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Gastbeitrag

Statt Schwarzsehen für die Jugend

Fordern wir bitte von der Jugend ein, sich noch ein halbes oder dreiviertel Jahr lang ungefährlich zu verhalten. Aus Respekt, Solidarität oder einfach aus Dankbarkeit.
Von
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Roger Pycha05.11.2020
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Das Forum Prävention, erklärt in der Südtiroler Tageszeitung vom 30. Oktober auf der Titelseite:  „Ich sehe schwarz für die Jugend“. Am 3. Juni hatte es sich mit einem Livetalk zu Wort gemeldet, mit dem eingängigen Titel: „Phase 2: Kinder, Jugendliche und alte Menschen - Was läuft gerade schief?“. Verschiedentlich hat es sich vehement gegen die Einschränkungen durch Corona gewandt, Öffnung und Freiheit für alle gefordert, vor allem aber für die Jugend.

Als Experten des Psychischen wissen wir natürlich, wie wichtig es ist, selbst lärmen und klagen zu dürfen, und wie gut es tut, gegen etwas zu sein und Dampf abzulassen. Da spricht man vielen aus dem Herzen. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere ist: Wir stehen gewaltig unter Druck. Es geht jetzt vor allem um Botschaften, die alle betreffen, und die uns später freier machen können, wenn wir sie jetzt beherzigen.

Die Einsatzleitung von PSYHELP erlaubt sich, diese zweite, im Augenblick wichtigere Hälfte des Anliegens zu ergänzen. Wie lernt die Jugend auf dunklem Hintergrund wieder klar und farbig zu sehen? Das Thema ist komplexer, psychologischer, soziologischer, wissenschaftlicher, als die bloße Schlagzeile.

Die vom Forum Prävention zitierte Studie mit der Südtiroler Statistik wurde von unserem wissenschaftlichen Experten Dr. Roland Keim rechnerisch nachevaluiert. Zum Glück lässt sich daraus kein gesicherter schwerer Leidenstrend für die Jugend ableiten. Das Schwarzsehen liegt also in dem Fall mehr im Auge der Betrachter. Vor allem fehlen absolut die Vergleichswerte mit anderen Gegenden (z.B. Norditalien, China, Österreich, Deutschland) und mit anderen, ähnlich schwierigen Situationen. Die Coronapandemie ist auch forschungsgeschichtlich gesehen eine Premiere. Die Pestepidemien fanden noch im vorwissenschaftlichen Zeitalter statt. Das Erdbeben von Lissabon, das alle großen Geister von Kant bis Goethe erschütterte, war dagegen vergleichsweise kurz, punktuell und einfach zu verdauen. Ebola konnte dank amerikanischer Ringimpfung in Afrika rasch eingeschränkt werden. Corona ist anders, und verlangt mehr präzise Daten und in deren Ermangelung mehr aufmunternde Intelligenz von uns.

Die Jugend wird sich auf Gespräche einlassen, die kritisch und tiefschürfend sind und die vorher vom frenetischen Alltag verschluckt worden waren

Intelligenz ist das, was ich tue, wenn ich nicht mehr weiterweiß. Gehen wir einfach von intelligenter, anpassungsfähiger Jugend aus. Sie wird sich, weil sie weiß, was für die gesamte Menschheit, eben die gesamte Menschheit, auf dem Spiel steht, in Zukunft den Regeln des sozialen Abstandes freiwillig noch genauer unterwerfen. Bereitwillig und klug. Weil erwachsene Experten ihr immer wieder und wieder beteuern, dass sonst das Risiko zu groß ist. Sie wird sich dort Ventile schaffen, wo sie risikoarm sind, im Individualsport: Jogging, Radfahren, Workouts, einsame Hometrainer und Stretchinggeräte sind jetzt Trumpf. Sie wird kreative Muße wiederentdecken, Tagebuchschreiben, Zeichnen, Lesen. Sie wird den Wert eines geregelten Tagesablaufes erkennen, die gesicherten Mahlzeiten intensiver zelebrieren, sich um Tischmanieren bemühen, überhaupt die Höflichkeit neu aktivieren, Bitte und Danke, und Respekt gegenüber den Älteren und Eltern und Erfahreneren zeigen. Sie wird sich auf Gespräche einlassen, die kritisch und tiefschürfend sind und die vorher vom frenetischen Alltag verschluckt worden waren. Sie wird das Tagträumen praktizieren, und leider entdecken, dass es häufig in den Trübsinn führt. Sie wird sich deshalb aktiv zurückführen ins Hier und Jetzt, vielleicht mit ausgelassener Musik, Tanz, Aerobic, Boxen, Karate gegen Luftgegner. Vielleicht lernt sie sogar das ABC des Meditierens, also die losgelöste Selbstbeobachtung der eigenen Atmung, wie sie von alleine erfolgt. Nicht zuletzt wird die Jugend virtuelle Verknüpfungen, Internet und soziale Netzwerke deutlicher und bewusster nutzen, angehalten durch die im Augenblick darunter stöhnende Schule. Das elektronische Gebiet ist eine Entdeckungsreise für jedermann. Alte quälen sich da oft durch, Junge können es besser genießen. Und es verschafft Wissen und ungefährliche soziale Kontakte. Es vermittelt auch Hilfestellungen.

Eine solche ist unsere Webseite „dubistnichtallein“, die wir als klinische Fachleute mit der Hilfe einer Elektronikfirma und des Forum Prävention in nur 14 Tagen Bauzeit geschaffen haben, und die im ersten Lockdown 45.000 Mal angeklickt wurde. Sie geht aus von schwierigen Gefühlen und Situationen, und führt hin zu häufig hilfreichen Verhaltensweisen, schlägt die Brücke vom „mir gehts nicht gut“ zum „was mancher andere tut“. Und steuert eine lange Liste an möglichen Anlaufstellen bei, für den Fall, dass sie benötigt werden. Um die Hemmschwelle der Verwendung möglichst niedrig zu halten, um die Breite des Angebots zu verdeutlichen und um möglichst präzise Hilfe zu vermitteln, im Dschungel der Psychologie.

Es geht jetzt vor allem um Botschaften, die alle betreffen, und die uns später freier machen können, wenn wir sie jetzt beherzigen

Als Psychologen, Ärzte und Therapeuten wissen wir, dass die Jugend sehr flexibel Ereignisse verdauen und vergessen kann. Sie hat bestimmte Zentren des Stirnhirns noch nicht ausgereift, tendiert also zu impulsiven Gefühlsausdrücken, zu wenig gebremsten emotionalen Reaktionen. Heute geht man dagegen nicht mehr mit strengen Benimmdichregeln der Schwarzen Pädagogik vor, sondern lässt zu, dass sich das Ganze durch Vorbilder, gesellschaftlichen Einfluss und Hirnphysiologie glättet. Fordern wir deshalb bitte von der Jugend klar und eindeutig ein, sich noch ein halbes oder dreiviertel Jahr lang ungefährlich zu verhalten. Aus Respekt vor dem Alter. Als Solidaritätsleistung anderen gegenüber, die man nicht kennt, die aber weniger Killerzellen und ein schwächeres Abwehrsystem besitzen. Oder einfach aus Dankbarkeit jenen gegenüber, die sich als Helfer selber in Gefahr begeben, und ihr entschlossen und umsichtig begegnen.

Denken wir doch an danach. Wie werden wir den Sommer 2021 feiern? Wie wird die Jugend ausbrechen in einen Freiheitsrausch? Sich stürmisch bewegen, kulturell ausbreiten, die Kontinente bereisen, sich zwischen Hautfarben mischen? Die ganze Sehnsucht der körperlichen Annäherung, des Drogenversuchens, der sportlichen Wettkämpfe, der spielerischen Freiheit in Mode, Konsum und Kunst auskosten?

Viktor Frankl war im Konzentrationslager der Nazis und Psychiater. Er stellte sich immer wieder vor, wie er vor vielen Leuten berichten würde, in beheizten Hallen und als gefeierter Redner, was geschehen war und was ihm geholfen hatte. Er sah einen großen Sinn im Überleben und hatte auch das Glück dazu. Gut gelenkte Phantasie ist eine Überlebensstrategie. Füttern wir sie bitte auch mit günstigen Bildern und aufrichtenden Ideen.

 

Roger Pycha ist Primar des Psychiatrischen Dienstes Brixen, Koordinator des “Netzwerks psychischer Gesundheit Südtirol” im Sanitätsbetrieb und PSYHELP Covid 19, in dessen Namen er diesen Beitrag verfasst hat.

 

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Kommentare

Bild des Benutzers Martin Koellensperger
Martin Koellensperger 05.11.2020, 21:47

Fordern wir bitte von den Senioren ein, sich noch ein halbes oder dreiviertel Jahr lang ungefährded zu verhalten. Aus Respekt, Solidarität oder einfach aus Dankbarkeit.

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Manfred Klotz 06.11.2020, 07:38

Am besten von allen. In Roger Pychas Darstellung geht es aber darum, dass man auf die Jugend noch steuernd eingreifen und deren Verhaltensmuster ändern kann, bei uneinsichtigen Senioren ist es meist zu spät.

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Arne Saknussemm 06.11.2020, 00:27

"Gehen wir einfach von intelligenter, anpassungsfähiger Jugend aus" .. Wie wärs denn, man ginge endlich mal von der Realität aus? Nämlich von verblödeter und gleichgültiger Jugend! Dann würde man in diesem Desaster vielleicht mal weiterkommen!

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Stefan M. 06.11.2020, 07:49

Arne S. Das ist nicht die Realitaet! Man kann nicht alle Jugendlichen in einen Topf werfen..ausserdem sind sie der Spiegel der Gesellschaft..

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Stefan M. 06.11.2020, 07:50

Sehr interessanter Artikel! Komplimente an Dr. Pycha!

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Werner Beikircher 06.11.2020, 08:17

Hallo Roger, danke für deinen Beitrag, ich halte ihn für einen der wichtigsten der letzten Zeit. Wir sollten jetzt jegliche Spaltung der Gesellschaft in alt und jung vermeiden, und einfordern, dass alle ihren Beitrag zur Überwindung dieser Krise leisten. Ich glaube auch, dass bis jetzt "kein gesicherter schwerer Leidenstrend für die Jugend" feststellbar ist. Kinder gehen mit manchen Problemen viel spielerischer um, als wir befürchten, ich sehe das am Kinderspielplatz jeden Tag auch am Gebrauch der Masken; hier tollen die Kinder verantwortungsvoller Eltern völlig unbeeindruckt mit M/ Schutz herum, und noch ist keines damit tot umgefallen. Was die gefährdete Sozialisierung der Kinder anbelangt: noch vor wenigen Jahrzehnten waren Familien auf Bergbauernhöfen und entlegenen Tälern halbe Winter lang eingeschneit; die Sozialisierung ein selbst geschaufelter Schneepfad zwischen schwach beleuchteter Stube und Kuhstall; kein Fernsehen, Internet, Zeitung oder Bücher. Was ist aus diesen Menschen geworden? Alle Psycho oder was?
Wir müssen langsam erkennen, dass die jetzige Krise keine lästige Vertreibung aus dem Wohlfühlparadies ist, sondern ein Krieg, ein biologischer Krieg. Und auch diese Generation von Kriegskindern wird ihr Leben meistern, wenn man sie lässt, ohne sie täglich zu pathologisieren.

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Manfred Klotz 06.11.2020, 11:23

Hier werden vielfach Ängste oder der Unwillen bzw. die Unfähigkeit zur Anpassung der Eltern auf die Kinder projiziert. Weil man nicht zugeben will, dass man selbst nicht bereit ist, sich an Regeln zu halten oder dass man mit dieser außergewöhnlichen Situation nicht fertig wird, werden Kinder als Alibi oder als Schutzschild benutzt.

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Meister Propper 06.11.2020, 09:43

Einverstanden. Dann aber bitte eine analoge Solidarität der "Alten" gegenüber der jüngeren Generationen im Hinblick auf die Klimakrise, das Prekariat, die zukünftige Pension...

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Gerhard Koenigsrainer 07.11.2020, 09:35

Sehr geehrter Herr Dr. Pycha,

vielen Dank für Ihren Mut machenden Beitrag. Sie bieten Hilfestellung für Jugendliche und Einsame in dieser schwierigen Zeit. Sie spenden Hoffnung, zeichnen ein Bild in naher Zukunft vom Freiheitsrausch, Reisen in fremde Kontinente und körperlicher Annäherung. Wahrlich ein Ziel für das es sich zu kämpfen bzw. einzuschränken lohnt. Die Jugend wird Licht am Ende des Tunnels sehen…und die allermeisten werden folgen.
Als gelegentlicher salto.bz-Leser und Gewerbetreibender bitte ich Sie inständig einen ebenso aufmunternden, motivierenden Beitrag für all jene zu veröffentlichen, welche bereits nach dem ersten Lockdown in Existenznot geraten sind.
Für all jene die sich jetzt, vor dem zweiten Lockdown, fragen wie lange sie diese Stop and Go Taktik wohl überstehen mögen.
Für all jene, die im eigenen Betrieb und privat sämtliche verordnete Maßnahmen gewissenhaft befolgt haben, und jetzt wieder schließen müssen.
Für all jene, die es Leid sind von unkündbaren Beamten zu Solidarität aufgefordert zu werden. „Fressen kommt vor der Moral“ hat Bert Brecht es auf den Punkt gebracht.
Für all jene, die zusehen müssen, wie Freunde und Verwandte zunehmend verzweifeln.
Für all jene, denen das Vertrauen in Politik und Wissenschaft langsam, aber sicher abhandenkommt.
Für all jene, die sich seit Monaten vergeblich Meinungsvielfalt von professionellen Journalisten erwarten.
Für all jene, die sich aus unternehmerischer Verantwortung nicht mehr darauf verlassen dürfen, dass in einem halben, dreiviertel Jahr der Spuk vorüber sei.
Theoretisch könnte das mit dem Impfstoff ja auch etwas länger dauern.
Die Politik steht vor dem Virus wie das Kaninchen vor der Schlange und wird nicht müde mit dem Finger auf die Jugend und die verantwortungslosen Bürger zu zeigen. Gibt es vielleicht auch andere Lösungsansätze?
Für ein ganz kleines Licht am Ende des Tunnels wären Ihnen sehr, sehr viele Bürger unendlich dankbar.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Königsrainer

Bild des Benutzers Florian Hinteregger
Florian Hinteregger 07.11.2020, 17:27

Die von Hrn. Pycha beschriebenen Reaktionen der Jugend erscheinen mir sehr optimistisch und fast schon etwas realitätsfremd. Sicherlich wird es diesen positiven Umgang mit der Krise auch geben. Ich erwarte mir allerdings, dass viele Jugendliche frustriert sein werden, wegen der verlorenen Unbeschwertheit, der unsicheren Zukunft und wegen der Stimmung der Angst. Viele werden rebellieren oder in den sozialen Medien und Onlinespielen versinken. Einen dermaßen intelligenten Umgang würde der Großteil der Erwachsenen nicht auf die Reihe bringen, geschweige denn die unreifen Jugendlichen. Verlangen wir nicht zu viel von der jungen Generation?

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Thomas Huck 08.11.2020, 19:44

Guter Text, eigentlich sehr motivierend.
Leider hat er keinen besonderen Bezug auf die Jugend, sondern allgemein auf die Menschen bzw. die Gesellschaft:
"Wie wird die GESELLSCHAFT" ausbrechen in einen Freiheitsrausch.
Die Wirtschaft von dem Freiheitsgefühl wachsen.
Der Tourismus durch das Freiheitsgefühl einen Aufschwung erleben.
Die Leute durch das Freiheitsgefühl wieder fleißig & motiviert sein.
...

Finde es aber gefährlich ein so konkretes Datum zu nennen und dann auch noch genau beschreiben, was da schon alles wieder möglich sein wird.
Was wenn es nicht so eintrífft?
Einfach den gleichen Text nochmal Veröffentlichen mit Sommer 2022?

Leder wirkt der Text dadurch eher biblischen mit einer "im Leben nach dem Tod wird alles gut"-Mentatlität.

Bild des Benutzers Martin Koellensperger
Martin Koellensperger 08.11.2020, 20:19

Was hätt' er denn schreiben sollen? "Es geht vermutlich noch 5 Jahre so weiter", da wär's mit der Motivation dahin.
Wenn man die Karotte zu weit weghält, läuft ihr der Esel nicht mehr nach.

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Elisabeth Garber 08.11.2020, 22:25

Und wenn man die Karotte dem Esel ständig vor Augen hält, sieht er irgendwann sonst nix mehr.

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Herta Abram 09.11.2020, 12:51

Genau Thomas Huck!
Sehr lesenswert! Für Jung und Alt:
„….die eigene Verantwortung in der bestehenden Weltordnung wahrzunehmen und den Blick von den kleinen Ärgernissen wie einem Lockdown oder einer Virus-Mutation auf die großen Zusammenhänge – die systematische und mutwillige Vernichtung von Umwelt und Mitlebewesen durch den Menschen – zu richten.“ - Teseo La Marca in seinem Artikel „Wie ein Boomerang“.https://www.barfuss.it/labern/wie-ein-boomerang

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