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Kirche

Säuberung im Stift

Der Probst von Kloster Neustift Eduard Fischnaller drängt alle Freigeister hinaus. Das letzte Opfer der Säuberung: der Präsident des Bildungshauses Artur Schmitt.
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Artur Schmitt ist drei Wochen lang in Brasilien. Telefonisch nicht erreichbar. Der Augustiner Chorherr dürfte nicht nur auf Urlaub in dem Land sein, in dem er vor über 15 Jahren als Priester tätig war. Der Theologe und Pfarrer von Natz-Schabs denkt nach Informationen von salto.bz ernsthaft über eine Zukunft außerhalb von Südtirol und von Kloster Neustift nach.
Der Grund dafür: die Zustände und Entwicklungen im Kloster, seit der neue Probst Eduard Fischnaller die Führung des Augustiner Chorherrenstifts übernommen hat. „In drei Jahren hat man das Rad um 20 Jahre zurückgedreht“, beschreibt ein Südtiroler Ordensmann die Situation in Neustift.
Vor allem aber hat es in den letzten Jahren mehrere unfreiwillige Abgänge in Neustift gegeben. Im vergangenen Jahr trennte man sich zuerst von der Historikerin und Spezialistin für mittelalterliche Handschriften, Ursula Stampfer und dann vom Gutsverwalter Urban von Klebelsberg.
Jetzt ist Arthur Schmitt an der Reihe. Der weit über das Kloster hinaus bekannte Präsident des Bildungshauses Kloster Neustift wurde völlig überraschend in seiner Funktion abgewählt und aus dem Vorstand hinauskomplimentiert. Neuer Vorsitzender und Präsident des Bildungshauses ist seit wenigen Wochen Abt Eduard Fischnaller.
 

Die Abwahl

 
Artur Schmitt wurde 1970 im deutschen Remagen geboren. Seit 1991 lebt der Theologe im Augustiner Chorherrenstift Neustift. Schmitt ist nicht nur als sehr kontaktfreudiger, weltoffener Priester bekannt, der Mann ist auch akademisch durchaus eine Größe. Schmitt ist Lehrbeauftragter für Pastoraltheologie und Homiletik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen und auch an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck tätig.
Seit Jahren widmet sich Schmitt in Neustift vor allem dem Bildungshaus. Mit dem Ziel, sich an den Bedürfnissen der Zeit zu orientieren, gründete der damalige Propst Chrysostomus Giner 1970 ein Tourismuszentrum. Bald darauf kam ein Ökozentrum hinzu, das Fortbildungen im ökosozialen Bereich organisierte. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich daraus ein gut funktionierendes Bildungshaus entwickelt, das inzwischen jährlich rund 1000 Veranstaltungen, Seminare, Lehrgänge und Kongresse zu verschiedensten Themen organisiert.
 
Schmitt, Artur

Chorherr Artur Schmitt: Als Präsident des Bildungshauses abgewählt.

Artur Schmitt war einer der Motoren dieser Entwicklung des Bildungshauses. Er war zuerst als Direktor tätig und inzwischen als Präsident und Vorstand. Doch damit ist es jetzt vorbei.
Am 17. Mai tagte die Mitgliederversammlung des Bildungshauses Kloster Neustift. Sie ist mehr oder weniger mit dem Konvent des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift identisch. An diesem Tag standen die Bilanzgenehmigung und auch die Neuwahlen des Vorstandes an. Dabei wurde Artur Schmitt im wahrsten Sinne des Wortes vor die Tür gesetzt. Schmitt wurde nicht nur als Präsident abgewählt, sondern er wurde nicht einmal mehr in den vierköpfigen Vorstand berufen.
Sein Amt als Präsident des Bildungshauses hat der Abt des Chorherrenstiftes selbst übernommen.
 

Die Vorgeschichte

 
Dass diese Abwahl kein Unfall war, sondern von langer Hand geplant, zeigt die Vorgeschichte. Von 1969 bis 2005 leitete Chrysostomus Giner als Propst das Kloster Neustift. Der Nordtiroler Abt galt zwar als konservativ, dennoch verstand es Giner das Kloster und das Stift zur modernisieren und für die neuen Ansprüche zu rüsten.
1971 wurde aufgrund von Lehrermangel die Einstellung des stiftseigenen Schulbetriebs beschlossen. Seither wird die Schule als Außenstelle der öffentlichen Mittelschule „Oswald von Wolkenstein“ in Brixen geführt. Weiterhin bestehen blieb das Schülerheim, das noch heute von etwa 90 Buben aus ganz Südtirol jährlich bewohnt wird.
Dazu kommt der Gutsbetrieb des Stiftes. Der landwirtschaftliche Großbetrieb umfasst 700 Hektar Wald, 400 Hektar Almen sowie je 25 Hektar Wein- und Obstanbau. Unter Abt Giner kam der Bozner Agronom Urban von Klebelsberg als Stiftsverwalter. Klebelsberg brachte die Gutsverwaltung auch finanziell auf Vordermann. Vor allem aber baute Klebelsberg die Klosterkellerei ernsthaft aus. Die Neustifter Kellerei erhält seit Jahren für ihre Weine Preise im In- und Ausland.
 
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Die Neustifter Chorherren: Schubumkehr an der Spitze.

Als Giner 2005 aus Altersgründen abdankte, wurde Georg Untergaßmair als sein Nachfolger gewählt. Der gebürtige Olanger ist eine internationale Koryphäe der Bibelwissenschaft. Untergaßmair promovierte 1972 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg zum Doktor der Bibelwissenschaft. Er lehrte zuerst als Assistent an der Theologischen Fakultät Paderborn und nach seiner Habilitation 1978 an verschiedenen anderen deutschen Unis. 1983 wurde er zum Ordentlichen Professor für den Fachbereich Katholische Theologie an die Universität Osnabrück berufen. Dort übernahm er mehrmals auch das Amt des Dekans seines Fachbereichs. Zudem lehrte er an der niedersächsischen Universität Vechta.
Der Südtiroler Hochschulprofessor brachte als Abt neuen, modernen Wind in die historischen Mauern von Neustift. Georg Untergaßmair begann das Augustiner Chorherren Stift und das Bildungshaus bewusst geistig zu öffnen. So etwa stellte er 2014 die Historikerin und Spezialistin für mittelalterliche Handschriften Ursula Stampfer per Vertrag an und betraute sie mit der Leitung der Stiftsbibliothek und des Stiftsarchivs. Stampfer begann das unschätzbare Archiv des Stiftes nach neuen Methoden aufzuarbeiten und zu konservieren. Auch öffnete der Abt das Kloster für weltliche Veranstaltungen, etwa das internationale Literaturfestival „WeinLesen“.
 
 

Der neue Abt

 
2015 schied Georg Untergaßmair freiwillig als Probst aus. Nach Informationen von salto.bz hätte der scheidende Abt gerne Artur Schmitt als seinen Nachfolger gesehen. Doch es kam anders.
Als sich die 20 wahlberechtigten Chorherren im Mai 2015 zur Wahl treffen, geht im vierten Wahlgang Eduard Fischnaller als neuer Probst hervor. Fischnaller ist das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Fischnaller ist ein Kleriker Südtiroler Eigenbaues pur.
Der heute 49jährige Rodenecker besucht die Mittelschule in Salern und danach das Vinzentinum in Brixen. Nach einer Bäckerlehre und dem Militärdienst arbeitet er als Präfekt im Schülerheim des Vinzentinums. Dabei holt er die Matura nach und absolviert in Brixen das Priesterseminar. 1993 tritt Fischnaller den Augustiner Chorherren bei und wird fünf Jahre später zum Priester geweiht.
Nach einigen Jahren als Kooperator in Olang kommt er nach Neustift, wo er in der Fachschule für Landwirtschaft Salern Religion unterrichtet. Zudem wirkt er als Pfarrer in Natz, Ehrenburg und Kiens.
 
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Amtierender Probst Eduard Fischnaller: „Ich wäre lieber ein Pfarrerle geblieben“.

Die Wahl zum neuen Neustifter Abt im Frühjahr 2015 kommt selbst für den Auserwählten überraschend. In einem Porträt über Fischnaller in der Zeitschrift „Der Brixner“ wird eine Interviewaussage unmittelbar nach seiner Nominierung zitiert: „Ich wäre lieber ein Pfarrerle geblieben“.
 

Die Abgänge

 
Nach einer Inkubationszeit beginnt Eduard Fischnaller aber seine Macht als Probst in Neustift auszuspielen. Fischnaller gilt als äußerst konservativ und er scheint jene Weltoffenheit, die seine Vorgänger bewusst in Neustift zugelassen haben, wieder aus den Mauern jagen zu wollen.
Vor allem aber nimmt Fischnaller alle jene, die seinem Vorgänger Untergaßmair zu nahe stehen und die seine Autorität und Kompetenz in Frage stellen könnten, ins Visier .
Das erste Opfer dieses neuen Kurses ist Urban von Klebelsberg. Schon bald kommt es zwischen dem Abt und dem Stiftverwalter zu unüberbrückbaren Differenzen. Klebelsberg fühlt sich in seiner Arbeit desavouiert. Weil mehrere Aussprachen nichts fruchten, schmeißt der Agronom nach genau 30 Jahren an der Spitze der Gutsverwaltung hin. Klebelsberg kündigt im April 2017 und verlässt zu Jahresende Neustift. „Für mich ist die Sache abgeschlossen“, sagt er heute zu salto.bz, „ich möchte dazu nichts mehr sagen“.
 
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Gutsverwalter Urban von Klebelsberg(Un)freiwilliger Abgang nach 30 Jahren.

Wenige Monate nach Klebelsberg folgt der zweite prominente Abgang. Ursula Stampfers Drei-Jahres-Vertrag läuft aus. Obwohl die Fachfrau und Tochter des langjährigen Landeskonservators Helmut Stampfer landesweit geschätzt und ihre Arbeit gelobt wird, verlängert Probst Eduard Fischnaller den Vertrag einfach nicht mehr. 
Dabei hatte Georg Untergaßmair der Historikerin auch den Auftrag gegeben, das 875- Jahr- Jubiläum von Kloster Neustift vorzubereiten. Dieses Jubiläum sollte eigentlich 2017 über die Bühne gehen. Doch dazu kam es nicht. Mit der Trennung von Ursula Stampfer steckte der neue Abt Fischnaller auch das gesamte Konzept in die Schublade.
Inzwischen scheint man das Projekt anderen Personen zu übertragen zu haben. Mit deutlichen Mehrkosten.
 

Der Rausschmiss

 
Die Abwahl von Artur Schmitt ist jetzt das letzte Kapitel einer bewussten personellen Säuberung.
Fischnaller hat jenen Mann, der ihm sowohl intellektuell wie auch als Netzwerker deutlich überlegen ist, planmäßig demontiert. Als Grund für den personellen Wechsel werden dabei finanzielle Gründe vorgeschoben.
Das Chorherrenstift hat finanzielle Forderungen an das Bildungshaus. Diese stammen aus einer alten Geschichte. Das finanziell starke Chorherrenstift streckt seit 15 Jahren immer wieder Geld für das Bildungshaus vor. Es ist eine durchaus fruchtbare Zusammenarbeit. Obwohl nach Informationen von salto.bz diese Außenstände inzwischen nicht angewachsen sind, nutzte man diesen Umstand, um Artur Schmitt abzuwählen.
Tatsache ist, dass Artur Schmitts Abgang eigentlich unter der Neustifter Kutte bleiben sollte. Aus Angst vor den Reaktionen, die die Delogierung des überaus beliebten Theologen und Natzer Pfarrers hervorrufen könnte.
Doch inzwischen stellt man sich in Neustift längst eine andere beunruhigendere Frage.
Wer wird die oder der Nächste sein, der gehen muss?
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