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"Ich nehme das auf mich"

Wie viel Risiko ist der Berg wert, was muten Extrem- wie Freizeitsportler ihren Familien aufgrund ihrer Leidenschaft zu? Antworten von Extrembergsteigerin Tamara Lunger.
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Foto: Tamara Lunger

salto.bz: Frau Lunger, Sie tragen am heutigen Donnerstag Abend mit einem Vortrag am Ritten zu einer Benefizaktion zu Gunsten der Familien der vier Rittner bei, die im vergangenen Oktober bei einem Lawinenunglück am Hochferner umgekommen sind. Kannten Sie die Verstorbenen?
Tamara Lunger: Ich bin mit Peter Vigl manchmal auf Skitour gegangen. Wir haben uns super verstanden und vor allem haben wir einmal gemeinsam eine Skitour gemacht, die für uns beide eine der schönsten, ja für mich glaube ich überhaupt die schönste Skitour meines Leben war. Das waren wir auf der Presanella und ich war an dem Tag so fit und wir zwei haben es so genossen und so bärig gehabt. Und immer wenn wir uns gesehen haben, war so eine spezielle Verbindung da. Als ich nun  mitbekommen habe, dass mein Sponsor Mountain Spirit bei einer Benefizaktion rund um das Rittner-Horn-Rennen mitmacht, wollte ich auch gerne etwas dazu beitragen.

Wie erlebt jemand, der auf seinen Expeditionen ständig einem hohen Risiko ausgesetzt ist, solche Unglücke? Noch dazu, wenn jemand dabei war, zu dem Sie eine spezielle Verbindung hatten?
Ich muss sagen, durch meine Expeditionen habe ich sehr viel zum Thema Tod gelernt. Meine schlimmste Erfahrung und gleichzeitig jene, die mich am meisten gelehrt hat, war der Tod von Walter Nones am Cho Oyu im Jahr 2010. Damals habe ich mitgeholfen, seine Leiche ins Basislager hinterzubringen und ich muss sagen, da habe ich ungefähr ein halbes Jahr gebraucht, bis ich das verdaut gehabt habe. Es war wirklich eine schwere Zeit, in der ich ernsthaft in Frage gestellt habe, wie viel Sinn die Bergsteigerei macht, ob es sich wirklich auszahlt, dafür sein Leben zu lassen.

Und was war die Antwort?  
Zu der hat auch Walter Nones Frau Manuela beigetragen. Eine starke Frau, die ich wirklich bewundere. Sie hat zu mir gesagt: Tamara, Du musst das tun, was Dich glücklich macht. Sie hat nicht gesagt: Mach' das nicht, das ist viel zu gefährlich. Und als ich dann nach einem halben Jahr wieder auf eine Expedition nach Kirgistan gegangen bin, habe ich es ganz fest in mir gespürt: Ich weiß, diese Seite des Bergsteigens ist tragisch und es kann jedes Mal passieren. Doch ich nehme das auf mich, weil das einfach mein Leben ist und meine Leidenschaft. Am Berg bin ich genau in der Welt, wo ich sein will, hier finde ich die innere Ruhe und die Abgeschiedenheit von allem und das macht mich zum glücklichsten Menschen.

Der Reiz der Kälte also, von dem der Titel Ihres Vortrags erzählt?
Genau. Zum Beispiel am Nanga Parbat, da waren wir zwar zu viert auf dem Weg zum Gipfel, aber ich habe mich noch nie so alleine gefühlt. Du bist da komplett ausgesetzt, in einer Umgebung, die richtig kalt und gefährlich ist, und eigentlich ist alles gegen Dich, gegen den Menschen. Obwohl man da in der Gruppe ist, ist man komplett allein, da wird nicht mehr gesprochen und jeder schaut, dass er überlebt. Das ist eine Ausgesetztheit in jeder Hinsicht, und die führt dich einfach noch viel tiefer in dich hinein. Also für mich ist  dieses Alleinsein mit sich ein ganz intimes Gefühl, etwas, das nur mir gehört. Ich weiß nicht, ob mir irgendein Mensch so etwas geben kann.

"Ich sage es jetzt einfach beinhart: Die haben die Eier, ihr Leben ihrem Traum hinzugeben. Ohne Rücksicht auf Verluste. Solche Leute leben ganz anders, viel intensiver. Die erwarten etwas von ihrem Leben und geben das Beste."

Und das ist es wert, auch sein Leben dafür zu riskieren?
Für mich schon, ist mir mittlerweile bewusst geworden. Ich lasse aber auch vor jeder Expedition eine Messe lesen und lade dazu meine Freunde und Familie ein, um mich jedes Mal bewusst zu verabschieden. Ich kann heute auch anders mit dem Tod umgehen. Als zum Beispiel vor einem Jahr der Pusterer Armin Holzer gestorben ist, da habe ich das richtig gespürt. Es war total tragisch, und für mich war klar, dass fortan ein wichtiger Mensch auf der Welt fehlt. Aber ich konnte auch ganz stark fühlen, wie stolz ich bin und welche Freude ich habe, dass ich diesen Menschen kennenlernen durfte, mit ihm gemeinsame Erfahrungen auf mehreren Expeditionen machen durfte und viel von ihm lernen konnte. Mir geben solche Menschen einfach unglaublich viel.

Was genau?
Ich sage es jetzt einfach beinhart: Die haben die Eier, ihr Leben ihrem Traum hinzugeben. Ohne Rücksicht auf Verluste. Solche Leute leben ganz anders, viel intensiver. Die erwarten etwas von ihrem Leben und geben das Beste. Wir haben ja alle die Verantwortung, das Beste aus unserem Leben rauszuholen. Und wenn das jemand so macht, kann man nur froh sein, auch nur ein paar Wochen mit ihm oder ihr verbracht zu haben.

Machen Sie bei dieser Einstellung einen Unterschied zwischen Menschen, die den Berg wie Sie zu Ihrem Leben, zu ihrem Beruf machen, und jenen Freizeitsportlern, die am Wochenende in die Berge ziehen?
Das ist eine gute Frage. Ich habe natürlich schon vieles miterlebt, das auf dem Berg abläuft, auch mit diesen ganzen kommerziellen Expeditionen. Das heißt es dann zum Beispiel am Mount Everest: Ich habe meine 50.000 oder 60.000 Euro gezahlt und ich will auf diesen Gipfel hinauf. Da zählt dann kein Menschenleben mehr, wenn irgendjemand anderes nahe am Tod ist, ist denen das scheißegal, die wollen einfach rauf. Aber natürlich, ich habe Sponsoren, die meine Träume unterstützen. Andere verkaufen ihr Haus, nehmen Kredite auf, nur um auf Expedition zu fahren, wie man oft hört. Das ist natürlich ein anderes Kaliber, da kann ich nicht mitreden, was das in einem auslöst.

Sie haben vergangenes Jahr für Schlagzeilen gesorgt, als sie bei einer Winterbesteigung des Nanga Parbat 70 Meter vor dem Gipfel umkehrten. Als Grund für diese Entscheidung nannten Sie damals eine innere Stimme. Glauben Sie, dass eine solch innere Stimme in einer leistungsorientierten Gesellschaft auch am Berg oft durch anderes übertönt wird-  durch Gruppenzwang, durch Getriebensein ...
Wahrscheinlich. Doch ich möchte darüber nicht urteilen bei anderen. Oft genug passieren solche Unglücke sehr erfahrenen Leuten, die auf dem Berg daheim sind. Ich persönlich glaube ohnehin daran, dass der Tod schon irgendwo geschrieben steht, also vorbestimmt ist. Da können wir sein, wo wir wollen, auf der Straße, im Bett oder auf dem Berg. Ich bin froh, dass nicht nur ich das so sehe, sondern auch meine Eltern. Wenn ich auf Expedition fahre, sind die auch immer recht entspannt, weil sie das gleich sehen.

Also, dass die Dinge so kommen, wie sie kommen müssen. Auch der Tod?
Ja. Doch sie haben auch durch meine letzten Erfahrungen verstanden, dass ich meine Ziele nicht auf Biegen und Brechen erreichen muss. Und können deshalb auch noch mehr darauf vertrauen, dass ich nicht mit Leichtsinn handle. 

Erst vergangene Woche hat ein Leserbrief von Maria Theresia Bortoluzzi, der Frau des verstorbenen Wirts Karl Gruber, für eine sehr lebhafte Diskussion gesorgt. Können Sie nachvollziehen, dass gerade Familienvätern, die sich einen Kick am Berg holen, Egoismus vorgeworfen wird?
Mir ist erst kürzlich die Definition von Egoismus untergekommen, und das ist alles andere als wir Bergsteiger sind. Egoismus ist etwas Negatives, da geht es um Falschsein und nur auf seinen Vorteil bedacht sein. Mich hat der Tod von Karl Gruber so nah getroffen wie wenige, weil mein Vater immer mit ihm und zwei anderen Kollegen, Gottfried und Christian, auf Skitour war. Heute ist von den vieren nur mehr mein Vater über, die anderen sind alle am Berg gestorben. Beim Begräbnis vom Karl hat dann eine der Frauen zu meinem Vater gesagt: Du darfst jetzt halt nicht mehr Touren gehen. Also, mir zerreißt es wirklich das Herz, wenn ich diese Frauen sehe, wie sie leiden, und es ist auch total zu verstehen, was sie sagen. Aber ich sehe eben auch meine Leidenschaft. Und wenn mir die jemand verbieten würde, dann wäre für mich eine Beziehung sicher aus.

"Ich persönlich glaube ohnehin daran, dass der Tod schon irgendwo geschrieben steht, also vorbestimmt ist. Da können wir sein, wo wir wollen, auf der Straße, im Bett oder auf dem Berg."

Macht es nicht einen Unterschied, ob man Kinder hat?
Ich habe immer gesagt, vielleicht verändert es etwas, wenn ich einmal ein Kind haben sollte. Vielleicht sage ich dann, ich brauche das jetzt nicht mehr so und konzentriere mich auf mein Kind. Aber vielleicht würde ich dann mein inneres Verlangen nach wie vor spüren, und dann muss ich sicher trotzdem gehen. Denn wenn ich dem nicht nachgehe, bin ich eine unzufriedene und frustrierte Frau. Da hätte mein Umfeld nix Gutes mit mir, weil dann werde ich eine Bissgur.

Aber es ist nicht so, dass Sie das Thema Kinder von vornherein ausschließen, weil Sie wissen, dass Ihre Leidenschaft auch mit großen Risiken verbunden ist?
Zur Zeit denke ich einfach nicht an Kinder. Sollte es doch noch einmal so sein, möchte ich nichts ausschließen. Ich kenne zum Beispiel den Sohn der Extrembergsteigerin Alison Hargreaves gut. Die hat trotz ihrer zwei Kinder Achttausender bestiegen und ist dann 1995 am K2 verunglückt. In ihrer Familie hatte der Mann die Frauenrolle übernommen. Sie ist auf die Achttausender gegangen und der Mann war bei den Kindern. Als der Tom, ihr Sohn, sechs Jahre alt war, ist der Vater zum Beispiel mit beiden Kindern zum Basislager vom Everest hingetrekkt, um die Mama zu sehen. Und wenn der Tom heute über seine Mutter redet, ist da nichts Negatives oder Vorwurfsvolles dabei, der ist stolz darauf, die Mama gehabt zu haben. Sie hat ihre Träume gelebt und ich glaube, das war für die Familie einfach ok. Aber sicher braucht es dafür die richtigen Menschen, die es schaffen, die Sachen auf eine bestimmten Art und Weise zu sehen.

Und nicht jede schafft das, vor allem wenn sie sich mit zu viel Verantwortung  und finanziellen Problemen alleine gelassen fühlt...
Ich will damit auch wirklich nicht sagen, dass es negativ ist, wenn jemand eine solche Leidenschaft nicht versteht. Und es ist ohne Zweifel brutal, wenn man den Partner auf diese Weise verliert. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, weil ich es nicht erlebt habe. Aber es hängt eben trotz allem auch von der Sichtweise ab. Die Manuela, die Frau vom Walter Nones, hat zu mir beispielsweise gesagt: Ich habe den Walter so kennengerlernt, mit der Leidenschaft. Hätte ich ihm die Leidenschaft verboten, wäre er nicht mehr der Walter gewesen. Auch wenn ich die Manuela heute sehe, die ist verliebt in den Walter, die hat ihn immer noch in ihrem Herzen und Kopf, und wenn sie über ihn redet, sind da so schöne Gedanken und Erinnerungen, die ihr alle bleiben. Und das finde ich einfach schön.

Und was ist die nächste schöne Herausforderung von Tamara Lunger? Wohin geht Ihre nächste Expedition?
Das verraten wir noch nicht. Gestartet wird in jedem Fall Ende März.

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Erich Bertol Thu, 01/19/2017 - 12:03

Lieber Tomas,
es kann die junge Dame beileibe nicht spüren, wenn man ihr sagt, sie muß kuriert werden. Sie hat das schon oft gehört. Sie sollte sich innerlich ihren Papa vorstellen und ihm sagen: für dich mach ich das und noch viel mehr.

Thu, 01/19/2017 - 12:03 Permalink
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gorgias Thu, 01/19/2017 - 13:08

"Mir ist erst kürzlich die Definition von Egoismus untergekommen, und das ist alles andere als wir Bergsteiger sind. Egoismus ist etwas Negatives, da geht es um Falschsein und nur auf seinen Vorteil bedacht sein."

Das ist Egoismus Frau Lunger:
"Ich sage es jetzt einfach beinhart: Die haben die Eier, ihr Leben ihrem Traum hinzugeben. Ohne Rücksicht auf Verluste. Solche Leute leben ganz anders, viel intensiver. Die erwarten etwas von ihrem Leben und geben das Beste."
Und man kann hinzufügen: Sie holen sich das, was sie als das Beste halten, ohne Rücksicht auf die Anderen.
Und dass die Veranstaltung Benefitz-Vortrag heißt, ist so wie wenn die Rüstungsindustrie für Witwen und Waisen spendet.

Thu, 01/19/2017 - 13:08 Permalink
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G G Thu, 01/19/2017 - 13:52

Ich würde sagen, das hier ist mal wieder ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Verallgemeinerungen immer zu eng sind und Menschen und dem Leben nie gerecht werden. "Wer sich so und so verhält, der ist so und so ."

Schubladen machen halt das Leben so sehr viel leichter, überschaubar und schwarz-weiß-Denken gibt uns das befriedigende Gefühl, Recht zu haben.

Anscheinend hatten Manuela und Walter Nones für sich eine Ebene gefunden, die groß genug war, um auch das Thema "Tod" beinhalten zu können.

Thu, 01/19/2017 - 13:52 Permalink