Culture | salto Gespräch

“Der Klang ist unsere Handschrift”

Die Instrumentenbauer Thomas Orgler und Nikolaus Eilken im Gespräch über einen sehr seltenen Beruf, den man nicht des Geldes wegen macht.
Thomas Orgler & Nikolaus Eilken
Foto: Salto.bz

Wie in einem Künstleratelier scheint durch die großen Schaufenster viel Tageslicht in die Werkstatt. Es riecht nach Holzspänen und Zitrusöl. Thomas Orgler und Klaus Eilken sind in ihre Arbeit vertieft, jeder an seiner Werkbank, eine halbfertige Gitarre vor sich.
Wer beim Instrumentenbauer an ein altes, gebeugtes Grimm’sches Männlein in der dunklen Kammer denkt, liegt hier falsch. Thomas Orgler ist groß und kräftig, schwarzes T-Shirt, Piercing im vorderen Teil des rechten Ohrs, seine langen dunkelbraunen Haare hat er zum Pferdeschwanz gebunden. So ruhig und gesetzt er im Gespräch auch ist, man merkt genau: Der kann auch ganz anders. Und tatsächlich: er tourte mit 18 als Gitarrist der Brunecker Heavy Metal-Band Graveworm durch Europa, Amerika und Asien.

Nikolaus Eilken, genannt Klaus, rotes T-Shirt und hellblaue Augen, ist Wahlsüdtiroler und ebenfalls ein Energiebündel. Der gebürtige Münchner fing mit elf Jahren an klassische Gitarre zu spielen, war in der Jugendzeit in einer Punk-Band und studierte Holztechnik in Rosenheim. Während des Studiums belegte er einen Kurs über die Geschichte und Entwicklung von Musikinstrumenten und merkte dabei, dass er einen ganz anderen Weg einschlagen muss. Er wechselte daraufhin zur Instrumentenbauschule in Mittenwald, wo er Thomas Orgler kennenlernte.

Salto.bz hat die beiden Besitzer von „Thomas Guitars“ in Haslach getroffen.

Salto.bz: Herr Orgler, warum wurden Sie Gitarrenbauer?

Thomas Orgler: Mit Holz zu arbeiten war immer schon eine große Leidenschaft von mir, schon als Kind. Ich habe die Ausbildung zum Schreiner gemacht und diesen Beruf auch zehn Jahre ausgeübt, habe dabei aber ein bisschen das Künstlerische vermisst. Mir war immer schon klar, dass ich mich selbstständig machen werde; da ich schon seit der Jugend Gitarre spiele, kam ich irgendwann auf die Idee die Leidenschaft für Holz mit der für Musik zu verbinden und habe mich bei der Instrumentenbauerschule in Mittenwald beworben.

Um die Qualität der Südtiroler Fichte wussten schon Stradivari und die alten Meister. (Klaus Eilken)

Und Sie, Herr Eilken?

Klaus Eilken: Ich hab während des Studiums der Holztechnik gemerkt, dass ich aus Holz eigentlich lieber Gitarren statt Brücken und Häuser bauen möchte. Ich wollte nicht nur Berechnungen machen sondern mich auch kreativ ausleben. Deshalb habe ich mich nach Mittenwald beworben. Die Schule in Mittenwald hat international einen sehr guten Ruf. Für Zupfinstrumente werden nur vier, für Geigenbau nur acht Schüler pro Jahr aufgenommen. Nach meinem Abschluss dort, habe ich eineinhalb Jahre in Verona bei einem Instrumentenbauer gearbeitet. Dann hat Thomas mir vorgeschlagen eine gemeinsame Werkstatt aufzumachen und wir haben uns auf akustische Gitarren spezialisiert.

 

Es ist ja für unsere Zeiten ein sehr seltener Berufsweg. Hat es Mut gebraucht das hauptberuflich zu machen?

T.O.: Ja, es ist ein seltener und auch ein sehr schwieriger Beruf, weil er sehr vielseitig ist, man muss viele sehr unterschiedliche Fertigkeiten haben. Es ist ein absoluter Leidenschaftsberuf, den man nicht des Geldes wegen macht. Denn reich wird man davon sicher nicht.

K.E.: Man muss schon wissen worauf man sich einlässt. Der Markt ist relativ klein, denn unseres ist ein hochspezialisiertes Produkt, das in reiner Handwerksarbeit entsteht und im Vergleich zur Massenproduktion dementsprechend teurer ist. Eine Gitarre für Musikschüler kostet zwischen 400 und 1.200 Euro, dann gibt es die Preisklasse zwischen 2.000-2.500 Euro, aber das sind trotzdem industriell hergestellte Gitarren, auch da können wir preislich nicht mithalten. Zu dem Preis können wir gar nicht produzieren, unsere sogenannten „Boutique-Gitarren“ entstehen komplett in Handarbeit und kosten durchschnittlich 5.000 Euro; wir verkaufen also ein absolutes Profi- bzw. Liebhaberprodukt und unsere Zielgruppe ist entsprechend klein. Hinzu kommt, dass eine Gitarre ein Produkt ist das man sich nicht jedes Jahr neu kauft. Das heißt: wenn man in einem bestimmten Gebiet eine bestimmte Anzahl an Gitarren verkauft hat, ist der Markt für mehrere Jahre erst einmal gesättigt.

Unser Beruf ist sehr selten, weltweit sind es vielleicht insgesamt 200 Leute, die das machen. (Thomas Orgler)

Wo liegt der Unterschied zu den serienmäßig produzierten Gitarren?

K.E.: Der Unterschied liegt im Klang. Alle unsere Gitarren, egal welches Modell und welche Größe, haben einen bestimmten Klangcharakter gemeinsam. Das ist wie unsere Handschrift und hat mit unserer Konstruktionsweise und mit der besonderen Qualität des Holzes zu tun. Die italienische Alpenfichte ist als Tonholz weltberühmt. Fichten gibt es überall, aber nicht in dieser Qualität: Das Holz ist hier sehr leicht, sehr eng gewachsen und dadurch sehr steif. Das wussten schon Stradivari und die alten Meister, die ebenfalls ihr Holz aus dieser Gegend bezogen.
Wir suchen uns die Bäume für unser Holz einzeln aus, schauen wie sie gewachsen sind, die Position und Hanglage in der sie stehen, wie hoch und wie alt sie ungefähr sind, welchen Durchmesser sie haben. Und dann lassen wir sie zum richtigen Zeitpunkt fällen, im Winter und unter Berücksichtigung des Mondes. Aus einem Baum entstehen im besten Fall 100 Gitarren, damit kommen wir circa zwei Jahre aus. So haben wir beim Bau unserer Gitarren immer die gleichen Materialvoraussetzungen und das ist ideal für die Klangoptimierung.

Wie lang brauchen Sie, um so eine Gitarre zu fertigen?

T.O.: Das ist unterschiedlich, so zwischen 100 und 120 Stunden pro Stück. Bei aufwendigeren Modellen mit Verzierungen und speziellen Optionen können es auch 200 Stunden Arbeit sein. Da werden dann für die Intarsien rund um die Rosette und am Griff entlang um die 150 Perlmuttscheibchen Stück für Stück eingefügt. Wir produzieren im Moment knapp 40 Gitarren pro Jahr.

 

Wie kommen die Kunden auf  Sie? Sind das Gitarrenliebhaber oder Berufsmusiker?

T.O.: Regional kennt man uns, weil wir auch Reparaturen machen. Aber wir versuchen auch immer bei internationalen Fachmessen dabei zu sein. Unser Beruf ist so selten, weltweit sind es vielleicht insgesamt 200 Leute, die das machen; und so kennt bei diesen Veranstaltungen jeder jeden. Inzwischen kommen viele Aufträge durch Weiterempfehlung und seit zwei Jahren verkaufen wir auch durch einen sehr exklusiven Boutique-Gitarren Händler in Deutschland. Der Großteil unserer Aufträge kommt also von Amateuren und Gitarrenliebhabern aus Deutschland.

K.E.: Wir versuchen aber auch mit Profimusikern zusammenzuarbeiten und unsere Gitarrenmodelle ständig weiterzuentwickeln. Wir arbeiten zum Beispiel schon seit Anfang an mit dem Bozner Gitarristen Manuel Randi zusammen, der mit der Band Herbert Pixner Projekt inzwischen europaweit regelmäßig ausverkaufte Konzerte gibt, wie z.B. in der Elbphilharmonie in Hamburg.

Und haben Sie auch Bestellungen außerhalb des deutschsprachigen Raums?

K.E.: Die weitentfernteste Bestellung kam bisher aus Singapur. Ein Händler dort hatte in einer Fachzeitschrift von unserer Werkstatt erfahren. Aber wir haben auch nach Kanada verkauft. Das war eine Familie aus Vancouver, die hier im Urlaub war; die haben uns im Internet gefunden und plötzlich stand die ganze Familie staunend hier bei uns in der Werkstatt. Sie haben dann für ihren Sohn eine Sonderanfertigung bestellt und als sie fertig war, haben wir sie nach Kanada rübergeschickt.

Was war bisher der extravaganteste oder außergewöhnlichste Auftrag?

K.E.: Wir haben eine Gitarre für einen Kunden aus Deutschland gebaut, die am Ende auf knapp 30.000 Euro kam. Die Decke war aus einer Gletscherfichte gebaut, d.h. ein Baum, der in Alaska vor 3.000 Jahren gewachsen ist und dann von einem Gletscher umgeworfen und begraben wurde. Vor fünf Jahren hat der Gletscher sich zurückgezogen und der Baum ist wieder zum Vorschein gekommen. Aus diesem Holz wurden weltweit nur 30 Gitarren gebaut.
Der Boden und die Zargen dieser besonderen Gitarre waren ebenfalls aus einem sehr seltenen Holz. Ende der 60er Jahre ist im Urwald Honduras ein sehr alter, extrem großer Mahagonibaum umgefallen. Sein Holz hatte eine einzigartige Schildkrötenmaserung, die durch Wuchsfehler entstanden ist. Da es so etwas danach nie wieder gab, heißt dieser Baum in Fachkreisen einfach nur „The Tree“. Um an dieses Holz zu kommen habe ich aufgrund der Zeitverschiebung nächtelang mit dem Holzhändler in San Francisco gechattet. Als das Holz ankam haben wir erst einmal damit experimentieren müssen wie man es in die gewünschte Form bringt, ohne dass es reißt. Es war sehr viel Arbeit aber auch eine einzigartige Erfahrung, dieses seltene Material bearbeiten zu dürfen.

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Klemens Riegler Sun, 10/06/2019 - 09:43

Zuallererst ein Kompliment an Tom & Klaus. Wie aus dem Beitrag hervorgeht gibt es ja weltweit nur mehr wenige die so handwerklich und professionell Instrumente - speziell Gitarren - bauen. Ein Fehler ist aber doch vorhanden. Manuel Randi mag ein begnadeter Gitarrist sein, wahrscheinlich sogar einer der besten in Europa oder gar auf der Welt. Aber nicht er ist für die ausverkauften Säle - inklusive Elbphilharmonie - verantwortlich sondern Herbert Pixner in dessen Band (Herbert Pixner Projekt) Randi aktiv ist. Ohne Pixner wäre Randi vielleicht heute noch ein einfacher Szene-Gitarrist der nicht von seinem exzellentem Können leben könnte.

Sun, 10/06/2019 - 09:43 Permalink