Chronik | Verbrechen

Verdrängung ohne Reue

Benno Neumair brachte letztes Jahr seine Eltern um. Vor Gericht will er sich zu vielen Fragen nicht äußern. „Ich habe versucht, den Tag aus meinem Gedächtnis zu löschen.“
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Foto: Salto.bz
Gestern, am 5. September, hat Benno Neumair vor Gericht ausgesagt. Der 31-Jährige erdrosselte seine Eltern Laura Perselli und Peter Neumair am 4. Jänner 2021 in ihrer Wohnung in Bozen. Die Leichen warf er anschließend von der Brücke unterhalb der Frizzi Au in die Etsch. Die psychiatrischen Gutachter:innen der Staatsanwaltschaft, des Schwurgerichts und der Nebenklägerinnen gehen von einer narzisstischen, passiv-aggressiven und antisozialen Persönlichkeitsstörung aus.
 
 
Der Angeklagte erscheint mit Vollbart und Brille, trägt einen Pullover und Jeans, hinter ihm stehen zwei Vollzugsbeamte. Die vielen Medienvertreter:innen im Gerichtssaal dürfen ihn nicht fotografieren, das sagt er zu Beginn der Anhörung dem vorsitzenden Berufsrichter Carlo Busato. Bis zum letzten Augenblick war nicht sicher, ob Benno Neumair überhaupt aussagen wird. Auch einige Angehörige der Familie Neumair sind gekommen, unter anderem die Nebenklägerinnen Carla Perselli, die Schwester von Laura Perselli, und Madé Neumair, die jüngere Tochter der toten Eltern.
Benno Neumair gestand die Tat letztes Jahr erst, nachdem die Leiche seiner Mutter von der Polizei gefunden worden war. Die erste Frage des Staatsanwaltes Igor Secco eineinhalb Jahre später lautet, ob er eine glückliche Kindheit verbracht hat. „In manchen Aspekten ja, in manchen nicht. Ich fühlte mich von meiner Familie nicht verstanden“, antwortet Benno Neumair.
 

Anhörung

 
Die Staatsanwaltschaft befragt ihn im Folgenden zu seinem Werdegang, wie es für ihn war, auszuziehen, in Innsbruck zu studieren und selbst für sein Auskommen zu sorgen. Ein Thema, das bereits in den Anhörungen verschiedener Zeug:innen wie etwa bei der Anhörung seiner Ex-Freundin Nadine Reiter immer wieder aufgekommen ist, scheint auch an diesem Prozesstag als roter Faden auf: Benno Neumairs Umgang mit Geld.
„Ich arbeitete, seit ich 16 Jahre alt bin, im Fitnessstudio, in der Kletterhalle oder als Bademeister im Schwimmbad, in Bozen, Innsbruck und Granada“, sagt Benno Neumair. Es sei für ihn klar gewesen, dass er das Geld seiner Eltern fürs Studium zu einem späteren Zeitpunkt zurückzahlen muss trotz finanzieller Schwierigkeiten und zeitweiser Arbeitslosigkeit. Nach dem Ende seiner Beziehung mit Nadine Reiter in Neu-Ulm und seinem kurzzeitigen Aufenthalt in der Psychiatrie in Deutschland zog er im Sommer 2020 wieder zurück zu seinen Eltern. „Diese Monate waren für uns alle schlimm“, erklärte Madé Neumair vor dem Schwurgericht Anfang April.
 
 
Als Benno Neumair im Herbst 2020 eine Lehrerstelle an einer Mittelschule in Bozen antritt, zahlte er monatlich insgesamt 700 Euro an seine Eltern – als Miete und Rückzahlung für das Studium. Das sagt er vor Gericht. Andere Dinge sagt er nicht. Die Staatsanwaltschaft fragt unangenehme Fakten ab, etwa sein Gebrauch von leistungssteigernden Substanzen, die Nutzung der Bancomat-Karte seiner damaligen Freundin Nadine Reiter ohne ihr Wissen oder Details zu dem Tathergang.
„Dazu will ich mich nicht äußern“, wiederholt er auf mehrere Fragen. Gleichzeitig sagt er: „Ich sitze hier, um auszusagen. Ich werde alles sagen, was ich weiß und woran ich mich erinnern kann. Ich will nichts verheimlichen.“ Wenn er spricht, bleibt er meist vage oder versucht das Schwurgericht von seiner Version des Geschehens zu überzeugen.
Vor allem für die Angehörigen ist dieses Verhalten schwer aushaltbar, sie wechseln Blicke, flüstern und ihre Wut liegt im Raum. Auch Benno Neumair wird wütend. Während der Anhörung hebt er mehrmals seine Stimme, Richter Carlo Busato ermahnt ihn. Madé Neumair äußert sich in einer Pause beim Gerichtsprozess gegenüber Rai: „Am meisten bedrückt mich, wie Benno immer nur über seinen Zustand spricht und kein Wort über das Befinden der Eltern oder uns Angehörigen verliert oder einfach die Aussage verweigert.“
 

Tathergang

 
Der Auslöser des Elternmordes soll ein Streit mit dem Vater gewesen sein. „Ich war im Bett, um mich auszuruhen und wachte mit Herzrasen auf. Mein Vater stand plötzlich in meinem Zimmer und wollte mit mir sprechen“, erklärt Neumair. Es war der Nachmittag am 4. Jänner 2021. Zuvor hatte er laut Polizei einen Arbeitssicherheitskurs am Computer gemacht und sich eine Netflix-Serie angesehen. Das bestätigt Neumair, allerdings könne er sich nicht mehr an die im Streit gefallenen Worte erinnern.
 
 
„Es ging um viele Sachen, sicher auch um Geld, wir diskutierten oft über Geld“, so Benno Neumair. „Ich habe mich schlecht gefühlt und konnte in diesem Moment nicht mehr. Ich wollte Stille.“ Nachdem er seinen Vater stranguliert hatte, müssen laut Anklage mindestens 40 Minuten vergangen sein. Als seine Mutter gegen Abend nach Hause kam, nutzte er mutmaßlich dasselbe Seil seiner Kletterausrüstung.
„Irgendwann bin ich zu mir gekommen. Mein Herz schlug, ich musste raus und bin aus dem Haus“, sagt der Angeklagte im Rückblick. Er nahm die Handys seiner Eltern mit und fuhr mit dem Fahrrad zur Rombrücke, wo er sie in den Fluss warf. Danach fuhr er zurück und brachte die toten Körper in das Auto seiner Eltern und warf auch diese an einer anderen Stelle ins Wasser. Den Abend verbrachte er bei einer Tinder-Bekanntschaft in Auer.
Die Anhörung von Benno Neumair endet gegen 15 Uhr. Anschließend werden Videoaufnahmen gezeigt, wo er in Anwesenheit seiner Anwälte vor der Staatsanwaltschaft sein Geständnis ablegt. Er sitzt zusammengesackt in einem Bürostuhl und weint. Vor Gericht sagt er, dass er versucht hat, diesen Tag aus seinem Gedächtnis zu löschen.
Der Prozess wird heute, am 6. September, mit zwei Zeug:innen fortgesetzt. Am 13. September werden die Sachverständigen der Verteidigung aussagen. Das Urteil wird Mitte Oktober erwartet, die Anzeichen deuten darauf hin, dass das Schwurgericht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe verhängen wird.