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Franz Pattis
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Industriezone Brixen

Aus für den letzten Auwald?

Das letzte Auwaldstück des Eisacktals soll Industriegebäuden weichen. Dadurch werden zahlreiche Tiere und Pflanzen bedroht. Ein Protest von unten will die Rodung stoppen.
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Franz Pattis geht täglich im Auwald am Brixner Industriegebiet laufen. Er liebt diese grüne Oase, denn dort kommt er zu Ruhe. Autos sind keine zu hören, dafür so zahlreiche Vogelstimmen, dass man glaubt, sich in einem dichten Urwald mitten in der Stadt zu befinden. „So etwas habe ich noch nie gehört, es ist jedes Mal ein so schöner Moment,“ erzählt der Landesangestellte Pattis aus Brixen. Das Brixner Becken war einst bedeckt von Auwäldern, die im Laufe der Jahrhunderte aber zu Landwirtschaftsgebieten umgesiedelt wurden. Heute sind vom ursprünglichen Auwald nur mehr 3 Hektar übrig. 

Umso besorgter ist Franz Pattis deshalb, als er von den Plänen des Brixner Unternehmens Progress hört, den restlichen Auwald zu roden, um darauf Industriegebäude zu bauen. Kurzum beschließt er, die Initiative für ein Lebenswertes Brixen ins Leben zu rufen. „Der Auwald ist so wichtig. Als ich hörte, dass er abgewälzt werden soll, dachte ich, ich muss etwas tun,“ so Pattis. Am Waldrand sind nun seine Plakate aufgestellt mit der Aufschrift: „Stop Rodung Auwald“.

 

Der Auwald ist so wichtig. Als ich hörte, dass er abgewälzt werden soll, dachte ich, ich muss etwas tun

 

Dies ist nicht der erste Versuch, die Zerstörung des Auwaldes zu verhindern. Bereits 2018 wurden Pläne des Unternehmens Progress bekannt, für die Erweiterung seiner Gebäude, den Auwald zu zerkleinern. Im Juni letzten Jahres schrieb deshalb der Vorsitzende der Umweltgruppe Eisacktal Andreas Hilpold einen offenen Brief an den Brixner Gemeinderat. Darin hieß es unter anderem:

„Die kleinflächigen Auwaldreste sind kümmerliche Überbleibsel. Jegliche weitere Reduzierung dieser Flächen sollte im 21. Jahrhundert eigentlich Tabu sein.Wir schlagen vor, die Fläche als Biotop auszuweisen. Es zeigt sich leider immer wieder, dass nur durch Unterschutzstellungen einer Degradierung und Zerstörung wertvoller Flächen vorgebeugt werden kann.“

 

Hilpold, Andreas
Andreas Hilpold vom Institut für Alpine Umwelt der Eurac:  "Jegliche weitere Reduzierung des Auwaldes sollte im 21. Jahrhundert eigentlich Tabu sein"

 

Hilpold, der außerdem am Institut für Alpine Umwelt der EURAC forscht, erklärt in seinem Brief die Bedeutung dieses Waldgebietes, das einen Lebensraum für 64 Vogelarten darstellt. Mit dem Rückgang der Fläche seien zahlreiche Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht, darunter der Kleinspecht, der Grauspecht, die Nachtigall und der Wiedehopf. Hilpold erinnert außerdem die Bedeutung des Auwaldes zu Biotopvernetzungsmaßnahmen, die von der Europäischen Union vorgeschrieben sind. Zu diesem Zweck startete das Landesamt für Landschaftsökologie im Herbst 2015 ein Projekt mit Pflegemaßnahmen, um den Waldbestand in einen naturnahen Auwald umzubauen und die Lebensraumbedingungen der dort beheimateten Flora und Fauna zu verbessern. Ein weiteres Projekt „StadtLandFluss“ führte Renaturierungsmaßnahmen in dem Gebiet durch, um gegen den zu niedrigen Wasserspiegel des Eisacks vorzugehen. 

Es stellt sich die Frage, ob es in Zeiten des extremen Klimawandels überhaupt noch vertretbar ist, den letzten Auwald des Eisacktales zu roden?

Die Warnungen der Forscher zeigten damals keine große Wirkung, der Auwald wurde um einen halben Hektar verkleinert, und das Gelände von Progress ausgeweitet. Nun sollen auch die restlichen 3 Hektar Wald Bürogebäuden weichen. „Die Firma hat das Areal mittlerweile dem Institut Vinzentinum abgekauft und ist natürlich bestrebt, dieses auch baldigst für den Betrieb zu nutzen“, schreibt Pattis in einem Rundbrief an Südtiroler Medien, „Es stellt sich aber die Frage, ob es in Zeiten des extremen Klimawandels überhaupt noch vertretbar ist, den letzten Auwald des Eisacktales zu roden?

Die Genehmigung des Gemeinderates zur Verkleinerung des Auwaldes sei umso unverständlicher, bemängeln sowohl Hilpold als auch Pattis, wenn man bedenkt, dass die Stadt Brixen  2012 den Euregio Umweltpreis erhielt und zudem als Alpenstadt des Jahres 2018 gekührt wurde.  

Uns ist es wichtig, eine Kompensation für den Verlust zu schaffen. Daher erarbeiten wir Ausgleichsmaßnahmen, wie etwa die Ansiedlung neuer Feuchtgebiete

Der Bürgermeister von Brixen Peter Brunner ist jedoch der Meinung, die Gemeinde Brixen käme ihren Verpflichtungen für eine naturverträtliche Entwicklung nach, wie er im  Gespräch mit Salto betonte:  „Uns ist es wichtig, eine Kompensation für den Verlust zu schaffen, was nicht überall selbsverständnlich ist. Daher erarbeiten wir Ausgleichsmaßnahmen, wie etwa die Ansiedlung neuer Feuchtgebiete oder die Verdoppelung von Biotopen. Wir wollen einen konkreten Mehrwert für Flora und Fauna schaffen."  Auch dem Antragsteller sei ein Ausgleich wichtig gewesen. Zu diesem Zweck hätte es bereits mehrere Treffen mit den zuständigen Ämtern, dem Antragsteller und Vereinen gegeben, in denen 30-40 Maßnahmen definiert worden seien, konkretisiert der Bürgermeister. 

 

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Brixner Bürgermeister Peter Brunner: "Als Kompensation neue Baumarten ansiedeln“ 

 

„Diese betreffen sowohl das Biotop, als auch die bedrohten Vogelarten. Nun sind wir dabei, diese Vorschläge auszuarbeiten, und warten dafür auf die Vorschläge des Antragstellers", so Brunner. Bis dahin könne der Gemeinderat den Antrag nicht weiter bearbeiten. Zur Genehmigung vom Vorjahr, den Auwald um ein halbes Hektar zu verkleinern, hat Brunner eine ähnliche Erklärung: „Es gab damals auch ein Treffen zwischen den zuständigen Ämtern und Vereinen. Es wurde damals ein Kompromiss gefunden, und als Kompensation neue Baumarten angesiedelt.“ 

Es bleibt nun abzuwarten, wie der Antrag vom Gemeinderat und auch der Landesregierung weiter bearbeitet wird und welche Ausgleichsmaßnahmen folgen. Die Forderung der Initiative für ein lebenswertes Brixen ist jedenfalls klar: Dem Antrag auf Umwidmung dieses sehr wertvollen Auwaldes in Gewerbegebiet auf keinen Fall zuzustimmen und stattdessen, wie von den Forschern der Umweltgruppe vorgeschlagen, das Waldstück als Biotop ausweisen, um es zu schützen. Pattis' Aufruf richtet sich aber nicht nur an den Gemeinderat und die Medien, sondern besonders auch an Umweltvereine, denen er zu wenig Engagement vorwirft: „Meine Plakate allein reichen nicht. Und das ärgert mich, wenn man der Zerstörung etwas so Schützenswertes einfach zuschaut.“ Es wird sich zeigen, ob sich demnächst mehr Plakate an den Auwaldrand von Brixen reihen werden.

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