Società | Arbeitnehmer

„Über den Tellerrand hinausschauen“

Christoph Gufler über das zweitätige internationale Arbeitnehmer-Symposium in Brixen, die Krise der Demokratie und die Frage, ob es die SVP-Arbeitnehmer noch gibt.
Gufler, Christoph
Foto: salto
Salto.bz: Herr Gufler, salopp gefragt: Existieren die SVP-Arbeitnehmer überhaupt noch?
 
Christoph Gufler: Es gibt Landtagsabgeordnete, die sich dieser Richtung zuschreiben.
 
Das klingt nicht sehr überzeugt?
 
Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es in Südtirol nicht einfach ist, Arbeitnehmerpolitik zu machen. Aber natürlich würde man sich wünschen, dass die Anliegen der Arbeitnehmer in der Politik einen höheren Stellwert einnehmen würden.
 
Ihre zweitägige Tagung trägt den Titel „Demokratie in Zeiten der Krise - die Rolle der Arbeitnehmerorganisationen“. Ist die Demokratie wirklich in Gefahr?
 
Ja. Ich würde sagen die Krise der Demokratie ist sehr groß. Wir stehen ähnlich wie beim Klimawandel und der Umwelt bei 5 vor 12. Es geht inzwischen ernsthaft um die Frage, ob es uns gelingen wird, diese Gesellschafts- und Regierungsform in die Zukunft hinüber zu bringen. Man hat anscheinend vergessen, dass wir in 10.000 Jahren Menschheitsgeschichte, 9.900 Jahre keine Demokratie hatten. Diese Regierungsform ist erst in den letzten 100 Jahren wirklich entwickelt worden.
 
Ich würde sagen die Krise der Demokratie ist sehr groß. Wir stehen ähnlich wie beim Klimawandel und der Umwelt bei 5 vor 12.
 
Und was man auch vergessen hat: Die Demokratie kam nicht von alleine, sondern viele Menschen haben dafür auch unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Existenz darum gekämpft. Diese Leute haben alles getan, um eine Regierungsform zu etablieren, die nicht autoritär, absolutistisch oder diktatorisch ist, sondern das Mitbestimmungsrecht aller Menschen garantiert.

Die Demokratie wird heute von vielen Seiten madig gemacht.
 
Leider ist das so. Man braucht sich nur die Wahlbeteiligungen anschauen. Etwa bei den derzeit laufenden Kommunalwahlen in Italien. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung geht nicht einmal hin. Wenn man sich das anschaut, sieht man im welchem Zustand sich die Demokratie befindet.
 
 
 
Eine der These der Tagung: Diese Demokratiekrise ist auch eine Folge der Aufkündigung der Sozialpartnerschaft?
 
Absolut. Es war die Aufklärung, die das Bewusstsein geschaffen hat, dass es nicht Gott gewollt ist, dass da ein paar Auserwählte über alle schaffen. Vor allem nach den großen Katastrophen der beiden Weltkriege war die Demokratie der wirkliche und echte Qualitätssprung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das allgemeine Wahlrecht eingeführt und nach dem zweiten Weltkrieg hat man die sogenannte soziale Marktwirtschaft eingeführt. Es gibt dazu, das berühmte Zitat von Konrad Adenauer, der jetzt beileibe kein linker Spinner war.
 
Konrad Adenauer sagte: „Mäßiger Besitz ist eine wesentliche Sicherung des demokratischen Staates. Der Erwerb mäßigen Besitzes für alle ehrlich Schaffende ist zu fördern.“
 
Das war das Motto für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbau der Nachkriegsjahre. Nachdem alles in Scherben lag, haben alle verstanden, dass man die Politik und die Gesellschaft auf eine neue Basis stellen muss. In diesen Jahren sind auch die großen Fortschritte und Erfolge erzielt worden. Viele Jahrzehnte lang ist es gut gegangen. Jetzt aber hat man die Richtung verloren.
Mit unseren Schulsystemen vermitteln wir zwar eine Allgemeinbildung, doch auch hier läuft nicht alles optimal.
Eine andere These des internationalen Symposiums lautet: „Demokratie braucht Bildung“. Können Sie als ehemaliger Lehrer dieser These etwas abgewinnen?
 
Natürlich. Ohne Bildung ist Demokratie nicht möglich. Volksbildung ist erst durch die Aufklärung verbreitet worden und es kein Zufall, dass sich erst dann der Weg in Richtung Demokratie angebahnt hat. Ohne Bildung gibt es keine Demokratie. Dabei muss ich aber auch sagen: Mit unseren Schulsystemen vermitteln wir zwar eine Allgemeinbildung, doch auch hier läuft nicht alles optimal. Denn Bildung heißt nicht nur Wissen, sondern Bildung heißt auch Erziehung zum kritischen Denken, zur Fähigkeit eigenständig zu denken, zu interpretieren und zu analysieren. Doch diese Fähigkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten in unseren Schulen viel zu wenig vermittelt worden. Auch das trägt dazu bei, dass wir uns jetzt in einer Situation befinden, in der sich die Menschen nicht mehr engagieren, nicht mehr interessieren und alles gehen lassen, wie es geht. Mit dem fatalen Risiko, dass grundlegende Säulen der Demokratie, langsam aber sicher abgebaut werden.
 
Würden Sie der heutigen Politik eine Mitschuld an dieser Krise der Demokratie zuschreiben?
 
Sicher haben die Politik, das System aber auch die Mandatare eine Mitschuld. Man hat oft den Eindruck, dass sich Politik um das Flasche dreht. Politiker und Politikerinnen, die eigentlich da sind, um die Interessen der Allgemeinheit und der gesamten Bevölkerung zu vertreten, richten sich nur mehr nach den Interessen gut organisierter und starker Lobbys. Die primäre Ausgabe der Politik, nämlich einen Ausgleich zu suchen, zwischen diesen starken Lobbys und den Schwachen der Gesellschaft, ist nicht mehr gefragt. Das führt unweigerlich zu einem Auseinanderdriften der Gesellschaft. Eine kleine Minderheit hat und bestimmt alles, während die große Mehrheit nicht mehr mitgenommen wird. Es ist längst eine explosive Situation entstanden, die früher oder später eskalieren kann. Diese Gefahr besteht. Dabei wäre das überhaupt nicht notwendig, denn es wäre für alle genug da.
 
 
 
Die primäre Ausgabe der Politik, nämlich einen Ausgleich zu suchen, zwischen diesen starken Lobbys und den Schwachen der Gesellschaft, ist nicht mehr gefragt
 
Eine Zustandsbeschreibung, die auch perfekt auf Südtirol und die Regierungspartei SVP passt?
 
Die SVP und Südtirol sind keine Insel der Seligen. Diese Zustände finden wir in allen westlichen Demokratien. Reden wir nicht von Ländern mit Autokratie oder Diktaturen. Wir haben das Privileg einer Demokratie.
 
Es fällt auf, dass auf der gesamten zweitägigen Tagung kein Politiker auftritt. Eine bewusste Entscheidung?
 
Es ist eine Fachtagung, auf der es darum geht, Situationen und Zustände zu analysieren. Wir haben das Glück, dass wir auf eine Zusammenarbeit mit dem „Europäisches Zentrum für Arbeitnehmerfragen“ (EZA) bauen können. Es handelt sich um ein Netzwerk, das in 30 Ländern Mitglieder hat und damit auch die Möglichkeit eine solche Tagung auf höchstem Niveau mit zu organisieren und zu finanzieren. Es geht darum aus unterschiedlichen Perspektiven und aus unterschiedlichen Realitäten Europas einen Zustand zu definieren und zu analysieren. Diese Tagung, die es seit 20 Jahren gibt, erlaubt uns Fachleute zu bekommen, die es uns ermöglichen über den Südtiroler Tellerrand hinaus zu schauen. Es ist deshalb schade, dass die Südtiroler Beteiligung an diesen Tagungen nicht so zahlreich ist, wie man es sich wünschen würde.
 
Wir befinden uns bereits im Vorwahlkampf. Werden auch Südtiroler Politiker in der Cusanus Akademie dabei sein?
 
Es gibt immer wieder einzelne, politische Exponenten, die in diesen zwei Tagen auftauchen. Ich denke, auch heuer werden einige dabei sein. Das wünschen wir uns auch. Wichtig sind aber nicht nur die Politiker, sondern ebenso wichtig ist, dass Entscheidungsträger anderer Organisationen, etwa der Gewerkschaften, der Verbände oder auch der Wirtschaft anwesend sind. Wobei die Vertreter der Wirtschaft in den letzten zehn Jahren weit zahlreicher an dieser Tagung teilgenommen haben als jene aus der Politik.
 
 
 
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Klemens Riegler Dom, 05/21/2023 - 12:55

Zusatz zum Satz:
"... Denn Bildung heißt nicht nur Wissen, sondern Bildung heißt auch Erziehung zum kritischen Denken, zur Fähigkeit eigenständig zu denken, zu interpretieren und zu analysieren."
Zur BILDUNG gehörte auch schlussendlich zu akzeptieren, dass meine eigene Meinung, meine Interpretation und meine Analyse vielleicht nicht jener der demokratischen Mehrheit entspricht.
Heute glauben ja bald alle, dass sie mit ihrer eigenen Meinung (vielleicht Minderheiten-Meinung) "mehrheitsfähig" sind und unwiederbringlich recht haben. Und sich in den "demokratischen, sozialen Medien" teils beleidigend, böse oder sogar sträflich austoben dürfen.
Auch das ist ein Grund für den "Marianen"-Graben in unserer Gesellschaft.

p.s.; ... übrigens ein ziemlich wichtiger Beitrag eines alten Helden der Arbeitnehmerschaft in Südtirol.

Dom, 05/21/2023 - 12:55 Collegamento permanente
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Josef Fulterer Dom, 05/21/2023 - 17:33

In risposta a di Klemens Riegler

Schon zu Magnagos-Zeiten durften sich die Arbeitnehmer, wenn sie folgsam und artig waren, in der gut gewärmten Stube der SVP aufhalten.
Inzwischen lassen sie sich von den an den Marionetten-Fäden der Verbände zappelnenden Kollegen, "zum zunehmenden Ärmer-machen der Arbeitnehmer missbrauchen."
Die Wirtschaft braucht "für ihre absolut notwendigen jährlichen Steigerungen," ... + ... Mitarbeiter und die Hotellerie verplempert zur Steuer-Vermeidung, die Erträge großteils lieber "in kurz-fristig wieder zu verräumende Architektur-, Welness- + Aha!- Kubaturen," statt in einen vernüftigen Mitarbeiter-Stab zu investieren. Bei den Lohnverhandlungen wird gerne "die Arbeitslosen-Unterstützung mit kalkuliert."

Dom, 05/21/2023 - 17:33 Collegamento permanente