Society | Italien

Grantler

Es gibt immer mehr Leute, die grundsätzlich grantig und mufflig sind, auch wenn um sie herum alles klappt. Ein Beispiel.

Ich bin gestern von Istanbul nach Rom geflogen. Neuerdings - es ist das vierte Mal - buche ich Alitalia. Bis dahin hatte ich mich immer für Turkish Airlines entschieden, die im vergangenen Jahr erneut zur besten Airline der Welt gekürt worden war.

Und das zu Recht: hervorragendes Service an Bord, mit Mittagessen a la carte auch in der Economy Class, mit jeder Sorte von Alkohol, die unbeschränkt ausgeschenkt wird und mit einem persönlichen Bildschirm und einem fabelhaften Filmangebot in sieben Sprachen. 

Letzthin hat Turkish Airlines (TYH) etwas nachgelassen. Ich führe das auf die zu schnelle und fortschreitende Expansion hin, die durch die persönliche enge Freundschaft zwischen THY-Chef Temel Cotil und dem türkischen Präsidenten Erdogan begünstigt wurde. Weil aber der Tourismus in der Türkei um 70 Prozent zurückgegangen ist, lassen sich auch bei THY Krisenerscheinungen erkennen.

Die Flüge sind unpünktlich geworden, der Bordservice hat etwas nachgelassen und die Flugpreise sind relativ hoch. Dagegen kostet ein Billet mit Alitalia  weniger als die Hälfte, die Flüge sind (in meinem Fall) sehr pünktlich gewesen und nicht so überfüllt wie jene von THY.  

So auch gestern: pünktliche Ankunft in Fiumicino, ruhiger Flug, freundliches Bordpersonal. Der Ausstieg sehr rasch, nur über die Vordertür.

Am Ende der Flugzeugtreppe warten neuerdings zwei Polizeiautos. Die Ordnungshüter schauen sich von weitem an, wer aussteigt, dann eskortieren sie den Bus bis zur Ankunftshalle. Der Bus öffnet, immer unter den wachsamen Augen der Polizei, nur die Mitteltür, um die Passagiere durch einen Sicherheitskorridor durchzuschleusen.

Der Grund: der Flug Istanbul-Rom wird von vielen Nordafrikanern benutzt, um illegal nach Italien einzureisen. Mehrmals flüchteten die illegalen Einwanderer zu Fuss , sofort, nachdem sie das Flugzeug verlassen hatten. Sie rannten so schnell, dass ihnen die Flucht gelang.

Auf der Rückreise nach Istanbul öffnete ein ausgewiesener Algerier die Sicherheitstür, während das Flugzeug für den Take off beschleunigte.

Die Kontrollen sind also verständlich und gerechtfertigt. 

Trotzdem, zahlreiche Unmutsäusserungen, nach dem Motto:  embè, siamo in Italia, che cavolata questi controlli...

Dieselben Personen haben gewöhnlich nichts dagegen einzuwenden, dass sie eine halbe Stunde lang bei der Einreise in die Türkei vor der Pass-Kontrolle warten müssen. Denn im Ausland , vor allem wenn es exotisch oder orientalisch ist, wird für alles Verständnis ausgebracht.

Am Ende des Korridors in Fiumicino warten mehrere Polizeibeamte, um Pass-Stichprobenkontrollen durchführen: immerhin kam unser Flugzeug aus der Türkei,  also aus einem Land ausserhalb Schengens und mit einem zweifelhaften Ruf, was die Bekämpfung der IS-Terroristen betrifft.

Dann die eigentliche Passkontrolle, beschleunigt durch drei Flughafenbeamte, die Passagiere den jeweiligen Schaltern zuteilen.

Alles in einer Rekordzeit von knapp 10 Minuten seit Verlassen des Flugzeugs. Und trotzdem: "so eine Schikane, das ist typisch italienisch, was sollen denn diese Kontrollen...", so der Kommentar einer Gruppe besonders schlechtgelaunter, inländischer, männlicher Passagiere.

Diese Gruppe fiel schon im Flugzeug auf, weil die Männer schwarze Stirnbänder trugen. Sie gehören keiner Sekte und auch keiner speziellen King Fu Kampfgruppe an, sondern: sie haben  in Istanbul eine Haartransplantation vorgenommen. Die Türkei ist bekannt für diesen chirurgischen Eingriff, deshalb  die vielen Haar-Touristen, die in Istanbul allgemein an diesem Stirnband erkannt werden. 

Einer dieser chirurgisch verschönten Männer hörte nicht mehr auf zu maulen und zu protestieren. Bis ein anderer, junger Passagier sagte: dem haben sie wohl bei der Haartransplantation auch das Gehirn herausoperiert...wir müssen doch froh sein, dass endlich gründlich kontrolliert wird.

Das Gepäck war bereits am Fliessband, als ich dort ankam. Totale Rekordzeit! Nicht einmal eine Viertelstunde nach der Landung! Alles perfekt, also. Aber warum? Hat es damit zu tun, dass die jahrzehntelang als "carrozzone" verrufene Alitalia jetzt mit Etihad fusioniert hat, der grossen Fluggesellschaft aus den Vereinigten Emiraten? Ich weiss es nicht. Aber ich hätte nie geglaubt, dass ich das erleben kann: Alitalia pünktlich und die Flughafenverwaltung von Fiumicino: effizient. 

Noch etwas hat mich besonders sanft gestimmt, was den Flughafen Fiumicino betrifft: neben dem Gepäcksband Nummer zehn in der Ankunftshalle des T3 steht ein FLÜGEL! Vor drei Wochen, als ich dort mein Gepäck abholte, spielte ein sogenannter "Rucksack-Tourist" ein wunderbares Klavierstück, während er auf seinen Koffer wartete. Das Klavier steht allen Reisenden zur Verfügung, die sich die Zeit mit Musizieren verkürzen wollen. 

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ohne mit Sat, 03/12/2016 - 21:02

Schon interessant, zu sehen, wie Frau Brugger immer mehr zur law and order Dame wird, in all seinen Facetten. Über die Zeit wandel(te)n sich ihre Artikel von interessant zu amüsant, und ich zähle schon die Istanbul-Rom-Istanbul-Flüge bis Orwells Alpträume als Oktavias Wunschwelten vermittelt werden.

Sat, 03/12/2016 - 21:02 Permalink
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gorgias Sat, 03/12/2016 - 22:17

In reply to by ohne mit

Ein Staat der an seinen Grenzen so effektiv kontrolliert, dass man diese nicht umgehen kann, hat für Sie etwas mit Law and Order Mentalität zu tun? Was ist das für eine bescheuerte Einstellung? Aber darüber dürfen Sie wohl nicht nachdenken wahrscheinlich weil Sie selbst Orwellsche Alpträume haben, weil Sie Angst haben Sie begehen in Ihrer Political Correctness Ideologie einen Gedankendelikt.

Sat, 03/12/2016 - 22:17 Permalink
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ferdinand tessadri Sun, 03/13/2016 - 18:06

Interessanter Bericht, der mich auch estaunt hat, nach vielen negativen
Erfahrungen mit Alitalia. Ich wundere mich auch immer über Leute die alles
kritisieren und negativ finden. Wie kann man so leben ? Im permanenten Hass auf alles mögliche,und dem Frust wenn rein gar nichts so wird wie man es sich vorstellt ?

Sun, 03/13/2016 - 18:06 Permalink