Luftschutzplan
LPA/Maja Clara
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Zeitgeschichte

Die Bomben von Bozen

Pläne der deutschen Besatzer dokumentieren die Blindgänger, die im Erdreich von Bozen schlummern. Nun liegt das Bombenregister in den Händen der öffentlichen Verwaltung.
Von
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Lisa Maria Gasser01.10.2020
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Wie viele es genau sind, steht nicht fest. Doch die am Sonntag am Bozner Verdiplatz entschärfte US-Fliegerbombe – es war der zweite nicht explodierte Sprengkörper, der innerhalb von elf Monaten bei den Arbeiten zum Waltherpark entdeckt wurde – war nicht die letzte. Denn im Erdreich unter der Stadt Bozen schlummern noch gar einige Blindgänger. Vor allem in der Nähe des Bahnhofs und des Zentrums. Das dokumentieren Trefferpläne aus dem Zweiten Weltkrieg, die das Kuratorium für Technische Kulturgüter am Mittwoch der Stadt Bozen und dem Land übergeben hat.

Entdeckt hat sie das Kuratorium im Zuge von Recherchen am Bahnhofsareal, im Archiv der Bibliothek von Kloster Muri-Gries. Unterstützt von Pater Plazidus Hungerbühler, der das Archiv als Bibliothekar betreut, wurden neun Pläne von 13 Ereignissen gefunden.

 

Pläne aus der ehemaligen Nazi-Luftschutzzentrale

 

Angefertigt von den Nationalsozialisten, halten die Trefferpläne die Bombardements der Alliierten in den Kriegsmonaten der deutschen Besatzung zwischen September 1943 und Mai 1945 fest. Und zwar an folgenden zehn Tagen, an denen Bozen davon betroffen war: Donnerstag, 2. September 1943; Samstag, 25. September 1943; Montag, 4. Oktober 1943; Mittwoch, 10. November 1943; Donnerstag, 2. Dezember 1943; Mittwoch, 15. Dezember 1943; Samstag, 25. Dezember 1943; Mittwoch, 29. März 1944; Samstag 13. März 1944; Mittwoch, 4. Oktober 1944.

Nicht dokumentiert bzw. noch nicht aufgetaucht sind Pläne der Bombardements von Freitag, 4. Jänner 1945; Dienstag, 16. Februar 1945; Mittwoch, 28. Februar 1945.

“Die während der Kriegszeit eingeschlagenen Sprengkörper sind punktgenau auf den Katasterplan von Bozen übertragen worden”, berichtet Wittfrieda Mitterer. Gemeinsam mit Präsident Artur Scheidle vollzog die Direktorin des Kuratoriums für Technische Kulturgüter die Übergabe.

Trefferbild
Ein Trefferbild: mit Kreuzchen wurden die explodierten, mit Punkten die nicht explodierten Bomben eingetragen (Foto: LPA/Maja Clara)

 

Dutzende Blindgänger schlummern noch

 

Im Benediktinerkloster Muri-Gries hatte das Kommando der Schutzpolizei der örtlichen Luftschutzleitung vom September 1943 bis Ende Juni 1945 ihren Sitz. Der erste und zweite Stock des Exerziten-Hauses war von der Schutzpolizei, der dritte Stock von der Standortkommandatur der deutschen Wehrmacht besetzt.

Artur Scheidle und Wittfrieda Mitterer
Nahmen die Übergabe der Trefferpläne vor: Artur Scheidle und Wittfrieda Mitterer, Präsident und Direktorin des Kuratoriums für technische Kulturgüter (Foto: LPA/Maja Clara)

 

Bereits 1972 hatte der aus dem Tessin stammende Benediktinerpater Bertoldo Röllin in der Publikation “L’Alto Adige nella storia” des aus Brescia stammenden und 1929 nach Bozen übersiedelten Journalisten Mario Ferrandi den Hinweis gegeben, dass die Trefferpläne mit ihren “stillen roten und blauen Punkten” zu gegebenem Zeitpunkt der Öffentlichkeit übergeben werden sollten, um einen würdigen Platz zu erhalten. Pater Bertoldus war während der Kriegsjahre als Seelsorger im Kloster Muri-Gries tätig.

Fast drei Jahrzehnte später war es am Mittwoch dann so weit. Die Trefferpläne wurden – in digitalisierter Form – an den für Zivilschutz zuständigen Bozner Stadtrat Luis Walcher übergeben, der sie auch in Vertretung für Zivilschutzlandesrat Arnold Schuler in Empfang nahm. Das Kuratorium hat die akribisch dokumentierten Blindgänger gezählt: Bis zu 80 könnten demnach noch unter Bozen liegen. “Bombenentschärfungen werden somit auch in den kommenden Jahren ständige Begleiter sein”, so Walcher.

 

Info

Offiziell starben während des Zweiten Weltkriegs in Bozen 200 Personen. Die Dunkelziffer liege aber viel höher, schreibt Mario Ferrandi in “L’Alto Adige nella storia”. 60 Prozent des Baubestands der Stadt waren zerstört, 335 Gebäude völlig zerstört, 648 schwer beschädigt, 1395 trugen Schäden davon. Insgesamt ertönte die Sirene 472 Mal. Den Menschen standen 53 Luftschutzkeller unterschiedlicher Größe zur Verfügung, wobei der Virgltunnel insgesamt 8000 Schutzsuchenden Platz bot. Zusätzlich gab es noch verschiedene Splittergräben auf das Stadtgebiet verteilt.

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