Society | Kommentar

Der zweite Lockdown

Fitnessstudios müssen wieder schließen. Von der Politik gibt es keine Erklärung für die Entscheidung. Von mir kein Verständnis.
Fitnessstudio
Foto: Sven Mieke on Unsplash

Ich verstehe es nicht. “Wir müssen ab 26. Oktober schließen.” Das hat mir mein Fitnessstudio am Sonntag um 20.12 Uhr mitgeteilt. Es lag in der Luft, doch bis zuletzt hoffte ich auf ein Einlenken. Nix da.

Seit Montag müssen Fitnessstudios wieder geschlossen bleiben. Auch in Südtirol. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Weder aus Rom noch aus Bozen. Über 20 Millionen Kunden und 1 Million Mitarbeiter stehen vor verschlossenen Türen und fragen sich: Warum soll die Disziplin der vergangenen Monate umsonst gewesen sein?

Nach dem ersten Lockdown haben die Betreiber große Anstrengungen unternommen, um die vorgeschriebenen Hygieneauflagen einhalten und die Sicherheit der Kunden garantieren zu können: elektronische Buchungssysteme, begrenzte Zutritte, Fiebermessen am Eingang, Desinfektionsmöglichkeiten überall, beschränkte Teilnehmerzahl bei den Kursen, ständige Belüftung, längere Öffnungszeiten u.a.m. Die Kunden mussten Geräte und Hanteln vor und nach der Benutzung desinfizieren, einen Mindestabstand einhalten und abseits des Trainings einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Von Fitnessstudios als Corona-Hotspots ist mir nichts bekannt. Im Gegenteil: Laut einer britischen Studie ist das Risiko, sich im Sportstudio mit dem Coronavirus anzustecken, praktisch null. Wenn die Regeln eingehalten werden. Und das werden sie in den allermeisten Fällen. Bei den groß angelegten Kontrollen vergangene Woche wurden in ganz Italien keine gröberen Verstöße gegen die strengen Sicherheitsprotokolle, die seit Mai immer wieder verschärft wurden, festgestellt.

Ich selbst habe in meinem Studio stets darauf geachtet, die Regeln zu befolgen. Aus Respekt, vor den anderen Kunden und insbesondere den Betreibern und Mitarbeitern. Denn mir war bewusst, dass ihre Zukunft, ihre Existenz ein Stück weit auch von meinem Verhalten abhängt. Da lag ich falsch. Meine Bemühungen und die der gesamten Branche waren vergebens.

Es geht mir weniger darum, dass ich nicht auf das Training im Fitnessstudio verzichten kann oder will. Sondern um die Frage, warum ein gesamter Wirtschaftszweig ohne plausible Erklärung in den zweiten Lockdown geschickt wird. Wofür wird man jetzt abgestraft? Vom Image der schmuddeligen, verschwitzten Mucki-Buden haben sich die Sportstudios längst gelöst, sind zu einem Wirtschaftszweig herangewachsen, der zig Angestellten und Freiberuflern eine Arbeit und den Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu jeder Jahreszeit um ihr körperliches und mentales Wohlbefinden zu kümmern.

Gerade in Zeiten, in denen die Gesundheit im Mittelpunkt der politischen Entscheidungen steht, sollte alles dafür getan werden, um zu verhindern, dass jene ihre Tätigkeit einstellen müssen, die sich der Gesundheit verschrieben haben. Zumal es an belastenden Nachweisen fehlt, dass Fitnessstudios Corona-Infektionsherde sind. Oder gehören Bewegung, Sport, die Stärkung des Immunsystems, Körper und Geist etwas Gutes tun, zu dem “nicht Notwendigen”, auf das wir verzichten müssen, “um das Notwendige zu erhalten”, wie es von der Politik heißt?

Warum war eine differenzierte Vorgehensweise bei den Fitnessstudios nicht möglich? Warum müssen sie alle schließen? Solange eine nachvollziehbare Erklärung für die Entscheidung fehlt, fehlt mir jegliches Verständnis.

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Andreas gugger Mon, 10/26/2020 - 13:51

Frische Luft, die wir in Südtirol Gott sei Dank zur Genüge bieten können ist fur den Kreislauf ohnehin weitreichend gesunder als schattige Fitnesstempel.

Mon, 10/26/2020 - 13:51 Permalink
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Michl T. Mon, 10/26/2020 - 15:30

Tragisch für die Mitarbeiter und Unternehmer dieses Sektors. Wirklich.
Ist es erlaub, diese Tätigkeit ins Freie zu verlegen? also nicht die ganzen Gerätschaften nach draußen transportieren sondern im Freien Kurse/Trainings abzuhalten?
zu uns haben sie als Kinder gesagt "geats ausi in die Weite und wenn es miade seit kemmp's hoam essn" :)

Mon, 10/26/2020 - 15:30 Permalink