Hauser, Monika
henrik_nielsen.
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Pestizide

„Danke für Euren Kampf“

Monika Hauser dankt in einem offenen Brief dem Malser Bügermeister Ulrich Veith und der indischen Atkivistin Vandana Shiva für ihren Einsatz gegen Pestizide.
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Lieber Ulrich Veith,
ich möchte Vandana Shiva und Ihnen gratulieren zur erfolgreichen Pressekonferenz in Rom. Solche Orte, an denen aufgeklärt, gemahnt und gefordert wird, sind so nötig, um immer wieder unmissverständlich deutlich zu machen, dass es dringend und zwar heute ein Umdenken braucht!
 
Gerade Frauen und Mädchen in Entwicklungs- und Schwellenländer sind besonders Betroffene der Ausbeutung durch neoliberale Wirtschaftspolitik und den verheerenden Folgen der Klimakatastrophe. Den Zusammenhang zwischen Gewalt von Männern gegen Frauen und der Gewalt gegen die Natur zeigt Vandana Shiva seit Jahrzehnten auf.
 
Frauen arbeiten beispielsweise in der Kleidungs- und Blumenproduktion, wo als extrem oder hoch gefährlich eingestufte Pestizide benutzt werden, von den allgemein ungerechten Arbeitsbedingungen ganz abgesehen. Bei einer Studie in Indien traten bei 83,6 Prozent der interviewten Frauen, die im Baumwollanbau tätig sind, Vergiftungen auf.
 
Veith, Shiva
Ulrich Veith und Vandana Shiva (vergangene Woche in der Abgeordnetenkammer in Rom): „Es braucht dringend ein Umdenken“
Da in den meisten Entwicklungsländer in der Landwirtschaft weit über 60 Prozent Frauen arbeiten, sind gerade Bäuerinnen massiv gefährdet. Nur wenige Anwender*innen wissen über die Risiken Bescheid und benutzen regelmäßig hochgefährliche Pestizide der Klassen 1a und 1b. Zudem schützen sich viele Bäuerinnen während der Feldarbeit nicht ausreichend, da Schutzkleidung und Atemmasken meist nur schwer erhältlich, zudem teuer und unkomfortabel bei der tropischen Hitze sind. Sicherheitsanweisungen werden häufig in Fremdsprachen angegeben oder werden nicht verstanden – nicht nur von Analphabet*innen. Die Menschen unwissend zu halten, ist hier Strategie. 
Bekämpft werden müssen weiterhin die großen Konzerne und der Einfluss ihrer Lobbyisten auch auf unsere Politik – sie alle profitieren in skrupelloser Weise vom massiven Einsatz der Pestizide.
Unterernährung und Infektionskrankheiten verstärken die negativen Auswirkungen der Pestizid-Vergiftungen noch. Langzeitschäden für Gesundheit und Umwelt sind vorprogrammiert. Vor allem die Situation schwangerer Frauen ist schockierend: Pestizide können direkt in die Plazenta gelangen und so den Fötus schädigen, daher gibt es sehr hohe Fehlgeburtenrate. Leider werden Langzeitschäden wie Krebs, Erbgutschäden oder Störungen des Hormonsystems kaum erfasst.
Und wie grausam ist es, wenn die WHO Suizide und Suizidversuche durch Pestizide auf jährlich 2 Millionen Fälle schätzt.
Bekämpft werden müssen weiterhin die großen Konzerne und der Einfluss ihrer Lobbyisten auch auf unsere Politik – sie alle profitieren in skrupelloser Weise vom massiven Einsatz der Pestizide. „Buy one, get one free“ ist eine beliebte Methode, um ihre Produkte zu vermarkten – sarkastischer geht es wohl kaum noch!
Danke für Euren Kampf gegen diesen Teufelskreis – für unser Ökosystem, welches ja bereits ein nachhaltig geschädigter Lebensraum ist! Denn es gibt keine Alternative zum Handeln, und es gibt keine Alternative zur Vision von einer pestizidfreien Welt bis 2030!
Und erst recht keine zu Vandana Shivas „Bewegung der lebendigen Demokratie“, wie sie im Vinschgau an manchen Orten vorbildhaft gelebt wird!
Herzlich, Ihre Monika Hauser
 
Monika Hauser, Köln, 10. März 2019
 
Monika Hauser ist Fachärztin für Gynäkologie, Gründerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Frauenrechtsorganisation medica mondiale. Für  Ihren Einsatz für Frauen in Kriegsgebieten ist u.a. Trägerin des Right Livelihood Awards (Alternativer Nobelpreis; 2008), für ihren herausragenden humanitären Einsatz wurde sie mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet (2016), bekam sie die Paracelsus-Medallie der Deutschen Ärzte-Gesellschaft (2018) und in diesem Jahr das Ehrenzeichen des Landes Tirol. Monika Hauser, die Vinschger Wurzeln hat, unterstützt seit 2015 das Anliegen der Gemeinde Mals, pestzidfrei zu werden.
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Kommentare

Ich kann mich dem Dankesschreiben von Frau Dr. Hauser nur aus voller Überzeugung anschließen. Offensichtlich braucht es insbesondere uns Frauen, um u.a. das globale Problem des Einsatzes von chemischen Pestiziden auf die nötige breite Diskussionsebene zu bringen. In Anbetracht der Aggression, mit der v.a. die männlichen Vertreter des System Südtirol gegen die absolut berechtigten und notwendigen Versuche der Bewusstseinsbildung in Richtung Notwendigkeit der radikalen Reduzierung bis zum Verbot des Einsatzes von chemischen Pestiziden reagieren, ist es begrüßenswert, dass von kompetenter Seite auch auf die globalen Aspekte dieses Problems aufmerksam gemacht wird. Dies auch, um zu verhindern, dass die auch aktuell heiß geführte Diskussion in Südtirol sich auf die angebliche Instrumentalisierung des Themas durch "Auswärtige" reduzieren lässt. Ich (und ganz viele Südtiroler landauf und -ab !!!) sind jedenfalls froh, dass durch den begrüßenswerten konkreten Einsatz der Verantwortlichen speziell eines Dorfes, das so wichtige Thema nunmehr ständig diskutiert wird. Und dabei sind Beiträge, wie jene von Frau Dr. Hauser, sehr wertvoll, weil sie das eigentliche Thema wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Wir bräuchten halt weit mehr als nur ein "gallisches Dorf" in Südtirol!

Ich schließe mich dem Dank von Renate Holzeisen von Herzen an! Wie wohltuend der Beitrag von Monika Hauser ist, im Vergleich zu der niederschwelligen, nicht nachvollziehbaren Argumentation von Landersrat Arnold Schuler in der gestrigen Pro & Contra Sendung! Klar, es ist unrealistisch und kann nicht erwartet werden, dass alle Bauern in Südtirol ihre Anbauweise von heute auf morgen auf biologisch umstellen. Genauso kann die Verwendung von Pestiziden nicht als harmlos dargetsellt werden, deren Auswirkungen mittlerweise hinreichend bekannt sind. "Mals" steht für den Beginn einer Denkweise, die nicht mehr eingesperrt werden kann, und es wäre an der Zeit, den Weg in diese Richtung gemeimsam zu gehen, im Interesse und zum Wohle derer, die nach uns kommen.

Bild des Benutzers Karl Maier
Karl Maier 13.03.2019, 21:17

Sehr geehrte Frau Hauser,
Ihr Brief ist zwar an Herrn Veith adressiert jedoch nehme ich mir die Freiheit heraus einige kurze Gedanken anzumerken. Der grundlegende Hinweis auf ist Probleme in den Ländern des Globalen Südens ist wichtig und richtig. Jedoch unterscheiden sie sich im Ausmaß wesentlich von den Dimensionen unserer Probleme. Ich vermute stark, dass in diesen Ländern die Rückstände nicht im ng- Bereich (=10-9 g) gemessen werden. Der Unsachgemäße Einsatz von Pflanzenschutzmitteln kann nicht als Argument gegen chemisch-synthetische Pestizide ins Feld geführt werden. Die Aufklärung und der Schutz der AnwenderInnen sind von höchster Bedeutung. Auch in diesem Bereich sind die Länder des Globalen Südens nicht mit Südtirol vergleichbar. Die landwirtschaftlichen Ober- und Fachschulen bilden das erste Glied in der weit verzweigten Kette Bildung und Weiterbildung der Südtiroler Landwirtschaft. Allein das Argument, dass Menschen ihren Selbstmord mit Pestiziden versuchen ist unsinnig, genauso könnte man gegen das Bauen von Brücken sein, da sich Menschen von dort runter stürzen könnten. Ihr generelles und z.T. auch unreflektiertes eindreschen auf den Pflanzenschutz ist einer sachlichen Diskussion nicht dienlich.
Es gibt KEINE Möglichkeit einer pestizidfreien Landwirtschaft.
Jede Art des Landbaus, sei es nun biologischer, integrierter oder konventioneller, setzt auf Pflanzenschutzmittel und diese werden genauso von Firmen und großen Konzernen produziert, ich wüsste nicht, dass die PSM des biologischen Landbaus vom Himmel fallen. Jedes Pflanzenschutzmittel wirkt durch Chemie bzw. ablaufenden chemischen Prozessen, zudem möchte ich erst den Beweis sehen, dass Pyrethrum im Vergleich zu Pyrethroiden eine geringere Nützlingstoxizität aufweist, ansonsten müsste das Münchner Umweltinstitut auch nach Rückständen aus den Pflanzenschutzmitteln des ökologischen Landbaus suchen. Wenn alle Betriebe auf der Welt so sorgsam umgehen wie die Südtiroler Landwirte hätten wir sicher ein Problem weniger.

Mit freundlichen Grüßen
Karl Maier

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 17.03.2019, 12:27

Wo Intensivobstbau betrieben wird, kommt man um Pestizidanwendung wohl nicht herum. Das Bestreben in Mals und weiteren Gemeinden des Vinschgaues geht aber dahin, pestizidfreie Produkte produzieren und vermarkten zu können.
Ich selbst kenne den Geschmacksunterschied zwischen Äpfeln direkt vom Bauern (am besten natürlich von Streuobstwiesen) und solchen aus dem Handel.

Bild des Benutzers Peter Gasser
Peter Gasser 17.03.2019, 12:42

ja, den Unterschied kenne ich auch sehr gut: der hat aber nichts mit Pflanzenschutzmitteln zu tun.
Der Apfel direkt beim Bauern wird REIF gepflückt, und schmeckt daher gut.
Der Apfel, der in den Handel kommt, wird wie fast alles Obst (Bananen, auch Tomaten ...) meist noch unreif geerntet. Daher schmeckt er auch nicht so gut.
Wer den Obstbau auf den Stand der Streuobstwiesen zurückdrehen möchte, muss bereit sein, unsere ganze Welt in die Zeit der Großeltern zurückzuführen. Kein Bauer kann von einer Streuobstwiese leben. Kein Bauer kann mit der Wirtschaftsweise der Großeltern in unserer hochspezialisierten Welt bestehen. Wie dies auch kein Mediziner könnte, kein Sekretär, kein Journalist. Also verlangen Sie dies auch vom Bauern nicht. Und ein Argument, welches meistens untergeht: der Handel und der Konsument verlangen (leider) OPTISCH PERFEKTE Lebensmittel mit genau definierter Größe.

Bild des Benutzers Georg Lechner
Georg Lechner 18.03.2019, 09:03

Wer optisch perfektes Obst haben will, muss eben mit der Geschmacksbeeinträchtigung leben. Ich kaufe mir auch keine Orangen mehr, denn wegen der Spritzmittel bekomme ich beim Abschälen Juckreiz an den Fingern. Ich verlange es auch nicht von den Bauern, dass sie mit dem Pestizideinsatz aufhören sollten. Aber es sind Bauern, die in Mals und anderen Orten des Vinschgaus sich auf biologischen Landbau verlegt haben und durch den Pestizideinsatz des in höhere Lagen vordringenden Obstbaus in ihrer Existenz gefährdet sind, weil sie ihre Produkte nicht mehr als "bio" verkaufen können.
Wie Sie richtig sehen, sind die Bauern für ihr wirtschaftliches Überleben zu immer intensiveren Nutzungsformen (oder zum Ausweichen in Nischen) gezwungen. In einigen Sparten ist bereits erkennbar, dass damit Grenzen überschritten wurden und ein "weiter so" nicht mehr möglich ist. Wenn das Bodenleben durch intensive Düngung ziemlich kaputt ist, gehen die Erträge markant zurück (wie etwa beim Getreideanbau im amerikanischen Mittelwesten), Massentierhaltung (wie in Großbetrieben Norddeutschlands) lässt sich nur mit massivem Antibiotika-Einsatz bewältigen, der zunehmend zu Resistenzproblemen führt. Es gäbe zu dieser Thematik noch viel zu sagen (etwa über Profiteure und Netzwerke), würde aber hier zu weit führen.

Bild des Benutzers Herta Abram
Herta Abram 14.03.2019, 09:05

Auch ich schließe mich aus voller Überzeugung dem Dankschreiben von Monika Hauser an.
Es ist unsere/eine politische Verpflichtung, WEITERZUDENKEN und zu handeln.
Schließlich sind wir nicht nur regional/national, sondern letztlich mit der gesamten Menschheit verbunden.

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