102 signs for a museum fence
Foto: Luca Guadagnini/Lineematiche
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Kulturelles Erbe

"Das Heute ist das Gestern von Morgen"

Gespräche und Exkursionen zum Kulturellen Erbe an der Schnittstelle der Zeit - Waltraud Kofler Engl zu einer Veranstaltungsreihe der Universität Bozen.
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unibzone .12.04.2022
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Was bedeutet der Begriff „Kulturelles Erbe“? Die achtteilige Veranstaltungsreihe „Das Heute ist das Gestern von Morgen - Exkursionen zum Kulturellen Erbe an der Schnittstelle der Zeit“ will dieser Frage genauer auf den Grund gehen. Organisiert werden die Veranstaltungen von der Universität Bozen in Zusammenarbeit mit dem Museion als Teil des „Studium Generale“, somit sind sie in erster Linie an Studierende gerichtet, aber auch andere Interessierte dürfen an den Treffen teilnehmen. Für die Teilnahme benötigt es lediglich eine Online-Anmeldung und ein Einhalten der Corona-Maßnahmen.

Unter den Organisatoren findet man neben Gerhard Glüher, Professor der Universität Bozen und Brita Köhler, Mitarbeiterin des Museions im Bereich Didaktik und Vermittlung Waltraud Kofler Engl. Für Waltraud Kofler Engl ist das Thema „Kulturerbe“ ein Heimspiel: 33 Jahre lang war sie im Denkmalschutz tätig, seit 2018 leitet sie die Plattform Kulturerbe/Kulturproduktion an der Universität Bozen. Seit vier Jahren beteiligt sie sich am Studium Generale.

„Wir sind der Überzeugung, dass es viele Berührungspunkte zwischen zeitgenössischer Kunst und historischem Kulturerbe gibt“ - Waltraud Kofler Engl

Der Titel des Projekts lässt bereits um die Ausrichtung des Themas vermuten: „Das Heute ist das Gestern von Morgen“ benannten die Organisatoren die Veranstaltungsreihe mit dem Ziel, den Begriff des Kulturellen Erbes nicht nur aus der klassischen Perspektive der Vergangenheit, sondern auch aus der der Gegenwart zu betrachten. „Kulturerbe ist nicht nur ein Produkt der Vergangenheit, das wir unverändert übernehmen, sondern es tritt in Verbindung mit der zeitgenössischen Wahrnehmung. Erst durch diesen Schritt können wir kulturellem Erbe begegnen, es erhalten, damit arbeiten und in die Zukunft transportieren“, so Kofler Engl.

Begonnen hat die Veranstaltungsreihe bereits, am 1. April fand im Museion das erste Treffen statt. Auf die Themeneinführung folgte eine Vorstellung des Museion-Depots und eine Erklärung seiner Eigenschaften. Abgeschlossen wurde das Treffen mit einem Rundgang durch das sonst der Öffentlichkeit unzugängliche Depot des Museion.

Waltraud Kofler Engl Brita Köhler Gerd Gerhard Glüher
Waltraud Kofler Engl und Brita Köhler im Museion (Foto: Waltraud Kofler Engl)

Am 13. April findet bereits das nächste Treffen statt: In einem Vorlesungssaal der Universität Bozen hält Philosophie-Professor Gerhard Glüher einen Vortrag zum Leben und Überleben von beweglichen Kulturgütern.

Auch das nächste Treffen am 28. April macht die Schnittpunkte zwischen Vergangenheit und Gegenwart bei Kulturerben deutlich. Referent ist der spanische in New York ansässige Künstler Jorge Otero Pailos. Bekannt ist er unter anderem für seine Reihe „Ethics of Dust“, bei der er Abdrücke von Wänden historischer Bauten auf Latexabgüsse überträgt. Eines seiner Werke dieser Reihe produzierte er anhand einer Wand des Ex-Alumix-Gebäude in Bozen. Dieses ist seit Ende März in der Museion-Passage ausgestellt.

ethics of dust
Jorge Otero Pailos beim Abziehen der Staubschicht einer Wand (Foto: Museion)

Im Laufe des Semesters werden neben künstlerischen und architektonischen Aspekten aber auch wirtschaftliche Aspekte behandelt. So bezieht sich die Veranstaltung am 5. Mai auf die ökonomischen Aspekte von der Schaffung, Verwaltung und Bewahrung von Kulturerben.   

Zwei Stadtrundgänge stehen ebenfalls auf dem Plan. Beim ersten Rundgang am 12. Mai erklären Story-Tellers des Bolzanism-Museums die Architektur und die durchaus schwierige Geschichte des Don-Bosco-Viertels, abschließend wird das Semi-Rurali-Museum besucht: „Im Laufe der Veranstaltungen möchten wir den Teilnehmern natürlich auch das Kulturerbe aus der klassischen Perspektive zeigen, dafür eignet sich das Semi-Rurali-Museum sehr gut“, so Kofler Engl.

„Unser Ziel ist es nicht, eine einheitliche Meinung zu bilden. Im Gegenteil, wir wollen darüber sprechen und diskutieren“ - Waltraud Kofler Engl

Seine kontroverse Geschichte mache Südtirol laut Kofler Engl zu einem interessanten Forschungsfeld: „Gerade Bozen ist, was kulturelles Erbe betrifft, teilweise sehr gespalten, . Andererseits erkennt man an Projekten wie dem Dokumentationszentrum unter dem Siegesdenkmal oder der Intervention am Gerichtsplatz den Blick der Gegenwart auf die Bauten der Vergangenheit.“ Schnittstellen dieser Art würden gut aufzeigen, wie Kulturerben verschiedener Zeiten zusammenwirken, so die Professorin.

Don Bosco
Ansicht eines Don-Bosco Blocks (Foto: Nicola Cago-Bolzanism)

Um eine derartige Schnittstelle dreht sich auch der zweite Rundgang: Am 25. Mai wird die Talfer-Achse vom Museion aus über das Siegesdenkmal bis zum Gerichtsplatz besichtigt. Teil des Rundgangs werden auch die Reliefs des faschistischen Künstlers Piffrader und die künstlerische Intervention dagegen: „Unsere Geschichte besteht auch aus dunklen Seiten, aus dissonanten Objekten, Zugängen, Stadtteilen und auch aus tragischen Ereignissen. Die Frage, inwiefern zeitgenössische Künstler in der Lage sind, eine Brücke zu dissonantem, faschistischem Kulturerbe zu bauen, ist ein wichtiger Teil des Handelns mit Kulturerbe in der Gegenwart.“

Innenansicht Palazzo INA
Innenansicht Palazzo INA (Foto: Waltraud Kofler Engl)

Die Veranstaltung am 19. Mai dreht sich um Bücher, genauer gesagt um das kulturelle Erbe der Bibliotheken der Universität Bozen und der des Museion. Ein letztes Treffen findet am 9. Juni statt, dort wird anhand eines Ausstellungsrundgangs die im heutigen Italien geborene Künstlerin Erica Giovanna Klien vorgestellt und über deren Kulturerbe diskutiert.

„Wir erhoffen uns, dass die TeilnehmerInnen durch die Veranstaltungen über Dinge nachdenken, über die sie davor nicht nachgedacht haben.“ - Waltraud Kofler Engl

Ziel der Veranstaltungsreihe sei es laut Kofler Engl nicht, einheitliche Erkenntnis zu schaffen, sondern den Studierenden neue Zugänge zu bieten: „Wir erhoffen uns, dass die TeilnehmerInnen durch die Veranstaltungen über Dinge nachdenken, über die sie davor nicht nachgedacht haben.“ Am Semesterende werden die Studierenden ein Essay zu einem Thema ihrer Wahl schreiben, mit der Hoffnung, in diesem die neu gewonnenen Zugänge mit einbauen zu können.

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