Gesellschaft | Terror

Und nun?

Zuerst die Aushebung der Südtiroler Terrorzelle, nun die Terrorattacken in Paris. Die Angst vor Islamismus ist auf einem neuen Höhepunkt. Und jeder reagiert anders drauf.

 

Update: Ausnahmezustand nicht nur in Frankreich. Auch in Südtirol verunsichern die Anschläge in Paris nach den Verhaftungen vom Vortag besonders stark. Gerade erst wurde bekannt, dass mitten in der Kurstadt Meran sogenannte foreign fighters wie der 27-jährige Kosovare Eldin Hodza angeworben und ausgebildet wurden. Und nun die unvorstellbaren Bilder und Schlagzeilen aus der von Terror lahmgelegten französischen Hauptstadt. Nebeneinander Schlagzeilen über das Obermaiser Ausbildungszentrum für Terroristen, dessen Miete auch noch über staatliche Beiträge an den verhafteten Kopf der Zelle finanziert worden sein soll, und über die bisher unvorstellbaren Folgen einer islamischen Radikalisierung . Besonders drastisch stellt diese am Samstag die Tageszeitung Dolomiten dar, die „bereits weltexklusiv weiß, wer die Täter waren, und eine Titelseite wie zu Ostern macht“, wie auf Twitter kommentiert wird.

Wir lassen uns von vier „polli“ nicht unsere Integrationsarbeit kaputtmachen, sagt Merans Bürgermeister Paul Rösch. „Gute und Böse gibt es überall“, warnt auch Bozens Quästor Lucio Carluccio davor, nun Asylwerber in einen Topf im Islamisten zu werfen. Dennoch können der Versuchung einige schon wenige Stunden nach den Pariser Anschlägen nicht widerstehen. „Habt ihr endlich verstanden, oder muss ich euch eine Zeichnung mit „Islam = morte“ machen“, adressiert Maria Teresa Tomada auf Facebook  „i vari Margheri Gallo e i loro reggi bordone dei media tipo Angelucci ed altri del 'non si può criminalizzare tutta una comunità e tutti gli islamici non sono terroristi'“.  Lega-Nord-Mann Carlo Vettori zündelt dagegen mit noch weit weniger Worten – und einem Verweis auf die für Sonntag geplante große Bozner Solidaritätsveranstaltung für Flüchtlinge.

Unmittelbar die Reaktion von Organisator Vanja Zappetti. In einem langen Post verurteilt er eine erneut zur Schau getragene Ignoranz und das mangelnde Verantwortungsgefühl all jener, die das noch frische Blut von Paris für persönliche und politische Propaganda benutzen.

„I primi danneggiati dall'estremismo islamico sono esattamente gli immigrati islamici, che nella stragrande maggioranza di estremista non hanno nulla. Quando poi si tratta di rifugiati, nella stragrande maggioranza dei casi in questo momento storico si tratta di persone che stanno scappando esattamente dall'esplodere dell'estremismo, oltre che da altre violenze. Non ci vuole troppo sforzo logico per capire che chi scappa dall'uomo nero, non è amico dell'uomo nero, no?“

Reaktionen wie jene von Vettori bestärken die Organisatoren von Refugees Welcome erst recht in ihrem Vorhaben, mit der morgigen Veranstaltung gegen Ignoranz und Stereotype beim Thema Flüchtlinge und Migration im allgemeinen anzutreten.

Bereits für heute um 18 Uhr lädt die ANPI, der anti-faschistische Verein Alto Adige-Südtirol, zu einem Sit-In auf dem Bozner Hadrianplatz, ein ziviler Protest gegen jegliche Form von Terrorismus und ein Appell für den Frieden, wie Präsident Orfeo Donatini schreibt. Mitgetragen wird die Kundgebung vom Partito Democrativo. PD-Chefin Liliana di Fede ruft dazu auf, zu diesem Anlass Parteigrenzen hinter sich zu lassen: 

"Troviamoci tutti questa sera senza distinzione di colore politico a Bolzano in piazza Adriano alle 18. Portiamo tutti una candela. Portiamo le nostre famiglie. Portiamo i nostri figli. Manifestiamo la nostra solidarietà, il nostro abbraccio al popolo francese con un gesto concreto!"

Politische Reaktionen

Die erste offizielle politische Reaktion auf die Geschehnisse von Paris kommt dagegen aus dem Regionalrat. Präsidentin Chiara Avanzo zeigt sich in einer ersten Stellungnahme solidarisch mit den Opfern des Anschlags und ihren Angehörigen. „Einmal mehr trifft der Terror ein Symbol unserer Kultur und unserer Gesellschaft“, schreibt sie. „Ausgerechnet dort, wo jene revolutionäre Bewegung ihren Anfang nahm, für die sich viele im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit opferten.“

Auch Landeshauptmann Arno Kompatscher hat sich in der Zwischenzeit zu Wort gemeldet: Vernunft bewahren, klare Gedanken fassen und nicht pauschalisieren, so sein Appell. Auch wenn er einräumt, dass Paris noch bedrückendender wird, nachdem bekannt wurde, dass es auch in Südtirol Leute gibt, die solche oder ähnliche Terroraktionen planen wollten und von einer barbarischen Gedankenwelt getrieben sind. „Wir werden unsere Werte und unsere demokratische Grundordnung mit aller Vehemenz verteidigen“, so Kompatscher. 

Die Grünen sehen nur einen Weg auf die Terrorattacken zu reagieren, auf den „Angriff von fanatischen und radikalisierten Gruppen auf sämtliche Gemeinschaften dieser Welt, westlich und östlich, katholisch, muslimisch, laizistisch“, wie sie schreiben. Einer solchen Kriegsaufforderung könne nur die Stärkung jener Werte entgegengesetzt werden, denen dieser Angriff gilt: „Frieden, Toleranz, Solidarität und Respekt. Sie sind tragfähiger als der Wunsch nach Vergeltung.“

Ganz anders tönt die Reaktion der Freiheitlichen: „Jede Beschwichtigungspolitik und weltfremde Einwanderungspolitik sind im Angesicht der verübten Taten in Paris fehl am Platz. Die nötigen Konsequenzen und Maßnahmen gegen den islamistischen Terror in Europa sind unverzüglich zu ergreifen“, unterstreicht der Freiheitliche Landesparteiobmann Walter Blaas. „Wir Freiheitliche haben seit jeher vor den Problemen der unkontrollierten Zuwanderung gewarnt und auf die Fehlentwicklungen hingewiesen. Die Altparteien haben sich dieser Problematik nie angenommen. Den Entwicklungen wurde einfach zugesehen und nun ist der Terror tagtäglich vor der eigenen Haustür.“