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40 Jahre Arunda

Traditionsbewusst modern

Zum Geburtstag einer der ältesten Kulturzeitschriften Südtirols ist ein Jubiläumsband samt Internetdokumentation erschienen. Der folgende Beitrag gewährt eine Kostprobe.
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Obwohl Südtiroler in Angelegenheiten der Kultur gemeinhin als etwas weltfremd gelten, hat die Forschung an zahlreichen Beispielen längst nachgewiesen, dass auch die gegenteilige Behauptung zutrifft – nämlich dass Moden und Trends, die jenseits der Zentralalpen ihren Ausgang nehmen, auch in höheren Tallagen ihren Widerhall finden, wenn auch meist etwas zeitverzögert und mit geringer, manchmal auch etwas eigenwilliger Resonanz.

Die 1976 gegründete Kulturzeitschrift Arunda ist eines dieser eigenwilligen ‚Geräusche‘, das beim Eindringen des europäischen Zeitgeists in den Kulturmonolith Südtirol entstanden ist. Dass die Erzeugung widersprüchlicher Klänge dabei keineswegs ein Zufall, sondern als Resultat durchaus beabsichtigt war, gaben die Herausgeber der Zeitschrift bereits im Vorwort ihrer ersten Ausgabe zu verstehen: Mit dem rätischen Namen des Bergs „Arunda“ stellten sie einen Bezug zu Vinschgauer Landestradition her, doch wollte man im selben Atemzug (gewissermaßen vom Gipfel der Arunda aus) „den gewohnten Horizont“ erweitern und „Wertmaßstäbe“ anlegen, „die außerhalb der üblichen Schemata stehen.“ (Editorial, 1/1976)

Anlässlich des 40jährigen Erscheinens von Arunda darf an dieser Stelle gefragt werden, ob es den Herausgebern gelungen ist, den angesetzten Spagat zwischen Bewahren und Erneuern, zwischen Heimatverbundenheit und Fernweh, zwischen Tradition und Moderne (allesamt Gegensätze, die in Südtirol vielleicht mehr als anderswo immer auch politisch gedeutet worden sind) über die Jahre hinweg konsequent durchzustehen. 

Erfrischend gefährlich

Ein flüchtiger Blick in die regionale Literaturgeschichte zeigt, dass der Wunsch nach kultureller Bewusstseinserweiterung, wie ihn die Herausgeber der Arunda als Leitmotiv formulierten, rückblickend betrachtet weniger innovativ war, als es das Vorwort der ersten Nummer suggerieren möchte. Die radikale Umorientierung der damals jungen Generation Südtiroler Autoren – weg von selbstverliebten Landesbetrachtungen hin zur Auseinandersetzung mit Überregionalem – war bereits 1969 von Norbert C. Kaser unter dem Titel Südtirols Literatur der Zukunft und der letzten zwanzig Jahre (bekannt geworden als ‚Brixner Rede‘) eindringlich vorgegeben worden. Ebenso existierten schon vor dem Erscheinen der ersten Arunda unabhängige Kulturzeitschriften, die im Schatten des konservativen Athesia-Verlags erste, wenn auch verschwindend kleine Marktnischen aufgerissen hatten: In Innsbruck publizierte Wolfgang Pfaundler seit 1967 das Fenster, welches auch Südtirolbezüge aufwies. In Bozen erschien von 1967 bis 1969 die zweisprachige brücke. Zur literarisch wie politisch nicht unbedeutenden Südtiroler Hochschülerzeitschrift skolast hatte die Arunda sogar direkte Bezüge, zumal einer ihrer Initiatoren, Hans Wielander, den skolast bereits 1961 hinsichtlich des grafischen Erscheinungsbilds und der Themenfülle erkennbar modernisiert hatte. Objektiv betrachtet war Arunda somit für das Entstehen einer alternativen Zeitschriftenlandschaft in Südtirol keineswegs bahnbrechend, doch kann man ihren Gründern nicht absprechen, den zeitgenössischen Trend zu unabhängiger Kulturarbeit früher erkannt und übernommen zu haben als viele andere Publizisten vor Ort. 

In mächtigen Südtiroler Kulturkreisen stand Arunda anfangs im Verdacht, gar um einiges revolutionärer zu sein, als es die Herausgeber selbst beabsichtigten.

Im Gegensatz zur relativierenden Einschätzung der Literaturwissenschaften stand die Arunda in mächtigen Südtiroler Kulturkreisen am Beginn ihres Erscheinens im Verdacht, gar um einiges revolutionärer zu sein, als es die Herausgeber selbst beabsichtigten. Ersichtlich wird diese Einschätzung bezeichnenderweise in einem Rechtfertigungsschreiben an die höchste regionale Bildungsinstitution, die Universität Innsbruck. Der Verlagsleiter des Hauses Athesia, Josef Rampold, entschuldigt sich darin bei Univ.-Prof. Franz Huter (einem gebürtigen Südtiroler Historiker und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) für eine Formulierung in Wielanders 1975 erschienenem Gebietsführer durch den Vinschgau. Die darin enthaltene Beschreibung des mittelalterlichen Adels  komme einem Stoß „ins klassenkämpferische Horn“ gleich, der wohl auf Wielanders beruflichen Kontakt zu einem Kommunisten (dem Direktor der Oberschule Schlanders, Joseph Torggler) zurückgehe. Der Vorfall sei zweifelsfrei zu bedauern, doch werde Huters Ermahnung Rampold in Zukunft „Ansporn zu noch größerer Aufmerksamkeit sein.“ (Rampold an Huter, 30.5.1975, Universitätsarchiv Innsbruck)

 

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40 Jahre Sammlerleidenschaft: Das Redaktionsarchiv der Arunda 2016 (Foto: Erika Wimmer)

 

Tatsächlich begegnete Athesias Tageszeitung Dolomiten der Arunda anfangs mit Skepsis, obwohl sich eine kommunistische, überhaupt eine politische Stoßrichtung der Zeitschrift nicht nachweisen lässt. Wielander stand weder auf Wahllisten der damals prosperierenden Kommunistischen Partei Italiens (KPI) noch exponierte er sich in anderen Oppositionsparteien wie der 1966 gegründeten Sozialen Fortschrittspartei (SFP), der 1973 entstandenen Sozialdemokratischen Partei Südtirols (SPS) oder der ab 1978 sich politisch organisierenden alternativen Bewegung um Alexander Langer.

Der ausgewiesene Kommunist Joseph Torggler wiederum publizierte nicht in Arunda. Überhaupt finden sich unter den inzwischen mehreren hundert Arunda-Autoren nahezu keine politisch exponierten Persönlichkeiten und die wenigen wie Norbert Florineth (zeitweise SFP-Gemeinderat in Laas), Silvano Bassetti (ehem. Aktivist der Gruppe Lotta Continua), Grazia Barbiero, Norbert C. Kaser oder Andrea Mascagni (alle drei KPI) publizierten in der Arunda auffallend unpolitische Beiträge: Von Kaser erschien eine Auswahl weitestgehend unkritischer Lyrik – das meiste davon posthum. Bassetti erörterte die Situation der Architekten in Südtirol, Mascagni gab Einblick in sein Bozner Haydn-Orchester, Norbert Florineth schrieb u.a. über den Schriftsteller Joseph Roth und Grazia Barbiero in einer späten Arunda-Ausgabe über den Bildhauer Franz Pichler. 

Dass Josef Rampold in den Dolomiten über die zweite Nummer der Zeitschrift trotzdem urteilte, sie enthalte „Blödeleien“ und sei insgesamt „eine Enttäuschung“, verdeutlicht vielmehr, wie eng das offizielle Kulturverständnis Südtirols in jenen Jahren gefasst war. Landesrat Anton Zelgers Verdikt „Kultur ist Volkstumskampf“, das bis ins Jahr 1989 (!) Geltung hatte, stellte alles Kulturelle wie selbstverständlich in den Dienst der Traditionspflege – wobei die völkische Wortwahl unfreiwillig die ideologische Provenienz des Gedankens entlarvte. 

 

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Ein Blick in die Arunda-Redaktion (Foto: Erika Wimmer)

 

Arunda widersprach nationalistischem Denken in erster Linie aus generationsspezifischen Gründen. Sowohl die Herausgeber – der Arbeitskreis Vinschgau um Hans Wielander (* 1937), Roland Kristanell (* 1942) u.a. – als auch die wichtigsten Autoren und Künstler der frühen Ausgaben wie Kaser (* 1947), Gerhard Kofler (* 1949), Gerhard Mumelter (* 1947), Siegfried de Rachewiltz (* 1947) oder Luis Stefan Stecher (* 1937) zählten im Gegensatz zu Rampold (* 1925),  Zelger (* 1914) und dem noch älteren Huter (* 1899) nicht mehr zur Wehrmachtsgeneration und auch nicht zur Generation des Ersten Weltkriegs. Während deren Erwachsenwerden maßgeblich von der Auseinandersetzung mit Totalitarismus und Krieg geprägt worden war, hatten die Autoren der Arunda Wiederaufbau und Wirtschaftswunder erlebt. Der Volksempfänger war dem Radio (seit den späten 1960ern dem Fernsehen), Tiroler Volksmusik in manchen Jugendzimmern bereits den elektrisierenden Riffs der Beatles gewichen. 

Auch hinsichtlich ihres experimentellen Stils musste Arunda konservativen Zeitungslesern vor den Kopf stoßen. Der Südtiroler Schriftsteller Gerhard Riedmann wertete das unregelmäßige Erscheinen der jährlichen vier Nummern, den stark schwankenden Seitenumfang, die unsystematische Anordnung der Beiträge und den graphischen Stilmix bereits 1980 als bewusstes „Anti-Konzept“. Kritiker der Arunda bezeichneten sie hingegen noch Jahre später als „Sammelsurium“, in dem laut Wochenmagazin ff „Künstler, Dichter, Musiker, Lebenskünstler oder auch Wichtigtuer auftauchen [durften], bevor sie jemand kannte.“

Sprachlich war Arunda vor allem deshalb modern (und politisch anrüchig), weil sie neben deutschsprachigen Texten punktuell italienische Stimmen einstreute. In einem Land, das damals wie heute öffentliche Sphären nach ethnischem Proporz gesetzlich trennt, mussten die Regierenden ein Wiederaufgreifen des ehemaligen brücke-Stils als Affront werten. „Unter Landesrat Zelger gab es eine Zurechtweisung“, gestand Wielander 1997 im Interview mit Horst Saller „und ein Jahr lang keine Unterstützung, weil in verschiedenen Nummern italienische Beiträge veröffentlicht wurden.“

Angepasst und stur

Arunda wollte ursprünglich nur drei Jahre lang existieren und mit der zwölften Ausgabe ihr Erscheinen einstellen. Vierzig Jahre später arbeitet die Redaktion um Hans Wielander noch immer, und hat dabei später entstandene Kulturzeitschriften wie Föhn (1978–1981, 1984–1998), Distel (1981–1996), Sturzflüge (1982–2004) und sogar Wolfgang Pfaundlers Fenster (1967–2001) überdauert. Dieses unerwartet lange Leben der Arunda erklärt sich wohl aus ihrer besonderen (man könnte auch sagen: typisch südtirolerischen) Mischung aus Anpassungsfähigkeit und Sturheit. 

In die regionalen Machtverhältnisse fügte sich die anfangs kritisch beäugte Zeitschrift recht bald über ihre landesgeschichtlichen Schwerpunktthemen ein, die mitunter ins volkskundliche hineinreichten und doch den Geist einer „Geschichtsschreibung von unten“ atmeten. So gelang es der Redaktion in mancherlei Hinsicht Aufklärungsarbeit zu leisten, indem sie Unbewusstes nachdrücklich ins Bewusstsein rief wie bspw. die ladinische Kultur (17/1985) oder Südtirols Bezüge zu Russland (70/2006). Bisweilen beleuchteten die Autoren auch Unbequemes wie die Vertreibung der Hutterer (19/1986) oder fragten kritisch nach Identitäten (11/1981) und dem Verhältnis von psychischer Norm zu Abnormalem (47/1998). Anders als die links-alternativen Zeitschriften brücke (1967–1969), Volkszeitung (1978–1980) und Tandem (1981–1984) verband Arunda ihre Pionierarbeit jedoch nie mit politischen Forderungen, was der Landespolitik die konstante Zuerkennung von öffentlichen Fördergeldern vermutlich erleichterte. 

Die Einspeisung einiger Text- und Bildbeiträge österreichischer Autoren (H. C. Artmann) und prominenter Exil-Südtiroler (Paul Flora, Kristian Sotriffer) in den regionalen Diskurs verschafften den Herausgebern bei ihren lokalen Sponsoren zusätzliches Gewicht. Umgekehrt konnte Arunda als Abonnentenzeitschrift mit einer durchschnittlichen Kleinauflage von 2.000 bis 4.000 Exemplaren die offizielle Darstellung Südtirols im deutschsprachigen Ausland zu keinem Zeitpunkt gefährlich unterwandern. Die bekanntesten Texte von Sabine Gruber, Norbert C. Kaser, Anita Pichler und Joseph Zoderer gelangten in den 1980er- und 1990er-Jahren bezeichnenderweise nicht über Arunda in die Programme der großen deutschen Publikumsverlage. Vielmehr integrierte Arunda ihrerseits immer neue regionale Autorenkreise, sodass schließlich auch der einstige Kritiker Josef Rampold (32/1992) und Anton Zelgers Nachfolger Bruno Hosp (81/2011) in der Zeitschrift publizierten. 

„Sie stand so quer, dass es niemand als Angriff verstehen musste (…) Sie ist einfach immer da, auch wenn vielleicht schon niemand mehr darauf wartet.“ (Georg Mair)

Eigenwillig an Arunda ist bis heute, dass sie sich über die Jahre zunehmend vom Zeitgeist entkoppelte und im öffentlichen Leben trotzdem überleben wollte – dass ihr Spagat zwischen den Gegensätzen längst alltäglich geworden ist und sie ihn trotzdem wie am ersten Tag zelebriert. „Sie beschäftigte sich mit Brot oder Milch, als andere gegen die Zeitläufe wetterten“, stichelte der Kulturjournalist Georg Mair zum dreißigjährigen Arunda-Jubiläum gegen diese Attitüde. „Sie stand so quer, dass es niemand als Angriff verstehen musste (…) Sie ist einfach immer da, auch wenn vielleicht schon niemand mehr darauf wartet.“

Hans Wielander, der die Redaktionsarbeit noch heute ohne Verwendung eines Computers bewerkstelligt, führte die erstaunliche Zähigkeit von Arunda schon 1994 schlichtweg auf ihre bescheidenen Ansprüche zurück. Die Herausgabe der Zeitschrift sei für alle Beteiligten „ein Hobby, das heißt eigentlich ein Luxus.“ Und so wird Arunda wider den Zeitgeist wohl weiter erscheinen, solange man sich den Luxus leisten kann.

 

Das Buch: Christine Riccabona/Erika Wimmer (Hg.): Arunda. vierzig, Limbus-Verlag, Innsbruck 2016, ISBN: 978-3-99039-095-5.

Die Internetdokumentation: www.arunda.it, erstellt vom Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck

 

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