Zoderer, Joseph.jpg
Foto: Edition Reatia
Culture | In Memoriam

„Eine weitere Flasche Weißwein“

Joseph Zoderers erster Auftritt beim Literarischen Kolloquium in Bozen und seineTeilnahme am Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Eine persönliche Erinnerung.
Ich habe Joseph Zoderer vor über 50 Jahren kennengelernt.
Anlass dazu bot eine von mir als Kulturreferent der Südtiroler Hochschülerschaft organisierte Veranstaltung in Bozen: das Literarische Kolloquium. Zum Treffen mit zahlreichen Lesungen waren 12 Südtiroler Autoren eingeladen, die sich grösstenteils gegenseitig kaum kannten und einem grösseren Publikum erst recht unbekannt waren. Für jeden Autor war eine Lesung mit anschliessendem Werkstattgespräch vorgesehen.
 
 
Joseph Zoderer, der damals noch in Wien lebte und als Gerichtschronist für die Tageszeitungen Kurier und Kronen-Zeitung arbeitete, erklärte mir, dass er zusätzlich noch ein Kurzreferat halten wolle. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden.
Für die meisten Autoren - von Zoderer bis zu Norbert C. Kaser, von Gerhard Kofler bis zu Markus Vallazza, war es der erste öffentliche Auftritt in Südtirol. Der kleine, heute nicht mehr existierende Peterssaal des Südtiroler Kulturinstituts in der Bozner Streitergasse konnte das Publikum nicht fassen.
Dafür hatten auch die Polemiken um Kasers Rede auf der Studientagung der Südtiroler Hochschülerschaft in der Brixner Cusanus-Akademie gesorgt, die wenige Wochen vorher die viel Staub aufgewirbelt hatten und vor allem von der Tageszeitung Dolomiten vehement kritisiert worden war.
 
 
Die Neugier war daher gross, Freibier sorgte für die Lockerung des Klimas. Einmal in Fahrt, zog Zoderer kräftig vom Leder. Literatur habe nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie gesellschaftsverändernd wirke. Sogar das Tagblatt Dolomiten widmete der Veranstaltung zwei Seiten seiner von Hermann Eichbichler gestalteten Literarischen Beilage.
Joseph Zoderer behagte die Südtiroler Szene offenbar so, dass er beschloss,  in die elterliche Heimat zurückzukehren. Er war als Sohn einer Meraner Optantenfamilie in der Steiermark aufgewachsen, hatte dann eine Schule in der Schweiz besucht und seine Matura in Meran absolviert.
Die Neugier war daher gross, Freibier sorgte für die Lockerung des Klimas. Einmal in Fahrt, zog Zoderer kräftig vom Leder.
Seine in Wien begonnene Arbeit als Journalist setzte er im Sender Bozen der RAI fort, wo wir Kollegen wurden und wo er für die stündlichen Nachrichten die Meldungen aus Italien und aus dem Ausland aufbereitete. 
Als Wohnsitz wählte der in Bruneck ansässige Autorer Terenten, wo er sich nach einigen Jahren einen Hof kaufte und Familie gründete. Nach Veröffentlichung seiner ersten Bücher wie  Dauerhaftes Morgenrot rang sich Zoderer 1981 zu einem wagemutigen Schritt durch: seine Beteiligung am Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt - einem der begehrtesten Literaturpreise des deutschen Sprachraums. Sein Ersuchen, ihn zu begleiten, nahm ich gerne an. Öffentliche Auftritte dieser Art stressten Zoderer, der versuchte, seine Nervosität mit Beruhigungsmitteln zu dämpfen. Sein Roman „Die Walsche“ schien im zweisprachigen Klagenfurt der geeignete Text. Der Blick auf die Teilnehmerliste kam zunächst einer kalten Dusche gleich: vor allem die Schweizer Urs Jaeggi und Thomas Hürlimann galten als gefährliche Gegner. In der Jury sassen hochkarätige Kaliber wie Adolf Muschg, Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens.
 
 
Die Beruhigungsmittel verfehlten ihre Wirkung nicht- Zoderer las leise und etwas monoton - mit der Aufregung, die man ihm anmerkte, war er freilich im Saal nicht allein. Als der berüchtigte Kritiker Reich-Ranicki als erster das Wort ergriff, erreichte Peppins Nervosität ihren Höhenpunkt. Als ich ihn kräftig anstiess, hob er den gesenkten Kopf. Reich-Ranicki legte Wert auf die Feststellung, dass er keine Vorliebe für das im Buch geschilderte bäuerliche Milieu habe - im Gegenteil - es sei ihm fremd und eher zuwider. Dennoch hätten einige Bilder des Romans durchaus suggestiv gewirkt. Keiner der Kritiker in der hochqualifizerten Runde äusserte sich negativ über den Roman - was in einer gefürchteten Arena wie jener von Klagenfurt bereits als Erfolg galt - freilich auch kaum einer begeistert. Den Bachmann-Preis holte sich schliesslich mit Urs Jaeggi ein arrivierter und international anerkannter Autor, der bereits zum engsten Favoritenkreis gezählt hatte.
Zoderer zeigte sich niedergeschlagen, obwohl er den Wettbewerb ohne Prügel überstanden hatte - schon das war als absolut positives Ergebnis zu werten.  Wir gingen anschliessend in eine nahe Kneipe, wo Joseph slowenischen Weisswein bestellte. Es war nicht einfach, ihn aufzurichten. Seine Hoffnungen waren enttäuscht, sein Ehrgeiz angeschlagen.
Seine Hoffnungen waren enttäuscht, sein Ehrgeiz angeschlagen.
Dafür hatte ich freilich mit einer geeigneten Medizin vorgesorgt. Ich hatte das Manuskript seines Romans schon einige Wochen vor dem Bachmann-Preis Christoph Buchwald zukommen lassen, einem befreundeten Lektor des angesehenen Münchner Hanser-Verlags, der mir nach dessen Lektüre versichert hatte, sein Verlag sei am Roman durchaus  interessiert und wolle ihn publizieren. Zoderer spreizte überrascht die Augen, kämpfte gegen aufkommende Zweifel, dann packte ihn eine plötzliche Euphorie und er bestellte eine weitere Flasche Weißwein. Es sollte an diesem denkwürdigen Abend  unter der Laube der slowenischen Klagenfurter Kneipe nicht die letzte bleiben.