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Gastbeitrag

Das Anti-Heller-Schreiben

In einem Offenen Brief an Bischof, Landeshauptmann und Brixens Bürgermeister warnen sieben internationale Fachleute vor einem Brixner Heller-Garten.
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"Noch ist eine denkmalgerechte Neugestaltung des Obstgartens möglich": Ein Warnruf, der nicht aus Südtirol, sondern aus Deutschland, Österreich, Italien und England an den Eigentümervertreter des historischen Gartens, Bischof Ivo Muser, seinen Pächter Peter Brunner und Landeshauptmann Arno Kompatscher geht. Unter Federführung der pensionierten Hochschulprofessorin der TU Dresden Erika Schmidt warnen sieben internationale ExpertInnen aus den Bereichen Kulturgeschichte, Gartengeschichte und Gartendenkmalpflege davor, die "Einzigartigkeit eines hochrangigen Kulturdenkmals von internationaler Bedeutung wie dem Pomarium der ehemals fürstbischöflichen Hofburg in Brixen aufs Spiel zu setzen". Mit André Hellers Vorschlag würde ein Gartenkonzept realisiert, das dem Denkmalcharakter zuwiderläuft, warnen die Fachleute in folgendem Offenen Brief: 

 

Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Muser,

als auswärtige Referenten der internationalen Tagung „Obstgärten: Produktionsstätten, Bedeutungsträger, Kulturdenkmale. Das Brixner ‚Pomarium’ im geschichtlichen und gartenbaulichen Kontext“, die vom 29. bis 31. Oktober 2016 in der Cusanus Akademie Brixen stattfand, hatten wir das Privileg, mit dem Obstgarten der Hofburg ein hochrangiges, außergewöhnliches Kulturdenkmal zu erleben.

Deshalb fühlen wir uns mit diesem Ort verbunden und verfolgen aufmerksam, was mit ihm geschieht. In einem Schreiben vom 18. Juli 2016 an Sie und einen größeren Kreis von Adressaten, nahmen wir Stellung zu provisorischen Nutzungen des Baumgartens und führten aus, warum wir den im internationalen Wettbewerb preisgekrönten Entwurf des Büros „freilich landschaftsarchitektur“ aus Meran als ein ausgezeichnetes Konzept für die Neugestaltung des Baumgartens erachten. Zusammengefasst: Der Wettbewerbsentwurf ist gleichermaßen in der Geschichte des Gartens verankert, zeitgemäß nutzungsoffen und der Würde des Hofburgensembles angemessen. Er bietet eine künstlerisch prägnante Ergänzung des bedeutenden Denkmalbestandes, verbunden mit vielfältigen Möglichkeiten der Erholung und des Tourismus, die den Genius loci erlebbar machen. Obstbaumpflanzungen, die wegen ihrer Schönheit und kulinarischen Qualitäten der Früchte als herrschaftliches Statussymbol galten, spielen im Wettbewerbsentwurf die Hauptrolle. So sollte es im Brixner Pomarium künftig wieder sein, denn unter den wenigen in Europa überhaupt erhaltenen historischen Obstgärten ist es derjenige mit am weitesten zurückreichender Nutzungstradition und einer außerordentlich reichen historischen Überlieferung. Das verleiht ihm Einzigartigkeit.

"Auch die allumfassenden programmatischen Aussagen des Künstlers kennzeichnen sein Konzept als eines, das zwar geeignet wäre, ein beliebiges für Autobusse gut erreichbares Gelände in Südtirol durch einen Heller-Garten zur Touristenattraktion zu machen. Dass nun aber ernsthaft erwogen wird, das Brixner Pomarium, ein hochrangiges Gartendenkmal, für eine solche Anlage zu opfern, ist unverständlich, ja erschreckend."

Dagegen stellt das kürzlich vorgelegte Konzept des Künstlers André Heller eine beliebige Applikation ohne Ortsbezug dar. Wesentliche Elemente des historischen Bestandes würden durch Hinzugefügtes degradiert:

  • Der stadtgeschichtlich bedeutende Burggraben, der eine wichtige gliedernde Funktion im Hofburgensemble hat, würde durch eine Plattform banalisiert.
  • Die repräsentative Fassung des Gartens durch hohe schützende Mauern würde durch „grüne Wände“ im Garteninneren in ihrer Wirkung geschwächt.
  • An der südlichen Gartenmauer sind Baulichkeiten aufgereiht, die mit den markanten Eckpavillons konkurrieren würden und die zur Zeit des Klassizismus entstandenen kleineren Pavillons völlig negieren.
  • Der großzügige Raum des Pomariums würde durch die „grünen Wände“ zergliedert und wäre folglich nicht mehr erlebbar.
  • Die Aufmerksamkeit wird auf eine inselartige, mittig gelegte Partie mit großer Motivdichte gelenkt, während dem Obst – in heute üblicher ökonomisch bedingter Pflanzweise – in der randlichen Durchgangszone nur eine schwache Nebenrolle zugewiesen ist.

Der von André Heller konzipierte Garten nimmt weder in seiner Grundrissgestaltung noch im Wegesystem und schon gar nicht in seiner Ausstattung Bezüge zum historischen Hofburgensemble auf. Die Ansammlung von Motiven im Zentrum des Gartens entspricht eher dem, was man von kurzlebigen Ausstellungsgärten und Schaugärten kennt, mithin einem weitverbreiteten modischen Trend. Auch die allumfassenden programmatischen Aussagen des Künstlers kennzeichnen sein Konzept als eines, das zwar geeignet wäre, ein beliebiges für Autobusse gut erreichbares Gelände in Südtirol durch einen Heller-Garten zur Touristenattraktion zu machen. Dass nun aber ernsthaft erwogen wird, das Brixner Pomarium, ein hochrangiges Gartendenkmal, für eine solche Anlage zu opfern, ist unverständlich, ja erschreckend.

Das Brixner Pomarium sollte, wie oben geschildert, auf eine Weise neu gestaltet werden, die seinem einzigartigen Rang als historischer Obstgarten entspricht. Das Konzept hierfür liegt Ihnen vor. Der Entwurf des Büros „freilich landschaftsarchitektur“ aus Meran wurde im Rahmen des 2012 durchgeführten Wettbewerbs unseres Erachtens zu Recht als herausragend beurteilt. Vor diesem Hintergrund halten wir es für dringend geboten, das von André Heller vorgelegte Konzept zu hinterfragen und gegebenenfalls an einer anderen Stelle zu realisieren. Das Pomarium der Hofburg in Brixen ist dafür aus unserer Sicht definitiv nicht geeignet.

 

Prof. Dr. Erika Schmidt

Professorin für Geschichte der Landschaftsarchitektur und Gartendenkmalpflege i.R.

 

Gärtendirektor Jost Albert

Bayerische Schlösserverwaltung. Sprecher des KÜCHENGARTENnetzwerks Deutschland, München

 

Dr. Claudia Gröschel

Historische Bibliothek und Archiv der Österreichischen Gartenbau-Gesellschaft, Wien

 

Dipl.-Ing. Manfred Handke

Technischer Amtsrat a.D bei der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Bad Homburg

 

Professsoressa Irma Naso

Dipartimento di Filosofia e Scienze dell’Educazione, Universitá degli Studi di Torino

 

Federico Tognoni PhD

Corsi di laurea in Turismo, Fondazione Campus, Monte San Quirico Lucca

 

Jan Woudstra PhD

Reader in Landscape History and Theory, Department of Landscape, The University of Sheffield

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Kommentare

Bild des Benutzers Hartmuth Staffler

Ob das Heller-Projekt gut oder schlecht ist, möchte ich nicht einmal beurteilen. Ausschlaggebend ist vor allem: Das Projekt ist vollkommen überflüssig, außer natürlich für jene, die an dem Millionen-Projekt verdienen können.

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