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Interview

“Karl Zeller ist kein Museumsstück”

Der SVP-Senator spricht über den 4. März, Strategien und Werte, M5S und Lega. Wie Karl Zeller die Zeitenwende erlebt, welche Szenarien er für Italien und Südtirol malt.
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Die Tage von Karl Zeller in der Ewigen Stadt sind gezählt. 1994 wurde der Meraner Rechtsanwalt erstmals ins Parlament gewählt. Mit 33 Jahren.
In zehn Tagen geht die Ära Zeller zu Ende. Nach einem Vierteljahrhundert in Rom war es Zeit zu gehen, findet der scheidende SVP-Senator.

salto.bz: Herr Zeller, bedauern Sie, Rom zu verlassen? Chaotische Zeiten wie sie nach den Wahlen am 4. März bevorstehen, dürften für einen Strategen wie Sie doch reizvoll sein?

Karl Zeller: Mein Zyklus ist zu Ende. Jetzt kommt eine neue Ära – unabhängig davon, wer die Mandatare sind –, es beginnt eine neue Phase. Schon vor dem 4. März war mir klar: Die Zweite Republik wird archiviert.

Und Karl Zeller mit ihr?

Ich war ein Mann der Zweiten Republik. Das war eine andere Ära. Hätte ich noch einmal antreten können…

Aufgrund der parteiinternen Mandatsbeschränkung durften Sie nicht mehr.

Für die Verschärfung der Mandatsbeschränkung 2016 bin ich irgendwo dankbar. Hätte mir meine Partei eine weitere Kandidatur angetan, hätte ich noch einmal antreten müssen – man hätte mich vermutlich darum gebeten –, wäre es jetzt eine Riesenarbeit. All die neuen Kontakte aufbauen… Es ist sowieso besser, wenn das nun die Neuen machen.

Im Wahlkampf haben Sie dennoch kräftig mitgemischt.

Ich habe mehr Wahlkampf gemacht als wenn ich selbst kandidiert hätte (lacht). Vor allem im Wahlkreis Bozen-Unterland war ich viel unterwegs.

Dem Wahlkreis in Südtirol mit den umstrittensten Kandidaten. Waren Sie der Richtige, um die Wähler von Maria Elena Boschi und Gianclaudio Bressa zu überzeugen?

Ich war eher unverdächtig, da ich nicht mehr kandidiert und keinerlei Interesse habe, irgendjemandem einen Blödsinn zu erzählen. Ich denke, ich war relativ glaubwürdig und glaube, mitgeholfen zu haben, dass unsere Wähler das Richtige getan haben – wie auch der Landeshauptmann und der Parteiobmann gesagt haben: autonomiefreundliche Kandidaten gewählt. Darauf bin ich ein bisschen stolz.

Frau Biancofiore macht nie etwas Positives und wirft anderen immer Prügel zwischen – wenn sie nicht gerade den Hund spazieren führt.

Der Wahlerfolg der SVP trage “maßgeblich die Handschrift von Karl Zeller”, sagte Parteiobmann Philipp Achammer am Tag nach den Wahlen. Nehmen Sie die Blumen an?

Vermutlich hat der Parteiobmann damit gemeint, dass im Vorfeld Aspekte bedacht wurden, die dem Wähler vordergründig nicht so bewusst waren.

Nämlich?

Wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen! Dass die Grillini erstarken, hatten wir vor den Wahlen ohnehin auf dem Bildschirm. Man dachte nicht, dass die Lega so stark wird, aber die Prognosen zeigten Mitte-Rechts bei 35 bis 40 Prozent. Beim PD war die Frage, ob er zwischen 20 und 25 Prozent bekommt. Es wurde dann etwas weniger. Aber es ist nicht so, dass man die Situation nicht hat kommen sehen. Vor diesem Hintergrund war es richtig, autonomiefreundliche Kandidaten zu unterstützen. Und das Wahlergebnis zeigt: Der Teil der italienischen Bevölkerung, der hinter der Autonomie steht, ist mit uns. Bei all den Unterschieden ist das, was zählt: die gemeinsamen Interessen für die Autonomie.

Wie schwierig war es, diese Haltung im Wahlkampf zu vermitteln? Mit komplizierten politischen Strategien dürfte es schwer sein, Wähler zu begeistern.

Politik besteht nicht darin, das weiterzuposaunen, was irgendjemand am Stammtisch meint. Politik ist ein Beruf und kein Hobby. Wir sind in Rom und können die Dinge besser einschätzen – ansonsten bräuchte man uns nicht nach Rom schicken. Ich bin überzeugt, dass eine gewisse Strategie wichtig ist, gerade weil sie etwas komplex ist. Insofern meine ich, dass es wichtig war, die Entscheidung zu treffen.

Maria Elena Boschi und Gianclaudio Bressa zu unterstützen?

Die Entscheidung war anfangs vielleicht unpopulär, aber notwendig und nützlich – ganz egal, wer in Rom gewinnt. Bis auf weiteres können wir erwartungsgemäß ohnehin nicht bestimmen, was in Italien passiert – obwohl sich andere etwas anderes vorstellen in Südtirol –, sondern nur die Hausaufgaben vor Ort machen.

Wenn der Fraccaro zum Köllensperger wird, ist das willkommen.

Ihre Strategie ist aufgegangen?

Stellen Sie sich vor, wir hätten Bressa im Senat nicht aufgestellt, sondern wären alleine gegangen. Wir hätten sicher nicht gewonnen – und könnten nicht einmal die Autonomiegruppe im Senat bilden. Das wäre eine Katastrophe! Da Trient wider Erwarten eingeknickt ist, haben wir nicht einmal einen Senator aus Trient, der der Autonomiegruppe beitreten könnte. Dann müsste ich herumgehen und Trentiner Mitte-Rechts-Senatoren wie Elena Testor von Forza Italia betteln, ob sie zu uns in die Autonomiegruppe kommen. Damit bist du erpressbar. Denn die würden sagen, ok, wir leihen euch die Testor, aber ihr sagt euch dafür vom PD los.

Wäre das so schlimm?

Ich habe immer geschaut, dass wir unabhängig sind. Wir haben die Autonomiegruppe in den vergangenen Jahren immer unabhängig von anderen Parteien gegründet und waren dadurch viel freier. Wenn du jemandem etwas schuldig bist – gerade wenn es ums Eingemachte geht – ist dein politischer Spielraum eingeschränkt.

Sollten alle Stricke reißen, werden wir Österreich einschalten.

Schadet das Bündnis mit dem PD der SVP?

Wir wussten ja, dass der PD in Rom nicht mehr gewinnt. So dumm, wie jetzt manche glauben machen wollen, ist die Volkspartei nicht. Was mir wichtig ist: In der Politik muss es Werte geben. Einer dieser Werte ist sicher, dass man sich nicht zuerst vom PD mit Kompetenzen überhäufen lässt – und wenn die Umfragen schlecht werden, dem PD einen Tritt in den Hintern gibt. Diese Art von Politik ist sehr, sehr kurzsichtig und davon abgesehen moralisch und menschlich verwerflich. Das habe ich in meinem Leben nie getan.

Für Sie zählt Handschlagqualität?

Wenn man in Rom klein ist, wie die Volkspartei, zählen solche Werte. Wenn die SVP ja sagt, ist es ja. Das wissen auch die von Mitte-Rechts. Wir sind nicht die Wendehälse vom Dienst. Berlusconi hat das ja bereits mit uns versucht. Er hat gesagt, schaut, die Umfragen sehen uns vorn, kommt mit mir. Das haben wir nicht getan.

Weil die SVP dem PD versprochen ist?

Nein, wir sind nicht mit dem PD verheiratet. Wir hatten immer eine autonome Position und werden die auch in der nächsten Legislatur haben. Die SVP muss immer versuchen, einen Draht zur Regierung zu haben, ganz gleich, wie die ausschaut. Deswegen werden wir unseren Weg weiter gehen. Das heißt aber nicht, dass wir das Windfähnchen machen und sobald der Sturm aufzieht, die Hosen runterlassen. Das hat nie viel gebracht. Die deutsche Opposition kritisiert uns jetzt und sagt, die SVP habe auf das falsche Pferd gesetzt. Genau diejenigen, die heute mit geschwellter Brust Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit predigen und sagen, die Volkspartei seien Opportunisten und wir die wahren, aufrechten Tiroler – genau die sagen, wir hätten Verrat am Partner begehen müssen. Was wie gesagt nicht heißt, dass wir mit dem PD verheiratet sind. Das waren wir nie.

Will man den Draht um jeden Preis haben – auch zu einer möglichen 5-Sterne-Regierung? Den Grillini steht nicht nur der Parteiobmann skeptisch gegenüber. Soll die SVP über ihren Schatten springen und einen Schritt auf sie zugehen? Oder gibt es eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf?

Das kann man so nicht sagen. Fakt ist, dass wir die Leute immer an den Taten messen. Im Wahlkampf haben sich alle gegenseitig mit ihren Autonomiebekenntnissen überboten. Ich nehme an, dass die SVP aufgrund dieser Bekenntnisse Vorschläge machen wird. Wir werden ja sehen, welche Antworten wir bekommen und ob am Ende dieser Legislatur – die wird vermutlich nicht lange dauern – genug für Südtirol gemacht wurde. Aber mich interessiert schon sehr stark, wie der Autonomie-Ausbau à la 5 Sterne oder à la Salvini ausschaut.

Die 5 Sterne sollen jetzt gefälligst den ganzen Käse einlösen, den sie versprochen haben.

Sie selbst liefern sich regelmäßig Scharmützel mit Riccardo Fraccaro. Der Trentiner 5-Sterne-Parlamentarier wurde von Luigi Di Maio als möglicher nächster Regionenminister präsentiert.

Schauen wir mal, ob Fraccaro die Brennerautobahn und den Brennerbasistunnel unterstützt. Bisher hat er nur dagegen gestimmt, gewettert und gewütet. Das Tolle am Christentum – und wir sind ja alle Christen – ist, dass man sich bekehren kann. Wir warten auf die Bekehrung von Fraccaro & Co. Wenn der Fraccaro zum Köllensperger wird, ist das willkommen. Aber ich bin sehr, sehr skeptisch. Vielleicht ist das meinem Alter geschuldet (schmunzelt). Wenn man die Sprüche im Wahlkampf gehört hat…

Trotzdem gibt es von Karl Zeller kein Nein à priori zum Movimento 5 Stelle. Und zur Lega?

Die SVP wird sicher nicht feindselig gegen die 5 Sterne oder die Lega sein. Ich glaube, dass es in vielen Punkten leichter mit der Lega ist. Mit vielen der Lega, wie Roberto Calderoli, haben wir sehr gut zusammengearbeitet. Es gibt viele Berührungspunkte. Bei der Ausländerfeindlichkeit wird es anders sein, aber in Autonomiesachen kann man wahrscheinlich mit der Lega besser. Die 5 Sterne sind ein in vieler Hinsicht unbeschriebenes Blatt.

Und weniger berechenbar als die Lega?

Ja. Mit ihrer Wankelmütigkeit haben die 5 Sterne ein ganz großes Problem. In der Politik zählt nun einmal Verlässlichkeit und Handschlagqualität. Würde die SVP mit den 5 Sternen einen Pakt eingehen und am Tag drauf würde es heißen, das ist alles nichts, machst du als SVP keine gute Figur. Aber vielleicht bessern sie sich ja?! Man soll ja an das Gute im Menschen glauben (lacht).

Sollte es dazu kommen und man eine regierungsfähige Mehrheit finden – egal ob mit Mitte-Rechts oder -Links: Machen Sie sich im Falle einer 5-Sterne-Regierung Sorgen um Italien?

Die Regierungen Gentiloni und Renzi haben viele gute Sachen gemacht. Die Wähler haben gesagt, uns ist das wurscht.

Mich interessiert schon sehr stark, wie der Autonomie-Ausbau à la 5 Sterne oder à la Salvini ausschaut.

Sie sagen, lassen wir sie einmal machen?

Man muss sie jetzt machen lassen! Der Wähler ist das Souverän – auch wenn er einen Blödsinn macht. Die 5 Sterne haben allen ein Mindesteinkommen versprochen, unabhängig davon, ob man arbeitet oder nicht. Das ist leicht gesagt. Ich sage: Die Populisten haben den Wählerauftrag bekommen und sollen jetzt bitteschön liefern. Das heißt nicht, dass ich ihnen das Vertrauen ausspreche, sondern sie sollen jetzt gefälligst den ganzen Käse einlösen, den sie versprochen haben.

Karl Zeller wird das von seinem Sofa aus genüsslich verfolgen?

Genau! Ich werde auf dem Sofa sitzen und mit Genuss zuschauen, wie sie das Bürgereinkommen finanzieren. Ich werde mir mit einem gewissen Bedauern die volkswirtschaftlichen Schäden anschauen, denn erfüllbar sind die ganzen Sachen ohnehin nicht. Sie werden bei ihren Gehversuchen erhebliche Schäden anrichten. Das glaube ich zumindest. Aber da das Volk sie gewählt und die Moderaten abgewählt hat, sollen die Populisten jetzt machen. Denn wie kann man Populismus bekämpfen?

Sie werden es mir sagen.

Indem man die Populisten machen lässt. Da sie nun die Mehrheit haben, müssen sie das Ding jetzt schaukeln. Soll sich die Lega meinetwegen mit den 5 Stelle zusammentun! Sie haben ja sehr viele Berührungspunkte. Sollen sie die Schiffe organisieren, um die Einwanderer nach Afrika zurückzubringen und schauen, welcher Staat sie ihnen wieder abnimmt. Sie können die Fornero-Reform abschaffen – das kostet dann 20, 30 Milliarden Euro im Jahr. Sie können den Krieg mit Brüssel anfangen… Das wird man nicht alles einfach nur so versprochen haben?! Sie müssen das jetzt schon umsetzen. Oder?

Wer nicht liefert, verliert vermutlich schnell an Zustimmung?

Eben. Und ich glaube, dass die 5 Sterne irgendwann sehr viel an Zustimmung verlieren werden. Auch, weil sie nicht das Personal haben, um einen Staat zu regieren. Sie schaffen es ja nicht einmal Rom zu regieren. Sie haben viel zu wenig technisch versierte Leute. Dass diese Partei im Wesentlichen aus Leuten besteht, die in ihrem Berufsleben nichts zuwege gebracht haben, ist nicht gerade eine Visitenkarte für den Staat. Ich frage mich: Wenn ich nicht imstande bin, für mich selbst die Dinge auf die Reihe zu kriegen – bin ich dann imstande, sie für 60 Millionen Menschen auf die Reihe zu kriegen? Aber der Wähler hat gesagt, sie machen das. Sie sollen und mögen machen! Ich schaue mir das von meinem Sofa aus an und hoffe, dass die Zeche für dieses Experiment, das die Wähler in Italien gewollt haben, vor allem nicht zu sehr die Armen und Schwachen bezahlen müssen.

Eine neue Ära beginnt und es ist gut, wenn sich neue Kräfte ans Werk machen.

Besteht in diesen unsicheren Zeiten das Risiko, dass Südtirol draufzahlt?

Wir haben unsere Position in dieser Legislatur gestärkt: Die internationale Verankerung wurde abgesichert und wir haben vieles erreicht. Es ist viel leichter, zu verteidigen als etwas Neues zu kriegen. Ich muss mehr oder weniger nur die Position halten. Und wir haben jetzt eine starke Phalanx aufgestellt. Die nächste Regierung wird sich schwer tun, uns das Erreichte wieder wegzunehmen – selbst wenn sie meinen sollte, das wäre angebracht. Sollte es aber Versuche in diese Richtung geben, werden wir uns lautstark bemerkbar machen. Und dem einen oder anderen werden vielleicht die Augen aufgehen. Vor allem im Trentino. Manchmal lernt man eben, indem man die Folgen schmerzhaft am eigenen Leib erfährt.

Wo liegt die Schmerzgrenze?

Wir haben Österreich über uns. Sollten alle Stricke reißen, werden wir eben Österreich einschalten. Aber vielleicht sind sie in Rom derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie uns, wenn wir Glück haben, links liegen lassen. Schließlich ist Südtirol nicht der Nabel der Welt. Wir haben jetzt so viele Kompetenzen, die wir umsetzen müssen, dass wir relativ wenig auf Rom angewiesen sind.
Das einzige Fragezeichen ist die Brennerautobahn.

Die neue Konzession soll im Laufe des Jahres 2018 für 30 Jahre neu ausgestellt werden – an eine öffentliche Inhouse-Gesellschaft. Ist die Sache noch nicht in trockenen Tüchern?

Die ist noch zu unterschreiben… Außer wir haben Glück, und Gentiloni bleibt bis Herbst im Amt – was ja auch nicht auszuschließen ist. Die Frage, ob Di Maio oder Salvini Ministerpräsident wird, ist ja noch nicht wirklich ausgeschnapst.

Interpretiere ich Sie richtig? Die neuen Südtiroler Parlamentarier werden in dieser Legislaturperiode in Rom keine entscheidende Position einnehmen?

Das weiß ich nicht. 2013 hatten wir auch keine entscheidende Rolle inne. Das hat sich erst 2014 geändert. In Rom weiß man nie, was die Entwicklungen bringen. Wichtig ist, dass du deine Truppen stehen hast. Und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, kann man ausschlaggebend werden.

Wovon hängt das ab?

Von den äußeren Umständen. Wichtig ist, dass die Mannschaft geschlossen bleibt und zusammenarbeitet. Das, was in Trient passiert ist, tut uns natürlich weh. Einer der Gründe für unseren Erfolg in der vergangenen Legislatur war der Schulterschluss mit Trient – der ist jetzt nur mehr eingeschränkt möglich.

Teil der “Phalanx”, von der Sie sprechen, sind drei SVP-Senatoren, drei SVP-Kammerabgeordnete, zwei von der SVP unterstützte PD-Kandidaten und eine Trentiner PATT-Abgeordnete. Sie alle wurden in Südtirol gewählt. Wie gefällt Ihnen das “Team Südtirol”?

Ich habe mich im Wahlkampf für alle eingesetzt. Die scheidenden Parlamentarier kenne ich, die haben alle gut gearbeitet. Auch die Neuen haben aus meiner Sicht beste Voraussetzungen, um gute Arbeit zu leisten. Sie erwartet jetzt natürlich ein schwieriges Umfeld, in dem sie sich bewähren müssen. Aber ich habe keine Sorge, dass sie nicht geeignet wären. Südtirol ist sicher gut und würdig vertreten.

Autonomiegruppe

“Nicht die SVP-Fraktion”: die Autonomiegruppe im Senat im Dezember 2017 (Foto: Gruppo Autonomie)

Eines Ihrer letzten Vermächtnisse ist die Änderung der Geschäftsordnung des Senats und die neue Bestimmung für die Autonomiegruppe. Nun ist schon vor den Wahlen in der SVP ein Disput entstanden, wer Sie als Präsident beerben wird – ein SVP-Senator oder Gianclaudio Bressa. Wen wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir gar nichts. Ich bin ein Parlamentarier der alten Schule. Daher sage ich: Die Entscheidung, wen die Fraktion als Vorsitzenden wählt, steht einzig und allein der Fraktion zu. Und das ist nicht die SVP-Fraktion im Senat, sondern die Autonomiegruppe. Man muss vor allen Mitgliedern Respekt haben. Neben den SVP-Senatoren sind es auch Bressa und der aostanische Senator – mein Vize, der einzige Überlebende der letzten Gruppe sozusagen. Man muss im Gespräch mit ihnen eine Entscheidung fällen – und die nicht von außen aufoktroyieren. Es würde unter den Kollegen in der Gruppe böses Blut machen, wenn jemand in Rom daherkommen und sagen würde, die Partei hat beschlossen, dieser und jener wird Vorsitzender und dem ist Folge zu leisten. Wissen Sie, es ist nämlich so: Durch das schlechte Ergebnis in Trient haben wir genau die Mindestanzahl von fünf Senatoren in der Autonomiegruppe erreicht. Und stellen Sie sich vor, einer fühlt sich beleidigt und sagt, er gehört nicht dazu – dann ist keine Gruppe möglich. Deshalb muss man mit Respekt und Fingerspitzengefühl vorgehen.  

Trauen Sie Ihren Nachfolgern diese Kompetenz zu?

Sie wissen Bescheid, ich habe ihnen das alles gesagt: Dass die Autonomiegruppe nicht die SVP-Fraktion ist, sondern etwas anders. Auch die Senatoren auf Lebenszeit müsste man wieder gewinnen – und die muss man sowieso mit Samthandschuhen anfassen. Schließlich sind das allesamt ehrwürdige Personen und herausragende Persönlichkeiten. Deshalb braucht es eine gewisse Eleganz und einen gewissen Stil. Ich habe keine Zweifel, dass die gewählten Kollegen genau das tun werden.

Ich werde meinen Bauchspeck dezimieren.

Können die Neuen in Rom auf Sie verzichten?

Ich helfe ihnen in der Übergangsphase, die ersten paar Tage. Vielleicht haben sie Fragen. Aber danach gibt es sowieso eine neue Situation in Rom. Die Karten werden neu gemischt und es beginnt ein neues Spiel. Das müssen die Neuen machen. Für mich war es der richtige Moment, zu sagen, es reicht. Es gibt genug Leute, die meinen, sie sind unersetzlich.

Eine, die es wieder ins Parlament geschafft hat, ist Michaela Biancofiore – Ihre Lieblingsfeindin…

Ich kenne sie seit 20 Jahren. Wir haben in Rom nicht mit allen von Forza Italia schlechte Beziehungen – im Gegenteil. Aber Frau Biancofiore funkt überall dazwischen. Sie macht nie etwas Positives, hetzt immer nur und wirft anderen Prügel zwischen die Beine. Das ist ihr Hauptjob – wenn sie nicht gerade den Hund spazieren führt. Es wäre ja nicht schlecht gewesen, hätte sie einmal in ihrem Leben arbeiten gehen müssen. Aber solange sie diese Busenfreundschaft mit Berlusconi hat, wird sie bleiben.

Gewählt wurde Biancofiore in der Emilia Romagna, nicht in Südtirol.

Der dritte Fallschirm hat aufgehen müssen, damit sie wieder im Parlament landet: In Bozen hat sie verloren, den regionalen Verhältniswahlkreis hat sie auch nicht bekommen. Biancofiore in die Emilia Romagna zu schicken war eine wichtige Sache, denn sie darf sich nicht mehr das Recht herausnehmen, im Parlament aufzustehen und zu sagen, die Vertreterin des Territoriums zu sein. Sie behauptet ja, deutsche Stimmen bekommen zu haben. Ich möchte wissen, welche. Sie hat verloren, sie ist nicht die, die für die Bevölkerung im Wahlkreis Bozen-Unterland reden kann. Das schränkt ihren Aktionsradius natürlich ziemlich ein. Aber genug davon, die Person ist ja nicht weiter wichtig.

Schon vor dem 4. März war mir klar: Die Zweite Republik wird archiviert.

Bis 22. März ist das alte Parlament in Amt und Würden. Was wird Karl Zeller nach dem 22. März machen?

Ach, ich habe viel vor: Ich werde wieder zum Vollzeit-Rechtsanwalt. Ich werde meinen Bauchspeck dezimieren. Ich werde Zeit für meine Kinder haben und zu den Schul-Sprechstunden gehen können. Ich habe jetzt ein neues Leben. Das ist vielleicht nicht mehr so spannend wie das vorherige, aber dafür habe ich mehr Zeit für mich und nicht mehr den Doppelstress zwischen Arbeit und Rom. Ich habe mich schon darauf eingestellt und freue mich. Als Vize-Obmann bleibe ich in der Partei.

Und wenn die Partei Sie braucht, sind Sie zur Stelle?

Wenn mich jemand fragt und einen Rat will, werde ich nicht Nein sagen. Den Neuen in Rom kann ich den ein oder anderen Tipp geben, immerhin kenne ich nach 25 Jahren einige Leute. Aber das wird eine Frage von relativ kurzer Zeit sein. Sie werden das selbst schaukeln und brauchen nicht Karl Zeller als Museumsstück. Man darf nicht meinen,  mich für alle Zeiten zu konservieren. Es gibt solche, die Entzugserscheinungen haben, wie Irrwische herumgeistern und jedes Mal ins Teller spucken, aus dem sie zum Teil jahrzehntelang gelöffelt haben. Das hoffe ich, den Südtirolern ersparen zu können.

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Kommentare

Bild des Benutzers Heinrich Zanon

Ein äußerst gelungenes und aufschlussreiches Interview.
Karl Zeller kehrt mit viel Würde in seinen angestammten Beruf zurück. Er hat für Südtirol in Rom lange Vieles und in der letzten Legislaturperiode mit einem Crescendo furioso beinahe Unmögliches erreicht. Das sollten wir Landsleute - auch über kleinliche Parteigrenzen hinweg - uns bewusst machen, und dafür sollten wir ihm dankbar sein.
Nachtrag: Er wird sich in Zukunft nicht danebenbenehmen.

+1-11
Bild des Benutzers 19 amet

Sehr interesssant. Ein Bravo dem Karl Zeller für all das was er für die Südtiroler in Rom geleistet hat. Hoffen wir, dass diese Legislatur, wie er schreibt, nicht lange dauert, und die Wähler wieder vernünftig werden, ohne sich von Marktschreiern und absurden Versprechungen blenden zu lassen.

Bild des Benutzers ceteris paribus

KaZe hat sich seine Lorbeeren verdient und sie seien ihm vergönnt.

Die Aussage "Dass diese Partei im Wesentlichen aus Leuten besteht, die in ihrem Berufsleben nichts zuwege gebracht haben, " lässt dann doch ohne Not die "gewisse Eleganz und einen gewissen Stil" vermissen.

Wenn das die Kategorie wäre, na dann gute Nacht! Mir fallen spontan in seiner Partei ja auch einige Zeitgenossen ein, die in diese Kategorie gehören könnten; fangen wir mal an der Spitze an? Nein tun wir nicht, weil das nichts zur Sache tut.

Trotzdem ein gutes Interview.

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