Politics | Richtung Wahlen

Der SVP-Schreck

Weil ein zweiter Ladiner realistische Chancen auf einen SVP-Startplatz für die Landtagswahlen hat, knirscht es in der Partei. Manfred Vallazza will es trotzdem wissen.
SVP-Wahlplakat Retro
Foto: Südtirolfoto/Othmar Seehauser/salto.bz

Manfred Vallazza weiß, was ihm an seiner Partei nicht gefällt: “Ich bin mit Fleisch und Blut SVPler”, schickt der 40-jährige Wengener voraus, “aber es wäre super, wenn der Zusammenhalt wieder besser funktionieren würde und nicht alles in der Öffentlichkeit ausgetragen wird”.
Alles dringt längst nicht nach außen. Aber der Zwist und die Nervosität, die Vallazza selbst innerhalb seiner SVP ausgelöst hat, ist nicht verborgen geblieben. Er strebt nach einem Landtagsmandat – und sorgt damit für Unruhe. Auch weil er realistische Chancen und gewichtige Fürsprecher hat.

 

22 + 10 + 2 + 1

In der SVP sind die Spielregeln klar: 35 Kandidatinnen und Kandidaten treten auf der Edelweiß-Liste bei den Landtagswahlen an. Mehr sind gesetzlich nicht erlaubt. Laut Parteistatut werden zwei Drittel der Landtagskandidaten von den sieben SVP-Bezirken gestellt: 22 an der Zahl. Mindestens ein Drittel davon (16) müssen “dem unterrepräsentierten Geschlecht” angehören, kurzum, Frauen sein.
Sieben der 22 SVP-Kandidaten stehen dem Bezirk Bozen Stadt und Land zu, jeweils vier den Bezirken Burggrafenamt und Pustertal. Drei stellt der Bezirk Brixen, der Vinschgau zwei, das Unterland und das Wipptal jeweils einen.

Bis Ende April müssen die Kandidatenvorschläge in den Bezirken stehen. Auf Sitzungen der Bezirksausschüsse werden zwischen 12. und 25. Mai dann die 22 Kandidaten ermittelt.

Von den 13 übrigen Startplätzen auf der SVP-Landtagsliste sind zwei für die Junge Generation reserviert. Weitere zehn Kandidaten werden vom designierten Spitzenkandidaten, sprich Landeshauptmann Arno Kompatscher, dem Parteiobmann und der Parteileitung in einem Blockvorschlag festgelegt.
Und der letzte Platz ist für einen Ladiner reserviert, der im ladinischen Verbindungsausschuss ermittelt wird. Dort sitzen Vertreter der beiden ladinischen Gebiete Gröden und Gadertal. Und dort wird üblicherweise der starke – und bislang immer auch der einzige – Ladinerkandidat der Volkspartei bestimmt.

Bei den vergangenen drei Landtagswahlen war dies Florian Mussner. Ein Grödner. Heuer, so will es der Usus, sind die Gadertaler dran, den ladinischen Spitzenkandidaten zu stellen. Und damit den nächsten ladinischen Landesrat.

 

Spielverderber in der zweiten Reihe?

Gegen Jahresende zeichnet sich ab: Er wird Daniel Alfreider heißen. Der ehemalige Kammerabgeordnete verzichtet auf eine weitere Kandidatur für das römische Parlament und bringt sich als Florian Mussners Nachfolger ins Spiel. “Es war von vornherein klar, dass wir für die Landtagswahlen nicht nur eine Person brauchen, die in beiden Tälern den totalen Konsens hat, sondern die darüber hinaus in ganz Südtirol Stimmen holen kann”, sagt Alfreider damals zu salto.bz. Er meint sich selbst.

Doch etwa zur gleichen Zeit bahnt sich etwas an, was wenige Monate später immer offensichtlicher wird: Daniel Alfreider ist nicht allein auf der weiten Gadertaler Flur.
Schon Anfang November wird Manfred Vallazza vom Pustertaler SBB-Bezirk für die Basiswahlen des Bauernbundes nominiert. Unter die vier Kandidaten, die die mächtige Bauernlobby bei den Landtagswahlen tatkräftig unterstützen wird, schafft es Vallazza nicht. Die 4.111 Stimmen, die er bei der Basiswahl einfährt, sind jedoch der Grundstein für die weiteren Ambitionen des 40-Jährigen mit reger politischer Tätigkeit.

Seit 2017 ist Manfred Vallazza Gebietsobmann der SVP Gadertal. Der Landwirt aus Wengen ist auch SVP-Ortsobmann in seiner Heimatgemeinde. Zugleich saß er von 2010 bis 2015 im Gadertaler Gemeindeausschuss, ist seit 2009 Gebietsobmann des Bauerbundes im Gadertal und langjähriges Mitglied bei der Südtiroler Bauernjugend. Neben seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit, neben der er auch einen Hofschank betreibt, arbeitet er beim SBB in Bruneck. “Ich sehe es bei der täglichen Arbeit, auch im Bauerbund: Es gibt Dinge, bei denen man sich manchmal fragt, wo der Hausverstand geblieben ist”, ärgert sich Vallazza. Besonders gehe es ihm um den Erhalt der kleinstrukturierten Landwirtschaft, sagt er, um die Kleinbauern. “Die verzweifeln an der Zettelwirtschaft, bis zum Punkt, an dem mancher sagt, es reicht, ich gebe die Landwirtschaft auf.”

Nur ein Stimmen-Dieb?

Vallazza hört sich an als wäre er bereits im Wahlkampf – und er ist es auch. “Ich will die Herausforderung annehmen und mich der Wahl im Herbst stellen”, bestätigt er salto.bz. Dabei liegt die Entscheidung nicht allein bei ihm. Gar einige in seiner Partei sind gar nicht amused über die Bestrebungen des Wengeners. Die Befürchtung: Kandidiert mehr als ein Ladiner im Herbst für die SVP, besteht das Risiko, dass sich die ladinischen Stimmen zwischen den Kandidaten aufsplitten und keiner direkt in den Landtag gewählt wird. Dann käme jene Neuerung im Landtagswahlgesetz zum Zug, laut der der meistgewählte Ladiner den Letztgewählten auf seiner Liste aus dem Landtag verdrängt.
Doch es könnte aus SVP-Sicht noch schlimmer kommen: Wenn nämlich die Opposition einen starken Ladiner-Kandidaten aufstellt, dieser mehr Stimmen als die einzelnen SVP-Ladiner erhält und damit automatisch Anrecht auf ein Landtagsmandat hat.
Für mehr als einen Ladiner ist auf der SVP-Liste nicht Platz, lautet die Botschaft, die Vize-Parteiobmann Karl Zeller Anfang vergangener Woche medial platziert. Und der ist nicht nur für Zeller eindeutig Daniel Alfreider.

“Wir haben am Freitag im Bezirksausschuss der SVP Pustertal über die Aussage von Zeller gesprochen”, verrät Manfred Vallazza. Das Gadertal gehört als eigenständiges Gebiet zum SVP-Bezirk Pustertal (Gröden zum Bezirk Bozen), als Gebietsobmann sitzt Vallazza im dortigen Parteiausschuss. “Und alle sind einstimmig dafür, dass es überhaupt kein Problem ist, dass noch ein Ladiner kandidiert”, berichtet der Gadertaler. “Alle sagen, auf einer Liste von 35 Leuten einer Partei der deutschen und ladinischen Minderheit hätten eigentlich schon zwei Ladiner Platz.” Einer, der kräftig die Werbetrommel für Vallazza rührt, ist der Pusterer SVP-Bezirksobmann und Neo-Senator Meinhard Durnwalder.

Doch auch in der Bozner Brennerstraße gibt es einige, die sagen “Vallazza hat Unterstützung verdient, weil er sich seit Jahren sehr einsetzt”, wie es ein Mitglied der SVP-Parteileitung auf den Punkt bringt. Vallazza sei einer, der sich vor Ort engagiere, bei Orts- und Bezirksversammlungen stets präsent sei und auf die Menschen zugehe – im Gegensatz zu Daniel Alfreider, der sich kaum blicken lasse, wie im Hintergrundgespräch in Erfahrung zu bringen ist. “Ich sehe ihn nicht oft”, sagt Manfred Vallazza selbst, auf Alfreider angesprochen. “Ich bin eine komplett andere Person als er. Ich bin gern unter den Menschen, höre ihnen zu und versuche, deren alltägliche Probleme zu lösen.” Aber man komme “gut miteinander aus”, so Vallazza, “und wenn wir beide als ladinische Vertreter nominiert werden, werden wir sicher zusammen auftreten”.

Dreierlei Schienen

Möglich – und realistisch – ist das allemal. Für Vallazza gibt es konkret drei Möglichkeiten, als weiterer Ladiner-Kandidat der SVP im Herbst aufgestellt zu werden: Einmal über den ladinischen Verbindungsausschuss. Dort wird man aber voraussichtlich nur Alfreider nominieren – um eine Kampfabstimmung zu vermeiden. Denn nur der Kandidat, der im Verbindungsausschuss die meisten Stimmen erhält, hat einen Fixplatz auf der Landtagsliste.
Eine zweite Möglichkeit ist die Nominierung über den SVP-Bezirk Pustertal, der am 22. März seine vier Kandidaten festlegen wird.

Dort buhlen neben Vallazza gleich mehrere Schwergewichte um einen Platz auf der Edelweiß-Liste: Christian Tschurtschenthaler, Waltraud Deeg, Maria Hochgruber Kuenzer und Joachim Reinalter. Die beiden letzteren genießen die Unterstützung des Bauernbundes. Doch könnte Vallazza als Bauernvertreter Hochgruber Kuenzer und Reinalter trotzdem gefährlich werden?
Da auch auf Bezirksebene eine Frauenquote gilt – der SVP-Bezirk Pustertal muss zwei Frauen nominieren – und Martha Stocker nicht mehr antritt, dürften Hochgruber Kuenzer und Deeg als gesetzt gelten. Ein mögliches Duell zwischen Reinalter und Vallazza könnte spannend werden. Zumal Vallazza bei den Bauernbund-Basiswahlen im Pustertal ein hervorragendes Ergebnis und sogar mehr Stimmen als die Wahlsiegerin Hochgruber Kuenzer eingefahren hat. Nur ein Stimmungstest, aber immerhin.

Sollte es auch im Bezirk nicht klappen, gibt es die dritte Möglichkeit über den Zehnervorschlag von Landeshauptmann, Parteiobmann und Parteileitung. Dieser wird nach dem 25. Mai erstellt – dann, wenn alle Bezirkskandidaten und auch jene der JG und des ladinischen Verbindungsausschusses vorliegen.

 

Wahlen wagen

Vallazza gibt sich kämpferisch: “Man versucht es eben, über die eine oder andere Schiene.” Dass seine Ambitionen für den Landtag gar einigen ein Dorn im Auge ist – sowohl unter den Ladinern als auch unter den Bauern –, weiß er. “Das kann ich mir vorstellen, ja. Aber eine Wahl ist eine Wahl. Ich stelle mich ihr gerne und wenn es nicht klappt, dann habe ich es zumindest probiert. Aber man kann nicht so schnell aufgeben und man muss es versuchen.”

Das allerletzte Wort bei der Kandidatenbestimmung hat in der SVP der Parteiausschuss. Dieser wird Anfang Juni – voraussichtlich am 9. – die endgültige Kandidatenliste beschließen und die 35 Kandidatinnen und Kandidaten auf der SVP-Landesversammlung präsentieren. Unabhängig davon, ob er darunter sein wird oder nicht, gibt Manfred Vallazza seiner Partei einen Rat mit auf den Weg – der wie eine Mahnung klingt: “Wenn man schon im Voraus jemanden von Wahlen ausschließt, ist das nicht demokratisch.”