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©Touriseum
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Touriseum

Südtirolspiel 2.0

Das weltweit größte hölzerne Kugelspiel steht im Touriseum Meran und wurde 2018 erneuert. Das Südtirolspiel vereint Humor, Handwerk und Technologie.
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Teo Mahlknecht, Jahrgang 1972 aus St. Ulrich, ist Bildhauer, Künstler und der Erfinder des Südtirolspiels, das seit 15 Jahren den Besuchern des Touriseums in Meran die Eigenheiten des Landes mit viel Humor und Liebe zum Detail näherbringt. Wir haben ihn interviewt:

Herr Mahlknecht, wie hat das alles angefangen, war immer schon klar, dass Sie in den elterlichen Betrieb für Holzskulpturen einsteigen?
Ich habe die Fachschule für Holzbildhauerei in Wolkenstein besucht. Ich habe schon in der Sommerzeit immer im Betrieb mitgeholfen. Die Eltern hätten auch nichts dagegen gehabt wenn ich weiter studiere, aber es gab immer viel zu tun und für mich war nach der Schule klar, dass ich miteinsteige.

Ab wann wussten Sie, dass Sie die Bildhauerkunst anders, beweglich, lebendig gestalten würden?
Unser Betrieb hat immer schon Sonderanfertigungen für Uhren-Manufakturen in Deutschland und der Schweiz hergestellt. Das waren Sonderserien, für die wir auf Kundenwunsch die Modelle entworfen und auch bemalt haben. Das war für mich damals sehr interessant, denn wenn diese Firmen zu Besuch kamen, hatten sie mechanische Uhrwerke mit und ich war fasziniert davon wie die Bewegungen der Figuren der Kuckucksuhren zustande kamen. Da begann mein Interesse für beweglichen Skulpturen. Irgendwann hat diese Firma aus Deutschland bei uns auch große Figuren bestellt, denn sie wollten die größte Kuckucksuhr der Welt bauen. Diese großen Figuren haben wir dann gebaut und ich habe mich dabei viel mit der Mechanik beschäftigt.

Sie haben die Stationen des Südtirolspiels entworfen. Wie ist es entstanden?
Es gab damals in der Schweiz schon ein großes Kugelspiel, aber das war nicht so interaktiv. Das Gestaltungsteam des Touriseums bestand aus Paul Rösch, Tacus & Didonè, Gruppe Gut Gestaltung und Josef Rohrer. Das Touriseum wollte ein Spiel aus Holz, das die typisch südtiroler Handwerkskunst hervorhebt und es sollte ein besonders interaktives Spiel sein, das den Besucher miteinbezieht. Wir haben sehr viele Sitzungen gemacht, zuerst wurden vorab 10 Grundkonzepte erarbeitet und besprochen.  Als das Grundkonzept dann ausgesucht wurde habe ich dazu insgesamt 80 Szenen vorgeschlagen, aus denen sich dann der endgültige Entwurf des Spiels ergeben hat.

Welche Stationen hat das Südtirolspiel?
Momentan hat das Spiel über 39 bewegliche Szenen. Das Spiel ist ein bisschen selbstironisch. Die Kugel steht für den Touristen und überall wo er vorbeikommt, verändert sich etwas. Wenn er also am Bauernhof vorbeirollt, verwandelt sich dieser in ein Hotel. Dann gibt es zum Beispiel den Skitourismus mit Aprés-Ski Szenen, das Törggelen, König Laurin, die überfüllten Berggipfel wo die Touristen ein Selfie machen, die Alpenhörner, die Kastelruther Spatzen. Es ist alles immer mit Humor verbunden, wenn etwa die Kugel an den Schutzhütten vorbeirollt, verwandeln die sich in eine Mc Donald’s Bude, oder die Frau Holle wird vom Kunstschnee aus einer Schneekanone begraben. Diese humorvolle Veranschaulichung des südtiroler Tourismus ist besonders für Familien mit Kindern geeignet.

Es ist aber auch ein selbstironischer Blick auf die Südtiroler Umstände und Eigenheiten?
Ja, viele Szenen sind sehr spezifisch und betreffen südtiroler Kontroversen der letzten 15 Jahre. Es gibt z.B. die Szene wo sich zwei Hubschrauber der Rettungskräfte um einen Patienten streiten, da wird der Patient hin und her gezogen. Oder die Szene mit dem Bozner Flughafen, wo das Flugzeug über die Landebahn hinaus im Apfelhain gelandet  ist und wenn die Kugel dort vorbei rollt fallen die Äpfel runter.
Das Touriseum hat sich auch selbst mit Humor dargestellt, denn im Südtirolspiel tragen die Palmen der Gärten von Trauttmannsdorff Mütze und Schal, weil damals im ersten Winter nach der Eröffnung die neu angepflanzten Palmen alle erfroren sind.
Solche Szenen sind insbesondere für Touristen von auswärts nicht sofort klar, aber dafür gibt es ein Faltblatt (Link) und eine Wand, die die wichtigsten Szenen und damit auch unser Land erklären.

 

Wie lang haben Sie daran gearbeitet, also von der Idee bis zur Inbetriebnahme?
Ungefähr sieben Monate hat die Entwicklung gedauert. 2003 wurde das Südtirolspiel das erste Mal in Betrieb genommen. Der Starthebel wurde im ersten Jahr über 34.200 Mal gezogen. Uns war bei der Planung noch nicht bewusst, dass die Nutzung so intensiv sein würde. Die eingebaute Stahlwelle war 10 Millimeter stark und war nach einem Jahr auf die Hälfte abgenutzt. Gelegentlich gab es kleine technische Probleme, weil die Holzteile sich mit schwankenden Temperaturen verzogen haben, aber insgesamt war eigentlich wenig Wartung erforderlich.

Letztes Jahr wurde das Südtirolspiel erneuert. Was hat sich verändert?
Die Mechanik wurde zum Teil mit Elektronik ausgetauscht und neue Motoren installiert. Dadurch hat sich auch die Spieldauer insgesamt um 20% verkürzt. Diese Generalüberholung hat acht Monate gedauert, dadurch ist jetzt aber auch die Fernwartung des Südtirolspiels möglich. Ich könnte praktisch jetzt online schauen, ob alles gut funktioniert, wo die Kugel gerade steht, wie viele Besucher heute schon damit gespielt haben usw..  Und die Kugeln muss man abends nicht mehr von Hand einsammeln, sondern die Elektronik schickt die Kugeln automatisch an ihren Platz und zählt sogar nach, ob Kugeln fehlen.

Das hört sich ganz schön kompliziert an. Was steckt da für eine Software dahinter?
Vorne am Südtirolspiel sieht man feinste traditionelle Handwerkskunst, aber hinter den Kulissen steckt neueste Technologie. Man stelle sich vor: am Ostersonntag 2018 hat das Südtirolspiel über 500.000 Inputs und Outputs an nur einem Tag registriert. Inputs sind z.B. die Auslösung eines Befehls durch Betätigung eines Hebels sowie die Endpositionen der Motoren der beweglichen Szenen. Outputs sind die Reaktionen des Computers auf einen Input, wenn er zum Beispiel einen Motor startet, Lichter und Audiofiles eingeschaltet werden.
Der Computer verarbeitet mehrere tausend Befehle pro Sekunde, damit die Bewegungen des Spiels perfekt synchronisiert sind. Die neue Software steuert dabei hunderte von Lichtern, Motoren, Sensoren und Audioquellen, die in Echtzeit miteinander kommunizieren. Diese Software zu programmieren war wirklich eine Meisterleistung, der Programmierer Benno Senoner hat sie eigens für das Südtirolspiel auf Linux-Basis entworfen. Die Software besteht aus mehreren 10.000 Zeilen C++ Programmiercode und er sagte damals, um es zu veranschaulichen: wenn man diese Programmierzeilen ausdrucken würde, hätte man einen Papierstapel so dick wie ein Telefonbuch!
 

 

 

Interview von Lucia De Paulis

 

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