Advertisement
Zeitgeschichte

Pfaundler, Molden & die CIA

Die Fühler reichten bis Washington – zur Rolle der CIA in der Anfangsphase des Südtirolkonflikts.
Advertisement
Er war maßgeblich daran beteiligt, dass Innsbruck in den letzten Kriegstagen 1945 nicht zerstört wurde: Der Fallschirmagent des CIA-Vorläufers Office of Strategic Services (OSS), Fred Mayer. Der aus Freiburg stammende Jude hatte sich nach der Emigration in die USA dem OSS angeschlossen, dass Sabotageaktionen hinter den deutschen Linien durchführte. Im Rahmen der Operation Greenup hatten Mayer, sein Kamerad Hans Wijnberg und einheimische Helfer die wahre Stärke der legendären „Alpenfestung“ ausgekundschaftet. Obwohl Mayer letztendlich verhaftet und gefoltert wurde, gelang es ihm mit Gauleiter Franz Hofer eine Vereinbarung zu treffen, die Innsbruck kampflos in die Hände der Alliierten fallen ließ. Vergangenes Jahr ist Fred Mayer 95jährig verstorben.
 
Kaum bekannt ist, dass Mayer 14 Jahre nach Kriegsende nach Tirol zurückkehrte und seine alten Kontakte wiederbelebte. Diesmal dürfte er eine neue Mission gehabt haben – nämlich, für die CIA Erkenntnisse über damals bereits gefährlich schwelenden Südtirolkonflikt zu sammeln. Mayers Rolle ist nur ein Puzzlestein in einem größeren Bild. Der US-amerikanische Geheimdienst war über die Lage in der Region sehr interessiert. Das zeigen Unterlagen, zu deren Offenlegung die CIA im Zuge des Nazi War Crimes Declassification Acts schrittweise gezwungen worden ist. Erst 2017 hat der Geheimdienst weitere zwölf Millionen freigegeben. Nur ein winziger Bruchteil beschäftigt sich mit dem Thema Südtirol. Aber die online abrufbare Lektüre bestätigt, dass diese Thematik vor dem Hintergrund des Kalten Krieges auch die Großmächte beschäftigte.
 
800px-allen_w_dulles.jpg

CIA-Gründer Allan Dulles: Direkte Verbindungen nach Tirol.

 
Bislang waren vor allem die Ost-Geheimdienste im Fokus gestanden, wenn es etwa um eine mögliche verdeckte Unterstützung für den Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) ging. Und es gibt auch zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass versucht wurde, im Konflikt am Brenner mitzumischen. Im Wiener Staatsarchiv findet sich zum Beispiel eine vormals streng vertrauliche Information der österreichischen Staatspolizei von Anfang 1960. Thema sind Anschläge des BAS in Meran und in Trient: „Der ital. Militär-ND [Nachrichtendienst] führt die Anschläge zum Teil auf die Tätigkeit von Ost-Agenten zurück. Bei den in Erfahrung gebrachten besonders verdächtigen beiden Personen handelt es sich um zwei in Österreich wohnhafte Flüchtlinge bulgar. bezw. rumän. Staatsangehörigkeit. Nach den hier vorliegenden Unterlagen gilt der eine tatsächlich als Agent östl. ND, während über den anderen keine Aufzeichnungen vorliegen.“ Laut Eva Klotz, Tochter des BAS-Führers Georg „Jörg“ Klotz, hat es von „sogar von den Russen“ Hilfsangebote für ihren Vater gegeben. Aber in der Sitzung des Ministerrats vom 6. September 1966 winkte Innenminister Franz Hetzenauer (ÖVP) ab, als er gefragt wurde, ob es Anhaltspunkte gebe, „dass Agenten aus Ostdeutschland hinter diesen Gruppen stehen?“ Seine Antwort laut Protokoll: „Das Innenministerium hat keine Anhaltspunkte.“ Erst für die 1980er Jahre sind die Machenschaften zweier Informeller Mitarbeiter (IM) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Südtirol gut belegt.
 
Im Vergleich dazu gibt es im Falle der CIA einiges mehr an harten Fakten. Das sollte nicht überraschen. Denn der Südtirolkonflikt betraf eine Region zwischen den NATO-Schlüsselstaaten Italien und BRD in unmittelbarer Umgebung der Außengrenze zum kommunistischen Block. Darüber hinaus befand sich in der Nähe von Brixen, auf der Hochfläche von Natz-Schabs ab 1966 unter dem Code-Namen „Site Rigel“ ein NATO-Sondermunitionsdepot. Dort sollten auch Atomwaffen gelagert werden.
 
feuer_nacht_giugno_1961.jpg

BAS-Anschlag: Die CIA war von Anfang an bestens informiert.

Und so kam es, dass sich zu Weihnachten 1959 Fred Mayer nach Innsbruck zurückkehrte. Dort traf er Helfer aus Kriegstagen, die damals zum österreichischen Widerstand gehört hatten. Einer davon war der 2015 verstorbene Wolfgang Pfaundler. Niemand hätte wohl besser über Südtirol Auskunft geben können, als Pfaundler. Er war eine Schlüsselfigur beim Aufbau des Unterstützernetzwerks für den BAS in Nordtirol. Dazu zählten der spätere ORF-Generalintendant Gerd Bacher, der Verleger Fritz Molden, der Obmann des Berg-Isel-Bundes Eduard Widmoser, der Kaufmann Kurt Welser, das Künstlerehepaar Molling, der Reiseschriftsteller Heinrich Klier sowie der Universitätsassistent Helmut Heuberger. Bevor es mit den Attentaten in Südtirol Ende 1960/Anfang 1961 losging, leitete der Nordtiroler BAS enorm wichtige „Starthilfe“: Molden sorgte für finanzielle und publizistische Unterstützung. Darüber hinaus knüpfte er ebenso wie Pfaundler Kontakte zu höchsten politischen Stellen in Wien. Welser kümmerte sich um die Sprengausbildung der Südtiroler BAS-Leute und transportierte gemeinsam mit Herlinde Molling Donarit über die Grenze. Und so weiter.
 
Eben wegen dieser Rolle stand Pfaundler auch unter Beobachtung durch die Staatspolizei. Diese registrierte auch das Zusammentreffen mit Mayer. Dieser habe sich über die „Verhältnisse in Südtirol“ erkundigt, heißt es in einem Dossier, das so brisant war, dass es der damalige Außenminister Bruno Kreisky im Panzerschrank verschließen ieß. Weiter im Text: „Es ist anzunehmen, dass der amerikanische Nachrichtendienst auf diese Weise sich ein Bild über die Verhältnisse in Südtirol verschaffen will. Da Pfaundler sehr gut informiert ist und sonst als minderwertiger Charakter bezeichnet werden kann, kann angenommen werden, dass es Mayer sicher gelungen wird, von Pfaundler entsprechende Informationen zu erhalten. Mayer kündigt auch an, dass er künftiglich öfters nach Innsbruck kommen werde, um seine alten Freunde zu besuchen.
 
Zu Pfaundler findet sich im abrufbaren Dokumentenbestand ein schmales name file. Daraus wird ersichtlich, dass er bis Ende 1950 ein Agent gewesen sein muss – die CIA ließ ihn aber fallen, nachdem man dahinter gekommen war, dass er gleichzeitig eine wichtige Quelle des ehemaligen SS-Hauptsturmführers Otto von Bolschwing war. Dieser hatte unter dem Decknamen USAGE ab 1947 zunächst für die Organisation Gehlen (ORG), Vorläufer des Bundesnachrichtendiensts (BND), und ab 1950 für die CIA in Wien mehrere Informanten-Netzwerke aufgebaut. Pfaundler gehörte wie sein Vater Hermann zum „CC net“, dem Führungsstab Bolschwings und war mit diesem direkt in Kontakt. Bemerkenswerterweise zählte zum „Socialist Party net“ auch der Tiroler SPÖ-Landesrat Rupert Zechtl, der später zu den wichtigsten politischen Vertrauenspersonen des BAS gehörte. Leiter des „Socialist Party net“ war der Staatspolizist Oskar Modelhart. Deshalb ist laut Einschätzung des Südtiroler Historikers Christoph Franceschini nicht sicher, ob sich Zechtl bewusst war, dass seine Informationen an ausländische Nachrichtendienste gingen: „Tatsache ist, dass die CIA noch 1968 Rupert Zechtl in ihrer Personenkartei als ehemaligen Agenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes (‚BND former Agent‘) führte.“
 
bolschwing_otto_von_vol._1_0173_verschoben.jpg

CIA-Report über das Netzwerk von Otto von BolschwingWolfgang Pfaundler als Agent.

 
In einem weiteren CIA-Dokument vom 17. Juli 1961 ist die Rede davon, dass Pfaundler Kopien eines Guerilla-Manuals an BAS-Mitglieder verteilt hatte. Dabei soll es sich um ein Handbuch gehandelt haben, dass eigentlich für Agenten in Ostdeutschland produziert worden war. Einige weitere Field Information Reports zeigen, dass die CIA über viele Kontakte und Vorhaben der „South Tyrolean extremist circles“ detailliert Bescheid wusste. So auch über die Finanzierung des BAS durch Molden – in einem Kommentar der CIA-Station in Wien von Ende 1960 wird festgehalten, dass letzterer laut einer Quelle bei einer Besprechung mit BAS-Leuten seine Investition auf rund 400.000 Schilling beziffert habe. Dies dürfe den österreichischen Behörden nicht bekannt werden, weil ihm sonst daraus Probleme erwachsen könnten. Abschließend erlaubten sich die Verfasser eine kleine „Spitze“ gegen Molden, dessen Verlagshaus sich damals in angespannter Lage befand: „In view of [Name freiglassen] somewhat precarious financial situation, we wonder if this was all his money in any case.“
 
Fritz Molden hatte wie Pfaundler während des 2. Weltkrieges mit dem OSS-Bürochef in Bern, Allen Dulles, zusammengearbeitet. Während eines USA-Aufenthalts Ende der 1940er Jahre stellte ihm dieser seine Tochter Joan vor. Im Frühling 1948 wurde geheiratet, aber es war eine Verbindung, die sich vor allem für Brautvater und Schwiegersohn auszahlte. So sei Molden, der zurück in Österreich zum Sekretär von Außenminister Karl Gruber aufstieg, für Dulles eine wichtige nachrichtendienstliche Verbindung gewesen. 1954 ließ sich Joan Dulles scheiden, aber der Draht zwischen ihrem Vater, der 1953 zum Direktor der CIA aufgestiegen war und Molden blieb bestehen. Gerüchte, wonach Dulles und die CIA bei der Etablierung des „Presseimperiums“ eine Rolle spielten, wollten trotz Dementis nie verstummen. Und es ist gut möglich, dass Molden – so wie es auch Franceschini vermutet – als Informations-Relais in Sachen Südtirol geradezu prädestiniert war. Und zwar nicht nur zu den Stellen in Wien, sondern auch zur CIA.
 
So fasst ein Memorandum des Geheimdiensts vom 5. März 1960 Einschätzungen aus dem Gespräch mit zwei Quellen zusammen, wie sehr sich die Lage in Südtirol zugespitzt habe. Die Situation ähnle bereits anderen Brennpunkten antikolonialer Aufstände wie Zypern. Anschließend folgt ein mehr oder weniger präziser Ablauf der „Feuernacht“ und dass mehr als ein Jahr vor dem eigentlichen Anschlag: „[Name gewschwärzt] is particulary concerned lest the radicals in South Tyrol might start guerilla warfare and lest former Nazi elements of Southern Germany and particulary Bavaria might support such an operation with men and money. He strongly feels that in order to avoid a ‘little Cyprus’ in the heart of Europe, the Italian government should make some reasonable concessions now thus avoiding a very nasty situation later on, and he would consider it wise if the American government could exert ist influence with the Italians in this respect. From another [Bezeichnung und Name geschwärzt] I have been told that guerrilla forces in the South Tyrol were already being organized for the particular purpose of sabotaging the very important Italian power dams and electric transmission lines located in South Tyrol and supplying a considerable part of the electric power used by the City of Milano and other industrial centers in the Po Valley.” In der „Feuernacht“ vom 11. auf den 12. Juni 1961 wurden tatsächlich 37 Strommasten gesprengt – auch wenn das anvisierte Ziel, die Industierzone Bozen lahmzulegen nicht aufging.
 
800px-fritz_molden.jpg

Verleger Fritz Molden: Schwiegersohn des CIA-Direktors.

 
Wahrscheinlich ist, das besagte Quellen Molden bzw, Pfaundler gewesen sind, die beide oft auf das Vorgehen der zypriotischen Guerillas referierten. Molden hatte 1958 an einer Journalistenreise nach Zypern teilgenommen und dort miterlebt, „wie sowohl die zypriotischen Freiheitskämpfer, aber noch viel brutaler die britische Armee, ihren Kolonial- oder Befreiungskrieg führten, […].“ Letztendlich aber schwankte Molden. Bevor es ernst wurde, legten er und Bacher Anfang Dezember 1960 alle Funktionen im BAS zurück. Zuvor hatten sie noch versucht, das Losschlagen mit Sabotagesprengungen aufzuschieben. Warum? Franceschini hat hier bereits auf Moldens Konnex zur CIA und das Unbehagen der USA vor einem unkontrollierbaren Krisenherd verwiesen. Pfaundler wiederum war zu diesem Zeitpunkt schon in die zweite Reihe zurückgetreten. Er hatte sich im Machtkampf mit dem Südtiroler BAS-Führer Sepp Kerschbaumer nicht durchsetzen können. Und zwar hatte Pfaundler dafür plädiert, einen regelrechten Guerillakrieg in Südtirol zu führen – umso genügend internationale Aufmerksamkeit herzustellen. Als dann noch am 6. März 1961 ein Waffenverstreck in einer von Pfaundler gemieteten Innsbrucker Wohnung aufflog, bedeutete das das Ende jeglicher aktiven Beteiligung.
 
Über den weiteren Gang der Ereignisse in Südtirol sind im CIA-Fundus bislang keine Erkenntnisse zu beziehen. Auch können auf Basis der wenigen Dokumente keine weitreichenden Schlüsse gezogen werden. Klar ist aber, dass der Kalte Krieg und die Interessen der Großmächte bei der Betrachtung des Südtirolkonflikts stärker in den Vordergrund rücken müssen. Die Fühler des BAS dürften jedenfalls nicht nur bis nach Wien gereicht haben.
Advertisement

Bitte melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Advertisement