Economy | Handel

„Der Wunsch ist bei vielen da“

Der Metzger Thomas Schrott hat die Pandemie als Sprungbrett für mehr Lebensqualität genutzt. Und er ist nicht der einzige. Müssen Öffnungszeiten neu verhandelt werden?
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Foto: Susanne Pitro

Das Thema brennt – wie bereits ein eindringlicher Appell des hds bei einer Pressekonferenz im März gezeigt hatte. „Einheitliche Öffnungszeiten für lebendige Orte und Städte anstreben“, lautete damals der Aufruf an Wirtschaftstreibende im Handel und in der Gastronomie sowie Gemeinden. „Es ist eine immense Aufgabe, doch wir müssen es als Ortsausschüsse schaffen, wieder eine Einheit zu kreieren“, sagt der hds-Bezirkspräsident von Bozen Stadt Simone Buratti auch zwei Monate später. Worum es geht? Das Hasardspiel, zu dem Einkaufen spätestens seit den erzwungenen Corona-Schließungen im Handel vor allem morgens und abends geworden ist.

Einst war allen klar: offen ist von 9 bis mittags und von 15 bis 19 Uhr. Dann verzichteten immer mehr Läden auf die Mittagspause und schließlich folgte auf den offenen Samstag Nachmittag vor allem für Ketten und große Supermärkte auch noch der Sonntag. Einkaufen rund um die Uhr, hieß das Schreckgespenst, gegen das nicht nur Gewerkschaften, sondern auch Laubenkönige oder Facebook-Gruppen ins Felde zogen. Doch nun? Auch seit die wegen der Pandemie politisch verordneten früheren Schließungen wieder aufgehoben sind, wirken selbst „lebende Einkaufszentren“ wie die Bozner Lauben schon um 18 Uhr weitgehend ausgestorben. Wer Glück hat, findet noch bis 18.30 Uhr die eine oder andere offene Tür, teils wird sie auch zu unkonventionellen Uhrzeiten wie 18.50 Uhr vor der Nase geschlossen. Supermärkte und Ketten harren zwar mit ziemlicher Sicherheit bis 19 Uhr oder später aus; dafür steht man bei letzteren wiederum morgens oft bis 10 Uhr vor verschlossener Tür. Und: Nicht nur so mancher Dorfladen, sondern auch bekannte Bozner Geschäfte wie die Metzgerei Schrott oder der Bioladen „Pro Natura“ machen nachmittags gar nicht mehr bzw. nur mehr teilweise auf.

Für einen Verband, dessen Vision lautet, „die Qualität des Lebensraumes Südtirol durch eine gezielte Wirtschaftsentwicklung der Orte und Städte zu  steigern“ eine wohl ebenso herausfordernde Entwicklung wie für viele Konsument*innen. Mit einer Guideline und viel gutem Zureden will man beim hds die auseinanderstrebenden Vorstellungen, ab und bis wann im Handel gearbeitet wird, wieder näher zueinander bringen. „Ausnahmen wird es weiterhin geben, wir können schließlich niemandem die Pistole an den Hals halten“, sagt Simone Buratti. „Doch unser Ziel ist es,  Konsument*innen die Sicherheit zu geben, dass zumindest 80 bis 90 % der Geschäfte in einem Ort einheitliche Geschäftszeiten haben.“

Die Entwicklungen, gegen die der Bozner Kaufmann und hds-Bezirkspräsident und sein Verband ankommen müssen, sind allerdings nicht zu unterschätzen. Allem voran: der vielbeklagte Personalmangel, der vor allem für Nachmittagsschichten immer akuter wird. Dazu kommt aber auch ein Mentalitätswandel. Ob in Form eines veränderten Einkaufsverhaltens – Stichwort Onlinehandel – auf Seiten der Konsument*innen, oder spürbar steigenden Ansprüchen in Sachen Work-Life-Balance in den Unternehmen. Simone Buratti will diese zwar vor allem bei den Angestellten festmachen und arbeitet mit seinem Ortsausschuss an Empfehlungen für entsprechende Benefits wie flexibleren Arbeitszeiten, die Unternehmen helfen sollen, dennoch ausreichend Personal zu finden. Doch schon allein die Tatsache, dass viele Unternehmer nach Auslaufen der Corona-Verordnungen dennoch weiterhin um 18 Uhr schließen, beweist, dass auch hier das Thema Lebensqualität durchaus gefühlt wird. Einer der Vorreiter in diesem Feld: Thomas Schrott, bekannter Bozner Metzger in zweiter Generation. Seit dem ersten Lockdown im Jahr 2020 sind seine beiden Geschäfte in der Runkelsteinerstraße und der Gothestraße nachmittags ab 13 bzw. 14 Uhr geschlossen. Und werden es wohl auch weiterhin bleiben.

Salto.bz: Herr Schrott, wer bei Ihnen nach Feierabend noch schnell ein Schnitzel oder einen Prosciutto Crudo mitnehmen will, hat Pech gehabt. Warum bleiben Ihre Geschäfte nachmittags zu?

Thomas Schrott: Dahinter steht ein langer Prozess, der dann mit Corona zu einer schnellen Entscheidung geführt hat. Damals, am Beginn des ersten Lockdown, habe ich sofort gesagt: jetzt machen wir am Nachmittag zu! Das war einfach die Gelegenheit, die es mir erlaubt hat; auch weil damals sowieso kaum Leute unterwegs waren am Nachmittag. Doch der Wunsch zurückzuschrauben, den hatte ich schon viel länger.

Wie lange?

Ich würde sagen, das hat mit Anfang 40 begonnen. Damals habe ich zunehmend gedacht, jetzt würde ich gerne mal ein bissl runter vom Gas, den Druck ein wenig zurücknehmen. Und ich habe immer stärker darunter gelitten, dass ich es nicht geschafft habe, Zeit für mich zu finden. Wenn man ein Einzelunternehmer ist wie ich, noch dazu mit Produktion, ist einfach nie Schluss. Man beginnt früh am Morgen, und schließt um 19 Uhr, dann wird noch geputzt und für den kommenden Tag vorbereitet. Und vielfach ist am Abend auch noch Buchhaltung und Bürokratisches zu erledigen.

Und man arbeitet samstags…

Ja, obwohl die Leute häufig sagen: da arbeitet ihr ja nur einen halben Tag. Doch von 6 Uhr Früh bis 15 Uhr ist kein halber Tag, das ist ein ganzer Arbeitstag. Und dann arbeitet man auch immer dann, wenn die meisten anderen frei haben, zwischen Weihnachten und Neujahr, zu Ostern…Ich nehme mir zumindest immer ein, zwei Wochen Urlaub im Jahr; doch viele Kollegen, die ich kenne, machen nicht einmal das. Wenn man wie ich 25 Jahre so lebt, kommt eben irgendwann einmal das Gefühl: so kann es nicht mehr weiter gehen. Auch weil für das Privatleben, für eine Beziehung kaum mehr Zeit bleibt.

 

 

Sie haben mit Anfang 20 eine gut gehende Metzgerei in der Runkelsteinerstraße übernommen, die Ihre Eltern aufgebaut haben. War dieser Weg schon von klein auf vorgezeichnet?

Nein, eigentlich nicht. Also, der Betrieb war immer der Mittelpunkt unserer Familie und ich habe auch schon mit 15 Jahren hier zu arbeiten begonnen. Aber mein Traumberuf war das nicht, ich hätte ihn nicht selbst gewählt, man wächst da vielmehr hinein. Das soll aber nicht heißen, dass es kein schöner Beruf ist oder meine Familie irgendeinen Zwang ausgeübt hätte.

Doch Sie haben sich dazu verpflichtet gefühlt?

Ich denke, eine solche Verpflichtung fühlen viele, die in einem Familienbetrieb aufwachsen.  Man will einfach die Tradition erhalten, das weiterführen, was die eigenen Eltern aufgebaut haben. Und das ist absolut nicht nur negativ, das hat auch viele positive Seiten und eröffnet viele Möglichkeiten.

Die Sie ja auch ergriffen haben. Vor 17 Jahren haben Sie ein weiteres Geschäft in der Goethestraße aufgemacht, dann sogar noch ein drittes kurzzeitig.

In der Sterngalerie, ja. Das habe ich nach allerdings rund einem Jahr wieder verkauft. Doch ich wollte eben etwas aufbauen. Und vor allem in den Anfangsjahren rennt man und rennt man, und das hat auch gepasst in dieser Aufbauphase. Man investiert, muss Schulden tilgen und ist froh, wenn alles läuft. Aber nach mehr als 20 Jahren hat sich das irgendwann wie ein Hamsterrad angefühlt. Auch weil ich alleine bin, also ich kann nicht einfach bestimmte Aufgaben an ein anderes Familienmitglied delegieren. Da hängt alles an dir, ob Produktion Verkauf, Einkauf, Personalführung, und die ganze Bürokratie!

Ich muss ehrlich sagen: Die Umsatzeinbußen mache ich mit den verringerten Personalkosten und meiner verbesserten Lebensqualität locker wett!

Man könnte ja auch mehr an das eigene Personal delegieren.

Ja, das ist nur leider ein zweischneidiges Schwert. Ich kann als Unternehmer natürlich sagen, ich nehme mir frei und ich stelle mir noch jemanden an. Doch dann geht sich die Rechnung in unserer Branche nicht  mehr aus. Zu viel Personal frisst einem Unternehmen einfach den Gewinn weg. Verdienen kann man, wenn man selber viele Stunden macht und versucht, so wenig Personal wie möglich zu haben. Das siehst man auch in der Gastronomie, alle Restaurants mit zu viel Personal scheitern. Zumindest wenn die eigenen Mitarbeiter*innen ordnungsgemäß versichert und bezahlt werden; da muss man viel arbeiten, um das wieder hereinzubekommen.

Eine der größten Sorgen – in Ihrer und vielen anderen Branchen – ist derzeit aber eher das Problem, überhaupt Personal zu finden. Hat das auch eine Rolle gespielt, bei Ihrer Entscheidung, nachmittags nicht mehr zu öffnen?

Es war immer schon schwierig, bei uns gute Mitarbeiter*innen zu finden, erst recht, wenn man ein hohes Niveau bieten will. Und ja, generell fehlen derzeit überall qualifizierte und motivierte Leute und viele Unternehmen müssen sich anpassen. Aus Hotels hört man, dass in ihren Restaurants nur mehr für Hausgäste serviert wird oder sie ihre Zimmer zur Hälfte in Appartements umwandeln, weil sie einfach nicht mehr ausreichend Personal haben, um alles abzudecken. Und auch im Handel wird man zunehmend reduzieren müssen, denn 6 Tage lange 12 oder 13 Stunden abzudecken, wird immer schwieriger werden. Hier werden wir das Angebot immer stärker an den Personalmangel anpassen müssen.  

Sie werden also nicht alleine bleiben?

Ich bin auch jetzt nicht alleine, es gibt schon einige, die so arbeiten. Ich habe gerade erst einen Bäcker gehört, der auch nur am Vormittag offen hat. Und es gibt auch viele interessierte Kollegen, die sich bei mir erkundigen. Der Wunsch zu reduzieren, ist glaube ich bei vielen da. Doch ich muss ehrlich sagen: Bei mir war der Personalmangel nicht der Hauptgrund für meine Entscheidung. Wenn du ein motivierter Chef bist und gute Leute suchst, findest du auch heute noch welche. Mein Hauptgrund war, dass ich nicht mehr gewillt war, Tag für Tag, Jahr für Jahr, so viele Stunden zu arbeiten. Doch ich habe lange gebraucht, es tatsächlich zu verändern.

Weil da auch die Angst ist, dass dann alles zusammenbricht?

Klar, man hat Angst, dass eine solche Entscheidung nicht akzeptiert wird, dass der Umsatz fehlt. 

Und, war die Angst begründet?

Bis jetzt eigentlich nicht. Zumindest während der Pandemie haben wir sogar dazugewonnen, da hatten wir mit weit weniger geöffneten Stunden  mehr gearbeitet als je zuvor. Und die Reaktionen waren durch die Bank sehr nett und unterstützend. Die meisten wissen ja, wie viel ich immer gearbeitet habe, ich habe immer wieder gehört: Recht hast du, Thomas! Ich muss aber auch dazusagen, dass wir unseren Kund*innen vom ersten Tag an angeboten, ihnen die Ware nach Hause zu liefern, wenn sie es nicht schaffen, vor 13 bzw. 14 Uhr ins Geschäft zu kommen. Damals haben 90 % gesagt: Nein, nein, das schaffen wir schon, und die restlichen 10 % haben wir eben gratis beliefert. Mittlerweile kommen von diesen 10 % auch wieder 90 % ins Geschäft.

 

 

Um wie viel ist der Umsatz eingebrochen?

Wie gesagt, in den Hochzeiten der Pandemie gar nicht, und jetzt würde ich sagen, so um die 15 %.

Und der Gewinn?

Ich muss ehrlich sagen: Die Umsatzeinbußen mache ich mit den verringerten Personalkosten und meiner verbesserten Lebensqualität locker wett! Ich hatte vorher 10 Angestellte, jetzt sind es nur mehr 7, und auch die müssen weniger Überstunden machen. Wenn ich einen Vergleich mit vorher mache, ist der Verdienst sicher nicht der Grund, all diesen Einsatz zu rechtfertigen. Und ich glaube, zu dem Schluss würden viele Kleinunternehmer kommen, wenn sie eine ehrliche Rechnung machen und die ganzen eigenen Stunden berücksichtigen würden. Ganz zu schweigen, von der Pension, die wir dann bekommen.

Überall hört man von Menschen, dass sie einen Gang zurückschalten wollen, doch dann muss man eben auch gewillt sein, an diesem Rhythmus etwas zu ändern.

Und wie sieht das Alternativprogramm aus, also Ihr aktueller Alltag?

Es ist nicht so, dass ich am Nachmittag nicht mehr arbeite, es gibt ja trotzdem noch genug zu tun. Aber ich kann viel freier über meine Zeit verfügen und bin vor allem viel weniger unter Druck, und das ist auch für meine Rolle als Unternehmer und Führungskraft wichtig. Oft gehe ich zum Beispiel erst einmal sporteln am Nachmittag, und danach arbeite ich wieder weiter. Und ich sehe meine Partnerin weit mehr. Früher hatte sie immer schon gegessen gehabt, wenn ich endlich nach Hause kam. Jetzt kochen und essen wir gemeinsam und das ist etwas ganz anderes für eine Beziehung.

Das heißt, Sie haben jetzt Ihr Leben so strukturiert, wie es für Sie passt?

Genau. Vorher habe ich dagegen so gearbeitet, wie es erwartet wird, wie man eben funktioniert.

Wie man es eben lernt …

In unserer Branche hat man auch das Gefühl, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn man nicht immer für die Kundschaft da ist. Doch wer am Freitag Nachmittag zum Zahnarzt will, wird auch nur mehr wenige offene Praxen finden zum Beispiel. Oder auch Gemeindeämter haben meist nur vormittags geöffnet. Und so wird man im Handel eben auch umdenken müssen. Denn wenn wir gutes Personal hinter unseren Theken haben wollen, müssen wir ihnen auch etwas bieten. Und gerade bei knapper Personaldecke ist es schwierig, Leuten mehr frei zu geben oder in Turnussen zu arbeiten. Das heißt, man wird langfristig immer mehr Schwierigkeiten haben, den ganzen Tag abzudecken.

Zu Lasten all jener Menschen, die immer noch bis am Abend arbeiten und keine Zeit mehr finden, unter der Woche einzukaufen?

Ich denke, es wird einfach einen Kompromiss zwischen Handel und Konsument*innen geben müssen. Wahrscheinlich werden wir zunehmend Supermärkte oder andere Läden haben, die fast ohne Personal auskommen, wo man selbst an der Kasse zahlt und nur jemand die Regale einräumt. Und dort, wo es Service gibt, müssen wir eben miteinander nach Lösungen suchen. Überall hört man von Menschen, dass sie einen Gang zurückschalten wollen, doch dann muss man eben auch gewillt sein, an diesem Rhythmus etwas zu ändern. Meine Geschäfte sind sechs Tage die Woche von 6.30 bis 13 Uhr bzw. von 7.30 bis 14 Uhr geöffnet und wenn es nicht anders geht, kann man auch später etwas abholen oder sich liefern lassen. Wer will, findet da einen Weg. Aber natürlich ist es auch einfach, 100 Ausreden zu finden, warum es nicht geht.