Society | Kommentar

Vom Recht, keine Angst zu haben

Einbruchsopfer Anna Pitarelli findet, dass wir ein Recht auf sichere Wohnungen haben. Ich weiß, wovon sie redet. Zustimmen kann ich ihr trotzdem nicht.

Seit vergangener Woche teile ich mit Anna Pitarelli eine Erfahrung: Bei uns wurde eingebrochen. Ich kenne den Schock, den durchwühlte Zimmer hinterlassen. Ich weiß, was es heißt, wenn jemand Wertgegenstände aus den eigenen vier Wänden entwendet, die mit persönlichen Erinnerungen verbunden sind: der goldene Armreif meiner verstorbenen Grußmutter, die Uhr, die ich zu meinem Vierziger bekommen habe. Ja, im Gegensatz zu Frau Pitarelli habe ich das alles vor knapp 14 Tagen bereits das zweite Mal miterlebt. Ganz abgesehen von einem eingeschlagenen Auto-Fenster in diesem Sommer, durch das meine Handtasche samt Dokumenten und persönlichen Gegenständen verschwand, und mittlerweile fünf gestohlenen Fahrrädern in meiner Familie.

Im Gegensatz zur ehemaligen Bozner Gemeinderätin und geschassten SVP-lerin wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Erfahrungen mit der so genannten Mikrokriminalität in der Dolomiten-Rubrik „Stopp den Einbrüchen“ breit zu treten, der Schwester der umstrittenen „Stopp der Gewalt“-Aktion. Ich verfüge auch weder über die Prominenz noch die politischen Ambitionen einer Anna Pitarelli, um daraus als Nachwasserer eine zweisprachige Pressemitteilung zu stricken. Dass ich hier dennoch öffentlich über eine private Erfahrung schreibe, hat vor allem mit einem Satz zu tun, über den ich in dieser Pressemitteilung gestolpert bin. „Wir haben das Recht, nicht Angst haben zu müssen.“ Eine Aussage, die jemand wie ich eigentlich dankbar aufnehmen müsste. Vor allem wenn ihn Anna Pitarelli mit der Enthüllung verbindet, dass sie „bereits seit mehreren Monaten mit einer Gruppe von Experten zusammenarbeitet, um innovative neue Lösungen für die Sicherheit in Bozen anzubieten.“

„Wir dürfen keine Angst haben! Wir haben das Recht, nicht Angst haben zu müssen. Nun gilt es zu handeln und Vorkehrungen zu treffen, welche Sicherheit für die Gemeinschaft und den Einzelnen bieten.“

Warum also irritiert mich dieser Satz? Wahrscheinlich, weil ich nach meiner zweiten Einbruchserfahrung zum gegenteiligen Schluss gekommen bin: Ich muss wohl damit leben lernen, dass es vielleicht nicht das letzte Mal sein wird, beim Nachhausekommen aufgerissene Laden zu finden. Zu holen gibt es, salopp gesagt, ohnehin nichts mehr. Schließlich habe ich mich auch an die Sorge gewöhnt, dass mein Fahrrad in der Früh nicht mehr an dem Pfosten steht, an dem ich es am Abend angekettet habe – und fahre in Konsequenz in der Stadt das billigste Rad, das ich finden konnte. Genauso wie ich seit dem Sommer weiß, dass es auch nicht ausreicht, die Handtasche im Auto unter den Sitz zu schieben, um keine Diebe anzuziehen. Sie muss einfach mit – wenn wir auf Nummer Sicher gehen wollen. 

Resignation? Aufgabe? Ich würde vielmehr sagen: Anpassung an eine Welt, die sich auch hierzulande verändert hat. Allerdings, aus meiner Sicht, immer noch im Mikro-Bereich. Kurz bevor das zweite Mal in meiner Wohnung eingebrochen wurde, kamen in Paris an einem „normalen“ Freitagabend 130 Menschen durch Terroranschläge ums Leben. Wenn ich die Nachrichten einschalte, sehe ich immer neue Karawanen von Menschen auf der Flucht, die sich an Rettungsboote klammern, die fern ihrer Heimat vor frisch hochgezogenen Grenzzäunen frieren oder sich in überfüllten Notunterkünften drängen. Ich lese über junge Menschen in Deutschland oder Österreich, die sich durch Videos von Enthauptungen für einen Krieg gewinnen lassen – oder den Terror der Islamisten als Befeuerung für ihre rechtsextremen Aktionen nutzen. Ich frage mich, wie der Machtkampf zwischen Vladimir Putin und Recep Erdoğan enden wird und erschrecke, wenn Frankreichs Präsident Francois Hollande auf der aktuellen Weltklima-Konferenz in Paris sagt: „Noch nie stand bei einem internationalen Treffen so viel auf dem Spiel, denn es geht um die Zukunft des Planeten, die Zukunft des Lebens.“

Was hat all das mit der Mikrokriminalität in Bozen zu tun? Nun, zum Beispiel, dass es mir weit mehr Angst macht als alle Schlagzeilen über Einbrüche und Diebstähle in der Landeshauptstadt zusammen. Ich bin verunsichert, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt, wie all die Konflikte entschärft werden sollen, die sich zur Zeit überlagern, potenzieren und eskalieren. Vor allem aber frage ich mich, auf welcher Basis wir in all dem Chaos das Recht beanspruchen können, dass bei uns alles weitergeht wie bisher. Haben nur wir ein Recht auf Sicherheit, ein Recht darauf, keine Angst zu haben? Ein Recht unseren Wohlstand ungestört auszukosten, ein Recht, vor den unangenehmen und widersprüchlichen Gefühlen geschützt zu werden, die beispielsweise bettelnde Menschen in uns auslösen?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Klarerweise bin ich dafür, dass die steigende Zahl an Delikten in der Landeshauptstadt von der Politik und den Sicherheitskräften ernst genommen und noch gezielter angegangen wird. Und ich bin mir auch bewusst, dass viele Einbrüche und erst recht Gewalttaten weit traumatischere Konsequenzen mit sich ziehen als jene, die ich bislang miterlebt habe. Doch hören wir auf, uns vorzumachen zu lassen, dass eine steigende Mikrokriminalität durch Zeitungsrubriken oder einfache Lösungen gestoppt werden kann. Und lassen wir uns in den kommenden Monaten nicht von all jenen zu einer Sicherheits-Hysterie hochpeitschen, die aus unseren Ängsten politischen Profit schlagen wollen. Bis zu einem bestimmten Grad werden wir einfach lernen müssen, mit weniger Sicherheit zu leben und umzugehen. Als Preis eines Systems, das zu viel Ungleichheit und Konflikte produziert – und in dem wir bis heute auf der Seite der Gewinner stehen.   

Dennoch werde ich die „intelligenten Sicherheitslösungen“, die Anna Pitarelli möglicherweise passend vor dem Bozner Wahlkampf präsentieren wird, gerne genauer unter die Lupe nehmen. Bis dahin sorgt ein zweites Schloss an der Wohnungstür zumindest für ein Gefühl von mehr Sicherheit.

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Rita Barbieri Tue, 12/01/2015 - 11:40

Liebe Frau Kommentatorin, der gemeine Bürger will sich nicht seinem Schicksal ergeben und laufend Einbrüche erleben. Sie aber, Frau Pitro, schon! Da sind Sie aber wirklich eine Ausnahme.

Sie erzählen als Journalistin in Ihrem Kommentar auch über Privates und kreiden das einer Politikerin aber an. Dass nun jemand hergeht und öffentliche Maßnahmen zur Eindämmung des Phänomens fordert, will Ihnen - warum wohl?- überhaupt nicht passen.

Lassen Sie die Politiker arbeiten und Sie können ruhig auf weitere "Besuche" bei Ihnen daheim warten.
Eine Bemerkung am Rande: Ist es denn nicht allgemein auch so, daß Journalisten Politikern um ein Interview förmlich nachrennen? Wie dem auch sei, Ihre Kritik ist nur das wert, was sie für Sie und Ihre Freunde ist, aber sie spricht in keinem Fall für die Mehrheit.

Tue, 12/01/2015 - 11:40 Permalink
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Mensch Ärgerdi… Tue, 12/01/2015 - 12:30

Hä?
Weil Russland und die Türkei eine Krise durchleben und es in Paris Terroranschläge gibt, muss man akzeptieren dass in Bozen eingebrochen wird?
Was für eine Logik ist das denn? Ich sehe hier nicht man ansatzweise einen Zusammenhang, außer die Autorin (was ich aber kaum glaube) meint die Einbrüche werden von Flüchtlingen oder Migranten die sich als solche ausgeben begangen.

Tue, 12/01/2015 - 12:30 Permalink
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Rita Barbieri Tue, 12/01/2015 - 13:17

Gute Frau Kusstatscher, wenn nichts mehr geht, dann geht es mit den Beleidigungen los.
Damit Sie es nicht vergessen, sogar "dümmer" ist noch steigerungsfähig, was auf Ihren leeren Kommentar zutreffen könnte.

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Martin B. Tue, 12/01/2015 - 13:35

Weder Kriminalitätsphobiker (Lega, Pitarelli, usw.) noch Verharmloser der Thematik (Kronbichler, Pitro, usw.) gehen das Thema meiner Meingung nach richtig an. Ich hoffe auch eine (schweigende) Mehrheit sieht das so. Die modernen Medien scheinen eigentlich fast nur auf Polarisierung und Extremisierung aus. Schade.

Tue, 12/01/2015 - 13:35 Permalink
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Elisabeth Kupp… Sat, 12/05/2015 - 17:30

Super Artikel! Es geht nicht darum, dass sich irgend jemand Einbrüche wünscht, sondern um die absurde Forderung, dass wir Menschen ein Recht hätten keine Angst haben zu müssen. Abgesehen davon, dass es kein Leben ohne Angst gibt, frage ich mich wie schrecklich ein Leben wäre in der alles 100ig sicher ist.
Was wäre der Preis den wir dafür zahlen müssten, an Freiheit, Eigenverantwortung und Lebendigkeit?

Sat, 12/05/2015 - 17:30 Permalink
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Harald Knoflach Sat, 12/05/2015 - 19:19

1. man kann sich um vermeintlich kleine probleme (kleinkriminalität) und um große probleme (internationaler terrorismus) gleichzeitig kümmern. man muss nicht das eine gegen das andere aufwiegen und wegen der existenz des letzteren ersteres herunterspielen und als gegeben akzeptieren. denn beide phänomene sind definitiv falsch und sollten nicht als normalität akzeptiert werden.
2. wenn wir uns mit so einem missstand abfinden sollten (steigende einbruchszahlen), dann müssen wir uns wohl auch mit ungleichen löhnen für mann und frau, diskriminierung homosexueller oder ausländer und dergleichen abfinden. wieso sollten wir diesbezüglich eine "insel der seligen" werden wollen?

ich finde diesen fatalismus furchtbar erschreckend.

Sat, 12/05/2015 - 19:19 Permalink
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Martin Schwienbacher Sun, 12/06/2015 - 19:54

Respekt Frau Pitro für Ihre couragierte und realistische Darstellung.
Was bitte soll schon falsch sein bei diesen Äußerungen: "Bis zu einem bestimmten Grad werden wir einfach lernen müssen, mit weniger Sicherheit zu leben und umzugehen. Als Preis eines Systems, das zu viel Ungleichheit und Konflikte produziert – und in dem wir bis heute auf der Seite der Gewinner stehen".

Sun, 12/06/2015 - 19:54 Permalink