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Der (un)bekannte Dr. Gasbarra

Felix Gasbarra führte ein turbulentes und rätselhaftes Leben. Sein Schicksal führte ihn mit Kriegsende sogar zum Tagblatt der Südtiroler. Wer war er? Und wie viele?
Gasbarra
Foto: Archiv Gabriel Heim

Medienmann im Visier 

„Im Zusammenhang mit den Sprengstoffanschlägen wurden am Montag bei Kampenn zwei Hausdurchsuchungen vorgenommen. Wie uns mitgeteilt wird, nahmen die Ordnungshüter diesmal das auf der Anhöhe thronende Schloß Kampenn aufs Korn, dessen Besitzer unser ehemaliger Mitarbeiter Dr. Gasbarra ist. Wie man von vornherein annehmen konnte, waren die Bemühungen der Polizisten umsonst.“ Diese Meldung stand am 21. Juni 1961 im Südtiroler Tagblatt Dolomiten, für welches der genannte Dr. Gasbarra in den 1940/50er Jahren tätig gewesen war. Weshalb Felix Gasbarra in Verbindung mit den Sprengstoffanschlägen gebracht wurde, bleibt bis heute ebenso unklar, wie die zahlreichen Überlieferungen in der Biografie des sprachbegabten Mannes, der unmittelbar nach Kriegsende in der kleinen Dolomiten-Redaktion bei Kanonikus Michael Gamper landete. Martha Ebner erinnerte sich im Zeitzeugengespräch 2019 daran, wie ihr Dr. Gasbarra einst in der Redaktion „Auslandsmeldungen ins Deutsche übersetzte und diktierte.“
Nicht unbeteiligt war Dr. Gasbarra bereits beim Erscheinen der ersten Nachkriegsausgabe vom 19. Mai 1945 gewesen, als er als von den Allierten eingesetzter Pressezensor, das finale Okay zum Druck der erneut erscheinenden Dolomiten gab. 

 

Bis zu seinem Tod 1985 lebte Felix Gasbarra in Bozen, in seinem Schloss Kampenn, das er und seine Frau, die Malerin Doris Homann, mit Kriegsende erworben hatten. In den kalten Wintermonaten wohnte der Journalist und Übersetzer ab und zu auch in der Landeshauptstadt, einmal sogar in Untermiete bei Silvius Magnago, im Souterrain der Villa Lener. 

Von Rom nach Berlin 

Vor 125 Jahren wird Felix Gasbarra, am 7. Dezember 1895, in Rom geboren. Nachdem sein Vater, ein verheirateter Berufspolitiker und Vater zweier Töchter, vom überraschenden Nachwuchs nichts wissen will, zieht die Mutter, eine Sängerin, mit dem kleinen Jungen zurück nach Berlin.
In den 1920er Jahre macht Felix Gasbarra zunächst als Dichtender Tischler auf sich aufmerksam. Auf seinen literarischen Streifzügen durch die Großstadt lernt er den tatwilligen Theatermann Erwin Piscator kennen. „Daß er nach- und nebeneinander Bildhauer, Redakteur, Schriftsteller, Übersetzer, Verleger, Dramaturg, Bergsteiger und Landwirt war, bedeutet ebenso viel und wenig, wie daß er von Geburt Italiener, durch Bildung, Erziehung und erste Liebe Deutscher, aus Überzeugung Berliner und in seiner Haltung Engländer ist“, erinnert sich dieser später an seinen langjährigen Mitarbeiter und Freund: „Immer hat Gasbarra etwas leicht Geheimnisvolles umgeben; immer hat seine Wirkung viel weiter gereicht als sein Name bekannt war.“


Erwin Piscator und Felix Gasbarra erarbeiten im Berlin der 1920er mehrere politische Theaterstücke, etwa die Revue Roter Rummel (1924) oder Trotz alledem! (1925). Sie arbeiten mit zahlreichen wichtigen Kulturschaffenden zusammen, u.a. mit Bertolt Brecht, Leo Lania, Walter Mehring und Ernst Toller, aber auch mit Gustav Fröhlich, George Grosz, Franz Jung, John Heartfield oder Erich Mühsam.

Vorhang zu, Rundfunk auf

Vom Theater dieser Jahre war der Weg zum neuen Medium Rundfunk nicht weit. Gasbarra ging ihn.
Mit einem kultur- und sozialpolitischen Zugang für sein erstes Hörspiel gelingt ihm Ende der 1920er Jahre sogar eine Pionierleistung der frühen Radiogeschichte. Gasbarras Der Marsch zum Salzmeer ist das erste Hörspiel mit weltpolitischem Inhalt. Der Hörspiel-Nachfolger Fahnen am Matterhorn (1931) wird ebenfalls ein Erfolg. 


Nachdem Adolf Hitler Reichskanzler wurde, fliehen der langjährige Kommunist Gasbarra, seine Frau und die beiden Töchter 1933 ins niederschlesische Schreiberhau (Szklarska Poręba). Alleine kehrt Gasbarra einige Monate später wieder nach Berlin zurück und wechselt mehr oder weniger stillschweigend seine politische Zugehörigkeit: Gasbarra wird Mitglied der Faschistischen Partei Italiens. Wie ist sein Sinneswandel zu erklären? Mag gut sein, dass das Sprachentalent Gasbarra nun besser an italienische Übersetzungsaufträge kommen konnte. Die Übersetzungen Am Rande der Hölle von Arturo Marpicati (Vizesekretär der Faschistischen Partei) und wenig später Wesen Wollen Wirken des Faschismus von Vincenzo Meletti, die in Gasbarras Übersetzung ab 1934 erscheinen, sind jedenfalls reinste Propagandaliteratur für die Schwarzhemden. 
Nach einem kurzen Arbeitsaufenthalt als Dramaturg am Schauspielhaus Zürich bricht Gasbarra seine Zelte in der Schweiz nach wenigen Monaten ab und kehrt Mitte der 1930er Jahre in seine Geburtsstadt Rom zurück. Mit seiner Frau und den beiden Töchtern lebt er zunächst städtisch, ab den 1940er Jahren auf einem Landgut im nahen Frascati. Beruflich ist er beim faschistisch gelenkten Radio Roma aktiv, als Nachrichten-"Erzähler" oder als Rundfunk-Deutschlehrer. Übersetzungsaufträge übernimmt er weiterhin.

Von Rom nach Bozen

Felix Gasbarra schließt sich bald nach dem Sturz des faschistischen Diktators den Alliierten an, die ihn 1945 als Pressezensor in Bozen einsetzen. Mit seiner Frau und der jüngeren Tochter bewohnt er ab 1946 Schloss Kampenn. 1948 verlässt Doris Homann ihren Mann (nach erneutem Ehebruch) und wandert mit der jüngeren Tochter Claudia nach Brasilien aus, wo sie gemeinsam mit der älteren Tochter Livia ein neues Leben beginnen.  


Allein zurück in Südtirol findet Felix Gasbarra über den lokalen Sender Bozen der Rai wieder seine Liebe zum Hörspiel und nimmt seine Arbeit als Hörspielautor und Hörspielregisseur wieder auf, indem er beispielsweise Theodor Fontanes Unterm Birnbaum für eine Hörversion adaptiert. Das Liebesduell von Anton Tschechov kommt unter Gasbarras Regie im Jahr 1953 zur Ausstrahlung. „Ausgezeichnet die Leistung der Hauptheldin, der treuen Witwe, von Sophia Magnago überzeugend gesprochen“ lobte das Tagblatt Besetzung und Umsetzung.

Bis in die 1970er Jahre hinein schreibt Felix Gasbarra noch über ein Dutzend Hörspiele für deutsche und österreichische Rundfunkanstalten und übersetzt zahlreiche Klassiker der Weltliteratur für den Diogenes Verlag in Zürich. Außerdem legt er einen Roman vor und zeugt zwei weitere Kinder, zu denen er gleich wenig stehen will, wie sein leiblicher Vater zu ihm.
Weite Teile der vielschichtigen Biografie des Dr. Gasbarra liegen bis heute in einer geheimnisvollen Unschärfe. Klarheit gibt es hingegen zu seinem akademischen Titel. Gasbarra war vieles, Dr. war er aber nie.

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△rtim post Tue, 12/08/2020 - 14:51

„Daß er nach- und nebeneinander Bildhauer, Redakteur, Schriftsteller, Übersetzer, Verleger, Dramaturg, Bergsteiger und Landwirt war, bedeutet ebenso viel und wenig, wie daß er von Geburt Italiener, durch Bildung, Erziehung und erste Liebe Deutscher, aus Überzeugung Berliner und in seiner Haltung Engländer ist“
Das ist mal ein Statement!

Tue, 12/08/2020 - 14:51 Permalink