Pride Parade
(c) pixabay
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Homosexualität

Der Kampf für bessere Rechte

Juni ist Pride Month. Wie ist Pride entstanden? Warum ist es wichtig, sich darüber zu informieren? Und wie steht die Filmemacherin Martine De Biasi dazu?
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Was ist Pride? Das Wort wird oft mit den Pride Parades in Verbindung gebracht, bei denen Menschen der LGBTQIA+ Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer/ Questioning, Intersex, Asexual) ihren Stolz für die eigene Identität ausdrücken. Aber Pride ist viel mehr als das.

Pride ist ein wichtiger Begriff, der nicht nur den Stolz zum Ausdruck bringt, sondern der für den Kampf für bessere Rechte der Community steht. Er steht für Gleichheit, Gerechtigkeit und den Wunsch gleich behandelt, ohne diskriminiert und gehasst, zu werden. Pride hat seinen Ursprung in den Stonewall Aufständen, als 1969 Polizeibeamte in ein Schwulenlokal  in New York eintraten und mit Gewalt versuchten die Kunden zu verhaften. Solche Razzien waren in den 60er-Jahren leider nicht unüblich, jedoch war dies das erste Mal, dass viele Menschen sich wehrten. Normalerweise wurden sie verhaftet, ins Gefängnis gebracht und ihre Namen in der Zeitung veröffentlicht, damit sie von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden und keine Arbeit bekamen. Meistens wussten die Barbesitzer, wenn die Polizei auf den Weg war und konnten sich vorbereiten. In jener Nacht jedoch betraten die Polizeibeamten die Bar undercover und holten kurz darauf Verstärkung. Die Polizei konnte ihre übliche Prozedur nicht durchführen, denn anstatt abzuhauen, blieben auch jene, die nicht verhaftet wurden.  Viele weigerten sich ins Polizeiauto zu steigen und feuerten die Menschenmenge an, die Polizei zu bekämpfen und sich zu wehren. So fing der Kampf für Gerechtigkeit an. Um an dieses Ereignis zu erinnern, wurde in New York  jedes Jahr am letzten Samstag im Juni eine Demonstration veranstaltet. Die europäischen Medien wurden darauf aufmerksam, wodurch diese Tradition auch nach Europa kam und bis heute begangen wird. 

Stonewall Inn Monument
Stonewall Inn Monument (Foto: Bildquelle)

 

"Durch Aktivitäten viel Sichtbarkeit schaffen"

In Südtirol wird  wenig auf dieses Thema aufmerksam gemacht. Die Medien halten sich zurück und in manchen Teilen der Gesellschaft ist es eher ein Tabu Thema. Dennoch gibt es auch hier Personen, die sich für die Gleichberechtigung einsetzen und Bewusstsein für die Community schaffen. Eine davon ist Martine De Biasi, Filmemacherin, die 2019 den Film “Becoming Me” veröffentlichte. 

Frau De Biasi, wie stehen Sie zum Pride Month? Ist er für Sie wichtig oder ist er wie jeder andere Monat?

Martine De Biasi: Meiner Meinung nach merkt man in Italien und Europa nicht so viel davon. Ich finde, es ist eine wunderbare Sache, weil es die Möglichkeit bietet, in einem Monat viele Veranstaltungen zu machen, die man im Laufe des Jahres vielleicht nicht macht und die die Sichtbarkeit für die LGBTQIA+ Themen beleuchten. Wenn viele Veranstaltungen in einem Monat stattfinden, dann hat das einen größeren Impact als wenn diese über das ganze Jahr verteilt sind. Die Veranstaltungen werden von den Medien aufgegriffen und machen auf diese Thematik aufmerksam. Zum Beispiel veranstaltet man eine Pride, einen Flashmob oder Vortragsreihen mit Personen, die sich mit dem Thema auskennen. Außerdem ist es schön, wenn man in der Gruppe zusammenkommt, obwohl es jetzt mit Corona leider nicht gut möglich war. Somit lernt man neue Menschen kennen und es entstehen neue Projekte und Ideen. 

Denken Sie, dass Pride zur Besserung der Rechte und Akzeptanz der LGBTQIA+ Community beiträgt?

Ja, in diesem Kontext auf jeden Fall. Man kann durch die Packung der ganzen Aktivitäten viel Sichtbarkeit schaffen, weil dann eben in einem Monat viel passiert. Das ist sehr gut, da somit bestimmte Sachen thematisiert werden, die sonst zwischendurch ein bisschen untergehen. 

Martine De Biasi, Filmemacherin
Die Filmemacherin Martine De Biasi (Foto: privat)

Wie finden Sie die Situation in Südtirol? Finden Sie, das Land müsste sich stärker engagieren?

In Südtirol ist die Situation viel besser als in vielen anderen Orten. Ich finde, dass auch auf institutioneller Ebene viel passiert. Allerdings ist es leider schon noch so, dass auch Menschen, die entweder Geschwister, Eltern oder Kinder von LGBTQIA+ Personen sind, sich immer noch nicht trauen zu sagen, dass sie für ihre Rechte stehen. Viele haben immer Angst, dass die Leute denken, sie seien schwul oder lesbisch, wenn sie sich für LGBTQIA+ Rechte einsetzen. Das zeigt dann auch, dass homo- oder transsexuell zu sein immer noch als etwas Komisches oder Unnormales angesehen wird, was ich sehr schade finde. Meiner Meinung nach wäre es wichtig, dass Menschen für ihre Meinungen einstehen. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass viele Südtiroler*innen einfach super drauf sind und kein Problem damit haben. Es ist immer ein zweischneidiges Schwert. Wenn sich mehr Personen outen würden, würden mehr Menschen wissen, dass es normal ist. Andererseits braucht man dafür einen Raum wo man sich sicher fühlt. In Südtirol fehlt mir das ein bisschen. Es wäre schön, wenn mehr Politiker*innen, Institutionen, Schulen ganz klar ausdrücken, dass dies ein safe space für LGBTQIA+ Menschen ist. 

Hat Südtirol, Ihrer Meinung nach, im Bereich LGBTQIA+ Fortschritte gemacht? Was kann man verbessern? 

Ich glaube, dass sich sehr viel getan hat. Als ich noch ein Kind war, hätten sich nicht zwei Schülerinnen getraut, etwas über Pride Month zu schreiben. Ich sehe, wenn ich in den Schulen nachfrage, ob jemand homosexuelle Menschen kennt, früher nur berühmte Personen, wie Elton John, genannt wurden. Jetzt ist es ganz anders. Man kennt viel mehr junge LGBTQIA+ Menschen. Natürlich fallen diese Menschen ein bisschen aus dem Mainstream, da sie rein statistisch in der Minderheit sind. Aber es gibt auch immer mehr Personen, die sich damit befassen. Ich finde es sehr wichtig, dass die Medien sich vielmehr dafür einsetzen diese Themen in einer guten Art und Weise zu beleuchten. Sie sollten jemanden nicht nur interviewen, weil er eine “andere” Sexualität hat. Ich bin zum Beispiel lesbisch, aber ich lese und klettere auch gerne. Meine Sexualität ist nicht meine definierende Eigenschaft. Für mich ist es zwar wichtig, da meine Partnerin eine Frau ist, aber ich verstehe nicht, warum das für die anderen so wichtig ist.

 

Jeder muss seinen Beitrag leisten

Obwohl es Pride Month schon seit 52 Jahren und es auch im ganzen Jahr Initiativen gibt, bei denen für die Rechte der Community gekämpft wird, wurde immer noch keine Gleichberechtigung und vollkommene Akzeptanz erreicht. Wenn man über die Grenzen Italiens schaut, sieht man 69 Länder, die noch Gesetze gegen Homosexualität haben und zwölf Länder wo die Todesstrafe noch aktiv ist. Dennoch halten es viele Menschen nicht für nötig, etwas dagegen zu unternehmen, weil es sie nicht direkt betrifft. Damit tragen sie aber zum Problem bei. Um die vollkommene Akzeptanz zu erreichen, muss sich die ganze Gesellschaft beteiligen. Was vielen nicht klar ist, ist, dass es nicht nur um die Todesstrafe in fernen Ländern geht, sondern um viel mehr. Homosexuelle Menschen sind, je nachdem in welchem Umfeld sie sich befinden, täglich abwertenden Kommentaren und auch physischer Gewalt ausgesetzt. Es ist wichtig, sich über dieses Thema zu informieren, damit man seinen Beitrag leisten kann. Man muss nicht selbst homosexuell sein, um Gleichberechtigung in der Gesellschaft anzustreben. Es hilft auch, sich damit auseinanderzusetzen und die Menschen im eigenen Umfeld über diese Probleme aufzuklären. 

Chiara Paldino und Sarah Bedin absolvieren derzeit ein Schüler-Praktikum in der Redaktion von salto.bz.

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