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Interview

Die Uni als Start-up

Abschlussarbeiten und Forschungsprojekte müssen nicht nur fürs Archiv sein. Was die dritte Mission der Uni damit zu tun hat, erklärt Professor Christian Lechner.
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Herr Lechner, was bedeutet dritte Mission und Technologietransfer?

Christian Lechner: Die Uni hat traditionell zwei Missionen, das eine ist Forschung und das andere ist natürlich Ausbildung. Und dann gibt es die sogenannte dritte Mission. Dabei geht es darum, wie die Uni ihr Wissen in anderen Formen an die Gesellschaft weiter geben kann. Da stellt sich zum Beispiel auch die Frage des lifelong learning und wie weit Forschung, die an der Uni gemacht wird, einen Einfluss auf die Gesellschaft hat. Das heißt, es ist sehr eng vernetzt mit der ersten und zweiten Mission der Uni. Man fragt sich, in welcher Form hat eigentlich das, was an der Uni gemacht wird, einen Bezug zur Gesellschaft und auch einen Einfluss auf diese?

 

Es geht dabei auch um soziale Aspekte?

Zum Teil. In die dritte Mission fallen auch Fragen zur Entwicklung öffentlicher Güter, das beinhaltet zum Beispiel auch die Verwaltung von Museen, die Bewahrung von Kulturgütern, aber auch Fragen zur Gesundheit in der Gesellschaft. Es gibt innerhalb der dritten Mission einen Teilbereich, der sich mit direkten sozialen Aktivitäten und genereller Anbindung der Uni und die Gesellschaft befasst. Bei der dritten Mission ist natürlich eine wichtige Frage in wieweit Forschung, Entwicklung, Innovation und Technologie innerhalb der Uni besser verwertet werden können. Da gibt es zwei Ansatzpunkte, der eine ist Unternehmensgründung aus der Uni heraus. Die zweite Möglichkeit ist der Technologietransfer, das heißt, wie kann Wissen im Allgemeinen, spezifischer "intellectual property“ - darunter fallen auch Patente - am besten verwertet werden. Die eigentlichen Fragen des Technologietransfers sind: Was sollte die Uni selbst vermarkten oder in welcher Form an Firmen abgeben und welche Mechanismen sollte sie entwickeln, um die Forschungsaktivitäten mit Firmen zu fördern.

Das heißt die Ideen sollen nicht erst in den Unternehmen entstehen und umgesetzt werden, sondern schon an der Uni?

Ja genau. 

Können sie ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel für halbwegs gelungenen und gleichzeitig misslungenen Technologietransfer ist das Format der Mp3. Es wurde vom Frauenhofer-Institut entwickelt und sehr billig an die Industrie abgegeben. Das ist eine Form, wo man sagt, ok wir haben hier was entwickelt und es wurde an die Industrie abgegeben und mittlerweile hören wir Musik fast ausschließlich in verschiedensten Varianten des Mp3-Formats. Hätte man gewusst, das Technologiepotential besser einzuschätzen, dann hätte man die Technologie nicht so billig abgegeben.Auch der ganze Biotech-Bereich ist direkt aus der Uni-Forschung entstanden und die meisten Biotech-Gründungen sind Fortführungen von Forschungsprojekten.  Es gibt eine große Bandbreite an Verbindungen zwischen Uniforschung und Unternehmen. Eine wichtige strategische Frage für Universitäten ist zu entscheiden, wie dieses Verhältnis gestaltet werden soll. Auf der anderen Seite kann man auch von Universitäten nicht zu viel verlangen, nachdem man historisch bedingt irgendwann Grundlagenforschung und angewandte Forschung getrennt hat. Ein Großteil der Grundlagenforschung liegt an der Uni und dieser Teil von Wissen der generiert wird, ist oft nicht direkt umsetzbar. Da ist eben das Problem, wie kann dieses Wissen transferiert werden.

 

Die Forschungsarbeiten der Uni sollten also nicht nur in den Regalen verschwinden, sondern mehr als Grundlage für weitere Entwicklungen dienen?

Genau. Das liegt aber auch in der Natur der Uni. Die Frage ist, was von dem, was an der Uni erforscht wird, bringt einen Nutzen für die Gesellschaft? Das ist oft nicht ganz klar wenn man innovative Forschungsprojekte startet, die durchaus unsere Zukunft verändern können. Dann stellt sich eben die Frage, in wieweit kann das was in der Uni passiert in die Gesellschaft eingebunden werden?

 

Vieles was an der Uni erforscht wird, passt aber oft noch nicht in die aktuelle gesellschaftliche Realität? 

Ja. Nehmen wir die Genforschung. Die gibt es seit ein paar Jahrzehnten und in diesem Bereich wurden unglaubliche Fortschritte gemacht, aber bestimmte konkrete Anwendungen werden in der Zukunft stattfinden, die großen vielleicht erst in 50 Jahren. Das liegt eben auch in der Natur der Forschung, die innerhalb der Uni betrieben wird. 

 

Sie haben einen Workshop zu diesem Thema gemacht, worum ging es da und wie sieht konkret die Arbeit im Bereich der dritten Mission aus?

Es gab drei Themen beim Workshop: das eine war natürlich die dritte Mission im weiteren Sinne, es ging also auch um soziale Aktivitäten an der Uni. Die zwei Hauptbereiche waren „Academic Entrepreneurship“, also Firmengründungen aus der Uni heraus und Technologietransfer. Beim Technologietransfer gibt es verschiedene Fragen. Wenn die Universität Innovationen entwickelt, in welcher Form sollen diese geschützt werden? Sollte die Uni Technologie frei hergeben und in welcher Art und Weise kann die Uni Technologien abgeben? Wie sollte die Uni beim Technologietransfer beteiligt werden? Das sind strategische Fragen, mit denen sich Wissenschaftler und Unileitungen auf der ganzen Welt beschäftigen, weil es kein durchgehendes Modell gibt. Cambridge hat ein System, Standford hat ein anderes System. Alle versuchen zu verstehen, was letztendlich die beste Möglichkeit für die spezifische Uni und die Gesellschaft wäre, Technologien oder Wissen in Firmen oder die Gesellschaft zu transferieren. Die zweite Frage ist, in wieweit kann man innerhalb der Uni Unternehmensgründungen aus der Uni heraus stärker stimulieren? Da geht es dann auch darum, Gründungsmanagement-Lehrveranstaltungen innerhalb der ganzen Uni anzubieten.

 

Gibt es ein Gremium an der Uni Bozen, welches sich nur mit der dritten Mission beschäftigt?  

Also es ist so, dass die meisten Unis in Italien einen Prorektor für die dritte Mission haben. An der Universität Bozen liegt das stark in der Hand des Rektors. Es gibt aber natürlich meine Person und anderen Mitarbeitern, die sich mit dem Thema beschäftigen. Auch welche Regelungen die Uni haben soll, um Technologietransfer und Gründungsmanagement innerhalb der Uni zu fördern. 

 

Wie geht es weiter in diesem Bereich?

Es gilt im Bereich „Academic und Student Entrepreneurship“ ein breites Lehrangebot für alle Fakultäten an der Uni Bozen aufzubauen. Wir haben bisher einen Master an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften für „Unternehmensführung und Innovation“. Es gibt in der Informatik-Fakultät einzelne Veranstaltungen und es geht darum Uni weit Veranstaltungen so anzubieten, dass wir mehr Gründungen aus der Universität heraus entwickeln können. Wir haben zurzeit Projekte geplant, wie Gründungsmanagement-Veranstaltungen in allen Fakultäten der Uni Bozen angeboten und koordiniert werden können. Wie Forscher oder Doktoranten stimuliert werden können, wenigstens darüber nachzudenken, dass ihr Forschungsprojekt nicht nur Startpunkt für eine akademische, sondern auch für eine Unternehmensgründung sein könnte, d.h. dass Forscher dann sozusagen Unternehmer werden.

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