Politics | Sanität

Teure Fotokopie

Die SAIM werkelt seit 11 Jahren am Informatik-System des Sanitätsbetriebes. 77 Millionen Euro sind jetzt das Allheilmittel. Dabei gäbe es eine weit billigere Lösung.

Der Satz in der offiziellen Präsentation sagt eigentlich alles. Als vergangene Woche Landesrätin Martha Stocker und die Spitze des Sanitätsbetriebes den „IT Masterplan 2016-2018“ vorstellten, steht auf einem der Slides wörtlich: „Der Auftrag an die SAIM mag aufgrund der Schwierigkeiten in der Vergangenheit Verwunderung hervorrufen.“
Man muss den Satz wirken lassen. Geht es beim betreffenden Auftrag nicht um Peanuts, sondern um 77 Millionen Euro.

„Der Auftrag an die SAIM mag aufgrund der Schwierigkeiten in der Vergangenheit Verwunderung hervorrufen.“

Man vergibt einen Millionen-Auftrag und spricht offen von „Verwunderung“? Besser getroffen wäre wohl das Wort „Entsetzen“. Denn nur so kann man das beschreiben, was sich nach der Vergabe des Auftrags für das neue Informatik-System des Sanitätsbetriebs abspielt.
Diese Entscheidung muss rückgängig gemacht werden und das Land muss aus der SAIM aussteigen“, fasst der IT-Unternehmer und 5-Sterne-Landtagsabgeordnete Paul Köllensperger die Kritik zusammen.

Der Ist-Zustand

Tatsache ist, dass der Zustand des Südtiroler Gesundheits-Information-System ein Skandal ersten Ranges ist. Obwohl man in den vergangenen Jahrzehnten über 100 Millionen Euro ausgegeben hat, gibt es kein wirklich funktionierendes Informatik-System im Sanitätsbetrieb. Offiziell gibt es drei verschiedene Systeme, die derzeit laufen. Eines im Gesundheitsbetrieb Brixen-Bruneck, ein anderes in Bozen und wieder ein anderes in Meran.
Die Systeme kommunizieren untereinander nicht, und der Datenaustausch ist nicht möglich. Ein Arzt, der digitale Krankenakte vom Krankenhaus Brixen nach Meran schicken will, kann das nicht. Der Patient muss die Aket auf CD selbst mitnehmen.
Selbst im Krankenhaus Bozen können verschiedene Abteilungen nicht alle Krankendaten einsehen. Es gibt ganze Daten-Bereiche, die Primare wie eine Art eigenen Kundenstock eifersüchtig vor Zugriffen von Außen hüten.



Wie absurd das gesamte EDV-System ist, zeigt ein anderes Detail. Ein Arzt in Schlanders hat keine Chance zu sehen, ob und wie die Patientin, die vor ihm steht, gleichzeitig oder früher in einem anderem Südtiroler Krankenhaus behandelt wird oder wurde. „Wir kommen an diese Informationen nicht ran“, sagt ein Primar offen.
Dafür können sich die Kosten dieses Wildwuchses sehen lassen. 14 Millionen Euro gibt man im Jahr für die IT-Systeme aus. Das sind 6.700 Euro pro Krankenhaus-Bett. Oder 28 Euro im Jahr für jeden Südtiroler und jede Südtirolerin. In anderen norditalienischen Regionen sind es knapp 20 Euro pro Bürger.

Die SAIM

Das Unternehmen, das jetzt alles neu regeln soll, ist die „SAIM GmbH“. Die SAIM wurde 2004 als PPP-Modell (Public Private Partnership) gegründet. Der Gesellschaftszweck: Die Informatisierung des Südtiroler Gesundheitswesen.
Heute, 11 Jahre und viele Millionen später, gibt es nur einen Begriff, um den Zustand der Informatik im Gesundheitsbetrieb und die Vernetzung der Strukturen und der Ärzte zu beschreiben: eine Katastrophe“, beschreibt Paul Köllensperger das Ergebnis.
Hauptgesellschafter der SAIM ist der Südtiroler Sanitätsbetrieb mit 51 Prozent. 49 Prozent gehören der Insiel Mercato AG, einem privatem Unternehmen, das auf Softwarelösungen im Gesundheitsbereich spezialisiert ist.
Die Insiel hat vor einigen Jahren die Anteile des vorherigen Gesellschafters, der Medarchiver GmbH, übernommen. Medarchiver ist das Kind des Mannes, der sich an der Informatisierung der Südtiroler Sanität eine goldene Nase verdient hat: Werner Rainer.


Paul Köllensperger: „Eine Katastrophe“.

Welche Kultur allerdings in dem Unternehmen herrscht, das man jetzt mit dem 77-Millionen-Euro-Auftrag bedacht hat, wird an einem Detail deutlich. Bis heute herrscht strengstes Stillschweigen über den Kaufpreis, füe den Insiel die Medarchiver Anteile erworben hat. „Das Land kennt den Kaufpreis nicht“, ist die offizielle Antwort auf mehrere Anfragen des Landtagsabgeordneten Paul Köllensperger.
Auch das klingt wie ein schlechter Witz. Der Sanitätsbetrieb, der als Hauptaktionär die Kaufverträge der eigenen Unternehmensquoten nicht kennen will, handelt entweder schwer fahrlässig oder man hat sich über den Tisch ziehen lassen. Transparenz sieht auf jeden Fall anders aus.

Bauchweh und Gattopardo

Dass man mit der Entscheidung, den 77 Millionen Auftrag trotz der „Schwierigkeiten in der Vergangenheit“ jetzt wiederum an die SAIM zu vergeben, auch im Südtiroler Gesundheitsbetrieb Bauchweh hat, zieht sich wie ein roter Faden durch die offizielle Präsentation. Das ganze klingt fast schon nach dem Gattopardo: Damit alles anders wird, muss alles gleich bleiben?
Nicht ganz. Denn im Masterplan heißt es unter dem Titel „Der Auftrag an die SAIM“...

"…erfordert hohes Maß an «discontinuity», um Fehler zu vermeiden und bestehende Problematiken zu lösen.
… bedarf einer starken Lenkung und starkem Projektmanagement durch die IT-Abteilung“

Teil des IT-Masterplanes ist deshalb auch ein völliger Umbau der Informatik-Abteilung des Sanitätsbetriebes. Der Bereich soll reorganisiert und zudem 4 oder 5 externe Experten hinzugezogen werden.
Gleichzeitig soll aber auch die SAIM umgebaut werden. So ist im Masterplan vom „Relaunch SAIM – neue/r Geschäftsführer/in“ die Rede.
Auch das dürfte eine Einmaligkeit sein: Der Auftraggeber vergibt nicht nur einen 77-Millionen-Euro-Auftrag an ein Unternehmen, sondern er sorgt auch gleichzeitig für den organisatorischen Umbau und die Stärkung dieses Unternehmens.

Los nach Trient

Paul Köllensperger kann ob dieser Hintergründe nur mehr den Kopf schütteln. Der 5-Sterne-Landtagsabgeordnete, der sich seit Jahren mit dem IT-Missstand im Südtiroler Gesundheitswesen beschäftigt, hat eine ganz andere Lösung parat. „Diese Lösung wäre so nahe und kostenlos verfügbar.“ Köllensperger: „Es wäre naheliegend, einmal bei den benachbarten Regionen mit ähnlichen Dimensionen und Bedürfnissen nachzusehen.“
Sein Vorschlag: In Trient gibt es ein Sanitäts-Informationssystem, das zu den besten in Italien zählt. Seit Jahren bekommen dort Ärzte, Mitarbeiter oder Bürger über einen PC Zugang zu den Informationen des Sanitätsbetriebes: elektronische Gesundheitsakte, online Vormerkung über eine zentrale Vormerkstelle, Ticket Bezahlung, Zugang der Patienten zur Krankenakte über die „Cartella Clinica del Citttadino“ via Internet. Zudem besteht ein direkter Zugang der Basisärzte und der Pädiater zu den Gesundheitsakten der Patienten sowie die Möglichkeit digitaler Rezepte für die Apotheken.
Es ist die Pflicht des Südtiroler Sanitätsbetriebes und des Gesundheits – Assessorats, das kostenlos zur Wiederverwendung zur Verfügung stehende System des Trentino gründlich zu analysieren, bevor auch nur ein Euro für den Ankauf neuer Software Lösungen ausgegeben wird“, sagt Paul Köllensperger.
Weil der Großteil des Trentiner Systems von der öffentlichen Hand entwickelt wurde, könnte das System fast kostenlos übernommen werde. Für jene Bereiche, für die man neue Lösungen suchen muss, fordert Köllensperger eine öffentliche europäische Ausschreibung.

Slide der Masterplan-Präsentation: Trentiner Gratislösung.

Der 5-Sterne-Landtagabgeordnete will demnächst im Südtiroler Landtag einen Beschlussantrag einbringen, in dem er genau das fordert. Es ist eine politische Aktion, die die Verantwortlichen im Gesundheitsbetrieb in arge Verlegenheit bringen könnte.
Denn der jetzt präsentierte IT-Masterplan birgt noch ein weiteres Geheimnis. „Das im Masterplan präsentierte neue IT System ist praktisch eine Fotokopie der Slides, die das Trentiner Pendant beschreiben.
Damit aber wird das Ganze noch obsoleter.

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Maximilian Ben… Wed, 12/09/2015 - 08:45

Und wenn man bedenkt, dass uns das einheitliche Vormerkungssystem als grosser Fortschritt verkauft wurde (was es ja auch waere) und dann gehen bozner Patienten (oder umgekehrt) zu einer Facharztvisite nach Bruneck oder Innichen und der/die Aerztin kann praktisch die Visite nicht durchfuehren, weil er die vergangenen Untersuchungen nicht einsehen kann. Das nur ein glimpfliches Beispiel. An solche Umstaende haben sich die Aerzte des suedtiroler Sanitaetsbetrieb schon gewoehnt.
Ich WILL die SCHULDIGEN genannt wissen!!! Es gibt sie auf mehreren Fuehrungsetagen im Sanitetsbetrieb und im Assessorat.

Wed, 12/09/2015 - 08:45 Permalink
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gorgias Wed, 12/09/2015 - 10:05

Hier ist aufzuwachen! Die Leute sollen sich hier empören wie beim Rentenskandal. Nur weil jene die sich an das bereichern kein Gesicht in der Öffentlichkeit haben, heißt das nicht, dass die Millionen dann auch weg sind.
Die Sanität muss sparen? Warum fangen wir nicht dann bei der unnötigen Verschwendung an?

Wed, 12/09/2015 - 10:05 Permalink
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gorgias Wed, 12/09/2015 - 10:05

Hier ist aufzuwachen! Die Leute sollen sich hier empören wie beim Rentenskandal. Nur weil jene die sich an das bereichern kein Gesicht in der Öffentlichkeit haben, heißt das nicht, dass die Millionen dann auch weg sind.
Die Sanität muss sparen? Warum fangen wir nicht dann bei der unnötigen Verschwendung an?

Wed, 12/09/2015 - 10:05 Permalink
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Ulrich Ladurner Wed, 12/09/2015 - 11:03

auch hier sieht man wieder, dass das neue "system" auch nicht anders ist wie das alte "system". wo bitte wird hier transparent informiert und wo bitte wird hier mit allen gesprochen? nach aussen hin? nach innen? Unter 4 Augen? die Entscheidungsträger des Landes und deren "verwalter" erwecken immer mehr den Anschein dass sie fachlich, strukturell aber auch vor allem auch im Bereich einer professionellen Kommunikation so ziemlich versagen. weiterhin. eigentlich bemitleidenswert. auch hört man viel zu wenig bzw. nichts von der "Partei" des Volkes. allen alles recht machen. funktioniert wohl nicht...mehr.
Aber auch das verwundert nicht. die "Partei" hat einfach andere Probleme.

Wed, 12/09/2015 - 11:03 Permalink
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Heinrich Tischler Wed, 12/09/2015 - 15:30

https://www.youtube.com/watch?v=Ps2CN0aS2mQ
ich kann nur wieder auf dieses Video hinweisen, wo ab Minute 3:30 die Aussage im Jahr 2008 (!) des damaligen Ressortdirektors im Gesundheitswesen kommt, die die bisherige Implementation des KIS als großen Misserfolg bezeichnet. Hat sich seither etwas gebessert? Liebe Verantwortliche des Betriebs, die ihr Präsident, Verwaltungsmitglied oder sonst etwas wart, sagt die Wahrheit zu den Fakten, die in diesem Artikel angeführt sind, oder muss man das erst mühsam wie bei anderen Skandalen ans Tageslicht bringen?
Muss Herr Franceschini nach SELfservice und Bankomat noch ein drittes Buch schreiben?

Wed, 12/09/2015 - 15:30 Permalink
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Roland Kofler Wed, 12/09/2015 - 15:35

Die Medarchiver-Legende ist schon zum informierten Normalbürger durchgedrungen. Primare die sich eine lukrative Beteiligung gesichert haben, Systemverantwortliche die Alpträume davor kriegen. Aerzte die verzweifeln. Ich hoffe Franceschini hat noch die Kraft für ein Buch.

Wed, 12/09/2015 - 15:35 Permalink