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„Lehrkräfte auf sich gestellt“

Stefan Raffeiner, der Entwickler des digitalen Registers in Südtirol, bleibt dem Bildungsmarkt treu: Mit der App Teachino will er die Unterrichtsplanung unterstützen.
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Foto: Teachino
salto.bz: Herr Raffeiner, wie ist die Idee für Teachino entstanden?
 
Stefan Raffeiner: Ich arbeite seit zehn Jahren in der Softwareentwicklung für Schulen und hatte so die Gelegenheit viele Schulen in Südtirol, Österreich, Deutschland und im europäischen Raum zu besuchen. So lernte ich, wie Lehrkräfte arbeiten und wo es noch Unterstützung braucht. Durch viele Gespräche mit Schulen entstand dann diese vage Idee, die mit der Gründung des Unternehmens im April immer konkreter geworden ist.
 
Wieso brauchen Lehrkräfte eine App wie Teachino?
 
Der Prozess der Unterrichtsvorbereitung funktioniert sehr oft noch ident, wie er vor 20, 30 Jahren funktioniert hat. In dem Sinne, wie plane ich mein Schuljahr, meine nächste Schulwoche und was mache ich morgen in der ersten Stunde mit der 1A. Ich muss mir überlegen, welche Materialien und Inhalte ich verwende und wie das Ganze mit dem Lehrplan zusammenpasst.
Die Lehrkräfte sind ziemlich auf sich alleine gestellt, da es für die Vorbereitung keine Unterstützung gibt. Parallel wird aber das Umfeld komplexer und es wird wichtiger, dass die Lehrkräfte den Unterricht für einzelne Schüler:innen individualisieren und sich an die Entwicklung von Kompetenzen und neuen Lehrplänen orientieren. Dadurch wird auch das Planen komplexer und viele versuchen mit anderen Lehrkräften zusammenzuarbeiten. In diesem Prozess können Planer aus Papier und Word-Dateien nicht mehr mithalten. Deshalb können wir mit einer Software-Lösung einen großen Mehrwert schaffen.
 
 
Wie ist Ihr Team aufgestellt?
 
Wir sind zu acht, davon sind vier Lehrkräfte, eine Designerin und wir drei Softwareentwickler. Mit den Lehrkräften habe ich bereits vor mittlerweile zehn Jahren bei der Einführung des digitalen Registers in Südtirol zusammengearbeitet. So haben wir sehr praxisnahes Know-how, um Lehrkräfte mit der App unterstützen zu können. Da wir so klein sind, hilft jeder überall mit und es gibt keine klar abgegrenzten Aufgabenbereiche. Wem es Spaß macht, verschiedene Aufgabenbereiche kennenzulernen, hat bei einem Startup einen genialen Arbeitsplatz. Aktuell suchen wir Verstärkung im Marketing und Vertrieb.
 
Wie wird die App aufgebaut sein?
 
Sie besteht aus zwei Komponenten. Bei der ersten Komponente kann ich in einem groben Raster meine Jahresplanung eingeben. Basierend auf diesem Raster kann ich jede einzelne Schulstunde und Schulwoche mit der Maus oder dem Finger auf dem Tablet hin- und herziehen. So erhalte ich einen Überblick, welche Inhalte ich bereits behandelt habe, welche noch anstehen und welche ich noch zusätzlich behandeln könnte. Es ist eine Art Mischung aus Kalender und To-do-Liste.
Im Idealfall erhalten die Schüler:innen so auch einen besseren Unterricht.
Wird die App auch Unterrichtsinhalte anbieten?
 
Nein, aber die Lehrkräfte können über die App bei der Unterrichtsvorbereitung zusammenarbeiten. Beispielsweise können sich die Deutschlehrkräfte gemeinsam überlegen, wie sie den Deutschunterricht an der gesamten Schule strukturieren und Materialien austauschen. Damit wächst der Pool an Inhalten und Plänen immer mehr und in den nächsten Schuljahren kann darauf zurückgegriffen werden. Im ersten Schuljahr fange ich sozusagen von Null an, aber in jedem weiteren Schuljahr kann ich auf das zugreifen, was ich schon in der App habe.
 
 
Könnte es Widerstände von Lehrpersonen geben, die nicht wollen, dass jeder in ihren Lehrplan Einsicht nehmen kann?
 
In der App kann jede Person selbst entscheiden, was andere Personen sehen dürfen. Wenn ich für mich privat arbeiten möchte, kann ich es so einstellen, dass es niemand anderes sieht. Es ist sehr wichtig, dass nicht jeder standardmäßig alles von allen sieht. Denn dann kommt genau der Einwand, den Sie erwähnen.
Das Wichtigste dabei ist, sich ein Netzwerk an Personen aufzubauen, die man gut kennt und durch die man weitere Kontakte knüpfen kann.
Auf den Punkt gebracht, hilft die App den Lehrkräften…?
 
Die App unterstützt Lehrkräfte dabei, ihre Unterrichtsvorbereitung einfacher und mit weniger Zeitaufwand zu gestalten. Im Idealfall erhalten die Schüler:innen so auch einen besseren Unterricht.
 
Ihr Startup hat ein Investitionsvolumen von einer Million Euro über eine Pree-Seed-Finanzierungsrunde erhalten. Wie erklären Sie Außenstehenden diesen Prozess?
 
Wir haben im April in Wien, unserem Firmenstandort, eine GmbH gegründet, Ideen entwickelt und begonnen, erste Leute ins Team zu holen. Um diesen Leuten ein Gehalt bezahlen zu können, brauche ich finanzielle Mittel, die ich in dieser frühen Phase von keiner Bank bekommen würde. Denn es ist noch ein sehr riskantes Unterfangen ist, was wir vorhaben. Als Alternative zur Bank gibt es Investoren, die ihr Geld gegen Anteile des Unternehmens tauschen. Wenn das Unternehmen zu einem späteren Zeitpunkt Gewinne abwirft oder es gekauft wird, profitieren die Investoren davon. Als Pree-Seed bezeichnet man die allererste Phase im Unternehmen, in der noch kein Produkt auf dem Markt ist und ein kleines Team Ideen entwickelt und beginnt, sie umzusetzen.
 
Wie können Investoren gefunden werden?
 
In meinem konkreten Fall habe ich versucht, Unternehmen und Privatpersonen anzusprechen, die bereits in Startups investiert und Erfahrung im Bildungsbereich oder im Aufbau von Unternehmen haben. Mir war wichtig, dass sie nicht nur Geld einbringen, sondern auch wissen wovon sie reden und mir unterstützend zur Seite stehen können. Das Wichtigste dabei ist, sich ein Netzwerk an Personen aufzubauen, die man gut kennt und durch die man weitere Kontakte knüpfen kann. Essentiell ist dabei auch, das Unternehmen gut zu präsentieren und eine Vision zu haben, wie es langfristig ein großes und tolles Unternehmen werden kann. Wenn man es gut macht und überzeugen kann, erhält man Angebote von mehreren Beteiligten. Da bei den Verhandlungen für die Finanzierung mehrere am Tisch sitzen, ist es dann die nächste Herausforderung, alle Beteiligten auf einen Nenner zu bringen.
 
 
Haben Sie das schon hinter sich?
 
Ja, nach den Verhandlungen wird ein Vertrag unterschrieben und das Geld überwiesen. Damit können Gehälter gezahlt und Marketingausgaben gedeckt werden.
 
Wie finanzierte sich Ihr Startup vor der Finanzierungsrunde?
 
Davor streckte ich privat Geld vor und konnte deshalb nicht so viele Leute aufnehmen. Denn ein so großes Risiko kann ich nicht alleine eingehen.
 
Aus welchem geografischen Raum kommen die Investoren?
 
Die Investoren kommen aus Südtirol, Österreich und Deutschland. Federführend war hier das TBA Network, eine Südtiroler Vereinigung mehrerer Unternehmen für die Investition in Startups. Ein großer Anteil der Investitionssumme kommt aus Südtirol.  
Dadurch gibt es in Wien viel mehr Erfahrungsaustausch und mehr potentielle Mitarbeiter:innen mit Arbeitserfahrung in Startups.
In welcher Form unterstützen die Südtiroler Investoren Sie?
 
Aktuell arbeiten wir vor allem beim Thema Recruiting zusammen. Das Netzwerk rund um TBA Network, speziell Geschäftsführerin Eva Ogriseg, unterstützt mich bei der Wahl geeigneter Kandidat:innen und ist Sparring Partnerin in strategischen Fragen.
 
Wie unterscheidet sich die Startup-Szene in Südtirol von der in Wien?
 
Wien hat ein viel größeres Einzugsgebiet mit mehreren Millionen Menschen und aus diesem Effekt heraus viel mehr Möglichkeiten. In Südtirol hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig viel Positives entwickelt. Obwohl im Vergleich sehr wenig Menschen in Südtirol leben, sind wir international gut vernetzt. Noch fehlen uns hier aber die Startups, die es schon einige Phasen weiter geschafft haben und deren Gründer:innen dann vielleicht selbst in neue Startups investieren. Dadurch gibt es in Wien viel mehr Erfahrungsaustausch und mehr potentielle Mitarbeiter:innen mit Arbeitserfahrung in Startups.
 
Was sind die nächsten Schritte, um die App auf den Markt zu bringen?
 
Im September werden 30 Schulen anfangen, Teachino zu verwenden. Da wir noch in dieser frühen Phase sind, haben wir so die Möglichkeit herauszufinden, ob die App das ist, was die Lehrkräfte brauchen. Wir werden viele Gespräche mit ihnen führen, um unser Produkt zu verbessern. Im Moment arbeiten wir lieber mit weniger Schulen, bis wir wissen, dass es wirklich gut funktioniert. Deshalb können sich interessierte Schulen für eine Warteliste anmelden. Die ersten 30 Schulen erhalten ab September den Zugang für unsere App, die übrigen werden dann in den nächsten Monaten freigeschalten. Unser Ziel ist es, die App auf den deutschsprachigen und in einem nächsten Schritt auch auf den europäischen Markt zu bringen.
Aber es ist Fakt, dass Lehrkräfte viel privates Geld für Arbeitsmaterial ausgeben.
Wie sieht das Geschäftsmodell von Teachino aus?
 
Für das Programm fallen regelmäßige Nutzungsgebühren an, das wir in zwei Versionen anbieten werden. Zum einen als Version für einzelne Lehrkräfte und zum anderen als Version für Schulen, die es ihren Lehrkräften zur Verfügung stellen.
 
 
Müssen die einzelnen Lehrkräfte es aus eigener Tasche bezahlen?
 
Genau. Es gibt viele Inhalte und Produkte am Bildungsmarkt, die Lehrkräfte aus eigener Tasche bezahlen, weil es die einzige Möglichkeit ist. Aus gesellschaftlicher Sicht wäre es viel besser, wenn Lehrkräfte von der Schule finanziell unterstützt werden, damit sie es eben nicht selbst bezahlen müssen. Aber es ist Fakt, dass Lehrkräfte viel privates Geld für Arbeitsmaterial ausgeben. 
 
Wie verlief Ihre bisherige berufliche Laufbahn?
 
Ich bin Informatiker und habe einige Jahre programmiert. In den letzten Jahren arbeitete ich als Produktmanager und letzthin als Geschäftsführer der Untis mit über 100 Mitarbeiter:innen. Untis ist im gleichen Markt tätig wie Teachino, aber mit anderen Produkten. Deshalb war mein Abschied ein fließender Übergang und die beiden Unternehmen werden in Zukunft zusammenarbeiten.
 
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Elisabeth Garber Sun, 08/14/2022 - 09:16

"In der App kann jede Person selbst entscheiden, was andere Personen sehen dürfen."
Ja, das wäre schon gut.
Kein Wunder, dass es immer mehr Lehrpersonen gibt, die dem Beruf aus Überzeugung den Rücken kehren. Gut gemeint, ist nicht immer gut getroffen, das sollte einmal klipp und klar gesagt werden. Von Jahr zu Jahr (!) wird der digitale Hype, verbunden mit rein computerabhängiger Bürokratie, grösser, unübersichtlicher u. vor allem stressiger! Auf diese "Verbesserungen" (verkauft als Hilfsmittel u. Beschleuniger) haben nur wenige "Bock" und trotzdem werden laufend tollkühnere Anwendungen im digitalen Register (u.a.) entwickelt. Nun eine neue APP = Anwendung also, mit der die Lämmer alias die Lehrer beglückt werden.
PS: Viel Spaß noch beim Weiterentwickeln der APP. Wie wär's mit einem Teaching-Chip als Hirn-Implantat? Dann wär's endgültig vollbracht! (Sarkasmus Ende)

Sun, 08/14/2022 - 09:16 Permalink
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△rtim post Mon, 08/15/2022 - 09:57

Man stelle sich vor, man hätte im Coronajahr 2020 noch das Register in Papierform gehabt, das nur in der Schule aufbewahrt werden durfte.
Dank an Raffeiner und das ganze Team auch für diese längst überfällige Weiterentwicklung, das bessere und gute fächerübergreifende Planung ermöglicht.

Mon, 08/15/2022 - 09:57 Permalink