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Tatort Schule

Könnte sich Südtirol an einem dänisch-deutschen Modell was abschauen – um in Sachen Schule und in Vorwahlzeiten nicht immer in denselben sauren Apfel zu beißen?
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Foto: ap-moller-skolen
„Dänemark oder Südtirol?“ nennt sich der Titel einer kleinen Recherche über die Apfelsorte Gravensteiner, die ich vor einigen Jahren für ein Reisebuch geschrieben habe. Es geht darin um den seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Dänemark und Norddeutschland bekannten Apfel und ist womöglich in einem direkten Zusammenhang mit dem dänischen Schloss Gravenstein zu sehen, das nur 30 Fahrkilometer von der deutsch-dänischen Grenze entfernt liegt. Es gibt aber auch eine Theorie, dass der Gravensteiner einst aus Südtirol kommend erst zu einem späteren Zeitpunkt nach Dänemark importiert wurde. Ob die Apfelsorte – die sich übrigens ausgezeichnet für Strudel und Schnapsbrennerei eignet – aus Dänemark, aus Südtirol oder gar aus dem dänisch-deutschen Grenzgebiet Schleswig-Holstein stammt, ist eigentlich egal: Hauptsache, es gibt sie noch. Was Südtirol mit dieser Gegend noch verbindet, ist die Zweisprachigkeit. In Schleswig gibt es seit mittlerweile 15 Jahren mit der A.P. Møller Skolen eine Schule für die dänische Minderheit in Deutschland, die sich seit Beginn als Zukunftsmodell für Minderheitengebiete etablieren konnte. SALTO hat beim langjährigen Direktor der Schule Jørgen Kühl nachgefragt.
 
SALTO: Herr Kühl, wie funktioniert die Mehrsprachigkeit bzw. der mehrsprachige Unterricht an der Møller Skolen in Schleswig? 
 
Jørgen Kühl: Unterrichtssprache und Referenzsprache im Fremdsprachenunterricht ist in allen Fächern Dänisch. Nur im Fach Deutsch wird auf Deutsch unterrichtet. Die allermeisten Schüler*innen – schätzungsweise mehr als 90 Prozent – sprechen jedoch zu Hause primär Deutsch, sodass Mehrsprachigkeit im Alltag gegeben ist. In den Pausen sprechen die meisten ebenfalls Deutsch. Alle Schüler*innen sind funktional zweisprachig, ein mehrsprachiger Unterricht erfolgt nicht.
 
Wer hat das Recht, die Schule zu besuchen? Nur Mitglieder der dänischen Minderheit? 
 
Die Schule gilt als „öffentliche Schule für die dänische Minderheit“. So können alle Schüler*innen aufgenommen werden, die Angehörige der Minderheit sind, im Schulbezirk leben und die Aufnahmevoraussetzungen für die gymnasiale Oberstufe erfüllen. Angehörige der Minderheit definieren sich im Schulkontext dadurch, dass die Eltern bei der Aufnahme ihrer Kinder in eine dänische Kindertagesstätte bzw. Grundschule nach Gesprächen mit den jeweiligen Leitungen – dabei wird der dänische Charakter der Kita bzw. Schule erklärt – einen Aufnahmeantrag für die Mitgliedschaft im Dansk Skoleforening for Sydslesvig e.V. unterschreiben. Dieser ist der Schulträger der 40 dänischen Schulen und 55 Kitas. Durch die Mitgliedschaft wählen die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten die Zugehörigkeit zur dänischen Minderheit für sich und ihr Kind und bekennen sich zur dänischen Minderheit. Alle Schüler*innen an der Schule A.P. Møller Skolen haben zuvor eine dänische Grund- bzw. Gemeinschaftsschule besucht und über 90 Prozent eine dänische Kita. Da die Unterrichtssprache Dänisch ist, sind Wechsel von öffentlichen Schulen – außer wenn es sich um dänischsprachige Familien handelt – in der Regel ausgeschlossen.
 
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Schulleiter Jørgen Kühl: „In meiner Zeit als Direktor habe ich mehrfach versucht zu untersuchen, ob der Bedarf an Friesischunterricht gegeben ist, was nie der Fall war.“
 
 
Wie geht diese dänische Schule in Deutschland mit Schüler*innen um, die Migrationshintergrund haben? 
 
Es gibt nur einen kleinen Anteil von Schüler*innen mit Migrationshintergrund. Meist handelt es sich dabei um Kinder von zugezogenen Dänen aus Dänemark. Sie haben, sofern sie nicht seit der Grundschule auf eine Schule des Dansk Skoleforening for Sydslesvig gegangen sind und sich dort Deutschkenntnisse angeeignet haben, manchmal den Bedarf an zusätzlichen Deutschstunden. Schüler*innen mit Migrationshintergrund aus anderen Ländern sind ebenfalls in sehr geringer Zahl vertreten – sie machen ein bis zwei Prozent aus –, sind aber bereits sprachlich-kulturell durch den Besuch dänischer Grundschulen integriert worden.
 
Welche Rolle spielt die Minderheitensprache Friesisch im Unterricht? 
 
Da der Schulbezirk für die gymnasiale Oberstufe auch den südlichen Teil Nordfrieslands umfasst, gibt es auch Angehörige der friesischen Minderheit an der Schule. In meiner Zeit als Direktor habe ich mehrfach versucht zu untersuchen, ob der Bedarf an Friesischunterricht gegeben ist, was nie der Fall war. 2015 hatte lediglich eine Familie daran Interesse; dabei handelte es sich jedoch um Dänen aus Dänemark, die in Nordfriesland sesshaft waren. Ich habe in meiner Zeit bewusst eine Gymnasiallehrerin eingestellt, die Angehörige der friesischen Minderheit ist und Friesisch spricht, um Friesischunterricht bei Bedarf anbieten zu können. Leider war dem nicht so, obgleich ein Teil der Schüler*innen Vorkenntnisse aus dem Friesischunterricht an dänischen Grundschulen in Nordfriesland hatte.
 
Ist die A. P. Møller-Skolen eine private Schule? 
 
Rechtlich gesehen ist sie eine staatlich anerkannte Ersatzschule und somit eine Privatschule. Allerdings wird kein Schulgeld von den Eltern gezahlt, da es eine Minderheitenschule ist, die in ihrer Bedeutung die öffentliche Schule für die dänische Minderheit ist. Die Differenz zwischen den Schülerkostensätzen des Landes Schleswig-Holstein, die an den Dansk Skoleforening for Sydslesvig gezahlt werden, und den tatsächlichen Unkosten wird durch großzügige Bezuschussung durch Dänemark gedeckt. Dies erfolgt im Rahmen des 2010 in Dänemark beschlossenen Südschleswig-Gesetzes, das die Bezuschussung unter anderem für dänischen Unterricht innerhalb der dänischen Minderheit reguliert.
 
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Es gibt aber auch eine Theorie, dass der Gravensteiner einst aus Südtirol kommend erst zu einem späteren Zeitpunkt nach Dänemark importiert wurde.
 
Wie hebt sich die Schule vom System der ansonsten landesweiten Schulen in Schleswig-Holstein ab?
 
An den dänischen Schulen werden schleswig-holsteinische und dänische Ansprüche erfüllt. Das heißt, dass die Abgangszeugnisse und Examina schleswig-holsteinisch und somit in ganz Deutschland, zudem aber auch in Dänemark vollends anerkannt sind und Zugang zu Studium wie entsprechende Examina in Dänemark ermöglichen.
An den dänischen Schulen werden die obligatorischen Fächer Deutsch und Dänisch auf muttersprachlicher Ebene unterrichtet. Die Abiturprüfungen im Fach Deutsch sind Bestandteil des bundesweiten Zentralabiturs. Somit müssen die Schüler*innen denselben Ansprüchen genügen wie alle anderen Schüler*innen in der Bundesrepublik Deutschland. Zudem sind die Abiturprüfungen im Fach Dänisch im Inhalt und Anspruch identisch mit den Prüfungen in Dänemark, wo Dänisch als Muttersprache geprüft wird. Es bestehen vielfältige Kontakte zu Schulen in Dänemark, zu Universitäten und Hochschulen, rund zwei Drittel der Abiturient*innen setzen ihren Bildungsweg in Dänemark fort.
 
Tatort Schule. Die Schule war auch einmal Kulisse für einen Krimi der bekannten Reihe „Tatort“…
 
Ja, das war 2012, da wurde gedreht. Am 12. Mai 2013 wurde die Folge dann erstmals im ARD ausgestrahlt. Der Fernsehfilm nannte sich „Borowski und der brennende Mann“. Es war der 21. Fall des Kieler Ermittlers Klaus Borowski, gespielt von Axel Milberg.
 
Martin Hanni ist leitender Kulturredakteur von SALTO.

 

 

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Sigrid Florian Wed, 06/14/2023 - 21:22

Wirklich interessant mal was ganz anderes zu lesen, so ginge es nämlich auch. Mal das Haupt über den Tellerrand heben und etwas Neues wagen, dann schmeckt der Südtiroler Apfel gar nicht mehr so sauer.

Wed, 06/14/2023 - 21:22 Permalink
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Stefan S Wed, 06/14/2023 - 22:13

In reply to by Sigrid Florian

Sehe ich auch so wobei eines der entscheidenden Gründe für das funktionieren ist
"tatsächlichen Unkosten wird durch großzügige Bezuschussung durch Dänemark gedeckt."
und das ewige rum "klönen" (schwafeln) oder einfacher
"Wat mutt dat mutt"
oder ganz legendär
"Budder bei die Fische"
Uf Schwäbisch,
"macha net schwätza"
Um so nördlicher umso weniger palavern

Wed, 06/14/2023 - 22:13 Permalink
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Simonetta Lucchi Thu, 06/15/2023 - 07:27

Si tratta di una scuola privata con sovvenzioni statali, fra il resto di gran parte danese (come se da noi le scuole fossero sovvenzionate dall'Austria e non dall'Italia) , pertanto una situazione di base diversa dalla nostra ma simile a molte scuole in aree di confine in Europa. Il modello scandinavo che è molto interessante e presente nelle scuole danesi non mi sembra venga applicato ma personalmente lo trovo molto valido. Non capisco cosa si intende con "livello madrelingua", cioè se vengono richiesti o rilasciati patentini o certificati linguistici C1 o C2, e importante sarebbe capire come avviene l'arruolamento del personale. Come in tutte le aree di confine la dichiarazione di appartenenza etnica è su base volontaria ma questo normalmente non determina l'ammissione o meno alle scuole. La minoranza frisona in effetti non credo goda di riconoscimenti particolari.

Thu, 06/15/2023 - 07:27 Permalink
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Stefan S Thu, 06/15/2023 - 09:20

In reply to by Simonetta Lucchi

Es ist interessant die Grenzregion en zu vergleichen aber man sollte unbedingt beachten das die Voraussetzungen in den jeweiligen Region sehr unterschiedlich sind und dadurch es einfach nicht möglich ist z. B. ein gutes Schulmodell einfach zu übernehmen weil die gesetzlichen Grundlagen zu stark von einander abweichen und nicht einfach angepasst werden können.

Thu, 06/15/2023 - 09:20 Permalink