Society | Jubiläum

Die Mütter der Kinderpsychiatrie

Kürzlich feierte Meran zehn Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zwei Frauen haben dafür große Arbeit geleistet: Barbara Pizzinini und Donatella Arcangeli.
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Foto: Sabes

Woher sollte es die Landesregierung auch besser gewusst haben? Vor 23 Jahren verabschiedete sie ein Gesetz für kinderpsychiatrische Einrichtungen: In Bozen sollte eine 8 Betten umfassende Station entstehen, und in den vier Städten Bozen, Meran, Brixen und Bruneck je eine Fachambulanz aktiv sein. Damit war auf dem Papier einem Nebenbereich der Versorgung Genüge getan, und die Kinderpsychiatrie zum Stiefkind erklärt. Niemandem war klar, was mit den Kindern und Jugendlichen geschehen sollte, die an der Station abgeklärt worden waren, aber zu leidend oder verhaltensauffällig für ein Leben in ihren Familien waren. Von Bozen aus schickte man sie regelmäßig bis nach Chieti in spezialisierte Einrichtungen zur Rehabilitation, aus der Peripherie häufig nach Innsbruck. In Südtirol selbst war nichts Entsprechendes geplant. 

 
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Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Meran: Vor zehn Jahren wurde die Einrichtung gegründet. (Foto: Sabes)

 

Das Fanal zum Aufbruch gab Barbara Pizzinini. Sie war die Erste im Land, die eine sozialpädagogische Einrichtung – die später berühmte Villa Winter in Bruneck – psychisch kranken Jugendlichen zur Gänze öffnete, obwohl das Gesetz das nicht vorsah. Dazu schloss sie 2005 mit der Psychiatrie Bruneck einen Vertrag ab, der beinhaltete, dass der Kinderpsychiater Dr. Markus Huber die fachliche Verantwortung der Villa Winter übernähme und dort regelmäßig tätig sei. Das Modell bewährte sich sofort, die Villa Winter war augenblicklich überbelegt, und die Konvention wurde zum Muster für spätere Verträge mit anderen Sozialvereinen im Land. Vertraglich wurde festgelegt, dass die Erwachsenenpsychiatrie Bruneck all ihre Einrichtungen, vor allem aber die Akutabteilung und das psychiatrische Wohnheim, auch Kindern zur Verfügung stellte und dass bei Abwesenheit von Dr. Huber unsere Erwachsenenpsychiater Kinder notfallmäßig behandeln sollten. Damit war die erste Keimzelle einer funktionsfähigen Kinderpsychiatrie mit Ambulanz, Reha-Einrichtungen und Station (Wermutstropfen: an der Erwachsenenpsychiatrie) geschaffen.
Endlich fügt sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie nahtlos in das Netzwerk psychischer Gesundheit Südtirol ein.
In den Folgejahren wurden Barbara Pizzinini und der Landtagsabgeordnete Herbert Denicolò nicht müde, die Kinder- und Jugendpsychiatrie als eigenes, viel bedeutenderes Fach, von der Kinderneurologie zu lösen. In Bozen bestand seit Jahrzehnten eine Kinderpsychiatrie-Ambulanz unter Dr. Klara Messner, in Meran baute Dr. Donatella Archangeli eine besonders gut strukturierte Ambulanz auf, im Brixner Kinderdorf und an der Psychiatrie Bruneck war Dr. Markus Huber seit 1997 ambulant für Kinder und Jugendliche tätig. Die Politik besserte 2007 mit einem neuen Landesgesetz nach, in dem die Brunecker Situation zur Norm erhoben wurde: Neben 4 Fachambulanzen schuf sie reichlich Reha-Betten in spezialisierten Einrichtungen wie der Villa Winter, und anstelle einer Station für Kinderpsychiatrie verpflichtete sie alle Erwachsenenpsychiatrien, in der Not auch Kinder an ihren Abteilungen aufzunehmen.. Die Kinderpsychiatrie in Südtirol wurde ein eigener landesweiter Dienst unter der Leitung von Dr. Ingo Stermann, aber die organisatorischen und politischen Schwierigkeiten blieben enorm. Viele Jugendorganisationen und vor allem der Jugendanwalt Dr. Simon Tschager erhoben laut ihre Stimme gegen die gesetzliche Unterbringung von Kindern an Erwachsenenpsychiatrien. Das war gegen jede Empfehlung der WHO, und doch eine Übergangslösung, die außerordentlich dringend gebraucht wurde. Innsbruck war überfüllt mit psychisch kranken Nordtiroler Jugendlichen, Chieti war nach einer gerichtlichen Untersuchung geschlossen worden. Es blieben nur mehr heimische Lösungen in der Versorgungsnot.
 
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Barbara Pizzinini: Sie war die Erste im Land, die eine sozialpädagogische Einrichtung – die später berühmte Villa Winter in Bruneck – psychisch kranken Jugendlichen zur Gänze öffnete. (Foto: privat)

 

Von den damals 33 vorgesehenen Rehaplätzen für psychisch kranke Kinder und Jugendliche im Land waren die 15 am besten ausgestatteten in der Villa Winter zu finden. Entsprechend sammelten sich in Bruneck die am stärksten leidenden, und Leid verursachenden, Jugendlichen des Landes an. Ein tragisches Ereignis unterstrich das: 2008 entzündete ein Jugendlicher dort ein Feuer, und ein anderer erstickte im Rauch. Damals war Bruneck, in auch tragischer Weise, die Hauptstadt der Kinderpsychiatrie Südtirols. Sie war es auch in einfachen Zahlen. In den Jahren 2009 bis 2011 sind landesweit immerhin 212 Aufnahmen von Minderjährigen an Erwachsenenpsychiatrien erfolgt. Knapp die Hälfte davon, nämlich 103, fanden an der Psychiatrie Bruneck statt, obwohl sie nur 1/6 des Einzugsgebietes Südtirols versorgte. In der Not schufen die Krankenschwestern an der Psychiatrie Bruneck einen eigenen Kompetenzbereich Kinderpsychiatrische Pflege – sie folgt doch ganz anderen Gesetzen als die Betreuung von erwachsenen psychisch Kranken. 
Barbara Pizzinini entwarf mit Feuereifer in Eigenregie eine Akutstation für psychisch kranke Kinder ab 12, begeisterte Landesbeamte dafür und stellte sie dem Sanitätsdirektor vor. Sie sollte 12 Akutbetten und drei Tagesklinikplätze umfassen. Im Januar 2012 erklärte Landesrat Richard Theiner bei einer Podiumsdiskussion, Pizzininis Idee werde punktgenau umgesetzt, eiligst und in Meran. Er hatte die Bedeutung des Anliegens erkannt und versprach die Eröffnung noch für 2012. Sie erfolgte dann am 3. Mai 2013, am 20. Mai konnte der erste junge Patient aufgenommen werden.
Es folgte eine schwierige Zeit für die Kinderpsychiatrie im Land, die vorübergehend unter die Leitung der Erwachsenenpsychiatrie Bozen geriet und die ihr gebührende Aufmerksamkeit verlor. Immerhin wurde neue Stellen geschaffen und besetzt. Glanzstück des Ganzen war der Ausbau der Kinderpsychiatrie-Station Meran, den Dr. Donatella Arcangeli als Oberärztin in kompetentester Weise vorantrieb. Damit wurde Meran zur neuen Hauptstadt der Kinderpsychiatrie. Ein Primariat für Kinderpsychiatrie aber wurde so lange nicht ausgeschrieben, bis Arcangeli zur Sozialgenossenschaft EOS, also zur Pionierin Barbara Pizzinini, wechselte, und privat in Bozen und Bruneck tätig wurde.
Die zwei Mütter der Südtiroler Kinderpsychiatrie, Barbara Pizzinini und Donatella Arcangeli, wurden eher knapp erwähnt.
Als 2018 das Netzwerk psychischer Gesundheit als Zusammenschluss aller Dienstleiter Südtirols im Psychobereich entstand, war das erste heiß diskutierte Thema die Kinderpsychiatrie, und die erste Forderung an Verwaltung und Politik war, endlich das zuständige Primariat zu schaffen. Es dauerte dann weitere biblische 3 Jahre, und bedurfte wiederholten fachlichen Druckes, bis Donatella Arcangeli endlich für all ihre vorgängigen Verdienste belohnt und mit der Leitung des landesweiten kinderpsychiatrischen Dienstes betraut werden konnte.
 
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Donatella Arcangeli: Die Fachärztin für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie hielt bei der Jubiläumsfeier im Beisein von Landeshauptmann und Gesundheitslandesrat Arno Kompatscher eine Rede. (Foto: Sabes)

 

Seit zwei Jahren gelingt nun eine fruchtbare Aufbauarbeit. Endlich fügt sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie nahtlos in das Netzwerk psychischer Gesundheit Südtirol ein, kooperiert über abgeschlossene Konventionen mit anderen öffentlichen Diensten (Erwachsenenpsychiatrie, Psychologischer Dienst, Dienst für Abhängigkeitserkrankungen), hat Zusatzvereinigungen mit wichtigen privaten Trägern (Eos, Liebeswerk Meran, Kinderdorf Brixen usw.) baut ein Netzwerk für Autismusbetreuung (spät genug, aber viel besser spät als nie) auf, sichert einen landesweiten Bereitschaftsdienst und bewältigt möglichst kompetent den Ansturm neuer Patienten und das Problem zusätzlicher Suizidalität während und nach der Coronakrise.
Vor Kurzem wurde das Jubiläum der zehn Jahre Kinderpsychiatrie Abteilung in Meran feierlich begangen. Die zwei Mütter der Südtiroler Kinderpsychiatrie, Barbara Pizzinini und Donatella Arcangeli, wurden eher knapp erwähnt. Womöglich, weil sie so jung und aktiv sind, dass sie nicht wie Mütter wirken. Barbara baut gerade in Südfrankreich für eine bundesdeutsche Stiftung ein Therapiezentrum auf. Und Donatella wurde vor Kurzem für zwei Jahre einstimmig zur Koordinatorin des Netzwerks psychischer Gesundheit Südtirol gewählt. Beim Antritt ihres neuen Amtes meinte sie, sie habe eigentlich mit der Kinderpsychiatrie genug zu tun. Aber so ist es: Erfolg generiert neue Herausforderungen.
 
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Martin Sitzmann Thu, 05/18/2023 - 10:04

Danke, Herr Dr. Pycha, für die Erinnerung an den Werdegang dieses wichtigen Bereiches und für die verdiente Würdigung der beiden Pionierinnen!
Mein laufender Eindruck ist, dass die Kinder und Jugendlichen immer stärker eine Diskrepanz zeigen - zwischen individueller Fragilität/Nicht-Resilienz und gruppengeleiteter Verrohung/Grenzüberschreitung. Diese Thematik ist aktuell eine große Herausforderung für Schulgemeinschaften und Gemeinden. Auch für die Familien?
Umso wichtiger ist eine professionelle Unterstützung durch eine funktionierende und ausreichend dimensionierte Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wie ich höre, sind die Strukturen übervoll, auch das ein Hinweis auf den Zustand unserer Gesellschaft.

Thu, 05/18/2023 - 10:04 Permalink