Society | HCB Südtirol

Die Mentalitätsmonster

Historisches spielte sich gestern in der Eiswelle in Bozen ab. Und wie so oft ließ es sich der HCB Südtirol nicht nehmen, seinen Zuschauern ein Spektakel aufzutischen.
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Foto: HCB/Vanna Antonello

Als Anhänger der Bozner Foxes hat man es wahrlich nicht leicht. Letzte Saison konnte man zur Halbzeit fast schon einen Strich unter die Spielzeit ziehen, bevor man mit dem neuen Trainer, Kai Suikkanen, das Unmögliche möglich machte und mit einem beispiellosen Lauf die Play-offs auf den letzten Drücker doch noch klar machte. Den letzten Drücker setzte vergangenen März der zurückgetretene Kapitän Alex Egger, als er im letzten Saisonspiel im vorletzten Drittel nach einem 0:3-Rückstand den Puck von der blauen Linie humorlos ins Tor der Gäste aus Znojmo zum 3:3 dreschte. Herzschlagfinale wie aus dem Bilderbuch, der Rest ist große Südtiroler Sportgeschichte inklusive maßlosem Delirium in Bozen und Umgebung.

 

Nun läuft es dieses Jahr in der Liga um einiges besser. Der zweite Platz in der Liga steht derzeit zu Buche, man zeigt konstant gute Leistungen und nun ja, wenn es mal läuft, dann läuft es eben. Dies wäre bei den großen Erwartungen, die schon Präsident Dieter Knoll zu Beginn der Saison wohl eher unfreiwillig geweckt hat, nicht anders zu denken gewesen. Von der „vielleicht besten Mannschaft der letzten fünf Jahre“ war im Rahmen des Mediadays die Rede. Aber er hatte recht: Nun gehört man nicht nur zu den besten Mannschaften der EBEL, man hat sich mit dem 6:4-Sieg gegen die Pole aus Tychy gestern in der Eiswelle nun in den Olymp der ganz Großen in Europa gespielt. Aber auch dieses Mal ließ man es sich nicht nehmen, den Stresspegel gehörig anzuheben. Denn die Blutpumpen der Fans wurden in dieser Saison bisher noch nicht übermäßig strapaziert. Das sollte sich gestern ändern. Daher lieferte man 3000 Zuschauern ein Spektakel der besonderen Art und Weise.

 

4:0 lagen die Bozner zwischenzeitlich in Front, der Abend schien gelaufen, der Einzug in die Play-offs der Champions Hockey League nur noch Formsache. Wäre da nicht diese Angewohnheit der Foxes, bei ihren wichtigen Spielen eine extra Brise Spannung dazuzugeben. 4:3 hieß es am Ende des zweiten Abschnitts, gar 4:4 zu Beginn des dritten. „Wir haben Charakter gezeigt“, sagte Kapitän Anton Bernhard nach dem Spiel gegenüber sportnews.bz. Diese Aussage dürfte in Anbetracht der letztjährigen Ergebnisse wohl als die Untertreibung des Jahres in die Annalen dieser noch jungen Saison eingehen. Nur von einem starken Charakter dieser Truppe zu sprechen, wird nicht dem gerecht, was in den letzten Monaten teilweise geleistet wurde. Die Mannen von Suikkanen sind mehrmals in wichtigen Situationen über sich hinausgewachsen, haben sich aus zahlreichen Löchern immer wieder hochgearbeitet und stehen nun da mit dem wohl größten Erfolg der Vereinsgeschichte.

 

„Abbiamo giocato due tempi, il primo ed il terzo, il secondo siamo rimasti dietro“, gab Matchwinner Luca Frigo nach seinen drei Scorerpunkten in seinem ersten Saisonspiel zu Protokoll. Der Piemontese war erst nach einer längeren Verletzungspause wieder zum Team gestoßen, auch er wusste nach seinem persönlichen Tiefschlag (Knöchelbruch) auf Anhieb zu überzeugen. „Mi sono allenato tanto le ultime settimane, volevo dimostrare cosa so fare.“ Das ist ihm mit seiner Vorstellung gestern eindeutig gelungen. Gerade seine gestrige Leistung steht sinnbildlich für die Auftritte seiner Mannschaft im Jahr 2018 und beweist einmal mehr: Hier in der Talferstadt wächst ein Mentalitätsmonster heran. Ein Mentalitätsmonster, das jetzt nicht nur gehörig Selbstvertrauen für die anstehenden Meisterschaftsspiele getankt hat; sondern einem, den man in dieser Form auch auf europäischer Bühne die ein oder andere Überraschung zutrauen könnte. Wenn auch auf Kosten des Ruhepulses ihrer Fans.