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Film + Migration

Film als ethnologische Recherche: Insiders/Outsiders

Sarah Trevisiol und Matteo Vegetti sind zwei junge Ethnologen, die die Phänomene der Südtiroler Gesellschaft, besonders die heiklen, durch eine ganz eigene Brille sehen. Vorurteile und Klischees beispielsweise zur Migration entwaffnen sie mit sachlich begründeten Argumenten und angenehm anderen Maßstäben.
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Im ethnologischen Verein Südtirols EVAA ist Kreativität ein Muss. Wie sonst ließen sich Inhalte allgemeiner und spezifischer Lebensbewältigung, die noch dazu auf wissenschaftlicher Basis gründen, an ein Publikum vermitteln? "Deswegen haben wir das Medium Film gewählt," sagt Sarah Trevisiol, Mitautorin des Dokumentarstreifens "Insiders - Outsiders", der bei den Bozner Filmtagen zum ersten Mal gezeigt wird, und der eine Koproduktion von franzmagazine ist. Im Film kommen junge Menschen zu Wort, die hier in Südtirol bzw. Italien geboren und aufgewachsen sind, die hier zur Schule gehen, arbeiten oder studieren, die Deutsch, Italienisch, Dialekt oder alles zusammen sprechen, und deren Eltern nicht von hier sind, kurz: Jugendliche mit Migrationshintergrund, wie es umgangssprachlich heißt.

"Die Idee kam uns anlässlich der Kampagne der Tageszeitung Dolomiten "Stopp der Gewalt", wo bestimmte ethnische Gruppen, sagen wir Albaner, medial als besonders radikal beschrieben wurden. Das ist eine absolut unzulässige Zuordnung von Gewalt, das ist unkorrekte Berichterstattung und steigert vor allem die Schwierigkeiten, mit denen diese ethnischen Gruppen hierzulande zu kämpfen haben", sagt Sarah Trevisiol.

Sie wollte dieser Kampagne und den damit verbundenen und verstärkten clichierten Bildern ein anderes Bild entgegenhalten. Ein sachliches, eines, das wegführt von populistischen Betrachtungen und das Klarheit schafft, beispielsweise über die rechtliche Lage der Jugendlichen. "Denn das sind nicht Migranten, die meisten von ihnen sind hier geboren und hier aufgewachsen, trotzdem sind sie bis zum 18. Lebensjahr im staatlichen Sinne 'Ausländer'", erklärt Trevisiol.

Italien ist eines jener Länder in Europa, das nach wie vor das "Ius Sanguinis", das Abstammungsprinzip praktiziert. Sprich: Die im Staatsgebiet Geborenen erhalten automatisch die Staatsbürgerschaft ihrer Eltern. Erst ab dem 18. Lebensjahr können sie die italienische Staatsbürgerschaft erwerben. "Der Witz an der Sache ist, dass zwar die Südtiroler Gemeinden den Betroffenen vor ihrem 18. Geburtstag einen Brief nach Hause schicken, in dem dieser Umstand bekanntgegeben wird, jedoch im restlichen Staatsgebiet passiert das leider nicht."

Der Erwerb der italienischen Staatsbürgerschaft für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist mit weiteren erschwerenden Umständen verbunden. "Sie müssen nachweisen, dass sie all die 18 Jahre kontinuierlich hier gelebt haben," erläutert Trevisiol weiter, "doch das ist absurd in Zeiten, wo von jungen Menschen absolute Mobilität zu Studien- und Arbeitszwecken verlangt wird, gar nicht zu reden davon, dass ihre Herkunftsfamilien im Ausland sind." 

Auch Problematiken religiöser und kultureller Natur, die so gerne Familien mit muslimischer, hinduistischer oder eben einer anderen als der lokalen Traditon zugeschrieben werden, haben oft andere Grundlagen. "Wenn es in diesen Familien zu Konflikten kommt, dann ist das oft auch ein ganz normaler Vorgang der Schwierigkeiten, die Herwanwachsende mit ihren Eltern haben." 

Im Film "Insiders Outsiders" zeigen Trevisiol und Vegetti all diese Umstände auf, sie haben 15 Jugendliche aus dem Vinschgau, aus Kastelruth, aber vorwiegend aus Bozen dazu interviewt. Zwar scheinen viele der "zu Italienern" gewordenen Jugendlichen in den Ausländerstatistiken beispielsweise der ASTAT nicht mehr auf, doch mit den derzeit 6.500 und einem 15%igen Anteil machen junge Menschen mit Migrationshintergrund einen stattlichen - und wachsenden - Teil der Südtiroler Bevölkerung aus. 

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