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Salto Afternoon

Mann in Schwarz

Mit "Commissario Pavarotti kam nie nach Rom" legt die frühere RAI-Mitarbeiterin Elisabeth Florin ihren vierten Paverotti-Krimi vor. Ein Textauszug.
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An einem Abend im Juni, der zu warm für die Jahreszeit war, wartete ein Mann im schwarzen Anzug auf den Nachtzug von Bozen nach München.
Der Mann war mittelgroß und schlank, fast hager, und mit seinem grau melierten schwarzen Haar und dem römischen Profil zog er die Blicke der meisten Frauen zwischen dreißig und fünfzig auf sich. Es schien ihn nicht zu kümmern.
Als die blecherne Durchsage aus den Lautsprechern ertönte, was stets dazu führt, dass Bewegung in die Reisenden kommt, wandten die Frauen ihre Aufmerksamkeit ihrem Gepäck und ihrer Begleitung zu, es wurden Küsse getauscht, Abschiedsträ­nen geheuchelt, und so bemerkte fast niemand, was direkt vor ihren Augen geschah.
Der Mann im schwarzen Anzug machte einen großen Schritt über die weiße Linie, welche den Bahnsteig von den Gleisen trennt und die Gefahrenzone signalisiert, trat an die äußerste Kante und neigte seinen Oberkörper dem sich schnell nähern­den Zug entgegen.
In letzter Sekunde, als der Zug auf ihn zurauschte und der Fahrtwind ihm bereits drohend durchs Haar fuhr, taumelte der Mann zurück.
Mit bleichem Gesicht blickte er sich um. Ungerührt strebte die Menschenmenge an ihm vorbei zu den sich öffnenden Tü­ren, einige Reisende traurig, manche froh und viele in Gedanken mit den Ärgernissen und Unbequemlichkeiten der kommenden Stunden beschäftigt, in denen sie auf kleinem Raum mit anderen eingesperrt durch die Landschaft rasen würden.
Nur eine Frau war stehen geblieben und starrte ihn mit schreckgeweiteten Augen an.
Der Mann warf ihr einen Blick zu, senkte den Kopf leicht zum Zeichen des Wiedererkennens, dann wandte er sich um und schwang sich so leichtfüßig auf die Plattform des Zuges, dass die Frau einen Augenblick lang dachte, sie habe sich getäuscht, wegen des Rauschs vom Vortag, der vielleicht noch nicht ganz aus ihrem System entschwunden war. Bis sie sich erinnerte, dass sie seit einem Jahr keinen Tropfen mehr getrunken hatte.
Die Frau kannte den Mann seit über fünfzig Jahren, hatte ihn nie leiden können, auch nicht, als sie noch Kinder waren, aber ihm war es zu verdanken, dass sie bald wieder in der Lage war, ihren Beruf auszuüben. Außerdem war Blut dicker als Wasser.

In Meran war ein deutsches Ehepaar getötet worden. Eine Putzfrau hatte die Leichen heute am frühen Morgen am Pool eines Luxushotels gefunden. 

Sie dachte kurz nach, dann griff sie nach ihrem Handy und wählte eine Nummer in Meran. Das Gespräch dauerte ungefähr fünf Minuten, dann legte sie auf und wählte erneut. Das Telefon klingelte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Frankfurt am Main.
Derweil schlenderte der Mann im schwarzen Anzug durch den Zug, als existiere das Gedränge bloß in der Phantasie seiner verschwitzten, atemlosen Mitreisenden. Höflich trat er beiseite, als eine Frau zwei Kinder und einen großen Koffer durch den Gang wuchtete, half einer alten Dame, ihr Gepäck auf der Ab­lage zu verstauen, und wartete geduldig mit einer Mischung aus Mitgefühl und Erleichterung, bis sich ein dicker Mann in seinen Sitz gezwängt hatte und mit dankbarem Blick, denn zum Sprechen fehlte ihm der Atem, zu ihm aufsah wie ein gestran­deter Wal.
Als er schließlich in der ersten Klasse angelangt war und dem Schaffner lächelnd sein Ticket überreichte, hätten ihn dieser und ein jeder der Reisenden, dessen Weg er gekreuzt hatte, als Italie­ner aus dem Norden bezeichnet, vielleicht aus Mailand, als einen Mann, der sich beruflich und privat mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigte, vielleicht der Nachkomme einer alten italienischen Uhrendynastie oder möglicherweise sogar ein un­bekanntes Mitglied des schwerreichen Agnelli-Clans. Trotzdem sah er nicht aus wie ein Lebemann, Gott bewahre, auch wenn es in seinen Augen immer wieder aufblitzte, aber das war kein Mutwille, sondern pure Selbstironie. Jeder konnte erkennen, dass das ein Mann war, dem das Leben einiges abverlangt hatte. Kummer und Müdigkeit hatten ihr Werk getan und Falten auf seine Stirn gezeichnet, die Gesichtszüge verhärtet, die Wangen ausgehöhlt.
Das waren die Äußerlichkeiten. Was dem Schaffner und den Reisenden verborgen blieb, und das war gut so, war der Inhalt einer Akte, die er sich ansah, nachdem er es sich im Großraum­wagen der ersten Klasse bequem gemacht hatte (was in ein paar Stunden schwieriger als jetzt sein würde, denn ein Schlafwagen war nicht vorhanden).
Dazu öffnete der Mann auf seinem Tablet ein PDF, das er schon auf dem Weg zum Bahnhof heruntergeladen hatte.
Die Akte enthielt Texte und Fotos, und auf ihnen waren we­der Luxusuhren noch Entwürfe für schnittige Autos abgebildet, sondern die Markenzeichen des Todes. Die kleinen dunkelroten Kreise auf den Stirnen der zwei toten Gesichter sahen aus wie Brandmale.

pavarotti

Der Mann im schwarzen Anzug konnte in Anbetracht dieser Bilder nur eins von beiden sein: ein Auftragskiller auf höchs­tem professionellen Niveau, der für seinen Kunden das Dossier eines kürzlich erledigten Auftrags zusammenstellte - oder ein Kriminalist.
Ratternd überquerte der Zug ein Gleiskreuz und verließ das Bahnhofsgelände.
Commissario Luciano Pavarotti, der Frieden mit seinem Na­men gemacht hatte, seitdem die körperliche Ähnlichkeit mit seinem Namensvetter der Vergangenheit angehörte, blickte aus dem Fenster. Fabrikhallen, Tankstellen und Elektronikmärkte zogen an ihm vorbei.
Er bereute nicht, was er vorhin getan hatte. Seit dem frühen Morgen war eine Menge geschehen, und manchmal wurde die Versuchung eben zu groß, dem ganzen Wirbel ein Ende zu set­zen. Dazu kamen die Umstände des neuen Falles, die ihn zu dieser Reise nach Deutschland zwangen, ausgerechnet in den Taunus, eine Gegend, in die er freiwillig unter keinen Umstän­den einen Fuß gesetzt hätte. Doch der Mordfall, genauer gesagt handelte es sich um zwei Morde, ließ ihm keine Wahl.
In Meran war ein deutsches Ehepaar getötet worden. Eine Putzfrau hatte die Leichen heute am frühen Morgen am Pool eines Luxushotels gefunden. Jemand hatte den Mann und die Frau erschossen, präzise Treffer in die Stirnmitte, effizient, so wie Profis eine Hinrichtung ausführen. Allerdings glaubte Pa­varotti nicht an einen Auftragsmörder. Die Umstände sprachen dagegen.

Elisabeth Florin wuchs in Süddeutschland auf; ihre journalistische Laufbahn begann sie in den 1980er Jahren bei der RAI in Bozen. Von den Menschen in Südtirol und ihrer Geschichte fasziniert, verbringt sie seither viel Zeit in Meran und Umgebung. Sie arbeitet seit fünfundzwanzig Jahren als Finanzjournalistin und Kommunikationsexpertin in Frankfurt am Main und lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Hund im Taunus.

bildeflorin

Elisabeth Florin / Foto: emons

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Kommentare

Bild des Benutzers Eduard Gruber

Ich meine, wenn man schon historisch bekannte Orte wie Meran und Bozen in einem Roman mit einbaut, sollten man diese auch kennen. Tatsache ist jedenfalls, dass die Begrenzungslinie des Bahnsteiges zu den Geleisen am Bahnhof in Bozen GELB und nicht WEIß sind. An und für sich vollkommen egal, aber als Kenner der Örtlichkeiten...fällt ein solcher Fehler unwillkürlich auf.

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