Society | Jugend

"Scheiß auf Euch! Meno male!"

Junge Menschen wollen sich selbst verwirklichen. Unsere Aufgabe besteht darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, wo Jugendliche ihre Potenziale zur Geltung bringen können.
Note: This article was written in collaboration with the partner and does not necessarily reflect the opinion of the salto.bz editorial team.
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Foto: (c) pixabay

Ich sitze in einer gemütlichen Stube irgendwo im Salzburger Land. Bei einem Projekt von afzack haben 30 motivierte junge Menschen aus ganz Südtirol in den letzten Tagen in Form von Kunst und Musik ihre Gedanken verarbeitet und ihrem Potenzial Ausdruck verliehen. Heute ist Abschlussabend, Ausstellung und Konzert. Gespannt warte ich, einen sehr persönlichen Einblick in diese junge Generation mit nun fast 2 Jahren Covid-Erfahrung zu bekommen.

Zu meiner Verwunderung, wenig Überraschendes und eigentlich nichts Neues. Der erste Kuss, die erste große Liebe, der Traum von Freiheit, Selbstakzeptanz und der Wunsch nach Selbstgenügsamkeit. Bei einem Song bleib ich hängen. Ein 19-jähriges Teen singt gleich verlegen wie frech: „Scheiß auf euch!“

Der Funke beim Publikum springt über und es scheint, als singe sie einer Generation aus dem Herzen, die bei mehreren Prinzipien unserer Leistungsgesellschaft nicht länger mitspielen will und in sich auf Facebook beschimpfenden Meinungsmacher*innen keine Vorbilder findet.

„Bin ich dir zu faul? Vielleicht wart' ich schon zu lange. Bin dir nicht genug? Vielleicht bist du das Problem. Lass mir noch ein wenig Zeit. Ich muss den Plan noch zeichnen. Es gibt noch vieles zu probieren. Ich muss grad nichts erreichen. Scheiß auf euch. Heut nehm ich mir die Zeit. Scheiß auf euch. Ich bin noch nicht bereit!“

Unzählige Interviewpartner*innen der Berufsorientierungsplattform youkando.it singen eigentlich dasselbe Lied. Berufstätige, die ihren Beruf gerne machen, wurden als Inspiration für jungen Menschen interviewt. Viele berichten, wie sie nur durchs Ausprobieren und Irren zu dem Beruf gekommen sind, den sie heute mit Begeisterung machen.

Warum stressen wir unseren Nachwuchs also dermaßen? Wollen wir nicht „nur das Beste“ für ihn? Warum ist bei vielen jungen Menschen Nicht-Genügen und Druck ein so großes Thema, dass nur ein „Scheiß auf euch!“ übrigbleibt?

Jugendskeptiker*innen erheben an dieser Stelle meist ihre Stimme und werfen der, aus ihrer Sicht, verwöhnten Waschlappengeneration vor, nichts auszuhalten und mit der ersten größeren Herausforderung, die nicht das tägliche Updaten des eignen Instagram Profils ist, zusammenzubrechen. Man habe ja noch keine Ahnung vom richtigen Leben.

Stimmt. Es ist auffällig, wie Selbstzweifel, Angststörungen und Panikattacken bei jungen Menschen zugenommen haben und ein immer verbreiteteres Phänomen zu sein scheinen. In Gesprächen bei Fortbildungsreihen mit Fachpersonal und in der Arbeit mit und für junge Menschen wird bereits über diese Leiden bei Kindern der Mittelschule berichtet.

Diese Erfahrungsberichte decken sich auch mit jenen der Multiplikator*innen, die im in der Freizeit-Drogen-Szene agierenden Safer Use Projekt streetlife.bz tätig sind. Auch wenn sich ihr Arbeitsfeld pandemiebedingt sehr verändert hat - Festivals und Partys finden so gut wie keine statt - haben die problematischen Konsumverhalten der Kids nicht abgenommen.

Wie können wir also eine wirksame Unterstützung für heranwachsende Generationen sein, ohne sie dermaßen zu hetzen, als dass ihre einzigen Reaktionen ein Lass-mich-ja-in-Ruhe und Kein-Bock-auf-irgendwas sind?

(Junge) Menschen entwickeln sich umso besser, je eher sie wirkliche Erfahrungen des Gebraucht-Werdens und des Sich-sinnvoll-einbringen-Könnens erleben und sich Aufgaben/Herausforderungen stellen dürfen, die für sie ernsthaft Sinn ergeben und für die sie „voll da“ sein wollen. Möglichkeiten dafür Erfolg und Anerkennung zu erfahren verstärken zusätzlich das Gefühl ihrer inneren Sicherheit und entwickeln einen Motor für Selbstmotivation. Junge Menschen wollen sich selbst verwirklichen.

Unsere Aufgabe besteht mehr denn je darin, Rahmen zu schaffen, wo Heranwachsende ihre Ressourcen entdecken und ihr volles Gestaltungspotenzial zur Geltung bringen können. Ihnen zu vertrauen und es ihnen zuzutrauen ist dabei das Allerwichtigste.

 

„Lass mich einfach fallen,

dann lern ich aufzustehn.wo

Lass mir meine Träume,

dann kann ich endlich gehen.“

 

Applaus.

In diesem Sinne, allen Leser*innen von Salto.bz eine reflektierte und liebevolle Weihnachtszeit.