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Die Macht der Einbildung

Die bekannten TV-Gesichter Ulrich Matthes und Wolfram Koch servieren im Bozner Waltherhaus das Stück "Don Quijote". Und sie machen das richtig, richtig gut.
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Foto: Deutsches Theater Berlin

Was passiert, wenn sich jemand übermäßig viele Ritterromane zu Gemüte führt? Der spanische Nationaldichter Miguel de Cervantes hat vor über 400 Jahren mit Don Quijote eine Heldenfigur erdacht, die in der heutigen Zeit am ehesten mit der Figur eines Kriminalkommissars vergleichbar ist – lauern nämlich nicht Rittergeschichten an jeder Ecke, sondern meist banal und wiedergekäute kriminologische Erkundungen in Buchform (und natürlich im Fernsehen). Sie können – so eine persönliche Befürchtung –, mögliche Belege für eine gesellschaftliche Entwicklung Richtung Angst und Grauen sein, getränkt durch eine Sucht an lapidaren Verdächtigungen in bösen Gerüchteküchen, in denen sich hinterhältige Vermutungen oder abgekartete Verschwörungen herumtummeln.
Sind Kriminalkommissar*innen tatsächlich die Ritter von heute? Die beiden Hauptdarsteller des Bühnenstücks Don Quijote bedienen jedenfalls (auch) die Krimischiene im deutschen Fernsehen. Zufall und Alibi zugleich. 


Was ist Dichtung? Was ist Wahrheit? Das Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin, welches gestern im Bozner Waltherhaus zur ersten Aufführung kam und das der Quijote-Bühnenfassung von Jakob Nolte folgt, spielt sich entlang eines großen Bühnenelements aus Holz, einem Container, der sich – das erfährt das Publikum am Ende – nach allen Seiten öffnen kann. Der Kubus mag im übertragenen Sinn für ein trojanisches Pferd stehen, für das Pferd (Rosinante) von Quijote, während Sancho Panzas Esel (Rucio) im Einkaufswagen aus dem Supermarkt seine Entsprechung findet.


Alonso Quijano (gespielt von Ulrich Matthes) erhöht sich zum großen Ritter, der vom Fahrenden zu einer immer traurigeren Gestalt mutiert, der hoffnungslos verliebt in Dulcinea von Toboso gegen Windmühlen (oder die Basken) kämpft, der bei der einen Schlacht das halbe Ohr, bei der anderen, einige Backenzähne lassen muss. Tapfer und mit stolzer Verbissenheit kämpft er in der eingebildeten Rolle des Don Quijote weiter – in mystischer Umnebelung und mit dem Wahnsinn im Schlepptau. Bis zur Selbstzerstörung.

Überzeugend ist die mimische und gestische Leistung der beiden Akteure, überraschend hingegen, dass das durch und durch turbulente Stück, ein ruhiges und ernstes Ende findet.

An Don Quijotes Seite ist der treue Sancho Panza (gespielt von Wolfram Koch) zu sehen, der in der Inszenierung von Jan Bosse auch als Knappe der unförmigen Gestalt bezeichnet werden kann, ist er doch modisch besonders auffällig gekleidet. Zum grauen Ritter der traurigen Gestalt ist Panza ohne Zweifel der Farbklecks, der es immer bunter treiben muss. Die zweieinhalb Stunden Bühnenkunst vergehen im Flug. Matthes und Koch sind kongeniale Bühnenpartner und bieten Theater auf sehr hohem Niveau. Schön mit welcher Schwere (und Leichtigkeit zugleich) Panza in einer Traumszene vom Bücherturm fällt. Erfreulich, wie sich Panzas Herr täglich mit Vogelgezwitscher in seinen Tagtraum aufmacht.


Die Zuschauer*innen – zu Beginn der Stücks allesamt Ziegenhirt*innen – werden am Ende mit einem Seil eingefangen. Den beiden Darstellern gelingt es somit im wahrsten Sinn des Wortes das im Saal anwesende Publikum zu fesseln. Die wahren und erdichteten Monologe und Dialoge, die die beiden in einem angenehm melancholischen Klamauk-Stil spielen und vortragen, sind weit entfernt vom Humor lästiger Kabarett- oder Satireshows. Womit wir wieder beim Fernsehen wären und seiner tragischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte. 


Das Stück mit den beiden Fernsehgesichtern Matthes und Koch kommt ohne hektische Video-Einblendungen und störende Musikuntermalung aus. Das hilft den ritterlichen Gesprächen und knappen(haften) Wortwitzen ungemein. Überzeugend ist die mimische und gestische Leistung der beiden Akteure, überraschend hingegen, dass das durch und durch turbulente Stück, ein ruhiges und ernstes Ende findet. Ein Hoch auf das Theater. Und viel Glück für eine neue TV-Kultur.