Culture | Salto Afternoon

Das ist keine Filmkritik!

Promising Young Woman: Was Männer tun und Frauen ertragen können, aber nicht müssen, wird auf illustre Art und Weise inszeniert.
Promising Young Woman
Foto: Universal

Ich bin ein Mann und als solcher aus einer männlichen Perspektive die Welt betrachtend. Dieser Umstand macht es mir unmöglich, den weiblichen Blick zu sehen, bloß eine Annäherung ist mir möglich, wenngleich sie stets nur dies sein wird: Ein Versuch der Imitation. So fällt es den männlichen Zuschauern schwer, die Banalität der Geschehnisse, die in Emerald Fennels Promising Young Woman porträtiert werden, nachzuvollziehen. Selten war der Blickwinkel, aus dem jemand einen Film sieht, wichtiger. Denn das, was der Protagonistin des Films, namentlich Cassandras „Cassie“ Thomas widerfährt, scheint für manch einen Mann befremdlich. Irritierte Blicke wird es geben, vielleicht hier und da ein schockiertes Gesicht, und überall die Gewissheit, dass man ja ohnehin davon wusste, aber dass es so schlimm sei, käme dann doch überraschend.
Scheinbar höfliche junge (und ältere) Männer entdecken in einem Anflug an akuter Hilfsbereitschaft eine betrunkene junge Frau in einem Club. Sie liegt danieder, kaum fähig zu gehen, nur einige Worte sind ihr zu entlocken, und schon bietet der Mann der Frau an, sie nach Hause zu begleiten, oder gar zu sich selbst einzuladen, auf einen Drink oder zwei, und vielleicht lernt man sich kennen, du bist ja wirklich attraktiv, wird der Mann irgendwann sagen, und dann tut er, was die Frau nicht will, zumindest nicht, wäre sie nüchtern, und wird in ihrer trunkenen und deshalb hilflosen Lage vom Mann sexuell ausgenutzt.

Das ist Unsinn. Eine Vergewaltigung passiert nicht. Sie geschieht.

Darf man denn mittlerweile nicht mal mehr nett sein?, tönt es von nah und fern. Nett sein hört dort auf, wo bewusstes Ausnutzen beginnt. Und da der Autor dieser Zeilen von sich behauptet, diese Grenze nicht überschritten zu haben, bestünde nun die Möglichkeit, einen Mann, der dies getan hat, und dies auch zugibt, zu befragen. Man könnte ihn fragen, was ihn dazu treibt, und ob ihm bewusst ist, welchen Schaden ein solcher, vermeintlich durch betrunkenen „Konsens“ gerechtfertigter, sexueller Missbrauch bis hin zur Vergewaltigung anrichten kann. Als Antwort kämen vermutlich Worte des Erklärens, Ausflüchte usw. Um dem vorzubeugen, und die ohnehin leisere Stimme dieser leider alltäglichen Problematik zu Wort kommen zu lassen, werde ich einer promising young woman im Folgenden eine Reihe von Fragen stellen.

Hallo Theresa. Hat dich der Film in seiner Prämisse und der Darstellung derselben in irgendeiner Weise überrascht?
Nein, in keiner Weise. Was im Film gezeigt wird, ist sehr realistisch, und ich habe dasselbe schon einige Male erlebt.

Was sagst du einem Mann, der scheinbar höflich auf dich zukommt und dir „Hilfe“ anbietet?
Nein Danke.

Und wenn er dich trotzdem berührt?
Es kommt sicherlich darauf an, wer vor mir steht. Je nach Situation versuche ich, mich selbst herauszuwinden. Indem ich beispielsweise mit Nachdruck darauf hinweise, keine Hilfe zu benötigen. Schüchtert mich der Mann ein, würde ich versuchen, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Wo hört Hilfsbereitschaft auf und wird zur Übergriffigkeit?
Wenn jemand mein „Nein Danke“ nicht akzeptiert. Es spricht erstmal nichts dagegen, sich bei einer augenscheinlich betrunkenen Person zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Doch Hilfsbereitschaft besteht in meinen Augen darin, das Es ist okay, danke fürs Fragen anzunehmen und wieder zu gehen. Jedes Wort, jede Berührung ist im Folgenden eine zu viel, ist unerwünscht und bereits übergriffig.

Bei Szenen, wie im Film dargestellt, erkennt man recht schnell ein Muster wieder. Mann zahlt der Frau einen Drink, wenig später ist sie betrunken und plötzlich fühlt sich der Mann berufen, den Helden zu spielen.
Berufen trifft es gut. Da beschließt ein Fremder, was das Beste für mich sei. Und es wird ihm leicht gemacht. Schließlich hat er mir vielleicht bereits ein Getränk spendiert, er zahlt das Taxi nach Hause – kurz gesagt: Er hat mich in eine Situation gedrängt, in der ich möglicherweise den Druck verspüre, die „Schuld“ zu begleichen – nicht etwa durch sexuelle Interaktion, aber durch Höflichkeit und das vielfach interpretierbare „Mitmachen“. Der Mann denkt sich: Ich habe in dich investiert, nun zeig mir, dass es sich gelohnt hat.

In der Regel wird der Frau schlicht und einfach nicht geglaubt. Wir leben in einem Patriarchat, im Zweifel wird dem Mann eher geglaubt.

Im Laufe des Films „Promising Young Woman“ kommt ans Licht, dass sich eine Freundin der Protagonistin das Leben genommen hat – aufgrund einer Vergewaltigung, bei der zahlreiche, scheinbar Unbeteiligte zugeschaut haben. Den Verantwortlichen ist nichts geschehen, da man wie so oft der anklagenden Frau keinen Glauben geschenkt hat.
In der Regel wird der Frau schlicht und einfach nicht geglaubt. Wir leben in einem Patriarchat, im Zweifel wird dem Mann eher geglaubt. Ich denke, es ist wichtig, beide Seiten zu betrachten. Nicht jeder Mann ist ein Vergewaltiger, dieser Eindruck soll auf keinen Fall entstehen. Es braucht psychologische Gutachten – sowohl bei Opfer als auch Täter. Denn auch die Falschverurteilung eines Mannes kann großen Schaden anrichten. Oft geht man davon aus, dass sich die Frau irgendetwas von einem etwaigen Prozess erhofft. Daran glaube ich aber eher nicht.

Als letzte Ausflucht bleibt dem Mann oftmals das Argument, nicht bösartig gehandelt zu haben, respektive die Vergewaltigung nicht als solche wahrgenommen zu haben.
Das ist Unsinn. Eine Vergewaltigung passiert nicht. Sie geschieht.

Trailer


Ps. Promising Young Woman ist eine mit satirischen Elementen ausgestattete, recht amerikanische Pop-Tragikomödie mit einigen dramaturgischen Schwächen, doch überraschendem Ende, überzeugender Carey Mulligan und einer zeitlosen Thematik.

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Michael Bockhorni Sat, 10/23/2021 - 14:51

Danke für den Satz "Denn auch die Falschverurteilung eines Mannes kann großen Schaden anrichten". Beim Kampf gegen die viel zu hohe Zahl an Übergriffen, Vergewaltigungen und Morden von Männern an Frauen, wird jene (die viel geringere) Zahl an Falschanschuldigungen übersehen. Für jedes einzelne Opfer sind die Konsequenzen aber fatal und der Rechtsschutz zu gering.

Sat, 10/23/2021 - 14:51 Permalink