Politics | Parlament

„Ich bin voller Dankbarkeit“

Der Südtiroler Parlamentarier Florian Kronbichler über sein Ausscheiden aus der Mandatspolitik, die Erfahrung im Parlament und die Chancen von Paul Köllensperger.
Salto.bz: Herr Kronbichler, im Herbst oder spätestens im Frühjahr 2018 wird es zu Parlamentswahlen kommen. Werden Sie noch einmal antreten?
 
Florian Kronbichler: Man muss vorausschicken, dass das, was man in Italien sagt, meistens nicht eintrifft. Trotzdem bin ich gefasst darauf, dass es im Herbst Neuwahlen geben wird. Sicher ist nur: Ganz gleich wann die Parlamentswahlen stattfinden, einen zukünftigen Abgeordneten Kronbichler wird es nicht mehr gehen.
 
Sie treten nicht mehr an?
 
Nein, ich trete ganz sicher nicht mehr an.
 
Warum diese Entscheidung?
 
Diese Entscheidung habe ich schon vor fünf Jahren gefällt. Ich habe das auch immer offen gesagt. Dabei hat damals niemand geglaubt, dass es so weit und so lange geht. Für mich ist es vorbei. Wobei ich explizit sagen muss: Mich hat jeder Tag hier in Rom und in meiner Arbeit gefreut. Ich bereue gar nichts. Insgesamt spürt man im Parlament eine große Katerstimmung. Zudem scheint es modern zu behaupten, man verliere hier nur Zeit. Diesen Eindruck habe ich überhaupt nicht. Für mich reicht es ganz einfach.
„Insgesamt spürt man im Parlament eine große Katerstimmung. Zudem scheint es modern zu behaupten, man verliere hier nur Zeit.“
Angst vor einer Wahlschlappe?
 
Ich bin so realistisch und bescheiden, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es so viele Südtirolerinnen und Südtiroler gibt, die einen Kronbichler nochmals ins Parlament bringen könnten.
 
Sie sagen Ihre Wahl war ein einmaliger Glücksgriff?
 
Ohne Glück geht nichts. Ich bin auch der Meinung, Glück ist erlaubt. Es ist doch ein wunderschönes Privileg, wenn man am Ende seiner beruflichen Laufbahn die Chance bekommt, eine Tätigkeit in der schönsten Stadt der Welt zu haben. Ich bin voller Dankbarkeit. Ich war der erste deutschsprachige Südtiroler Parlamentarier, der nicht von der Volkspartei gekommen ist.

 
Die Frage ist, ob Sie im Parlament etwas erreicht haben?
 
Ich denke schon. Das müssen aber andere beurteilen. Ich habe mich jedenfalls jeden Tag bemüht und werde es auch bis zum Ende der Legislatur tun. Aber für eine weitere Amtszeit hätte ich eigentlich auch nicht mehr die Kraft.
 
Ob das Wahlglück einem anderen Südtiroler Oppositionellen hold sein kann, hängt zwingend vom Wahlgesetz ab?
 
Beim Italicum, das dann für verfassungswidrig erklärt wurde, war es so, dass auf Betreiben der SVP und ihres Paragrafenschmiedes Zeller eine Regelung eingebaut wurde, damit so ein Betriebsunfall, wie es der Abgeordnete Kronbichler war, nicht mehr passieren kann. Genau das wird man im neuen Wahlgesetz auch wieder festschreiben.
 
Glauben Sie nicht, dass der 5-Sterne-Exponent Paul Köllensperger bei den Parlamentswahlen größte Chancen hat, nach Rom zu kommen?
 
Ich kenne die Stärke der 5-Sterne-Bewegung in Südtirol nicht. Paul Köllensperger selbst wäre ein ausgezeichneter Parlamentarier und Vertreter für Südtirol. Meine grünen Kollegen halten mir manchmal vor, dass ich meine Hochachtung vor Paul Köllensperger zu unverhüllt ausdrücke. Von der Vorbereitung und auch von der Art bei den Leuten anzukommen, hat er alle Voraussetzungen für höhere Weihen. Er ist sicher ein Gewinner dieser Legislatur im Landtag. Das Problem: Für seine Wahl bräuchte es den Zusammenschluss mehrere Gruppierungen in Südtirol. Doch diese Entwicklung wird sehr schwer werden.
„Die SVP und ihr Paragrafenschmied Zeller werden eine Regelung einbauen, damit so ein Betriebsunfall, wie es der Abgeordnete Kronbichler war, nicht mehr passieren kann.“
Wird Florian Kronbichler in Zukunft in Südtirol politisch tätig sein?
 
In meiner Auffassung von politischer Tätigkeit schon. Ich werde aber weder für den Landtag noch für irgendeine Gemeinde kandidieren. Und ich werde auch keine Parteiämter annehmen. Doch mit Ende meines Mandates werde ich sicher nicht ein unpolitischer Mensch werden. Ich fühle mich auch meinen Wählerinnen und Wählern gegenüber verpflichtet, weiter etwas zu tun. Man kann nicht sagen, jetzt verdiene ich an der Politik nichts mehr und deshalb lasse ich es. Also: Ich werde mich auf jeden Fall einmischen.

 
Eine Rückkehr in Ihren Brotberuf Journalismus?
 
Nein, das nicht. Aber Sie wissen ja selbst: Eine Katze kann das Mausen nicht so leicht lassen. Deshalb werde ich das, was ich gelernt habe, sicher weiterhin pflegen und mich ab und zu auch zu Wort melden. Ich bin zu unbeherrscht, als dass ich mich völlig zurückhalten könnte.
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alfred frei Thu, 05/25/2017 - 14:57

wenn einer das Unbeherrschtsein so beherrscht wie der Flor, dann kann man nur hoffen daß er weiterhin gewisse andere
an den Rand der Unbeherrschtheit bringt. Vor allem wenn seine akritische Handlungen Freiheit, Wissen und viel Absicht vermuten lassen. Oder nicht ?

Thu, 05/25/2017 - 14:57 Permalink
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kurt duschek Thu, 05/25/2017 - 18:37

Der Flor kann zufrieden sein, dass er auch noch dankbar ist, das zeichnet ihn aus! Er war eine alternative Stimme aus Rom und diese war und ist wichtig !
Danke für Deine geleistete Arbeit.

Thu, 05/25/2017 - 18:37 Permalink
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Martin Daniel Thu, 05/25/2017 - 22:00

Dieses Interview gibt Anlass, das immer wieder undemokratisch anmutende Wahlrecht, das für die Parlamentswahlen nur in Trentino-Südtirol und Aosta gilt, zu diskutieren. Mit dem Mattarellum konnte man wenigstens neben der Stimme für den Einmannwahlkreis noch eine Zweitstimme für die Vergabe der Hälfte der Sitze nach dem Verhältnisprinzip vergeben. Mit dem The-winner-takes-it-all-Prinzip sind alle Stimmen für die nicht stärkste Partei hinfällig (außer einem komplexen und unvorhersehbaren regionalen "ripescaggio" durch jene Stimmen, die nicht zum Sieg in einem Wahlkreis verholfen haben), wobei nicht einmal eine 50%-Mehrheit notwendig ist. Die stärkste Partei erhält (z.B. mit 30%) alle Vertreter (wenn sie in allen 3 Wahlkreisen gewinnt), alle anderen keine. Und genau das ist von denen, die an diesem Wahlgesetz mitgeschrieben haben, so gewollt: Rom soll den Eindruck erhalten, in Südtirol gebe es nur eine Linie - so wie die meisten Europäer denken, alle Schotten seien für die Unabhängigkeit - und ja kein Aufpasser, wie jetzt der Florian, solle den Parteisoldaten in Rom auf die Finger schauen und sie ggf. durchschauen.

Thu, 05/25/2017 - 22:00 Permalink