Culture | Salto Afternoon

Die Essenz echter Emotion

Gestern feierte Die Csárdásfürstin in Bozen Premiere. Der junge Tenor und Hauptdarsteller Paul Schweinester über das Übersetzen von Gefühlen und Austauschbarkeit.
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Foto: Foto: VBB

Salto.bz: Die Neuinszenierung der Operette von Emmerich Kálmán wird laut Ankündigung der Vereinigten Bühnen sexy und feurig. Was erwartet uns?
Paul Schweinester: Es erwartet uns eine sehr zeitgenössische Interpretation des Stoffes. In der Csárdásfürstin geht es um eine Frau, eine Varietédame, mit einer irrsinnigen Anziehungskraft auf viele Menschen, ob Mann oder Frau. Das Varieté war damals ein beliebter Treffpunkt, da ist man hingegangen, um sich zu amüsieren, zu trinken, um zu leben und ausgelassen zu sein. Heutzutage zieht dieses Ausgelassen sein ja viel weitere Kreise in der Gesellschaft, das ist nicht mehr so wie vor 130–140 Jahren, dass man das irgendwo im Geheimen tun musste. Ein Popstar macht ja inzwischen auf der Bühne so gewagte Dinge, wie sie früher nur in einem verbotenen Kämmerlein haben passieren dürfen. Und wir wollen das Gefühl zeigen, das damals in diesem Varieté transportiert wurde. Ich glaube, uns erwartet etwas sehr Ehrliches, vielleicht irgendwo auch Schockierendes. Diese Inszenierung trägt etwas zutage, das definitiv in dem Stück enthalten ist, aber in den letzten Jahren nicht mehr so gezeigt wurde.

Die Operette wurde 1915 uraufgeführt, findest du den Stoff nach wie vor zeitgemäß?
Was sind schon hundert Jahre? Der Konflikt ist ja, dass sich eine Unterhaltungsdame in einen Aristokraten verliebt und er sich auch in sie und seine Familie möchte diese Liebe unterbinden. Dieses Problem kommt in unserer Gesellschaft jetzt nicht mehr in dieser Form vor, weil bei uns alles erlaubt ist, aber in anderen Ländern ist das total aktuell. Andererseits, wenn sich jemand aus einer reichen deutschen Unternehmerfamilie in eine Tänzerin vom Cirque du Soleil verliebt, wäre das okay, aber kaum ist sie eine Gogo-Tänzerin, wäre das schon ein Problem für die Familie. Es ist also immer die Frage, wie man das ansiedelt. Eine verbotene Liebe oder eine nicht zustande kommende Liebe ist immer etwas Interessantes, das bleibt zeitlos. Wenn man diese Geschichte ins Heute verlegt, dann muss man das ein bisschen übersetzen, weil sich die äußeren Umstände verändert haben, aber die Gefühle sind die gleichen geblieben, deshalb funktioniert es. Ich glaube, dass bei unserer Inszenierung hier in Bozen eine mutige, interessante Suche nach einer echten Emotion dahinter ist.

Schauspielerisch war die Herausforderung, ehrliche Gefühle in relativ kurzer Zeit auf den Punkt zu bringen.

Du spielst den Edwin, einen jungen Fürstensohn, der sich in die Varietésängerin Sylva verliebt. Was war für dich die besondere Herausforderung an dieser Inszenierung und deiner Rolle?
Schon rein vom Singen war es eine Herausforderung, denn die Rolle des Edwin ist eine schon sehr dramatische Tenorstimme, die ich nicht habe, doch vom Typus bin ich definitiv der Edwin, vom Aussehen, von meinem Herangehen, in der Konstellation mit der Varietésängerin Sylva passt das super, auch weil wir es ins Heute übersetzen und in eine sehr schauspielerisch konzentrierte Version. Ich habe aber für mich in der Rollenanforderung aus musikalischer Sicht sehr viel suchen müssen, um die richtige Interpretation zu finden. In der Vergangenheit wurde der Edwin von großen Tenören wie Nicolai Gedda, Fritz Wunderlich, Rudolf Schock gesungen, das sind einfach ganz andere Typen als ich. Aber für diese Neuinterpretation passt das sehr gut.
Schauspielerisch war die Herausforderung, ehrliche Gefühle in relativ kurzer Zeit auf den Punkt zu bringen. Man hat einen Dialog von fünfzehn Sätzen, in die man ganz viele Gefühle reinbringen muss – und das nicht plakativ wirken zu lassen, sondern jedes Mal eine Essenz zu finden, war eine große Herausforderung.

Wenn man sich deine Biografie ansieht, wirkt dein Weg ziemlich gradlinig: von den Wiltener Sängerknaben in Innsbruck nach Wien an die Universität für Musik und darstellende Kunst und dann auf die Bühnen der Welt. War für dich immer klar, es muss die Musik sein, oder hattest du einen Plan B?
Wenn man, so wie es bei mir war, in einem Chor singt und dann an einen Gesangspädagogen gerät, der einem sagt: „Du könntest Sänger werden.“, dann fühlt man sich auch ein bisschen dazu berufen. Dann hat man zwar selber auch diesen Wunsch und denkt sich: Wow, das könnte funktionieren. Aber dadurch, dass man ja keine hundertprozentige Sicherheit hat, ist das schon ein gewagter Schritt. Und wenn man ihn tut, muss man das dann voll durchziehen und dann gibt es nicht mehr dieses Hadern. Wenn sich dann Chancen auftun, nimmt man die Türen irgendwie schnell, anstatt lange zu warten und zu überlegen. Bei mir war das auch ein bisschen ein Schneeballeffekt, durch das eine ergibt sich das andere und dann hört man nicht mehr auf. Aber man muss einfach dranbleiben, üben, die Stimme pflegen. Es braucht Konsequenz, um ein gewisses Niveau zu halten und auch Kontakte zu pflegen. Klar hat man immer wieder Einbrüche, aber es ist einfach eine Art Berufung, der man folgt.

Siehst du auch Schattenseiten an diesem Beruf oder dieser Berufung?
Irgendwie doch auch diese Geradlinigkeit. Ich habe mir etwa noch nie ein Jahr Auszeit genommen, so wie viele meiner Freunde, die andere Sachen studiert haben. Das könnte ich vielleicht schon, aber dadurch, dass das so eine Dynamik entwickelt hat, muss ich auch dabei bleiben. Sicher könnte man ein Jahr auf Weltreise gehen, aber das machen die wenigsten. Man fängt früh an zu arbeiten, wenn man kann, weil man in diesem Geschäft auch schnell in Vergessenheit gerät. Es ist einfach wenig Arbeit da für einen Sänger und dann muss man schon etwas dafür tun, um die wenigen Stellen zu bekommen. Deswegen ist es schwieriger, aus- und wieder einzusteigen. Das erzeugt natürlich Druck.

Du bist als freischaffender Sänger sehr viel unterwegs und musst dir immer wieder Städte und Länder neu erarbeiten. Was ist für dich das Spannende daran?
Das Spannende ist, dass einem diese Städte – ob London, Stuttgart, Bozen oder auch kleine Festspielorte – nach zwei-drei Monaten ein bisschen mehr gehören, als wenn man nur drei Tage als Tourist da ist. Man kennt die Städte und hat einen Bezug dazu. Und schön ist natürlich auch, dass man – wenn man etwa in Südamerika, Indien oder Japan ist – auch eine Art Kulturbotschafter ist, man kommt mit einer Aufgabe und ist nicht nur die Cash-Cow, die von den Einheimischen gemolken wird, sondern man gibt auch etwas. Man kommt dann auch mit einer anderen Haltung hin und hat nicht so einen Freizeitstress, sondern das Erleben passiert so nebenbei. Das ist das Allerschönste an diesem Beruf.

Mein Wunsch ist es, in diesem ganzen turbulenten und schnelllebigen Geschäft eine berufliche Kontinuität zu haben, sodass man immer wieder auch an Orte zurückkommt, wo man auch geschätzt wird, und sich dort ein Publikum aufbaut. 

Wird dir an Bozen etwas fehlen, wenn die Aufführungszeit vorbei ist?
Mir fehlt nie etwas, ich weine fast nichts eine Träne nach, weil wieder etwas anderes Schönes kommt. Aber natürlich war in Bozen schön, dass es an jeder Ecke ein fabelhaftes Gläschen Wein gibt, und diese malerische Stimmung in der ganzen Region. Aber das vermisse ich dann nicht, sondern bin dankbar, dass ich das zwei Monate lang hatte.

Als Sänger interpretierst du Musik, die von anderen komponiert wurde. Worin liegt deiner Meinung nach die Kreativität oder das künstlerische Potential eines Sängers?
Wir reproduzieren eben, und die Schwierigkeit besteht darin, dass man die Musik immer für sich selber umlegen muss. Ein Singer-Songwriter interpretiert seine Musik, wie er sie empfindet, und das ist irgendwie unantastbar. Als Sänger hingegen wird man ständig in Vergleich gesetzt mit denen, die es vor einem schon gemacht haben und gerade auch durch die Tondokumente der letzten hundert Jahre wird dieses Vergleichen immer stärker. Die eigene Reproduktion wird dadurch natürlich auch erleichtert, aber es schränkt auch extrem ein, weil viel vorgegeben ist und man sich in eine Reihe stellen muss. Trotzdem ist es jedem eigen, wie er interpretiert, und das berührt den Zuhörer, das kann man auch nicht lernen. Die Kreativität passiert bei uns Sängern eher bei ganz unterschwelligen Dingen, wie jemand ein Wort oder einen Konsonanten am Schluss ausspricht oder wie er eine Linie baut. Das kann man analysieren, aber das passiert auch teilweise intuitiv, wenn jemand das mit seinem Vibrato, mit seinem Timbre, mit seiner Art der Gestaltung füllt.

Hast du eine Traumrolle, die du unbedingt noch singen möchtest?
Da gibt es viele … Was ich gerne in nächster Zeit mal singen würde, ist die Rolle des Tom Rakewell in Strawinskys „The Rake’s Progress“, weil ich Strawinsky interessant finde, auch das Stück und die Rolle. Das ist einfach im Moment eine Traumrolle, aber ob das in zwanzig Jahren auch noch so ist? Die Rollen müssen einfach passen, die Musik muss gut sein und für einen selber funktionieren, das heißt, man muss die Stimme dafür haben. Es gibt sicher Traumrollen, aber nicht nur eine.

Mit Anfang 30 gehst du ja fast noch als Nachwuchstalent durch, oder zumindest liegt vieles noch vor dir. Welche Ziele und Wünsche hast du für die Zukunft?
Mein Wunsch ist es, in diesem ganzen turbulenten und schnelllebigen Geschäft eine berufliche Kontinuität zu haben, sodass man immer wieder auch an Orte zurückkommt, wo man auch geschätzt wird, und sich dort ein Publikum aufbaut. Ja, ein Publikum zu haben, das wäre etwas Schönes, sonst ist man in der Welt so austauschbar, wird als Versatzstück in einem Theater verwendet. Aber es wäre schön, wenn die Leute kommen, weil sie meine Interpretation schätzen. Und darauf aufbauend möchte ich mit meiner Kreativität selber Programme zusammenstellen und Stücke inszenieren und dabei wissen, dass die Leute kommen, weil sie meine Arbeit schätzen. Das heißt dann auch, dass man kreativ werden und selber etwas produzieren kann und nicht immer nur Mitwirkender ist. Wenn der direkte Kontakt zum Publikum da ist, das ist das Schönste.