die Stadt in den Apuanischen Alpen, wo bereits Michelangelo seinen Marmor für seine Skulpturen bezog, avancierte zur Hochburg des Anarchismus in Italien. 

 

 

Während die politische Gegenwart und Zukunft Italiens im Argen liegt, rufen Anarchisten und Anarchistinnen aus Carrara gerne die ruhmreichen Jahre in Erinnerung, die zahllosen anarchistischen Helden im Ort, die anarchosydikalistischen Bestrebungen während und nach dem 1. Weltkrieg, den Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus, die Exil-Anarchisten und den Frauenaufstand vom 7. Juli 1944.

 


Der anarchistischen Bewegung von Carrara wurde nach dem Ende des zweiten Weltkrieges im Teatro Politeama sogar ein eigenes Gebäude zugewiesen, an welchem bis heute die Aufschrift F.A.I (Federazione Anarchica Italiana) zu lesen ist. Hier organisierten die Anarchisten und Anarchistinnen den ersten Kongress der neu gegründeten italienischen Föderation und übten damit großen Einfluss auf die Arbeiterbewegungen in Mailand und Genua aus. Das Politeama blieb über mehrere Jahrzehnte Hauptsitz und bot Platz für Veranstaltungen unterschiedlichster kultureller Initiativen. Als 1989 ein Räumungsbescheid eintrudelte, verteidigten die Anarchisten ihr Recht, die historische Stätte zu erhalten. Vergeblich.
Mittlerweile unterliegt das leerstehende Kulturhaus einem riesigen und nicht enden wollenden Renovierungsprojekt.

 

 

Unter dem Pflaster liegt der Strand

Beim Rundgang durch das Zentrum von Carrara fällt mein Blick mitunter auf die funkelnd weißen Pflastersteine. Wie im Südtiroler Marmorort Laas, sorgen die mit Marmorquadern gefertigten Trottoirs für eine Besonderheit am Straßenrand. Kurioserweise erlebte der Tourismus von Massa-Carrara seine Anfänge durch das Zutun eines in den 1930er Jahren in Laas ansässigen toskanischen Steinbrucharbeiterkindes. Der mittlerweile verstorbene Mario Giuntoni, der sich in Laas auch seine Deutschkenntnisse aneignen konnte, gilt als Pionier für den Tourismus in den Apuanischen Alpen und als kluger Einfädler der Städtepartnerschaft Carrara-Ingolstadt.

 

 

Ich ziehe entlang der weißen Steine weiter und freue mich auf ein Mittagessen im Circolo der Anarchisten. Der Treffpunkt ist leider geschlossen und ich vertröste mich mit der einen (Pflaster)-Steinwurf entfernten Osteria neben einem weiteren Theater dem Teatro Animosi.
Im August/September 1968 wurde hier der Internationale Kongress der Anarchisten abgehalten – unter anderem mit dem 23jährigen Jungrevoluzzer Daniel Cohn Bendit, dessen Präsenz sehr viele Reporter der internationalen Presse in die Stadt lockte. Bereits am ersten Tag kam es zwischen älteren und jüngeren Anarchisten zu größeren Meinungsverschiedenheiten.
Die teilnehmenden Anarchisten und Anarchistinnen erlebten lautstarke Kongresstage, einen ehrlich geführten Generationskonflikt, der am Ende zu einem wichtigen Ergebnis führte: The International of Anarchist Federations.

 


Nach einem Arbeitermenü (Lardo di Colonnata, Pinci con il ragù, Tischwein, Espresso, Grappa) nehme ich Abschied vom Teatro Animosi: mit dem freien Gedanken, möglicherweise an einer der nächsten 1. Mai-Feiern in Carrara mit Anwesenheit zu glänzen, um mit den Menschen der Stadt, die Erinnerung an die freie und antiautoritäre Bewegung wachzuhalten. Viva l'Anarchia.