Vula Vlie live im Stanglerhof, Völs, 9. September 2021 (9)
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Stanglerhof, Völs

Vula Viel

Vula Viel haben sich gestern im Stanglerhof in Völs nach über einem Jahr Pause dem Publikum gestellt und dieses auf eine erstaunliche Reise mitgenommen.
Von
Bild des Benutzers Reinhold Giovanett
Reinhold Giovanett10.09.2021
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Vula Vlie live im Stanglerhof, Völs, 9. September 2021 (9)
Jim Hart, Ruth Goller und Bex Burch: Vula Viel live im Stanglerhof in Völs, am 9. September 2021. Foto: rhd

Ein Schlagzeug-Set (Jim Hart), ein E-Bass (Ruth Goller) und ein Gyil, ein dem Xylophon ähnliches Instrument aus Ghana, gespielt von Bex Burch. Das war die musikalische Ausgangsposition, zu der sich im Laufe des Abends noch ein wenig Stimme und unterschiedliche, kleine perkussive Instrumente dazugesellten. Vula Viel lassen sich musikalisch, stilistisch kaum fassen, sogar ein Begriff Weltmusik trifft es nicht wirklich und lenkt auf eine falsche Fährte. Birch, Goller und Hart hatten diese Woche am Stanglerhof in Völs eine „Residence”, das heißt, dass sie in entspanntem Ambiente an ihrem musikalischen Programm gearbeitet haben, das sie gestern, Donnerstag, 9. September 2021, live aufgeführt haben.

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Ließ sich von der Musik immer wieder mitreißen: Bex Burch hatte Vula Viel vor etwa drei Jahren in London ins Leben gerufen. Foto: rhd

Es war für das Publikum eine Reise in unbekannte Gefielde, denn Vula Viel hatten sich von Songstrukturen gelöst, hatten einzelne Teile von Kompositionen früherer Alben zu einem großen Ganzen verwoben und sich dabei sehr viel Platz für Improvisation zugestanden. Das Ergebnis lässt sich wie gesagt schwer fassen und es liegt nahe, den Abend als eine Reise durch einen unbekannten Kontinent zu umschreiben, eine Reise, die mit einem Gewitter, einem punkigen, lauten ersten Stück begann und über weite Hochebenen, wilde Flusslandschaften und sperriges Gebirge führte. Mit viel Dynamik, einem Hin- und Herpendeln zwischen Melodie und bisweilen sehr vertrackten Rhythmen und strukturierten und atmosphärischen Teilen, ist es Vula Viel gelungen, die Aufmerksamkeit des Publikums fest auf sich zu ziehen und mitzureißen ... die Band musste denn auch noch zwei Mal für eine Zugabe zurück auf die Bühne.

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Auszüge aus den bisher erschienenen drei Alben und viel improvisierte Musik wurden zu einer einheitlichen, abwechslungsreichen musikalischen Reise verwoben: Vula Viel hatten vier Tage am Stanglerhof an diesem Programm gearbeitet. Foto: rhd

Es waren drei Individuen zu hören, die sich wirklich aufeinander eingelassen haben um gemeinsam Musik zu schaffen.

Bemerkenswert auch das Zusammenspiel von Bex Burch, Jim Hart und Ruth Goller. Hier war eine Band zu hören und nicht drei Individuen, oder besser, es waren drei Individuen zu hören, die sich wirklich aufeinander eingelassen haben um gemeinsam Musik zu schaffen. Vielleicht war das der Grund, dass während des gesamten Konzertes eine positive Spannung in der Luft lag. Das Publikum wurde mit einem schönen Konzert beschenkt, mit Musik, die an dem Abend entstanden ist und sich so nicht wirklich wiederholen lässt.

Im Folgenden, das Video „Live & Talk” von Mauro Podini, einige Fotos vom Konzert und ein Interview, das wir eine halbe Stunde vor Konzertbeginn gemacht haben.

Vula Viel: „Live & Talk”, Stanglerhof, Völs. Video: Agriturismo Stanglerhof Buschenschank / Mauro Podini

„Improvisation ist Komposition” – Interview mit Bex Burch, Ruth Goller und Jim Hart

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Bex Burch auf dem aus Ghana stammenden Gyil: Ein Instrument, das Rhythmus und Melodie gleichermaßen bedient. Foto: rhd

salto.music: Ihr werdet heute Abend also das Ergebnis eurer Residence hier spielen, das Ergebnis der letzten vier Tage. Was heißt das konkret?

Bex Burch: Das heißt: Wir treffen uns wieder, nachdem wir ein außergewöhnliches Jahr lang voneinander getrennt waren, wegen der Pandemie. Das heißt, dass wir das feiern werden, was wir in den vergangenen Jahren gemeinsam geschaffen haben. Mit all dem als Basis, werden wir mit Vula Viel ein neues Kapitel aufschlagen.

Jim Hart: Und wir wissen nicht, was wir spielen werden. Wir werden auf die Bühne gehen ohne wirklich etwas geplant zu haben. Wir werden improvisieren, wir werden aufeinander hören und der Musik dahin folgen wohin sie uns führt. Wir werden dabei auf das Repertoire zurückgreifen, das wir über die Jahre geschaffen haben, wir werden uns einklinken und wieder ausklinken … das ist für uns ein völlig neuer Zugang.

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Eröffnete das Konzert mit einem punkig verzerrten (und punkig gespielten) Bass und ließ im Laufe des Abends sogar etwas Reggae durchscheinen: Ruth Goller spielte ihr Instrument auf sehr abwechslungsreiche Art und Weise. Foto: rhd

salto.music: Ihr habt die vergangenen vier Tage also dazu verwendet, euch wieder anzunähern.

Jim Hart: Ja genau, wir haben uns wiedergefunden und erkunden neue Räume zwischen uns und mit dem musikalischen Material. Es ist für uns ein Sprung ins Ungewisse.

salto.music: Das klingt unheimlich in meinen Ohren…

Ruth Goller: Ja, definitiv! (lacht) Es ist unheimlich und gleichzeitig sehr aufregend. Es war schön diese Tage miteinander an einem Ort zu verbringen und dabei nicht nur Musik zu machen, sondern auch andere Dinge. Wir waren schwimmen und haben uns wieder angenähert, haben darüber gesprochen, wie es uns ergangen ist in diesem Jahr. Ich denke, dass unsere Freundschaft heute Abend auch eine Rolle spielen wird.

salto.music: Bex hat von einem neuen Kapitel gesprochen. Was wird das Neue sein bei Vula Viel?

Ruth Goller: Ich denke, die Art wie wir spielen ist neu. Wir gestehen uns gegenseitig mehr Raum zu und gestatten uns gegenseitig Entscheidungen zu treffen, wissend, dass wir die Unterstützung der anderen diesbezüglich haben, sei es wegen der bestehenden Freundschaft, sei es wegen der Musikalität der jeweils anderen.

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Schlagzeuger Jim Hart: Auch wenn er einige wenige Male alleine spielte, es war kein „Solo” im herkömmlichen Sinn, sondern stets Teil des Ganzen. Foto: rhd

salto.music: Bex, ich erinnere mich an unser Interview in Brixen, wo du erwähnt hast, dass du dich ein wenig zurücknehmen wolltest. Das tritt jetzt ein…

Bex Burch: Ja, das geschieht jetzt. Erstaunlich, dass ich das gesagt habe, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber genau das tritt jetzt ein. Und es ist noch einiges zu tun, es gibt noch einiges aus dem Weg zu räumen. Es gilt auch die Musik geschehen zu lassen, die geschehen will, indem man hart daran arbeitet gelassen zu sein. Es ist das erste Mal, dass ich daran arbeite.

All die Musik, die wir bisher gemacht haben, die Art und Weise wie wir bisher zusammengespielt haben, unterstützt uns dabei.

salto.music: Wir werden heute also keine deiner Kompositionen hören?

Bex Burch: Viele der Stück heute Abend sind meine Kompositionen, sie stammen aus unseren bisherigen Alben. Aber ich entscheide nicht mehr was wir spielen oder wann wir welches Stück spielen. Die musikalische Sprache, die wir in den letzten Jahren miteinander geteilt haben, waren allermeistens meine Kompositionen. Und aus den musikalischen Formen, den rhythmischen Strukturen, den Grooves und dem Aufbau meiner Kompositionen haben wir Blöcke geschaffen, mit denen wir improvisieren. Wir spielen nicht mehr rein meine Kompositionen, sondern nutzen diese als Ausgangspunkte, um miteinander zu sprechen.

Jim Hat hat erwähnt, dass die Art und Weise wie wir spielen auf Kollaboration ausgelegt war, noch bevor ich es selbst realisiert habe. Jetzt bin ich mir dessen bewusst und ich bin froh, dass es so ist.

Für mich fühlt sich das völlig anders an, obwohl es sich im Prinzip um das selbe musikalische Material handelt.

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Nutzte hin und wieder Effekte, um ihr Bassspiel klanglich zu erweitern: Die aus Brixen stammende Bassistin Ruth Goller lebt bereits seit vielen Jahren in London und hat sich dort als Musikerin einen ausgezeichneten Namen erspielt. Foto: rhd

Jim Hart: Um es in wenigen Worten zu sagen: Was wir in den letzten vier Tagen gemacht haben ist, uns einerseits mit dem Material wieder vertraut zu machen, damit wir es kennen, und andererseits um nach Lösungen zu suchen, sie miteinander zu verbinden, miteinander zu verweben, zu vermischen, übereinanderzulegen und auch völlig frei zu improvisieren und sehen, was als nächstes aus dem improvisierten Raum auftaucht. Das Material von heute Abend stammt aus unseren letzten drei Alben plus vier Stücke, die wir im März, bei unserem letzten Auftritt zum ersten Mal gespielt haben und die noch nicht aufgenommen sind. Es ist ein sehr umfangreiches Repertoire, aus dem wir einzelnen Teile herauspicken und daraus eine Stunde Musik entstehen lassen.

Bex Burch: Improvisation ist letztlich Komponieren im Moment. Wir komponieren also alle drei. Die Stücke mögen ursprünglich von mir stammen, aber die Art und Weise wie wir sie jetzt spielen, enthält auch kompositorisches Material von Ruth und Jim. So wie ich die Improvisation sehe und wie ich sie mag, ist sie ganz klar mit Komponieren gleichsetzen.

salto.music: Jim, hast du eine Veränderung im Spiel von Bex und Ruth wahrgenommen?

Jim Hart: Klanglich definitiv, auch weil Bex beispielsweise jetzt auch kleine Perkussionsinstrumente verwendet. Bex hat im letzten Jahr viel für sich gearbeitet und bringt neue Klangelemente zu Vula Viel.

salto.music: Sie dringt in dein Territorium ein…

Jim Hart: Das war bereits ihr Territorium … aber ja, es ist eine andere Art und Weise wie wir mit Rhythmus umgehen, ohne dass das Gyil präsent ist. Das ist neu, das stimmt.

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Tolles Zusammenspiel: Jim Hart am Schlagzeug war musikalisch stets auf Augenhöhe mit Ruth Goller und Bex Burch und war mehr als nur Rhythmus.  Foto: rhd

salto.music: Und der Klang von Ruth’s Bass? Ich weiß nicht ob du ihr Album „Skylla” gehört hast?

Jim Hart: Ja natürlich, es ist ein hervorragendes Album, ich liebe es. Und ja, sie singt jetzt mehr bei Vula Viel, und das finde ich schön. Die klangliche Welt von Vula Viel beginnt sich auszudehnen.

salto.music: Dann wird man heute auch Elemente von „Skylla” hören?

Ruth Goller: Ja, auf alle Fälle. Wie Jim erwähnt hat, habe ich begonnen mehr zu singen, improvisierend, aber eben mit Stimme. Ich habe das daheim sehr viel gemacht und das kommt dann zum Einsatz, vor allem in einem so freien Kontext.

salto.music: Das nächste Album?

Bex Burch: Wir haben bisher vier neue Tracks für das nächste Album, aber ich habe keine Eile damit zu entscheiden oder darüber nachzudenken, wie es klingen wird. Aber es wird großartig werden.

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Komplex, groovig, unaufdringlich und stets im Dienste der Musik, die die Band präsentierte: Der aus London stammende Schlagzeuger Jim Hart lebt mittlerweile in Paris. Foto: rhd

Links:

Vula Viel: https://bexburch.com

Programm Stanglerhof, Völs: https://www.stanglerhof.bz.it/de/events

YouTube-Channel „Live & Talk”:https://www.youtube.com/channel/UCEfGYfF7NyWjpByI9EbwIDw

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