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Hate speech

Janus

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“. (Johann Wolfgang von Goethe)
Community-Beitrag von Goggel Totsch10.02.2020
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Ich bin so wütend! Ich bin so wütend, dass ich fast ohnmächtig werde. Die Luft bleibt weg. Meine Gedärme fühlen sich an, wie ein runzliger, ausgezuzelter Luftballon. Ich möchte schreien. Schreien bis nur noch ein ungesundes Röcheln aus meinem Rachen grunzt. Dieses Land macht mich krank. Dieses Land ist krank. In diesem Land sind fast alle znicht und der Rest ist mir zwider. Klüngeleien, Vetternwirtschaft, System Südtirol - ausgemacht zwischen einem Watter und einem Weißen. Ohne Scham.

Ich bin voller Liebe! Ich bin so voller Liebe, dass ich dich umfließen möchte, umhüllen, beschützen … wenn du da liegst. Dein Atem geht leise. Deine Susi im Arm. Ich sehe die Hornhaut an deinem Daumenrücken - vom vielen Nuckeln. Die Nachbarin sagt, es könnte auf die Dauer die Schneidezähne nach vorne drücken. Noch ist Zeit. Ich möchte sie anhalten. Jetzt! Ich wünschte, du würdest nie älter als eineinhalb.

Hier brauchst du sieben Jahre für eine Baukonzession, weil dein BM die Urbanistik wie eine Keule gegen seinen Oppositionellen einsetzt: Und noch ein Einverständnis vom Nachbarn, dessen Vater schon mit deinem Vater (oder war es der Großvater mit dem Großvater?) … es ging damals um irgend eine Holzhütte, die schon lange nicht mehr steht … und immer noch seid ihr wie Hund und Katz … des isch in dr Gottung … und jetzt fehlen 89 cm an Abstand … und du wirst nächstes mal mit der Mutterpartei stimmen … und du wirst aufhören den BM mit deinen Wortmeldungen zu tratzen … für diese gottverdammte, verschissene Unterschrift ... damit endlich die Bagger vorfahren dürfen - und weil du so müde bist.

Ich bin voller Liebe und doch traurig. Weil ich deiner Großartigkeit nie gerecht werden kann. Verzeihst du mir? Ich werde dich erziehen – müssen. Verbiegen. Brechen? Auch das? Verzeih. Ich will es nicht. Ich hätte nie gedacht, dass es etwas so Schönes und Reines und Einnehmendes geben könnte wie dich. Du bist so fürchterlich schön, dass ich mir manchmal wünsche du wärst nie geboren worden. Ich habe dich ganz, ganz bestimmt nicht verdient.
Ich will gut sein. Der olle Goethe fällt mir ein: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Und noch ein paar Sprüche vom Kalender über dem Herd. Klischees. Wer dich jetzt sehen könnte - der feine Lichtschein, der vom Türspalt her über deine Wange streicht, ganz zart – würde sofort verstehen, dass alle Floskeln wahr sind. Alle!

Die große Gitsch geht jetzt schon erste Volksschule und du hast immer noch keine Konzession. Auf dem schönsten Flecken zwischen Pinzagen und Tils hat wieder einer seine „Errichtung einer Hofstelle“ wie einen Hundehaufen in die Landschaft gekackt und du brauchst ein weiteres Gutachten. In Palmschoß wachsen die Hotel-Hochhäuser in den Himmel (über die kühnen Bettenburgpläne der Siebziger auf dem Piffinger Köpfl – Sestriere meets Meran2000 – hat man bis gestern noch den Kopf geschüttelt) und dein BM will sich in Boazn erkundigen, ob man deinen ganzen Weiler nicht unter Ensembleschutz stellen sollte. Ensembleschutz!

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In Zirog stampfen sie gerade l‘ennesimo „Almdorf“ mit sieben Chalets aus dem Boden und wenn du Pech hast, zieht dir der Gemeindegeometer zufleiß die Siedlungsgrenze an der Haustür vorbei – und dann wohnst du außerhalb. Sieh es ein, du hast keine Lobby! Du wirst mit ihnen stimmen. Just do it!
Und die Wahl im Mai wird nichts bringen - trotz der Mandatsbeschränkung - weil der Hintertoler Franz nach 15 Jahren mit seinem Vize eine klassische, Südtiroler Bürgermeister-Rochade machen wird. Wenn du von 2020-2025 dann etwas von der Gemeinde brauchst, wird dich der Neo-Bürgermeister an den Neo-Vize verweisen und in fünf Jahren tauschen sie dann wieder zurück. Ich bin so wütend!

Ich schäme mich. Schäme mich vor dir; vor mir; für meine Wut; für meinen Ekel. Ich bin kein gutes Vorbild. Medioker. Una vita da mediano. 39 von 60 Maturapunkten. Ich habe im meinem Leben mehr falsch als richtig gemacht. Aber ich will alles tun. Für dich. Sag was. Egal. „Greta hatte recht“, wirst du sagen … und mich ansehen. „Du hast nichts getan“, wirst du sagen … und mich ansehen. „Du hast es gehört und nichts getan.“ ... „Du hattest es versprochen – damals“. Ich schäme mich!

Hier reicht als Qualifikation für einen 40.000-Euro-Präsidentensessel bei der IDM, ein HGV-Bezirksfuzzi zu sein, der bei der Landtagswahl 2013 durchgerasselt ist. Hier reicht als Qualifikation für einen 50.400-Euro-Präsidentensessel bei der Infranet, Präsident bei den Protektionisten des hds zu sein (hds klingt nicht nur wie eine Krankheit, ist es auch).     
Hier musst du nur die Frau eines Bozner Laubenkönigs sein, um das Kolloquium für ein warmes Plätzchen bei der UniBZ von deinem Feriendomizil in Nordafrika über Skype machen zu dürfen. Ist auch eine Frechheit den Wettbewerb auf einen Termin zu legen, an dem du gerade in der Sonne schmorst. Die hätten schon vorher fragen können. Ich bin so wütend!

Ich möchte dir Dinge sagen. Wichtige Dinge. Eine Milliarde Adjektive aneinanderreihen, um mein Gefühl zu beschreiben und nicht „Ich liebe dich“ sagen zu müssen. Es ist zu groß. Nicht für dich. Für mich - ich darf es nicht aussprechen. Männer können nicht „Ich liebe dich“ sagen. Das geht einfach nicht. Pathetisch - es klingt zu aufgesetzt und pathetisch. Ich würde es entweihen. Okay, ich bin mutig. Ich werde es jetzt sagen … und streiche dann doch nur die Strähne aus deiner Stirn.

Einmal wärst du so gerne wie „die Braut“ in Quentin Tarantinos „Kill Bill“, wenn sie im „Showdown im Haus der blauen Blätter“ die „Verrückten 88“ zu Schaschlik zerhackt. Mit deinem „Hattori-Hanzo-Samuraischwert“ würdest du dann deine Liste abarbeiten:

Brennerstraße 7/A
Silvius-Magnago-Platz 1, 3, 6
Kanonikus-Michael-Gamper-Straße 5
Mitterweg 5, 7
Schlachthofstraße 57, 57C, 59
Domplatz 5
Südtirolerstraße 60  
Weinbergweg 7

Du würdest dich durcharbeiten … in einem Rausch … einer, deiner Gewaltphantasie. Weil du die Hoffnung verloren hast. Weil du weißt, dass sich nichts ändert, nur mutiert – zum ewig Gleichen. Tabula rasa. Wütend! Rasend!! Der heilige Zorn. Gott, du möchtest Schädel einschlagen. Wie vor fünfhundert Jahren. Zack, Rübe ab. Und dann wird irgend so ein Wixer*in sagen, dass Gewalt niemals ein Mittel zur Lösung von Konflikten sein kann und dass du besser eine Anti-Aggressions-Therapie machst. Du wirst ihm deinen Janus zeigen, von dem du vorher das J gestrichen hast.
Alle Scharmützel haben die Seilschaftler an ihre Anwälte ausgelagert. 100 Euro plus IVA pro Brief. Gleich viel wie das Trinkgeld für die Kellnerin im Kaiserkron. Nennt sich Zivilisation. Cazzo, aber du willst Blut, Schweiß und Tränen. - Du. Dein Schwert. Basta!
Dann nützt ihnen kein „Stopp der Gewalt“ und keine Million und kein Winkeladvokat auf dieser Welt. Dann können sie nur hoffen, dass sie schneller, besser sind als du. Blutbesudelt würdest du aus der letzten Tür treten, den letzten Tropfen von der Klinge schlagen und dann würdest du ihn sagen deinen Satz: „Those of you lucky enough to have your lives, take them with you. However, leave the limbs you've lost. They belong to me now.“

Ich möchte dir Dinge zeigen. Ich weiß nicht, ob das was ich dir zeigen kann wertvoll ist? Für mich ist es wertvoll – wenn das als Maßstab zählt. Ich glaube es sind schöne Dinge. Ich hoffe sie gefallen dir – eines Tages. Ich habe eine Liste gemacht. Ich bin gut im Listen machen:

Der Lagazuoi im späten Spätherbst
Der Baufix-Baukasten, der noch immer auf dem Dachboden liegt
„Vorgefühl“ von Rainer Maria Rilke
Wie man einen Klemmkeil richtig legt
Hip-Hop-Moves (wenn das Knie mitspielt)
Die Ästhetik eines Algorithmus
Wie die Schnorchelbrille nicht beschlägt
„Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin

Ich war einmal wie du. Ich sehe dich an und frage mich, wo die Stelle in meiner Lebensschnur war, an der ich mich verloren habe? Als aus mir ich wurde. Als ich deinen Himmel verlassen habe, um in meine Hölle abzusteigen. Der Augenblick des Geminus.

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Kommentare

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Georg Lechner 10.02.2020, 17:41

Es gibt kein richtiges Leben im falschen - und irgendwann kommt die Zeit, seine kindliche Unschuld zu verlieren. Dennoch ist es notwendig, die Erinnerung an sie nicht gänzlich zu verlieren, um nicht angesichts der alltäglichen Dummheiten und Gemeinheiten zu verbittern.

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Hans Knapp 10.02.2020, 18:56

Gut geschrieben - Zärtlichkeit und Zorn!
Es gibt Menschen, die dem grenzenlosen, rücksichtslosen, hirnlosen "immer mehr" widerstehen - ob es genug sind oder werden, um etwas im größeren Maßstab ändern zu können?

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elisabeth garber 10.02.2020, 19:57

Ja das ist eine interessante Mischung...gut gelungene bitterscharfe Südtirol-Satire.

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Manfred Gasser 13.02.2020, 11:05

Überraschend zärtlich, nicht überraschend zornig.
Danke, dass du hier schreibst, Goggel Totsch.

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