Gesellschaft | Leifers

Generationenvermittlung gegen Landflucht

Das Zentrum-Peripherie-Gefälle nach Bozen stiehlt Leifers seine Jugend. Der Ansatz für Jugendarbeit im Zentrum Don Bosco verspricht jedoch Antworten zu geben.
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Don Bosco Laives
Foto: © Don-Bosco-Zentrum Leifers
  • Die Gemäuer des Don-Bosco-Zentrums in Leifers mögen zwar etwas in die Jahre gekommen sein, aber seine Struktur birgt eine herausragende Vielseitigkeit. Die Projekte und Tätigkeiten des Zentrums erstrecken sich nämlich über die verschiedenen Sektoren: „Giovani“, „Anziani“, „Famiglia“, „Cultura“ und „Biblioteca“. Jene Arbeitsbereiche ermöglichen den Aufbau von intergenerationalen Programmen und Zugängen, mit denen der Dialog, die Sensibilität und die Interaktion zwischen den diversen Bevölkerungssparten gefördert werden könnten, die die Gemeinde Leifers beleben. Dies wird vor allem auch ermöglicht, da die genannten Sektoren im Don-Bosco-Zentrum physisch und zeitgleich vereint sind. Trotz der vorteilhaften Struktur, gestaltet sich dies jedoch vor allem im letzten Jahrzehnt immer schwerer, da Leifers im Schatten Bozens unter Identitätsproblemen zu leiden scheint.

    Florian Thaler, Jugendarbeiter und Referent der Jugendarbeit im Don-Bosco-Zentrum, sowie Alessandro Taddei, Jugendarbeiter und -pädagoge im Projekt Streets of Laivez, schildern ihre Perspektive auf die Jugendarbeit in einer Stadt, die sich selbst als „Vorstadt Bozens“ missversteht. 

     

  • Kulturveranstaltungen wurden in Leifers immer mehr zur Seltenheit, erzählt Florian Thaler. Leifers wird als Wohn- sowie Schlafplatz verstanden und die Jugend muss nach Bozen oder Auer, um Angebote zu finden. Foto: © Don-Bosco-Zentrum Leifers
  • Wie steht es um die Jugend- und Kulturarbeit hier in Leifers? Events, wie das SCHOOL’S OUT @ Skatepark scheinen öfters junge Menschen aus Leifers und Umgebung sowie auch aus Bozen hier bei euch zu vereinen.

    Alessandro Taddei: Bei uns stehen die Bedürfnisse junger Menschen an oberster Stelle und so versuchen wir stets in Austausch mit ihnen zu treten, um ihren Interessen nachkommen zu können. In Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum Fly, der Jugendgruppe Flowers Branzoll, dem Jugendzentrum Sub Eppan, Consulta Culturale Appiano sowie dem CAI – Sektion Leifers stellten wir diesen Sommer ein Skate- und Streetart-Event auf die Beine, bei welchem junge Menschen des Ortes und darüber hinaus zusammen skaten konnten, während Straßenkunst vor Publikum angefertigt wurde und die Bozner Band Supermarket Crew den Laden zum Kochen brachte. Der Abend klang mit einer Performance von DJ IMMA aus.

    Florian Thaler: Derartige Veranstaltungen sind jedoch trotz aller Bemühungen Seltenheiten. Das Problem liegt darin, dass zwischen der Landeshauptstadt Bozen und Leifers eine Art Zentrum-Peripherie-Gefälle besteht. Man verbringt seine Freizeit in Bozen, geht am Obstmarkt aus, besucht Lokale oder geht ins Kino und kehrt dann in den „Vorort“ Leifers zurück, um zu schlafen. Unsere geografische Lage ist unsere Achillesferse. Branzoll beispielsweise hat weniger Schwierigkeiten bei der Pflege einer Lokalkultur, da der „stacco“ von Bozen bedeutender ist. Für den jungen Menschen aus Leifers gibt es hier schlicht und einfach kein Angebot. Egal ob für jung oder alt, Leifers scheint sich selbst Großteils als Ruhezone zu verstehen, was uns die Organisation von Events, egal ob tagsüber oder nächtlich, nochmals erschwert. Einer Gemeinde den kulturellen Hauch jugendlicher Frische einzuhauchen, ist bei einem derartigen Selbstverständnis schwer. Jugend- und Kulturevents werden meist auch von den Carabinieri besucht.

     

    Also kämpft Leifers mit einer Art von ‚Landflucht‘ junger Menschen nach Bozen?

    Thaler: Vor allem die Altersgruppe von 15-19 Jahren fehlt uns. Bei uns in Leifers gibt es keine Oberschule und so verschiebt sich der Lebensmittelpunkt der jungen Menschen meist nach Auer und Bozen. Ein Verlust, aber in den letzten Jahren konnten wir jenes Vakuum jedoch nutzen, um uns auf sogenannte NEETs, also auf Jugendliche und junge Erwachsene zu konzentrieren, die keine Schule besuchen, keine Ausbildung absolvieren und keiner Arbeit nachgehen.

    Taddei: Es haben sich diverse Gruppen an uns angenähert, mit denen wir auch imstande waren einige Projekte auszuarbeiten, wie etwa die Erstellung eines Lebenslaufes, Workshops, Kontaktaufnahmen mit Berufs- und Oberschulen oder Arbeitsgebern zur Eingliederung sowie Kurse zur informellen Bildung. Ein voller Erfolg, denn die Teenager konnten alle in schulische Laufbahnen, Ausbildungen oder Arbeiten reintegriert werden und wir pflegen bis heute gute Kontakte.

     

    Arbeitet man nur für die Jugend, wird das leider oft als Ungleichgewicht wahrgenommen.

     

    Ein fruchtbares Projekt also! Aber die Problematik um die jugendliche bzw. kulturelle Belebung der Stadt Leifers bleibt bestehen?

    Thaler: Intergenerationalität, also die weitestmögliche Einbindung unterschiedlicher Generationen, ist das Konzept, das sich als Schlüssel erweisen könnte. Beispielsweise haben wir vor kurzem eine Wochenendveranstaltung organisiert, bei welcher am Freitag ballo liscio für die älteren Generationen stattfand, am Samstag spielten dann Bands und DJs bis spätnachts für die Jungen und am Sonntag gab es Frühschoppen für die ganze Familie. Integriert in ein derartiges generationsübergreifendes Event, werden Kulturveranstaltungen für alle möglich, mehr noch: es entsteht ein Verhältnis, in welchem gegenseitige Akzeptanz befördert wird, nach dem Motto: „Gestern waren wir dran, heute dürfen die Jungen auch mal feiern“. Arbeitet man nur für die Jugend, wird das leider oft als Ungleichgewicht wahrgenommen. Es geht darum Kompromisse zu finden und zwischen den Generationen Verhältnisse zu schaffen. Denn kulturelle Initiativen in eine Gemeinde zu integrieren, ist ein enormer Gewinn. Werden Jugendliche über Orte kultureller und gemeinschaftlicher Betätigung integriert und nicht lediglich in Diskotheken im peripheren Niemandsland verbannt, hat dies einen sozialpädagogischen Effekt. Die Jugendlichen befinden sich in ihrer Heimat sowie unter Gleichgesinnten und haben nicht primär das Interesse die Scheiben des Nachbarn, Bekannten oder von Freunden einzuschlagen bzw. einen Unbekannten zu verprügeln. Durch niederschwellige Jugend- und Kulturangebote in den Zentren der Gesellschaft tritt man in Dialog mit jungen Menschen und schafft Beziehungsnetzwerke, die das Betragen in der Öffentlichkeit und den gemeinschaftlichen Umgang beinahe natürlich schulen. Wir sprechen jedoch von langen Arbeitsprozessen, aber auch der heute dermaßen problematisierten "Jugendkriminalität" könnten auf diese Weise Antworten entgegengesetzt werden, anstatt Problemlagen mit polizeilicher Intervention zu unterdrücken, womit diese lediglich verschoben werden.

  • Die jungen Leute gestalten die Schwerpunkte und Tätigkeiten des Don-Bosco-Zentrums nach ihren persönlichen Ideen und Bedürfnissen mit. Jugendarbeit muss dabei dynamisch sein. Foto: © Don-Bosco-Zentrum Leifers
  • Antworten, die auf regionaler Ebene gegeben werden müssten. Wie gut ist die Jugendarbeit dafür aus leiferscher Perspektive vernetzt?

    Thaler: Meiner Wahrnehmung nach, gibt es hier durchaus einen Unterschied zwischen deutschsprachigen und italienischsprachigen Jugendzentren: Deutschsprachige Jugendzentren sind institutionell vernetzt, denke man nur an Initiativen wie NETZ – Offene Jugendarbeit, den Südtiroler Jugendring oder die Jugenddienste. Auf italienischer Seite besteht ebenso ein Netzwerk, wenngleich eher informeller Natur. Man pflegt freundschaftlichen Austausch in derselben Gemeinde oder im gleichen Viertel und arbeitet gelegenheitsmäßig an gemeinsamen Projekten. Eine hervorragende Struktur wäre hier, die Strukturiertheit der deutschsprachigen Jugendarbeit mit der italienischen Strategie der Beziehungsstiftung über Interessen und Projekte zu vereinen. Die Jugend macht uns das eigentlich schon vor, jenseits sprachlicher Kategorien pflegt man Freundschaften, Beziehungen und Gemeinschaft aufgrund gemeinsamer Interessen, Ziele oder Genuss. Jugend ist etwas Dynamisches, das man nicht in Schubladen stecken kann, und so sollte es auch die Jugendarbeit sein.

     

    Also gilt es vielseitig und anpassungsfähig zu sein?

    Thaler: Das sind beinahe Grundprinzipien der Jugendarbeit. Die verschiedenen Menschen etwa, die Teil des Don-Bosco-Zentrums sind, gestalten seine Tätigkeiten, Schwerpunkte sowie auch seine Arbeitsweise nach ihren persönlichen Wünschen, Ideen und Bedürfnissen mit. An uns Jugendarbeitern und -pädagogen liegt es, uns auf diese Anliegen einzustellen, uns weiterzubilden und den Rahmen für solche Entwicklungen zu bieten. Wir sind mal Gig-Location für junge MusikerInnen, Sprungbrett in den Arbeitsmarkt oder etwa Floorball-Trainer für eine Mannschaft, die 2019 an den Italien-Meisterschaften teilnahm.

  • Die jungen Leute haben Priorität, aber der Mehrwert Generationen in Diskurs, Interaktion und Austausch miteinander zu bringen, scheint allen zu Gute zu kommen. Foto: © Don-Bosco-Zentrum Leifers
  • Im letzten Jahr veranstaltete das Jugendzentrum Fly die Fotoausstellung „Laivesotti“, wo junge Leute ausdrückten, was es für sie bedeutet in Leifers aufzuwachsen. Was bedeutet es denn Laivesotto bzw. Laivesotta zu sein?

    Taddei: Tatsächlich arbeiten wir derzeit an einem Filmprojekt, in welchem junge Leute ihr Leben, die Wahrnehmung ihres Umfelds und ihre Wünsche für die Stadt Leifers darstellen werden. Ein Projekt, mit dem einerseits ausgedrückt werden soll, dass Leifers geschätzt wird, andererseits auch die Kritik junger Menschen an das breite Unverständnis geäußert werden soll, das ihnen entgegengebracht wird. Das Projekt wird Ende dieses Jahres vorgestellt. Ein/e Laivesotto/a zu sein ist nämlich ein starkes, aber umstrittenes Charaktersymbol für die jungen Leute. Einerseits sind viele junge Menschen angewidert vom verschlafenen Städtchen, das ihnen bei jedem Muchs die Carabinieri auf den Hals hetzt, aber im Moment, in dem sie Leifers verlassen, erzählen alle vom Stolz, der sie erfüllt, wenn sie sich als Laivesotti beschreiben. Trifft man sich als Laivesotti in einer fremden Stadt, auf einer Reise oder etwa bei einem Konzert wird erst einmal die Welt ausgeblendet und über Erinnerungen und Gemeinsamkeiten geplaudert. Identifikation scheint also eine wichtige Entwicklungsgrundlage zu sein.

  • Verschiedenen Alters zusammenkommen und Erlebnisse schaffen, von denen man ein Leben lang zehrt. Vielseitigkeit ist dabei Schlüssel zum Erfolg für die Jugendarbeit im Don-Bosco-Zentrum. Foto: © Don-Bosco-Zentrum Leifers
  • Vielseitigkeit, Intergenerationalität und das Ziel die eigene kulturelle Identität für die Jugend von Morgen zu sichern. Ein ambitioniertes Programm!

    Thaler: Im Moment arbeiten wir viel an unseren Langzeitzielen. Vor allem sind wir zurzeit sehr bemüht unser Angebot für Familien auszubauen, ganz im Sinne unseres intergenerationalen Ansatzes. Dafür wollen wir diverse Initiativen, wie Workshops oder Schulungen sowie auch Events zur Unterhaltung oder Kreativitätsforderung organisieren. Dabei ist das Ziel unsere Verbindung zu den Familien sowie auch die Interaktion innerhalb der Familien zu stärken. Zudem ist uns die Kollaboration mit und Vermittlung von bestehenden öffentlichen Diensten ein großes Anliegen. Initiativen, wie das Forum Prävention-Prevenzione sind wertvolle Ressourcen, die im Zuge lockerer Veranstaltungen den Eltern vorgestellt werden können.

     

    Ein Kennenlernen, Gemeinsamkeiten entdecken und eine gegenseitige Sensibilisierung zwischen allen Menschen, die Leifers beleben.

     

    Taddei: Leider gibt es viele Realitäten, in welchen die Relation zwischen Eltern und Kindern im Alltag stark beeinträchtigt wird. Man arbeitet, geht zur Schule, ist in Aktivitäten eingebunden; wann sieht man sich dann eigentlich noch und wie steht es um den familiären Bezug, wenn man sich sieht? Wir wollen hier einhaken und ein strategisches, niederschwelliges Angebot kreieren, um den Familien Raum zu geben ihre Gemeinschaft zu genießen und auszuleben. Geplant sind Aktivitäten, wie etwa eine Schatzsuche, die Installation einer Zippline in Zusammenarbeit mit den Pfadfindern Bozen, ein gemeinsames Törggelen, ein Theaterprojekt sowie das Projekt acrobazia di terra, wo spielerisch gemeinsam Zirkusdisziplinen erprobt werden. Die Familie ist dabei das Beispiel dafür, wie verschiedene Generationen in Diskurs, Interaktion und Austausch treten sowie über Gemeinsamkeiten und die Zukunft sprechen. Ich denke das ist einer der vordergründigen Aspekte unserer Projekte! Ein Kennenlernen, Gemeinsamkeiten entdecken und eine gegenseitige Sensibilisierung zwischen allen Menschen, die Leifers beleben und hoffentlich in Zukunft auch noch beleben werden. Und dabei fungieren wir Jugend- und KulturarbeiterInnen als Mediatoren.

    Ein Beitrag von David Orrù

  • Detailliertere Informationen und Updates zum Don-Bosco-Zentrum finden sich unter folgendem Facebook-Link. Die Projekte des Don-Bosco-Zentrums in Leifers werden gefördert vom Landesamt für Jugendarbeit der italienischen Kulturabteilung – Ufficio delle Politiche Giovanili.

     

    Dieser Beitrag entspringt der Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Jugendarbeit der italienischen Kulturabteilung – Ufficio delle Politiche Giovanili.