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Fadenzwirn-Träume

Otto von Aufschnaiter ist der wohl letzte Textilhändler Italiens: Zu Besuch an einem Ort, der von der Schnelllebigkeit der Modeindustrie verschont geblieben ist.
Otto von Aufschnaiter
Foto: Anna Mayr

Wenn sich in Südtirol die Drahtzieher der Textilindustrie treffen, wenn Outdoor-Bekleidungshersteller SALEWA mit dem Bauernbund über einen zukünftigen Anbau von Nutzhanf diskutiert oder die World Fair Trade Organisation jemanden zur Qualitätskontrolle in Bolivien braucht, dann wird er zu Rate gezogen: Otto von Aufschnaiter. Der heute 83-jährige Textilingenieur hat noch erlebt, wie die Stoffindustrie in Europa groß geworden ist – und sich dann im Zuge der Marktliberalisierung in die Länder des Globalen Südens verlagert hat; mit allen Vor- und Nachteilen, das dies mit sich brachte.


 

Das Zwirngerät dreht sich schneller als das Auge folgen kann. Die karminroten, dunkelvioletten und lavendelfarbigen Fäden verschmelzen zu einem einzigen Farbstrang. Zufrieden lässt er das Garn durch seine Finger laufen. Auf den Mikrometer genau zwirnt Otto von Aufschnaiter als wohl letzter Textilhändler Italiens baumwollene, leinene, seidene und wollene Garne vor den Augen seiner Kund*innen. Ein wahres Paradies für Sticker*innen und Textildesigner*innen, die sich die gewünschte Garndicke und Farbkombination vor Ort aussuchen können. Dass das Nischenhandwerk Bewunderung findet, zeigt die Kundschaft aus aller Welt, die den kleinen Laden in der Silbergasse in mit dem Messingschild „Aufburg“ seit rund 50 Jahren aufsucht. Der Ort scheint der letzte in Bozen zu sein, der von der Schnelllebigkeit der Modeindustrie verschont geblieben ist.

 

Ein ganzes Textiluniversum

 

Sein Interesse am Textilhandwerk entdeckte Otto von Aufschnaiter bereits 1957. Aufgewachsen in Bozen, lernt er zufällig die Tuchfabrik Moessmer in Bruneck kennen. Der damalige Direktor der Firma, ein Ostdeutscher, sieht Potential im Jungen und empfiehlt ihm das Studium des Textilingenieurs in Reutlingen. Als viertes Kind unter sechs ist Aufschnaiter zu der Zeit privilegiert, überhaupt an ein Studium denken zu dürfen, dazu noch im Ausland. Die Mutter setzt jedoch alles daran, den Werdegang des Sohnes zu fördern und stellt nur eine Bedingung: Dass er nach dem Studium sofort zu arbeiten beginnt. Das lässt sich der damals 20-Jährige nicht zweimal sagen und reist noch im selben Jahr nach Deutschland.

„Die textile Welt war für mich so etwas wie ein Wolkenkratzer. Es gab unzählige Etagen und zahlreiche Räumlichkeiten darin. Das hat mich ungemein fasziniert“, erinnert sich Aufschnaiter. Für die Aufnahme an der Hochschule in Reutlingen muss er zwei Jahre Berufserfahrung vorweisen. Dafür macht er sich in einer Spinnerei in Lauchringen in Baden-Württemberg und in einer Weberei im Allgäu am Bodensee vorstellig – und wird angenommen. Seine Bezahlung wird an jedem Monatsende neu verhandelt. Mit seiner ersten Mark kauft er sich Bananen. Diese hatte er auf dem Obstmarkt in Bozen immer nur begutachten dürfen. Die Arbeit in den Textilbetrieben ist aber auch hart. Gleich zu Beginn packt ihn das „Hanffieber“, das durch den starken Staub ausgelöst wird, der beim Weben von Hanfbändern entsteht. Lachend gibt er zu: „Da habe ich gelernt Bier zu trinken.“ In Erinnerung bleibt ihm aber auch die Qualität der Fasern, die damals noch aus Italien kamen: Nie wieder hat er so herrlichen Hanf in Händen gehalten wie damals.

 

Als der junge Mann 1959 sein Studium in Reutlingen beginnt, kennt er sich mit der Instandhaltung und dem Betrieb von Maschinen in der Textilverarbeitung bereits bestens aus. Zwei Jahre später hält er schließlich das Diplom in Händen, das ihn befähigt einen eigenen Betrieb zu leiten. Da er im Gegensatz zu seinen Studienkollegen aber kein Englisch spricht, fährt er im Herbst 1962 kurzerhand nach England und besucht dort drei Monate lang eine Sprachschule. Ohne große Mühen erhält er daraufhin eine Anstellung in einem Textilbetrieb in Manchester, der Spul- und Schlichtmaschinen herstellt. Bald vertritt er die Firma in ganz Europa.

 

Reise in die neue Textilwelt

 

Mit der Firmenphilosophie kommt Aufschnaiter auf Dauer aber nicht klar. Der Umgang mit Kriegsversehrten beispielsweise, die trotz ihrer Verletzungen harte Schichten schieben müssen, führt ihm nach zwei Jahren vor Augen, dass er hier nicht bleiben will. Als er auf einer Messe in Hannover einen Schweizer trifft, der ihm spontan einen Job in Südamerika anbietet, ergreift er die Chance. Ein halbes Jahr später beginnt der Abenteuerlustige seine Arbeit als Vertreter verschiedener europäischer Textilunternehmen in der peruanischen Hauptstadt Lima. Schnell lernt er Spanisch und verfeinert sein Vokabular, indem er morgens immer laut den internationalen Zeitungsteil vorliest. Nach Europa kommuniziert er über Telex; Fax oder gar E-Mails gibt es noch nicht. Im neuen Land findet er so für sechs Jahre eine neue Heimat – und die Liebe seines Lebens: die 17-jährige Carmen Rosa Penny Cabrera.

 

In diesem Zeitraum beginnt sich die europäische Textilindustrie bereits in den Globalen Süden zu verlagern. Europäische Firmen beginnen Zweigstellen in Südamerika zu eröffnen und produzieren dort billiger als zuvor. Aufschnaiter berät die Unternehmen und arbeitet an der technischen Weiterentwicklung mit. Bis es 1968 zum Militärputsch in Perú kommt, läuft für Aufschnaiter alles wie am Schnürchen.

Als die linksorientierte Militärregierung rund um General Alvarado die Macht übernimmt und viele Schlüsselsektoren der peruanischen Wirtschaft verstaatlicht, kommt aber auch der Südtiroler in Bedrängnis: Er wird von einem Tag auf den anderen enteignet, die beiden Firmen, die er mit aufgebaut hat, muss er verlassen. Sein Besitz wird konfisziert, von seiner eingezahlten Rentenvorsorge wird er nie etwas sehen. Vor dem Abflug muss sich Aufschnaiter vor zwei Soldaten mit Maschinenpistole entkleiden, die ihn verdächtigen illegale Geldbeträge bei sich zu haben. Mit gerade einmal 3.000 Euro in der Tasche kehrt er so mit seiner Frau und ihrem zweieinhalb Monate vorher in Lima geborenen Sohn im Jahr 1970 wieder nach Bozen zurück.

 

Zurück in der alten Heimat

 

Als der Weitgereiste in der Bozner Handelskammer vorstellig wird, nimmt die Odyssee aber kein Ende: Aufschnaiters Titel des Dipl. Textilingenieurs wird in Italien nicht anerkannt. Nur mit Unterstützung eines ihm wohlgesonnenen Beamten ist es ihm schließlich möglich, eine Handwerks- und Verkaufslizenz zu erwerben. Die Aufschnaiters beginnen Handdrucke herzustellen, zu nähen sowie Wollteppiche und Kunsthandwerk aus Perú zu importieren. Carmen, die ihre kreative Ader von ihrer Großmutter geerbt hat, lässt sich zur Textildesignerin ausbilden. „Es war eine interessante Zeit. Und es war ein großes Glück, dass meine Frau und ich uns so gut ergänzten.“ Mehrere Male wird der Textilingenieur noch von ehemaligen Partnern gebeten, wieder nach Peru zu ziehen, nach Argentinien, Spanien, in die Schweiz. Er lehnt alle Jobangebote ab: „Ich wollte für meine Familie da sein und nie wieder irgendwo der Ausländer sein, der im Falle einer Krise einfach rausgeworfen wird.“ Nach zwei Umzügen finden die Aufschnaiters in den verwinkelten Räumlichkeiten der Silbergasse 13 ihren endgültigen Lebensmittelpunkt. Unter anderem entschließen sie sich konsequent, der Umstellung auf Chemiefaser, die in den 70er-Jahren begonnen hat, entgegenzuwirken. Bis heute gibt es im „Aufburg“ nur natürlich gefärbte Naturfasergarne und reine Naturfasertextilien zu kaufen.

„Ich wollte nie ein Prophet sein“, so Aufschnaiter, der eine elegante Lodenjacke mit klingenden Messingknöpfen trägt, einen roten Wollpullover und makellose Stoffhosen, „aber es war mir immer ein Anliegen den Leuten, die nachfragten, zu erklären wie schädlich es ist, Chemiefaser direkt auf der Haut zu tragen“. Nicht umsonst sind seine Kund*innen sensibel, was die Färbetechnik der Stoffe und Garne betrifft. Viele sind Sportler*innen oder Allergiker*innen, die synthetische Stoffe nicht tragen wollen oder schlichtweg nicht mehr vertragen. Einen allgemeinen Trend zu mehr Nachhaltigkeit und Natürlichkeit hat der Experte in den letzten 50 Jahren aber nicht beobachtet: „Wir neigen dazu, es uns gemütlich zu machen. Und Kleidung aus Naturfaser muss man gut pflegen und beispielsweise handwaschen. Das spart Energie und Ressourcen, aber nur wenige nehmen sich heute die Zeit dafür.“

 

2012 und 2018 ist Aufschnaiter nochmals in Südamerika unterwegs. Vor Ort führt er für die Dachorganisation fairer Handelsorganisationen, die World Fair Trade Organisation, Qualitätskontrollen in den Partnerbetrieben durch und lotet technische Verbesserungsmöglichkeiten aus. Darin sieht er auch die Zukunft der fairen Textilbranche: Indem Unternehmen durch technologische Verbesserungen auf dem eigenen Markt konkurrenzfähig werden, haben sie langfristig eine Chance, globale Krisen zu überstehen. Sein letztes Plädoyer richtet sich nicht zuletzt auch deshalb an alle Südtiroler*innen in Krisenzeiten wie diesen: „Ein- und Verkäufer*innen müssen sich bewusst werden, dass sie verantwortlich sind für das, was sie ein- und verkaufen.“ Immer noch gebe es zu wenig Menschen im Handel, die verstünden, welche globale Verantwortung sie tragen. Vor allem Geschäftsleute hätten immer die Wahl zu entscheiden, welche Ware sie in ihre Regale stellen und ob sie eine ökologische und menschliche Vertretbarkeit einfordern. „Die Verantwortung liegt in diesem Sinne nicht beim schwächsten Glied einer Handelskette, so wie oft behauptet, sondern beim stärksten.“

Seine Firmenanteile hat Aufschnaiter inzwischen fast alle seiner langjährigen Mitarbeiterin Veronika Pichler weitergegeben. Sie wird die etwas andere Firmenphilosophie der Aufschnaiters auch in Zukunft weitertragen.

 

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Klemens Riegler Tue, 12/22/2020 - 23:15

Schöner Beitrag über einen großen Menschen, der auch außerhalb seines Naturladens ein intelligenter Zeitgenosse, ein kluger Kopf, ein ausgleichender Mediator und am Ende einfach ein sehr feiner Kerl ist.

Tue, 12/22/2020 - 23:15 Permalink