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Renaissance der Wertschätzung

Fünf JungunternehmerInnen aus Österreich wollen mit ihrer App das Steinzeitkonzept des Tauschens wieder modern machen. Sie wollen die Vorreiter in der Modeindustrie sein.
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„Der Müll eines Menschen ist das Gold eines anderen“, das Tauschen als längst vergessenes Konzept soll mit uptraded wieder modern, wieder in werden. Fünf junge Sozialunternehmerinnen aus Österreich haben die Kleidertausch-App ins Leben gerufen und wollen ihren NutzerInnen einen günstigen und nachhaltigen Weg bieten, um den eigenen Kleiderschrank immer wieder neu zu füllen und gleichzeitig die alten Sachen loszuwerden.

Die Idee für die App sei vor zwei Jahren in Portugal entstanden, erzählt Anna Greil. Sie ist Mitgründerin von uptraded und hat die Idee zusammen mit Bruno Huber entwickelt. Huber war damals aufgrund eines Auslandsemesters in Lissabon und hat im Zuge eines Unternehmertum-Kurses an einem Start-up-Projekt getüftelt, das dem jetzigem uptraded-Projekt ähnlich ist. Bruno und sein Team verwarfen aber die gesamte Idee eine Woche vor Abgabetermin, da sie der Meinung waren, dass das Konzept nicht skalierbar wäre. 

Eines Abends an einem Strand in Portugal kam dann die Idee des Tausches ins Spiel und die Fragen, ob man alte Konzepte in die moderne Welt übertragen könnte, ob sich überhaupt Menschen auf ein Tausch-Abenteuer einlassen würden. Das Team verwarf auch diese Idee am Ende ganz. Bruno Huber aber kam nach seinem Auslandssemester mit der Geschäftsidee im Rucksack nach Innsbruck zurück und holte Anna Greil ins Start-up-Boot. 
 


Auf die Frage, was die App von herkömmlichen Secondhandshops unterscheidet, weiß Greil sofort eine Antwort: „Das Tauschen an sich. Es geht nicht um den Kauf oder Verkauf von Kleidern. Das klingt zunächst sehr alt, als wäre man wieder in der Steinzeit angelangt. Aber unsere Mission ist es wirklich, das Tauschen wieder cool, modern zu machen.“ Die GründerInnen von uptraded haben im Zuge ihrer Recherche drei wesentliche Vorteile des Tauschens erkannt: Erstens sei das Tauschen wesentlich effizienter als Kaufen oder Verkaufen. In einer Transaktion könnte man nämlich ein altes Kleidungsstück weggeben und im Gegenzug eine neue Sache erhalten. Zweitens sei die App endlich mal etwas anderes. Durch das swipen und matchen sollte ein spielerisches, spannendes „Shoppen“ ermöglicht werden. Drittens sei das Tauschen wesentlich sozialer. Greil erklärt: „Die NutzerInnen verstehen meist sofort, dass das, was sie geben, auch das ist, was sie bekommen.“
 

Wir haben damals sehr stark nach einer Frau im IT-Bereich gesucht, aber die sind wie Nadeln im Heuhaufen.


Die fünf jungen UnternehmerInnen arbeiten alle Vollzeit am Projekt. Sie kommen aus dem wirtschaftlichen und technischen Bereich und sind soziokratisch strukturiert. „Jeder und jede ist im Unternehmen für den eigenen Bereich zuständig“, sagt Greil, „es gibt also nicht wirklich jemanden, der hierarchisch über jemanden anderes steht. Ich bin zwar die Geschäftsführerin, aber das wird im Unternehmen nicht so sehr gelebt“. Anna Greil arbeitet mit vier jungen Männern zusammen. Ob sie sich nicht weibliche Verstärkung holen will? „Wir haben damals sehr stark nach einer Frau im IT-Bereich gesucht, aber die sind wie Nadeln im Heuhaufen. Also fast nicht zu finden in der IT-Branche und wenn, dann bekommen die viel bessere Angebote, als wir sie bieten konnten.“ Die Gruppe sei ansonsten organisch entstanden, es wurden nie Stellen ausgeschrieben. Die JungunternehmerInnen hätten nach und nach zueinander gefunden. 

Zurzeit kann man sich lediglich für den Newsletter anmelden, der eigentliche App-Start sei im Sommer, Ende Mai, Anfang Juni. Der Kleidertausch soll dann richtig durchstarten. „Ganz einfach und unkompliziert sollte dieser dann vonstattengehen. Man füllt den eigenen virtuellen Kleiderschrank mit der Kleidung, die man tauschen will, in dem man Fotos von der eignen Kleidung hochlädt. Dann stöbert man durch die Kleiderschränke der anderen NutzerInnen. Wenn mir ein Kleidungsstück gefällt, wische ich nach rechts, wenn`s mir nicht gefällt, wische ich nach links. Den Rest übernimmt eigentlich die App. Und nehmen wir mal an der Person A gefällt das Kleidungsstück der Person B und liket dieses auch, dann stellt die App ein „fit“ her und ich kann mich dann basierend auf den „fit“ mit der Person austauschen. Also es funktioniert im Prinzip wie die Dating-App Tinder. Basierend auf dem gegenseitigen Like, den die App anzeigt, kann ich mich mit der anderen Person austauschen. Und eben den Tausch vereinbaren – entweder vor Ort oder per Versand.“ 

 


Die SozialunternehmerInnen sind sich einig: Wir leben seit einigen Jahren in einem Ausnahmezustand. Die Gesellschaft lebt in einer krisengebeutelten Zeit – mit Pandemie, Klimakrise und Krieg. Junge Menschen finden sich dabei in einem Spannungsverhältnis zwischen ihren individuellen Bedürfnissen und jenen der Umwelt wieder. Es sei eine Generation, die in Krisen aufwächst, die alles hinterfragt und wo jugendliche Leichtigkeit, der Spaß an der Mode, der vielleicht auch ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein kann und auch für den Selbstfindungsprozess wichtig sei, immer wieder verdrängt wird. Und das von größeren Themen, die immer wichtiger sind. 

uptraded kämpft für eine Welt, in der die Mode dem Aktivismus nicht im Wege steht. Wir kämpfen für eine Welt, in der Individualität und uniqueness nicht auf die Kosten des Planeten geht. Und für eine Welt, in der Jung-Sein ohne schlechtes Gewissen geht, wo Mode wieder Spaß macht und wo uns Mode auch mit anderen Gleichgesinnten verbindet. Also unser Ziel ist es wirklich, als größere Vision, die Welt zu verändern. Auch in Hinblick auf die Mode selbst: Wie Mode gelebt, wie Mode verstanden wird, was Mode wirklich bewirken kann. Und im Endeffekt wollen wir einen Weg in die Kreislaufwirtschaft bieten. Wir wollen Vorreiter in der Modeindustrie sein.“ 
 

Wir wollen mit uptraded eine Renaissance der Wertschätzung hervorbringen. KonsumentInnen haben verlernt, Kleidungsstücke und Mode, also auch den Wert der Kleidungsstücke zu schätzen.


„Das Tauschen ermöglicht prinzipiell jeder und jeden dabei zu sein“, so Anna Greil. Man brauche kein Shopping-Budget, sondern lediglich die eigenen Sachen als Tauschobjekte, die als „Bezahlung“ verwendet werden könnten. Die ehemalige Wirtschaftsstudentin sagt: „Wir wollen mit uptraded eine Renaissance der Wertschätzung hervorbringen. KonsumentInnen haben verlernt, Kleidungsstücke und Mode, also auch den Wert der Kleidungsstücke zu schätzen. Welcher Prozess steckt wirklich hinter meinen Kleidungsstücken, wer hat meine Kleidung gemacht, wo kommt die her und wo kommt die später hin? Und diese Wertschätzung wollen wir eigentlich wieder aufleben lassen.“