Culture | Salto Afternoon

Komplexer Komplize

Felix Gasbarra war "Unter-Mieter" bei Landeshauptmann Silvius Magnago. Was er sonst noch so machte hat sein Sohn Gabriel Heim in einem Buch zusammengetragen.
Gasbarra in Bozen
Foto: Archiv Gabriel Heim

„Die ganze Vergangenheit zu revidieren ist unsere Aufgabe. Nicht durch eine intellektuelle Kritik, sondern indem wir das Anderssein leben.“ Diese Sentenz des Aufbruchs brachten die jungen und in Berlin wohnhaften Künstler und Künstlerinnen Stanislaw Kubicki, Otto Freundlich, Tristan Remy, Hermann F. A. Westphal, Franz Joseph Esser, Ludwig Hilberseimer und Hedwig Mankiewitz wenige Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs in ihrem Schaffen zum Ausdruck und in ihrem "2. Manifest der Kommune" (1922) zu Papier. Mitunterzeichnet wurde das revolutionäre Schreiben auch von der Künstlerin Doris Homann und von ihrem späteren Gatten Felix Gasbarra. Die Gruppe, der sie sich lose verbunden fühlten, hatte sich zwar den Namen Die Kommune gegeben, nahm sich aber, wie sie am Ende des Schreibens festhalten, „diese Bezeichnung wieder von der Stirn“, mit der Schlussfolgerung: „Diese Gruppe besteht nicht mehr“, denn die Gruppe bestünde auch ohne Namen, über die Verbundenheit ihrer Mitglieder. Das Verschwinden im eigenen Namen wird bald darauf auch zum Markenzeichen von Felix Gasbarra (1895-1985). Er publiziert viel, und gerne anonymisiert er seinen Namen, bleibt lieber im Hintergrund. Er agiert und agitiert vorzugsweise aus der zweiten Reihe, gut behütet aus (s)einem Versteck. Mit seiner Frau Doris Homann begibt sich der in Rom geborene Gasbarra in diesen Jahren auch auf Italienreise, die beiden machen dabei u.a. in Bozen Halt. „Ja, hier möchte ich wohnen, das wäre der Platz, wo ich mein Leben beschließen möchte“, erinnert Homann an einen frühen Gasbarra-Sager dieser Jahre und an diese Reise. Rund zweieinhalb Jahrzehnte später, also kurz nach dem 2. Weltkrieg, setzten Felix und Doris ihr Vorhaben in die Tat um. Es hieß für sie: Welcome to Bolzano!
 

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Satirisches Puppenspiel: Der Schauplatz der „Preussischen Walpurgisnacht" (1922) ist der „Victoriapark" auf dem Kreuzberg in Berlin. Das Cover zum Buch stammt von John Heartfield. Verleger ist Heartfields Bruder Wieland Herzfelde

 

Nun gute Nacht! Dann nah'n schon drei Gestalten!
Ich würde sie für Journalisten halten.
Weiß Gott! Denn wo ein Höllentanz begann,
da fingen immer Journalisten an!
[aus: Preussische Walpurgisnacht]


Eine wirre Odyssee war es gewesen, die Felix Gasbarra nach Bozen gespült hatte. Er holte Frau und Töchter nach und bezog das alte Schloss Kampenn, in den Ausläufern des Bozner Talkessels. Zunächst arbeitete Gasbarra als Soldat der britischen Armee, die ihn als Zensor der Printmedien in Bozen einsetzte. Nachdem dieses Mandat abgelaufen war, fand er einige Jahre (notgedrungen) eine Anstellung beim Tagblatt Dolomiten, bis sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in die Quere kommen. Gasbarras Frau Doris Homann, die Malerin mit dem Kürzel DH, wollte hingegen in Bozen als Künstlerin Fuß fassen und wagte einen Neustart, malte wieder und stellte aus, einmal sogar im Rahmen einer großen Schau des Südtiroler Künstlerbundes im Stadtmuseum. Doch die Untreue ihres Gatten veranlasste Homann einen Schlussstrich zu ziehen. Mit den Kindern schiffte sie nach Südamerika, um dort ein neues Leben zu beginnen. Gasbarra blieb auf der Burg und zeugte mit der Journalistin Ilse Winter und der Autorin Elly Peemöller noch zwei Buben, die beide seinen Namen Felix als zweiten Vornamen weitertragen werden. Der ältere der beiden, Gabriel (Felix) Heim, machte sich um 2010 auf die Suche nach seinem Vater, besuchte die Burg Kampenn und Gasbarras Grab am städtischen Friedhof. 
 

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Gabriel Heim: Geboren 1950 in Zürich, Studium an der Münchner Filmhochschule, Autor, Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen, Reportagen und preisgekrönten Programmen für die ARD und das Schweizer Fernsehen. Programmleiter beim WDR-Fernsehen, dann Fernsehdirektor des neu gegründeten Rundfunks Berlin Brandenburg. Das Buch über seine Mutter Ilse Winter "Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus. Eine Mutterliebe in Briefen" erschien vor 10 Jahren. Nun legt Heim mit dem Vaterbuch nach. / Foto: Alfred Tschager


Fast zeitgleich zu Heims ersten Recherchen zu seinem Vater in Bozen, lag am Tisch des Edition Raetia-Verlagshauses ein Manuskript des Berliner Autors Klaus Täubert zu Felix Gasbarra, welches nur darauf wartete veröffentlicht zu werden. Täubert, 1940 in Breslau geboren, hat sich durch zahlreiche Arbeiten zur Literatur des antifaschistischen Exils, sowie zu Klaus Mann einen Namen gemacht. Während mehrerer Südtirol-Urlaube hatte Täubert recherchiert und fand unzählige Mosaiksteine im Leben des deutsch-italienischen Chamäleons Gasbarra. Am 9. April 2012 schrieb ihm jedoch Thomas Kager, Verlagsleiter bei Raetia: „Ich muss den Titel leider vom Herbstprogramm nehmen, was eine Aufschiebung bedeutet, aber keine Aufhebung.“ Inzwischen hatte nämlich Gasbarras Sohn Gabriel das Manuskript studiert, fand einige Lücken und falsche Fährten, aber letztendlich auch eine durchaus ergiebige Sammlung an Dokumenten und Zeitungsschnipseln, die vor allem Gasbarras Wirken während der Jahre der Weimarer Republik penibel dokumentieren, etwa seine vielen Theaterarbeiten an der Seite von Erwin Piscator, die politische Agitation, sowie seine hervorragenden Hörspielproduktionen. Versandete also zunächst ein Gasbarra-Buch bei Raetia, kommt Gasbarra nun, publiziert als Vatersuche auf zwei Kontinenten, in die Buchläden. Verfasst von Gabriel Heim.
 

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Getrennt vereint: Das letzte Familienbild. Tochter Claudia, Felix Gasbarra und Doris Homann 1948 in Bozen. / Archiv: Claudia Junge


Für sein Vaterbuch nahm Gabriel Heim Kontakt zu seinen Halb-Schwestern in Südamerika auf und fand dort in einer Schiffskiste allerhand Material zu seinem Vater. Auch viele Briefe aus Bozen, vor allem aber ein wertvolles Romanmanuskript von Gasbarras Frau kam ans Tageslicht. Es trägt den Titel Die Quelle. Motiviert durch eine Förderung für die Vorproduktion zu einem Filmprojekt reiste Heim samt Kamera und Tochter zu seinen Verwandten nach Brasilien. Sie kehren mit dokumentarischem Filmmaterial zurück und bringen auch große Teile von Homanns persönlichem Zeitroman. Auszüge dazu sind als Original-Quelle in Heims Vaterbuch nachzulesen, das am 15. September in Lana vorgestellt wird und auch über diesen weiblichen Blickwinkel der Gattin, den Spot auf den selbsternannten Dr. Gasbarra richtet, der mit seinen ausgezeichneten Kenntnissen zu Inszenierung und Theatralisierung von Politik – einem modernen Spindoctor ähnlich –, auf mehreren Bühnen zwischen Rom und Berlin (und später in Bozen) agierte. Als mehrsprachiger Medien- und Propagandamann, stand er politisch mal da (Kommunist), mal dort (Faschist) und am Ende seines Lebens alleine im Abseits. Fast alleine. Nachdem der politisch versierte Journalist und Autor aus arbeitstechnischen Gründen nicht immer den beschwerlichen Weg von Bozen nach Schloss Kampenn antreten wollte, nahm er sich (vor allem in den Wintermonaten) ein Zimmer im Zentrum der Landeshauptstadt. Unter anderem auch bei den Magnagos, in der Runkelsteiner Straße. Hat Gasbarra auch Magnago politsch gebrieft? Die SVP-Historiker geben sich zurückhaltend oder äußern sich überhaupt nicht. Auch für die Messe Bozen – sie feiert gerade ihren 75er mit großem Glanz aber ohne Gasbarra – war der kompetente Journalist mit seiner Erfahrung an den Schalthebeln der Macht einer der Männer der ersten Stunde. Wer weiß was von seinem Zutun? Niemand.
 

Das neue Zimmer, das ich der Vermittlung von Frau Magnago verdanke und in der Nähe meines alten Zimmers bei Toggenburgs liegt, befindet sich im Soutterain, was mir nicht unangenehm ist. […] Über mir wohnen Magnagos…
[Felix Gasbarra]


In Gasbarras römischer Geheimdienstakte steht für das Jahr 1935 vermerkt: „Negli ambienti communisti è qualificato traditore“. Seinen guten Ruf an der Seite von Theaterkoryphäe Erwin Piscator war er auch los geworden. Viele seiner alten Bekannten hatten sein Spiel durchschaut, konnten es kaum glauben, welchen Weg nach rechts Gasbarra einschlug. Mit dem faschistischen Parteiausweis in der Tasche arbeitete Gasbarra in seiner Geburtsstadt Rom als Übersetzer (faschistischer Heldenliteratur ins Deutsche), Radiosprecher und Deutschlehrer. Sogar Reden für den Duce schrieb er. 1940 zog Gasbarra mit Homann und den Töchtern nach Frascati. Bis Kriegsende blieben die Gasbarras dort, dann ging es nach Bozen. In den 1950er Jahren arbeitete Gasbarra unregelmäßig für Radio Bolzano, später weitaus regelmäßiger für den Norddeutschen Rundfunk. An den Hängen von Bozen blieb er hängen, schrieb ein Dutzend Hörspiele und übersetzte bis in die 1970er Jahre hinein knapp zwei Dutzend literarische Werke für den Diogenes Verlag in Zürich (u.a. Jules Verne, George Orwell). Gasbarra gab sich in jungen Jahren gern als Arbeiter und war als handwerklich geschickter Tischler gefragt. Sein Hobby sollte er beibehalten. In der kleinen Kapelle von Schloss Kampenn richtete er sich eine kleine Heimwerker-Tischlerei ein und stellte Möbel her.
 

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Neues Leben in Frascati: Felix Gasbarra und Doris Homann um 1940 / Archiv: Claudia Junge


Im Lauf der Jahre verlor Gasbarra, der in seinem Leben so vieles gesehen und gelesen hatte, allmählich sein Augenlicht und wurde dazu verdammt vor seinem Radiogerät auf Burg Kampenn zuhörend auszuharren. Hundert Jahre nach der allerersten Radio-Sendung (in Deutschland) im Berliner Vox-Haus am 29.10.1923, ist es demnach unabdingbar, neben anderen Radiomacher*innen, auch an Felix Gasbarra zu erinnern, der in seinen Berliner Jahren eine Pionierleistung der frühen Radiogeschichte vollbracht hatte: Sein Mitte der 1920er Jahre erdachtes Hörspiel Der Marsch zum Salzmeer, gilt nämlich als das erste Hörspiel mit weltpolitischem Inhalt überhaupt.
Weltpolitisch war auch Gasbarras Leben gewesen, vor allem war es geprägt durch das politische Theater für das er brannte und das "politische Theater", welches er privat aufführte. Bis am 11. November 1985 der Vorhang im Bozner Blindenheim fiel. Doch da war Gasbarra schon lange vergessen. Applaus gab es keinen. Nun ist Gasbarra wieder da. Dank seines Sohnes. Und der literarischen Quelle von Gasbarras Frau.
 

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Gabriel Heim: Wer sind Sie wirklich, Herr Gasbarra (Edition Raetia 2023)