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Literatur

„Schreiben ist eine Lebensentscheidung“

Sabine Gruber über ihren neuen Roman, den Erfolg des Buches, die Selbstzweifel, den Spagat zwischen Realität und Fiktion und die Macht und Ohnmacht der Bilder.
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Salto.bz: Zehn Tage nach Erscheinen rangiert „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. NDR, Deutschlandradio, Standard, Kurier, Die Presse und Profil zeigen sich begeistert. Steigt Ihnen der Erfolg schon zu Kopf?

Sabine Gruber: Ich freue mich, aber nach dem Roman ist vor dem Roman. „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ ist sicher mein bisher risikoreichster Roman, ich hab einiges auf der formalen, aber auch auf der inhaltlichen Ebene gewagt – schön, daß das Buch so positiv aufgenommen wird.

In der am Wochenende in der Wiener Zeitung erschienenen Rezension schreibt Andreas Wirthensohn, es handle sich bei Ihrem Buch um „ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie politische Literatur im besten Sinne heute aussehen kann.“ Wollten Sie dezidiert einen politischen Roman schreiben?

Ich hatte es mir nicht explizit vorgenommen, aber es liegt wohl an der Zeit und an meinen Interessen, daß daraus ein politischer Text geworden ist. Ich nehme auf die aktuelle Flüchtlingsthematik Bezug und setze mich mit den positiven und negativen Seiten des Berufs des Kriegsfotografen auseinander, auch mit der Macht und Ohnmacht der Bilder.
Daldossi ist allerdings schon etwas älter, er wurde von seiner Redaktion in Pension geschickt. Im Moment des Rückzugs wird er von seiner langjährigen Lebensgefährtin verlassen, die ihrem Geliebten, dem italienischen Gymnasiallehrer Domenico, nach Venedig hinterherreist.
Ich habe mich beim Schreiben gefragt: Was macht einer, wenn er nicht mehr in den Krisengebieten unterwegs ist? Wie hält er den Frieden aus, wenn in seinem Kopf noch immer oder immer wieder Krieg ist? Wie lebt er mit den Bildern, die er geschossen oder eben nicht geschossen hat, die veröffentlicht oder nicht veröffentlicht wurden? Daldossi schläft schlecht, er trinkt zu viel, ist zuweilen aggressiv. Der Krieg geht in seinem Kopf weiter, der Mann ist kaum noch friedenstauglich.

„Daldossi schläft schlecht, er trinkt zu viel, ist zuweilen aggressiv. Der Krieg geht in seinem Kopf weiter, der Mann ist kaum noch friedenstauglich.“

Mitten in einer Gesellschaft der Macher und Egomanen heben Sie in Ihrem Roman die Wankelmütigen und Unsicheren hervor. Sind wirklich sie es, die die Welt vor Mord und Totschlag bewahren?

Die Unsicheren sind diejenigen, die zweifeln. Das jedenfalls ist eine gute Voraussetzung, um weiter nachzudenken. Ideologen haben vorgefertigte Meinungen, die selten zur friedlichen Lösung von Konflikten beitragen.

Wie unsicher und wankelmütig sind Sie persönlich, wenn es ums Entstehen und Schreiben eines neuen Romans geht?

Jeder Text ist eine Herausforderung; jeder neue Roman bedarf einer adäquaten Form. Die zu finden ist schwer. Ich hab meinem Lektor das Manuskript erst zum Lesen gegeben, als es so gut wie abgeschlossen war und hatte viele Bedenken, obwohl es ein paar überzeugte Erstleser gegeben hat. Ich weiß nicht, warum ich meine Selbstzweifel nicht ablegen kann. Es liegt wohl auch an der fehlenden Distanz zum eigenen Text.

Kann es überhaupt Distanz zum eigenen Text geben?

Ja, Zeit schafft Distanz; der Abstand verändert den Blick auf das Geschriebene, weil man sich selbst verändert.

„Ich weiß nicht, warum ich meine Selbstzweifel nicht ablegen kann.“

Wie sehr verändert sich die Geschichte, die Sie im Kopf haben am Ende auf dem Papier?

Es gab eine Grundidee zum Roman, ein paar disparate Textteile, von denen ich anfangs glaubte, daß sie nicht zueinander passen. Aber neben all der Konzeption existiert auch so etwas wie Intuition, die sich oft erst gegen Ende, wenn sich plötzlich alles fügt, als „richtig“ erweist.

In ihrem Buch schaffen Sie sprachlich eine Reihe von Bildern, die man als Leser zu sehen beginnt, dh man wird selbst zum Fotografen? Woher kommt diese Detailgenauigkeit?

Ich hatte anfangs überlegt, echte Kriegsbilder in den Text einfließen zu lassen. Dann hatte ich die Idee, die Fotos kurz zu beschreiben. Während man Fotos schnell überblättern, also darüber hinwegsehen kann, muß man beim Lesen das Bild quasi neu zusammenstellen, es neu fotografieren.
Detailgenauigkeit läßt sich nur durch minutiöse Recherche herstellen. Ich hab mir Hunderte Kriegsbilder angesehen, habe sehr viele Interviews mit Kriegsfotografen und Kriegsfotografinnen gelesen, außerdem Material zu deren Biografien zusammengesucht. Um mich besser in die Rolle meines Protagonisten hineinfühlen zu können, hab ich sogar eine Ausbildung der Bundeswehr im bayrischen Hammelburg besucht. Dort werden mehrmals im Jahr Journalisten und NGOs auf ihre Arbeit in den Kriegsgebieten vorbereitet.

Sind Kriegsreporter Abenteurer, Verrückte oder Menschen, die einfach hinschauen müssen?

Man unterstellt Kriegsreportern gerne Sensationsgeilheit; meine Erfahrung ist eine andere. Ich bin in meinen Recherchen auf viele ernste und engagierte Fotografen gestoßen. Man stumpfe nie ab, das sei ein Mythos, sagt zum Beispiel der bekannte deutsche Kriegsfotograf Christoph Bangert.

Zu den traditionellen Kriegsschauplätzen in Ihrem Buch gesellt sich auch die Insel Lampedusa. Das Mittelmeer: ein Schlachtfeld, das wir bewusst ignorieren?

Ich war zweimal auf der Insel, deren Bewohner seit vielen Jahren mit dem Schicksal der Flüchtlinge konfrontiert werden. Die Hilfsbereitschaft vor Ort ist enorm, aber die Europäische Union hat die Lampedusaner lange allein gelassen und tut auch jetzt viel zu wenig für die Flüchtlinge. Es ist ein Verbrechen, an dem wir uns mitschuldig machen, wenn wir wegsehen. Die Lampedusa-Filme von Rosi und Brossmann sollten im Hauptabendprogramm laufen und an Schulen gezeigt werden.

In Europa geht inzwischen das Gespenst der Angst um. Angst lässt Menschen irrational werden. Stehen wir bereits mitten in einem Krieg der Kulturen?

Angst muß man mit Argumenten begegnen. Ich sehe keinen Krieg der Kulturen, ich sehe Nachholbedarf in vielen Bereichen, vor allem im Bereich der Bildung. Wir müssen uns mehr für soziale Gerechtigkeit einsetzen, für eine ökonomische Umverteilung.

Was können und müssen Schriftsteller dagegen tun?

Sie müssen gar nichts. Sie können durch ihre Arbeiten das Einfühlungsvermögen in andere Lebensrealitäten vergrößern. Bangert sagt, es gäbe einen großen Graben zwischen denen, die Kriegssituationen erlebt haben und denen, die sich das überhaupt nicht vorstellen können. Mit seinen Bildern versuche er, diesen Graben zu überwinden. Literatur kann mit anderen Mitteln Ähnliches.

„Ich sehe keinen Krieg der Kulturen, ich sehe Nachholbedarf in vielen Bereichen, vor allem im Bereich der Bildung.“

Mit Daldossi wagen Sie sich nahe an ein autobiographisches Thema heran. Sie waren mit dem Südtiroler Sternreporter Gabriel Grüner befreundet. Er wurde 1999 im Kosovo erschossen. Wussten Sie, dass diese thematische Verwandtschaft eine schwierige Gratwanderung werden wird?

Es war für mich keine Gratwanderung. Ich wollte nie über Gabriel Grüner schreiben. Daldossi trägt keine Züge Grüners. Wer meine Romane kennt, weiß, daß ich keine Realitätskopistin bin. Es ist ja gerade die Fiktionalität, die den Roman von einer journalistischen Dokumentation unterscheidet.

Autorin Sabine Gruber: „Nach dem Roman ist vor dem Roman“. (Foto: Gunter Glücklich)

Sie ärgerten sich auf Facebook über die Oberflächlichkeit der ORF-TVTHEK-Redaktion, die Ihren Roman als Buch über den Tod des Spiegelfotografen Gabriel Grüner anpries…

Gabriel Grüner war Stern-Journalist und hat nie fotografiert, er starb mit 35, als seine Lebensgefährtin, die Journalistin Beatrix Gerstberger, von ihm schwanger war. Daldossi ist über 60, er war Fotograf beim Magazin Estero, ist mit einer Zoologin liiert, die sich lieber ihren Bären widmet, als weiterhin Daldossis Eskapaden zu ertragen. Es ist haarsträubend, was sich manche Redakteure an Ungenauigkeiten erlauben. Inzwischen wurde der Ankündigungstext allerdings korrigiert. Der Fernsehbeitrag für „Kultur am Montag“ war sehr einfühlsam und korrekt und hatte mit dem Ankündigungstext nichts zu tun.

Ist es nicht logisch, dass der Leser und Kritiker nach autobiographischen Zügen sucht?

Mit Verlaub, es handelt sich bei „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ um einen Roman, also einen fiktiven, literarischen Text, nicht um eine Reportage. Auch wenn viele Leser nach Daldossi googeln, er lebt nur in unserer Phantasie, und das Magazin Estero ist pure Erfindung.

Für einen Fotografen ist es wichtig im richtigen Moment den Auslöser zu drücken. Wie oft haben Sie den richtigen Augenblick versäumt?

Ich kann mich an keine versäumten Augenblicke erinnern; vielleicht wollte ich sie versäumen?

Ihre Bücher werden seit langem in fast allen großen Zeitungen äußerst positiv besprochen und verkaufen sich sehr gut. Sie sind bei einem großen deutschen Verlag. Demnach denkt jeder, dass Sie steinreich werden. Die Realität sieht aber anders aus?

Mein bisher auflagenstärkster Roman ist „Stillbach oder Die Sehnsucht“ mit knapp 20.000 verkauften Exemplaren; davon kann man zwei Jahre leben, wenn man keine großen Ansprüche hat. Schreiben ist eine Lebensentscheidung, man kann schlecht mehrere Dinge gleichzeitig machen. Viele wollen ihr ökonomisch sicheres Leben nicht aufgeben, sie verlieren viel Zeit, indem sie Geld für eine Eigentumswohnung auf die Seite legen. Mir ist Besitz nicht wichtig. Lesen und Schreiben erfordert Zeit. Vielen Texten sieht man an, daß ihre Verfasser nicht mehr Zeit zum Lesen finden.

Lesen Sie Ebooks?

Nein, ich schleppe noch immer Bücher in den Urlaub und stopfe meine Regale damit voll. Ich lese Nachrichten auf dem iPad, ansonsten bin ich Tochter eines Schriftsetzers und ein haptischer Mensch, der außerdem gerne an frisch Gedrucktem riecht.

Künstler sind naturgemäß dünnhäutig. Wie oft hat Sie Kritik um den Schlaf gebracht?

Es gab noch keine, die mich um den Schlaf gebracht hätte; es gibt Belastenderes. Davon erzählt auch mein neuer Roman…

Mit jedem Roman werden Sie berühmter. Der Literaturbetrieb ist bekanntlich ein Schlangennest. Demnach dürften auch Neid und Missgunst steigen?

Ich halte mich an die, die sich mit mir freuen.

Sabine Gruber, eine österreichische Autorin. Wirklich?

Ist das wichtig? Ich sehe mich in der österreichischen Literaturtradition, lebe schon lange in Wien. Man kann mich auch „Südtiroler Autorin“ nennen, für manche bin ich aufgrund meines Passes eine „italienische Autorin“. Mein neuer Roman spielt in Wien, in Venedig, in Palermo und auf Lampedusa, ganz zum Schluß wird auch noch meine Geburtsstadt genannt…

„Denn im Grunde schreibe ich an einem einzigen großen Buch.“

Normalerweise fragt man jetzt, was wird ihr nächster Roman sein? Mich interessiert aber, Ihr übernächster?

Ob ich da noch am Leben bin? Auf jeden Fall werden wieder einige meiner früheren Figuren vorkommen, denn im Grunde schreibe ich an einem einzigen großen Buch.

Das Buch

Bruno Daldossi ist ein erfolgreicher Fotograf, der sich auf die Arbeit in Krisen- und Kriegsgebieten spezialisiert hat. Nach vielen Jahren, in denen er für das Hamburger Magazin "Estero" in Tschetschenien oder im Irak, im Sudan oder in Afghanistan fotografiert hat, geht er mit Anfang Sechzig nur noch sporadisch auf seine gefährlichen Missionen. Als ihn aber seine langjährige Gefährtin Marlis, eine Zoologin, mit der er in Wien zusammenlebt, wegen eines anderen Mannes verlässt, verliert der so gehärtete Mann völlig den Halt. In seine Trauer um den Liebesverlust mischt sich immer stärker die Frage, wie mit dem Leid der Welt, das er in seinen Bildern festhält, zu leben und wie damit umzugehen ist. Wie viel Wahrheit halten wir aus? Wie viel Einfühlung, wie viel Nähe sind uns möglich? Daldossi freundet sich mit der Journalistin Johanna Schultheiß an, die aus Lampedusa berichten soll, und reist ihr nach. Und er versucht, Marlis zurückzugewinnen und Verantwortung zu übernehmen für wenigstens eins der Schicksale, die seinen Weg gekreuzt haben.
Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ ist am 21. Juli 2016 erschienen. Bereits in den ersten zehn Tagen gab es in fast allen Medien äußerst positive Kritiken zu Sabine Grubers neuem Roman. Am Montag wurde bekannt, dass das Buch auch die ORF-Bestsellerliste im August anführt. Sabine Gruber wird  „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ auch zweimal in Südtirol vorstellen.

Die Termine: Donnerstag, den 8. September bei den Bücherwürmer in Lana und am Freitag 9. September im Foyer des Stadttheaters Bozen.

Sabine Gruber: "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks"
C.H.Beck, München 2016
316 Seiten, 21,95 Euro

 

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